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1891
Rr. 123
Zweites Blatt
Meßmer Anzeiger
Kenerat-MnMer
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Dir deutsche Ausstellung in London.
ii.
(Nachdruck verboten.)
Die letzten Tage vor der Eröffnung waren für Alle, die mit dem Unternehmen etwas zn thun hatten, eine Zeit der ununterbrochenen Arbeit, denn noch gar Vieles blieb zu thun übrig. Ueberall ertönten Hammerschläge und das Summen vieler Stimmen. Trotzdem zeigte sich schon, welche Fülle von Jndustriegegenständen und Kunstschätzen das Vaterland zu uns geschickt hat, und wie der italienische Handelsminister nach Schluß der italienischeu Ausstellung in London offieiell erklärte, daß dieselbe für Italien von wesentlichem Nutzen gewesen sei, so dürste auch für Deutschlands Kunst, Industrie und Handel das Unternehmen ein segensreiches sein.
Ich beabsichtige, in späteren Berichten auf die vorzüglichsten Ausstellungsgegenstände näher einzugehen- für heute will ich nur anführen, daß Schiffbau, musikalische Instrumente, Porzellan und Glas, Gold- und Silberwaaren, wiffenschaft- liche und chirurgische Instrumente, Wollen- und Leinenwaaren, Parfümerien und Möbel wohl vertreten sind. Die Krone von Allem jedoch ist die Kunstgallerie, welche Werke von mehr als 700 der hervorragendsten deutschen Künstler enthält und welche die größte derartige Sammlung deutscher Kunst ist, die je außerhalb des Vaterlandes zusammen zu sehen ge-
des 1. Großh. Hessischen Jnfanterie-(Leibgarde-)Regiments Nr. 115, beide auf besondere Erlaubniß unseres Kaisers in voller Uniform. Herr Whitley, der Direetor des Unternehmens, schilderte in kurzer, gediegener Rede die Geschichte des Unternehmens von der ersten Idee bis zur Durchführung und betonte besonders, daß es von Anfang an sein und des Ausschuffes Streben gewesen ist, die Ausstellung so weit als möglich zu einer vollständigen Repräsentation deutscher Industrie, Kunst und Wissenschaft zu machen.
Mit Enthusiasmus stimmte die Versammlung ein, als
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die Musikchöre die Wacht am Rhein anstimmten, und die Hochs unserer Landsleute, vermischt mit den Hurrahö der Engländer, wollten kein Ende nehmen. Gar Mancher der Singenden dachte dabei wohl an vergangene, weniger friedliche Zeiten.
Fürst Blücher ersuchte in englischer Sprache in wenigen Worten den Lordmayor, die Ausstellung für eröffnet zu erklären, was dieser in längerer Rede in wirklich schöner Weise that. Besonders hob er darin die stete internationale Freundschaft zwischen den beiden Nationen hervor und sprach die.Hoffnung aus, daß dieses Unternehmen ein neues Band der Brüderlichkeit werden möge.
Die Nationalhymne, deren Melodie ja auch die der Engländer ist, sodaß man dadurch zwei Fliegen mit einem Schlage traf, endete die Eröffnungsfeier. Die deutsche Ausstellung in London ist eröffnet, hoffen wir, daß sie in der ihr gegönnten kurzen Lebenszeit zu einem fruchttragenden Baume heranwachsen möge.
Bald genug war die Halle verhältnißmäßig verlassen, aber trotz des rauhen Boreas herrschte in allen Theilen des großen Platzes ein reges Leben. Man vergaß London dabei und dünkte sich drüben in der Heimath. Ueberall begegnete man Freunden und Bekannten, die man vielleicht lange nicht gesehen hatte, denn in dem großen Babel begegnet man sich nicht so oft, und daß das edle Bayrische Naß dabei in enger Nachfrage war, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung.
Die in meinem ersten Berichte erwähnten täglichen Vorstellungen in der großen Arena sind, was Gruppirung und historische Treue der Costüme anbetrifft, etwas in England noch nie Gesehenes; daß am ersten Abend nicht Alles glatt abging, ist natürlich, denn es bedarf immer einiger Zeit, ehe eine so große Anzahl von Menschen und Pferden in die gehörige Ordnung kommen. Diese Vorstellungen bestehen aus vier ©eenen, deren erste deutsches Leben im 8. Jahrhundert in den Zeiten Karls des Großen darstellt. Ein Lager der alten Teutonen, deren Priester soeben ein Mädchen ihren Göttern zum Opfer bringen wollen, Bonisaeius erscheint, entreißt dem Priester das Messer und soll dafür selbst getödtet werden, während Karl der Große ihm zu Hülse kommt und ihn befreit. Zerstörung der Götzenbilder und Annahme des Christenthums.
Die zweite Seene ist ein Turnier im 14. Jahrhundert, während der Negierungszeit Ludwig des Bayern. Die Rüstungen von Rittern, Roß und Reisigen sind treu historisch und die ganze Vorstellung ist voller Leben.
Die dritte Scene repräsentirt die Schlacht bei Lützen und den Tod Gustav Adolphs im dreißigjährigen Kriege. Wallenstein und Gustav Adolph werden beide vorgeführt.
Die Schlußscene stellt den Empfang des Prinzen von Wales durch unfern Kaiser vor wenigen Jahren in Berlin dar. Vorbeimarsch sämmtlicher Mitwirkenden in den Uniformen aller Truppengattungen des deutschen Reiches.
Was aber, müssen wir fragen, ist das Urtheil der Engländer über das ganze Unternehmen? Es ist noch viel zu früh, uns darüber ein Bild zu machen, wohl aber wiffen wir heute schon, was die englische Presse darüber denkt, und diese ist, wie bekannt, in England von ungeheurem Einfluß. So viel mir bekannt, und ich habe Gelegenheit genommen, eine große Anzahl der englischen Tagesblätter und Sonntagszeitungen zu lesen, sind sie alle des Lobes voll. Times und Telegraph verhalten sich abwartend, aber nicht absprechend, die Daily News, die im Jahre 1870 unser bester Freund war, sich aber bald darauf etwas gedreht hatte, ist voller Anerkennung, Standard ebenso und selbst der Globe, der sich nie durch große Deutschenliebe ausgezeichnet hat, erklärt unsere Ausstellung als unbedingt die beste und großartigste der ganzen Serie. Das Sonntagsblatt „the Sunday Times“ ruft den Wollen- und Leinen-Fabrikanten des englischen Nordens zu: „Ihr von Dorkshire und besonders du, Bradford, hütet eure Lorbeeren, die euch von Elberfeld, Chemnitz, Apolda und Schlesien entrissen werden dürften." Der Newyork Herald versucht witzig zu sein und obgleich er sich durchaus nicht absprechend verhält, sagt er am Schluß: „Das Beste aber von Allem bleibt doch das Bayrische Bier."
Rudolph Schück.
vermischtes.
* Köln, 26. Mai. Ueber ein Braud Unglück, dem ein junges Leben zum Opfer fiel, berichtet die „Köln. Volksz." : „Heute Vormittag begab sich eine in der Ludwigstraße in Deutz wohnende Frau nach dem Markte, während ihre beiden Kinder im Alter von zehn und fünf Jahren zu Hause allein blieben. Der zehnjährige Knabe kam nun plötzlich auf den unglücklichen Einfall, Petroleum ins Feuer zu gießen. Sofort loderten natürlich die Flammen hoch auf, den.Knaben furchtbar im Gesicht und an den Händen verbrennend. Der Junge hatte noch die Geistesgegenwart, ins Bett zu springen und sich zuzudecken. Leider gelang es ihm nicht, die Flammen zu ersticken, das Bett fing vielmehr ebenfalls Feuer. Aus das furchtbare Geschrei der Kinder waren sofort Hausbewohner und Nachbarn herbeigeeilr, deren vereinten Kräften es schließlich gelang, daS Feuer zu löschen. Man fand den zehnjährigen Knaben unter einem Haufen brennender von der Wand gefallener Kleider als Leiche vor. Das kleinere Kind hat nur ganz leicht Verletzungen erlitten."
* Trier, 27. Mai. Der älteste Priester Deutschlands, Herr Domenicus Klein, Pfarrer in Dieblich a. d. Mosel, feierte das eiserne Priesterjubiläum. Am 26. Mai 1821 wurde der damals 25jährige Geistliche zum Priester geweiht und 70 Jahre hindurch hat er in ungebrochener Kraft seines schweren Amtes gewaltet. Herr Klein ist am 15. Augnst 1796 geboren, zählt also heute nahezu 95 Jahre. Er ist noch so rüstig, daß er gestern das Hochamt celebriren konnnte. Seine Psarrkinder ehrten ihn durch einen Fackelzug, die Priester der Diöcese durch Ueberreichung einer Geldsumme für einen religiösen Zweck.
* Metz, 27. Mai. Der Deserteur U e b i n g, der Mörder des Oberstlieutenants Prager, weilt der „Str. P." zufolge noch im Gesängniß zu Luxemburg. Zu seiner Ausnahme ist im hiesigen Militärgesängniß eine besondere Zelle mit den für solchen Fall angezeigten Sicherheits» und Vorsichtseinrichtungen hergestellt worden.
* Auch ein weltstädtisches Bild. Bei der städtischen Schuldeputation in Berlin waren tausende von Gesuchen eingegangen, in welchen die Eltern um die frühere Entlassung ihrer Kinder aus der Schulpflicht baten. Im Monat Mai werden diese Gesuche erledigt, weil Schüler und Schülerinnen, welche bis zum 30. April das 13. Lebensjahr erreicht, überhaupt nur in Frage kommen dürfen. Ebenso müssen sie am genannten Termin die erste Klasse entweder erreicht oder doch wenigstens die Reife für dieselbe haben. In diesem Monat nun mußten, wie eine Correspondenz berichtet, nicht weniger als 1900 Gesuche um frühere Befreiung vom Schulunterricht bewilligt werden, weil nach den angestellten Recherchen die öconomische Lage der Eltern eine so bedrängte war, daß in der That nicht gewartet werden konnte, bis das Kind das für die Entlassung gesetzmäßige 14. Lebensjahrerreicht, sondern daß es zeitiger in das praetische Leben einzutreten genöthigt ist, um durch sein Mitverdienen das Elend zu Hause zu mildern. Ja, dieses Elend erwies sich bei 50 Familien als so groß, daß die Kinder schon mit 12 Jahren (!) vom Schulzwange sreigesprochen wurden. — Ein Berichterstatter erzählt folgenden Vorfall, der sich kürzlich in einer Berliner Gemeindeschule ereignete. Während der Unterrichtsstunde war ein 8jähriger Knabe so fest ein- gefchlafen, daß der Lehrer ihn energisch emporrütteln mußte. Ausgeschreckt bat der Kleine, ihn nicht zu bestrasen, er könne nicht dafür- um 12 Uhr Abends käme er erst zu Bett und um 1/a5 Uhr müßte er schon wieder ausstehen. Die Aussagen des Kindes erwiesen sich als richtig. Bis Mitternacht mußte es auf den Straßen Streichhölzer seit halten, und vor 5 Uhr Morgens schon wieder bei einem Bäckermeister zum Austragen der Frühstücksbeutel antreten, deren es 150 zu besorgen hatte.
* Eine Million verloren. Ein großer Spielverlust, welchen der Sohn eines rheinischen, sehr reichen Großindustriellen in der Pfingstwoche in Berlin erlitten haben soll, wird dort, wie der Confectionär zu melden weiß, viel besprochen. Der angebliche Verlust wird auf mehr als eine Million Mark beziffert, den zwei vielgenannte Cavaliere gewonnen haben sollen. Die Angelegenheit ist so geordnet worden, daß die betreffende Summe in einem bestimmten Zeitraum von einigen Monaten gezahlt werden muß.
* In Paris erdolchte sich die 16jährige Kausmannstochter Mathilde Aubert, weil die Näherin eine Balltoilette so verspätet brachte, daß es Mathilden nicht mehr möglich war, den so heiß ersehnten ersten Ball zu besuchen.
*Wie Herrn Müller die Enten zum Schuß kamen. Herr Müller war mit großen Hoffnungen zur Entenjagd gegangen, aber heute hatte der Teufel seinSpiel. So sicher
Engländer sein wird, ist die reichhaltige Ausstellung in der Schiffbau-Industrie, in welcher der Vulkan in Stettin, der Norddeutsche Lloyd und die Hamburg-Amerikanische Dampfschifffahrtsgesellschaft partieipiren.
Die englischen Zeitungen machen bereits auf zwei Ab- theilungen besonders aufmerksam, die, wie sie sagen, ein genaues Studium der Fachleute finden sollten. Die eine umfaßt Möbel aller Art, das Werk von etwa 50 der hervorragendsten Fabrikanten von Berlin, die andere Arbeiten in Schmiedeeisen von Magdeburg, ein Gegenstand, der um so interessanter ist, als er, in England seit den letzten hundert Jahren gänzlich vernachlässigt, eben jetzt wieder mehr und mehr in den Vordergrund tritt. Erst vor wenigen Monaten enthielt ein englisches technisches Blatt die dringende Aufforderung, diese scheinbar verlorene Kunst wieder aufzunehmen und nannte die Namen zweier Londoner Ladeninhaber, welche bereits ihre Aushängeschilder in Schmiedeeisen nach alter Weise, rechtwinklig von den Mauern des Hauses, aufgehangen haben. Ich möchte beinahe behaupten, daß beide deutsches Werk sind- jedenfalls aber ist die Magdeburger Ausstellung eine durchaus zeitgemäße.
Dem Urtheile fast aller englischen Zeitungen gemäß dürste das schleswig-holsteinische Bauernhaus in den Gärten für den Engländer von höchstem Interesse sein, da sie, ob mit Recht oder Unrecht, annehmen, daß gerade aus diesen Gegenden ihre sächsischen Vorelten herübergekommen sind. Es stellt ein Haus auö dem siebzehnten Jahrhundert dar, die ganze Außenseite ist mit Holzschnitzereien bedeckt. Im Innern ist ein wahrer Schatz von Kisten, Schränken, Tischen, Stühlen usw., alle kunstvoll geschnitzt und ebenfalls im Ge- schmacke des 17. Jahrhunderts, und Alles, Haus wie dessen Inhalt, ist das Werk schleswig-holsteinischer Arbeiter. Leider ist es noch nicht ganz vollendet. Während der Dauer der Ausstellung wird es von Holzschnitzern, die darin ihre Kunst betreiben, bewohnt werden, während nach Schluß derselben die'Haushaltungsgegenstände in den Besitz des ethnologischen Museums in Berlin übergehen.
Doch nun einige Worte über die Eröffnung der Aufstellung.
Der Morgen des 9. Mai ließ uns auf einen schönen klaren Tag hoffen, aber leider wehte ein bitterer Nordostwind, der den Aufenthalt im Freien ziemlich unangenehm wachte. Obgleich sich jedoch der Himmel drohend umwölkte, blieben glücklicherweise die himmlischen Schleusen geschlossen und wir wurden vor Regen bewahrt. Obgleich für die Engländer bestimmt, war der Eröffnungstag ein wahres deutsche^ 9intioncil' fest, und von den etwas über 5000 Personen zählenden Besuchern waren gewiß zwei Drittel Deutsche.
Um 3 Uhr Nachmittag verkündeten Trompetenfanfaren außerhalb der Halle die Ankunft des Lordmayors von London und seines Gefolges, empfangen von einer großen Anzahl englischer Edelleute und hervorragender Männer, worunter sich auch der Marquis os Lorne, der Schwiegersohn der Königin, befand. Bei ihrem Erscheinen aus der erhöhten 'Tribüne ertönte in echt künstlerischer Weise aus 250 wohl- qeschultcn Kehlen (die vereinigten Mitglieder der deutschen .Gesangvereine Londons) der herrliche Chor aus dem Tannhäuser, begleitet von den Musikeorps des 2. Bayrischen und
Sonntag den 31. Mai ------- —


