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1891

Samstag den 31. Januar

Nr. 26

Der G4etze»er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Msntagi.

Die Gießener pe*in<*ir6t(<t Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beitzrlegt.

WeßmerAnMger

Keneral-Wnzeiger.

Vierteljähriger ABonnrmctttspttUi 2 Mark 20 Pjg. mit Bringcrlohn.

Durch die Psst bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Lxpedtnsr und Druckerei:

KchntNrateM.H.

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Amts- und Anzeigeblatt für der, Ürci» Gießen

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I OratiÄeikage: Gießener AamiNenÄLtter.

|elgenden Tag erscheinenden Nunlmer bx» vorm. 10 Uhr. _______Z__________. -muiniiii _________________

rlnrtlichev Ttzerl.

Bekanntmachung.

Der Großh. Regierungsrath Jost wird aus geäußerten Wunsch

Sam-tag den 7. Februar Z.8SL, Nach«. 2Vr Utit, in dem Socal des Wirths K- Weil III. von Lang-Vöud und Freitag den 18. Febr. 1891, Rachm. 2V2 Uhr, iw dem Local des Wirths Kliebe zu Londorf einen Vortrag über das Invalidität-- und Alter-- ver-cherung-gefetz halten.

Die Mitglieder des landwirthschastlichen Local-Vereins und alle Bewohner der genannten Orte, welche sich für den Vortrag interessiren, werden hierdurch zu diesen Versammlungen freundlichst eingeladen.

Gießen, den 29. Januar 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge betreffend.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaftslehrer Leit Higer zu Alsfeld Sonntag den 8. März l. I., Nachmittags 2Vr Uhr, in Watzenborn in dem Locale des Wirths Faber einen Vortrag über die Gründung von Vorschuß- und Greditvereinen und über Viehzucht halten wird.

Gießen, am 27. Januar 1891.

Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins. Jost, Regierui'gsrath.

Deutfches Reich.

Berlin, 27. Januar. Aus der vom Kaiserlichen Stati­stischen Amt herausgegebenen Zusammenstellung über den Waarenverkehr des deutschen Zollamts mit dem Auslande in den Jahren 1880 bis 1889 erkennt man die Bedeutung, welche die österreichisch-ungarische Getreide- Einsuhr nach Deutschland hat. Im Durchschnitt der genannten zehn Jahre wurden jährlich 117 Millionen Kilogr. Weizen iw Werthe von 20,3 Millionen, 29,9 Millionen Kg. Roggen im Werthe von 4,2 Millionen und 221,6 Millionen Kg. Gerste im Werthe von 31,5 Millionen Mark aus Oester­reich-Ungarn nach Deutschland eingeführt.

Berlin, 29. Januar. DerReichs-Anzeiger" veröffent­licht an der Spitze des amtlichen Theils den Dank Seiner Majestät des Kaisers:

Auch zu Meinem diesjährigen Geburtstage, den Ich Dank Gottes gnädiger Fügung mit besonderer Freude über das Mir zu Theil gewordene Familienglück verleben konnte, sind Mir telegraphische und schriftliche Glückwünsche von Nah und Fern in reicher Anzahl zugegangen. Aufrichtig beglückt durch diese Beweise liebevoller Theilnahme, fühle Ich Mich Allen, welche in dieser Weise zur Erhöhung Meiner Festes­freude beigetragen haben, zu innigem Danke verpflichtet. Bei der Unmöglichkeit, Meinen Dank den freundlichen Spendern im Einzelnen auszudrücken, veranlasse Ich Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntniß zu bringen.

Berlin, den 28. Januar 1891.

Wilhelm I. R.

An den Reichskanzler.

Ausland.

Wien, 27. Januar. Zur Erlernung der deutschen Sprache sind mehrere f r a u z ö s i s ch e O s f i z i e r e nach Oester­reich entsendet worden,- dieselben halten sich, selbstverständlich in Civil, durch sechs Monate in Salzburg und in Graz auf, um in unmittelbarem Verkehr mit der Bevölkerung ihre deut­schen Sprachkenntnisse zu vervollständigen. Die betreffenden Offiziere sind als Lehrer der deutschen Sprache für die fran­zösischen Mrlitärbildungsanstalten ausersehen.

54. Plenarsitzung. Donnerstag, 29. Zannar 1891, 1 Uhr.

Die zweite Etatsberathung wird bet dem Etat der Postverwaltung fortgesetzt.

Münch (dfr.): Der Ton, den der Staatssecretär Stephan an­schlage, sei ein Nachklang aus Bismarcktscher Zeit. Er wolle wohl sein Amtsseffelchen, das wacklig sei, durch Angriffe auf die Frei­sinnigen befestigen. Er hoffe jedoch, daß der Staatssecretär berechtigte Wünsche deshalb nicht ablehnen werde, weil sie von Freisinnigen stammten. Er bitte im Interesse des Buchhandels Nachnahme bei Kreuzbandsendungen zu gestatten. Wenn Stephan von Wohlthaten spreche, so verkenne er seine Stellung. Die Steuerzahler dürften für ihr gutes Geld die Ausführung ihrer Wünsche verlangen als ihr Recht. Die Schnelligkeit und Sicherheit der Briefbestellung lasse gegen früher zu wünschen übrig.

Director im Reichspostamt Fischer: Die Nachnahmen bei Kreuzbandsendungen hätten so viele Uebelstände gezeitigt, daß man sie aufheben mußte. Zudem seien ja die Nachnahmegebühren herab­gesetzt. Die Pofthülfsstellen sind ein so großer Fortschritt, daß man über gewisse Nachthetle hinwegsehen müßte.

Behr (freicons.) wünscht die Herabsetzung des Telegramm- Botmlohne« auf dem Lande.

Staatssecretär Dr. v. Stephan meint, eine Herabsetzun­würde vielleicht bald erfolgen. Die Beseitigung der Botenlöhne häuge von einer durchgreifenden Vermehrung der Telegraphm- Agenturen ab. .

Hartmann (cons.) vertheidigt die Tonart deS Staatssecretär» und preist besten Verdienste.

Vollrath (dfr.) verbittet sich die Rathschläge, die Herr Stephan der Preste ertheilen zu müffen glaube. Als Zeitungsfachmann protesttre er dagegen, daß Laten über das Zeitungswesen urthetlte». Die Petition auf Herabsetzung der Zeitungstelegramme gehe nicht von den freisinnigen Zeitungen aus, wie Stephan behaupte. Wenn Stephan über unnütze Depeschen witzele, so möge er zuerst an daS Wolff'sche Bureau denken, das an Bismarck- und Hofdepeschen zu viel thue. Da viele Leute zweifelten, ob ein Vertrag mit dem Wolff'schen Bureau existtre, so möge man diesen Vertrag dem Reichs­tage vorlegen.

Richter (fretf.) weist den Vergleich zwischen dem Stempel- Erlaß und der Zeitungs-Petition, den der Staatssecretär gestern gemacht habe, zurück. Wenn er Privilegien bekämpfe, solle er gegen das Bureau Wolff vorgehen. Wolff nütze dieses Privilegium zu Gunsten der Börse aus, mache jede Concurrem unmöglich und fordere daher exorbitante Preise. Es fei sehr bedenklich, daß der Letter de» Wolff'schen Bureaus zugleich von der Regierung und der Börse abhänge. Wolff könne also die Depeschen tendenziös färben und den Börsenleuten die Speculationen erleichtern, zumal wenn diesen die Depeschen früher zugingen, als dm Zeitungm. Unter EaprivtS Amtsführung habe man fchon manchen Unfug eingeschränkt. In­teressant sei, daß das Wolff'sche Bureau fleißig die Nachricht ver­breite, wenn Staatssecretär Stephan einen Auerhahn geschossen hätte. Er beantrage, dm Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage bat Vertrag vorzulegen, wodurch dem Wolff'schen Bureau ein Vorzu­eingeräumt wird.

Staatssecretär Dr. d. Stephan: Die Wolff'sche Angelegenheit gehöre nicht hierhin. Abg. Richter möge sie beim Etat des Reichs- kanzleramts oder des Auswärtigen Amtes Vorbringen. Die Börsen- telegramme hätten keinen Vorzug.

Hammacher (nallj erklärt es für zulässig, die Sache des Wolff'schen Bureaus zur Sprache zu bringen, die Reichstagsabgeord- netm hätten die Pflicht, beim Etat die allgemein interessirendm Fragen zu berühren. Er würde es aufs Tiefste beklagen, wenn thal­sächlich ein Vertrag existtrte, der dem Wolff'schen Bureau einen Vorzug etnräume. Er stimme für dm Antrag Richter. Hierauf vertheidigt er nach einer Lobrede auf Stephan die Beschlüsse der Budgetcommtsfion gegen die Herabsetzung der Telegramm- und Fern­sprechgebühren.

Singer kommt auf die gestrige Beschwerde zurück, daß die Postverwaliung sich viele Arbeiter durch Ernmnung zu Beamten dar Jnoaliditäts- und Altersversicherung entzogen habe.

Dtrector Fischer erklärt, daß die Postbeamten durch die Post­sparkassen höhere Renten beziehen.

Zimmermann (Antisemit) freut sich, daß er Richter, der die Börse bekämpfe, zustimmen könne. Desten Antrag befürworte er. Die Postbeamten sollten in Gehaltsbeztehuna mit den Eisenbahn­beamten gleichgestellt werdm. Die Post sollte am Sonntag Nach­mittag geschlossen werden.

Funk (dfr.) tritt nochmals für die Ermäßigung der Fernsprech­gebühren und Wegfall der Garantiesumme ein.

Heine (Soc.): Die Provision, die die Post von den Zeitungen nehme, fei zu hoch.

FerrilleLon.

Vater Alexei, der Pope.

Eine russische Geschichte von Friedrich Meister.

(4. Fortsetzung.)

III.

Der Gang der russischen Justiz ist ein schneller, was sonst auch noch gegen dieselbe eingewendet werden mag. Acht Tage nach der Ermordung des jungen Deutschen stand Vater Alexei bereits vor dem Gerichtshöfe zu Kiew. Der kaiser­liche Staatsanwalt Sergius Kubensky hatte die Anklage wegen Mordes gegen ihn erhoben.

Der Gerichtshof unter dem Vorsitze des Präsidenten Alexis Napratschin war versammelt. Der Staatsanwalt er­hob sich und begehrte die Vorführung des Angeklagten, Alexei Alexandrowitsch, und gleich darauf erschien derselbe vor den drei Richtern, angethan mit seinem Priestergewand und ge­leitet von zwei Polizisten. Er verneigte sich vor den Richtern und vor dem Staatsanwalt und stand dann in demüthiger Erwartung. Die Woche im Gefängniß hatte ihn fast gebrochen.

Der Vorsitzende beugte sich nach der Anklagebank herüber.

Du bist des Mordes, begangen an August Hermann, angeklagt," sagte derselbe mit unangenehm schnarrender Stimme, den Gefangenen mit den Augen durchbohrend,was hast Du dagegen einznwenden?"

Der Priester fuhr sich mit der Hand über daS Gesicht und blickte dann aus, ein mattes Lächeln auf den bleichen Zügen.

Ich bin unschuldig, Väterchen," sagte er.

Der Richter lehnte sich in seinen Sessel zurück und nickte Äem Staatsanwalt zu, der in kurzen Worten darlegte, weffen -er den Angeklagten zu übersühren gedachte, und sodann den «rsten Theil der Acten vorlas. Als er damit zu Ende war,

fragte der Richter den Angeklagten noch einmal, was er daraus zu erwidern habe.

Ich habe mit August Hermann keinen Streit gehabt," sagte Vater Alexei.Im Uebrigen hat Marsa recht aus­gesagt."

Der Richter lächelte und nickte und der Staatsanwalt verlas nunmehr die Aussage des Polizisten Sarakoff, der die Fährte im Schnee mit den Pelzstieseln des Priesters ver­glichen hatte. Letzterer gab zu, daß die Spuren von ihm herrührten; als aber Sarakoffs weitere Aussagen folgten, wonach derselbe das Haus des Priesters und sodann die Kirche durchsucht und der hinter dem Altar einen sechsläufigen Revolver gefunden hatte, der sich als geladen erwies, bis aus eine Kammer, welche abgeschossen war, da begann der arme Priester zu zittern und er mußte sich an dem Gitter des Anklagestuhls sesthalten, um nicht umzusinken.

Wieder richtete der Präsident die bereits erwähnte Frage an ihn.

Ich ich weiß nichts davon," stammelte Vater Alexei.Ich habe die Pistole nicht dorthin gelegt." Und dabei schüttelte er wieder und wieder den Kopf mit den wirren grauen Locken und dem zottigen Bart.

Der Staatsanwalt setzte sich nieder.

Vater Alexei Alexandrowitsch," begann der jüngste der drei Richter,Du hast zugegeben, daß Marsa Michailowna richtig ausgesagt bat; nur bestritten hast Du, daß Du Dich mit August Hermann gerauft hast. Du befandest Dich doch aber im Handgemenge mit ihm, ists nicht so."

Ja," antwortete der Pope.

Und doch behauptest Du, daß Ihr keinen Streit mit­einander gehabt?"

Vater Alexei schüttelte den Kopf. Er fürchtete sich, aus diese Frage einzugehen, um nicht etwas verlauten zu lasten, was daS Beichtgeheimniß verletzen könnte, welches er dem Iwan Iwanowitsch schuldig war. Er traute, seiner Zunge nicht und darum schwieg er gänzlich. Der Richter zog

unter den Acten einen Revolver hervor und hielt ihm den­selben entgegen.

Weißt Du, wessen Pistol dies ist?" fragte er, den Priester forschend anblickend.

Es sieht aus wie das sechsläufige Pistol, welches August Hermann mir geschenkt hatte."

Deine Haushälterin, Anfiffa Demitriewna, hat aus­gesagt, daß sie Dich in der Kirche vor de« Altar knieend gefunden; als sie Dich anredete, seiest Du aufgesprungen und habest gerufen:Ich weiß gar nichts davon! Nicht ein Wort kommt über meine Lippen!" Was sollte daS be­deuten, warum riefest Du solche Worte?"

Der Priester erbleichte noch mehr. Er faltete die Hände in stummem Gebet. Dann erhob er den Kopf und schaute dem Richter fest in die Augen.

Das darf und will ich nicht sagen," antwortete er.

Was? Du verweigerst uns die Antwort?" fragte der Präsident.

Vater Alexei nickte.

Die drei Richter starrten verwundert auf ihn nieder.

Zum dritten- und letztenmale frage ich Dich, Alexei Alexandrowitsch, willst Du gestehen, was diese Deine Worte bedeuten sollten?"

Der Priester lehnte^ sich schwer auf die Barriere des Anklagestuhls.

Ich habe nichts zu gestehen und ich darf nichts sageu," antwortete er langsam und mit dumpfer, klangloser Stimme. Der Schein ist gegen mich, aber ich habe meinen Freund August Hermann nicht umgebracht; ich beklage seinen Tod tief, aber ich bin unschuldig an seinem Blute."

Er schwieg und senkte den Kopf.

(Fortsetzung folgt.)