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Nr. 174
Donnerstag den 30. Juli
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1891
Der
Kietze»er Axzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei RoutagS.
Die Gießener Wsmitieuvkälier »erben bem Anzeiger söcheMlich breimal beigelegt.
KießenerAn,zeiger
Keneral-MnMer.
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M»"»"' r°° erfdjeinenben Nummer bi* Sovm. 10 Uhr. ^01^111^01011«. Anzeigen für ben „Siebener Anzeiger- entgegn
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Bekanntmachung,
die Heegzeit des Dachses betreffend.
Nachdem begründete Klagen über den durch den Dachs verursachten Schaden bei uns vorgebracht worden sind, heben wir die Heegzeit dieses Wildes für die Monate August und September d. I. für die zum Bezirk des Großh. Forstamts Nidda gehörigen Gemarkungen unseres Kreises hierdurch auf.
Gießen, den 28. Juli 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Gießen, 27. Juli 1891.
Betr.: Das Arbeiterschutzgesetz für das Deutsche Reich, vom 1. Juni 1891.
Das Großherzogliche Kreisamt Gieße«
an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreise-.
Im Verlage der C. H. B e ck'schen Verlagsbuchhandlung in München ist neu erschienen: Das Arbeiterschutzgesetz für das Deutsche Reich, vom 1. Juni 1891, Textausgabe mit Einleitung, Erläuterungen und Register von Regierungsrath Dr. Zeller. Preis 1 20 H.
Wir machen Sie auf das Erscheinen dieses, bei dem- nächstiger Ausführung des genannten Gesetzes zweckdienlichen Buches aufmerksam und sind Bestellungen an Kreisamts- gehülfen Hach zu richten.
I. V.: Jost.
lieber Abhilfsmaßregeln gegenüber den häufigen Eisenbahnunfällen.
Fast keine Woche vergeht, in welcher nicht die Schreckens- Lunde von einem neuen furchtbaren Eisenbahnunglücke die Runde durch die Zeitungen macht,- auf die Katastrophe von Mönchstein und den Unfall bei Eggolsheim ist nun ein neues entsetzliches Unglück bei Saint-Mande auf der Linie Paris- Nantes erfolgt, bei welchem über 50 Personen sofort aus schreckliche Art umgekommen und über hundert mehr oder weniger gräßlich verstümmelt und verwundet worden sind. Bei Mönchstein war es eine schlechte Brücke, bei Eggolsheim schlechter Zustand des Geleises und mangelnde Vorsicht und Lei Saint-Mande gar das Jneinanderfahren zweier Eisenbahn- 3Üge, welche die gräßlichen Katastrophen herbeiführten. Nun, man suche die Ursachen solcher häufigen Unglückssälle nicht in kleinen Fehlern und Unvorsichtigkeiten, man mache auch nicht den Versuch, sich mit dem Hinweise aus den gewaltigen Verkehr auf den Eisenbahnen die Hände in Unschuld zu waschen, sondern man forsche endlich einmal gründlich nach, worin die wahren Ursachen bei den sich häufenden Eisenbahnunfällen bestehen. Die ganze Angelegenheit ist doch von höchster öffentlicher und internationaler Bedeutung, denn jeder Personen- und Schnellzug birgt Hunderte von theueren Menschenleben und auf jeder Eisenbahn der Culturstaaten fahren nicht nur Einheimische, sondern Angehörige saft aller Nationen. Auch wenn man gerade nicht zu den ängstlichen Gemüthern gehört, so muß man gegenüber der Häufigkeit der Eisenbahnunfälle, von denen kleinere saft jeden Tag passiren, doch nur mit größtem Unbehagen jetzt eine größere Eisenbahnreise antreten. Was liegt aber in einer Bedrohung von Leben und Gesundheit auf Eisenbahnfahrten nicht für eine ungeheuerliche öffentliche Calamität? Die Todesarten bei Eisenbahnunfällen, Zerquetschungen, Verbrennungen, Verbrühungen, Erstickungen, ferner die Verstümmelungen bei solchen Katastrophen spotten jeder Beschreibung, und das öffentliche Interesse wie auch die öffentliche Moral erheischen dringend, daß man nach den Hauptursachen der Eisenbahnunfälle forsche und dieselben beseitige. Die Fehler suchen wir nicht bei den unteren Beamten und da und dort auftretenden Gebrechen und Uebelständen der Schienenwege und Eisenbahnwagen, sondern wir suchen die Fehler in der Organisation und Verwaltung vieler Eisenbahnen selbst. Wenn zum Beispiel untere Eisenbahnbeamte, denen oft ein ganz beispiellos verantwortlicher Dienst obliegt, sehr niedrig besoldet werden und dabei schließlich auch noch zu wenig dienstfreie Tage resp. Stunden zu ihrer Erholung haben, so braucht man sich gar nicht zu wundern, wenn solche Beamte in ihrer Leistungsfähigkeit erschlaffen. Ist es doch auch hinlänglich bekannt, wie der Eisenbahndienst die Nerven, die Ohren, die Augen angreift, so daß man sagen möchte, daß gewisse Beamte des äußeren Eisenbahndienstes, zumal die Locomotivsührer, die Zugführer und Schaffner, sowie auch
die Weichensteller bei überhäuften Dienstanstrengungen oft gar nicht mehr recht ihrer Augen und Ohren mächtig sind. Ganz widerspruchsvolle Aussagen bei Untersuchungen von Eisenbahnunfällen über die Wahrnehmung von Signalen können diese Vermuthung nur bestätigen. Bessere Besoldung und Verringerung der Dienstzeit für den Tag oder die Woche für die fahrenden und die Aufsicht in den Bahnhöfen übenden Beamten dürfte daher wohl eines der sichersten Mittel gegen Eisenbahnunfälle sein. Offenbar liegt aber auch ein weiterer Fehler in der Organisation mancher Bahnen, denn die Unfähigkeit, welche sehr oft die Oberbehörden bei Verhütung und Aufdeckung der Ursachen der Eisenbahnunfälle zeigen, läßt darauf schließen, daß die Oberbehörden ihres Amtes oft nur nach der Schablone und dem souveränen Bureaukratismus, aber nicht nach den Geboten practischen und umsichtigen Verständnisses walten.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juli. Wie die „Voss. Ztg." hört, hat sich die Landesvertheidigungscommission in Berlin in ihrer letzten Sitzung vor der Reise des Kaisers nicht nur mit der Helgoländer Befeftigungsfrage, sondern auch mit den geplanten neuen Eisenbahnbauten für strategische Zwecke beschäftigt. In letzterer Beziehung wurden jedoch endgiltige Beschlüße noch nicht gefaßt, sondern weiteren, im September und October stattfindenden Verhandlungen Vorbehalten. — Die Einnahmen der preußischen Staatseisenbahnen im ersten Vierteljahr des Rechnungsjahres 1891/92 (April, Mai, Juni) beziffern sich nach dem vorläufigen Ausweis auf rund 224 Millionen Mk., oder 8,86 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum des vorigen Jahres. Die Steigerung beträgt indessen, im geraden Gegensatz zu dem Calcul des Etatvoranschlags nicht einmal 2/3 pCt. beim Personen- und Gepäckverkehr, wo der Voranschlag rund 4 pCt. Mehreinnahmen erwartete, dagegen 5J/4 pCt. beim Güterverkehr, für den eine erhebliche Steigerungsfähigkeit nicht veranschlagt war.
Leipzig, 26. Juli. Die Petition, welche kürzlich von Seiten sämmtticher Handels- und Gewerbekammern Sachsens wegen Festlegung des Osterfestes dem Ministerium des Innern unterbreitet worden ist, befürwortet, daß das Osterfest alljährlich an dem ersten Sonntage nach dem 4. April gefeiert werden möge.
Neueste Nachrichten.
WoM telegraphisches Cvrrespvndenz^Bureau.
Berlin, 28. Juli. Der „Reichsanzeiger" meldet aus Maalsnaes, daß der Kaiser heute Regierungsgeschäfte erledigt hat- sein Befinden sei durchaus befriedigend. Die „Hohenzollern" fährt heute nach Mo und morgen nach Trondjem- in der Dauer der Reise ist keine Aenderung beabsichtigt.
Berlin, 28. Juli. Nach aus Alpe nach hierher gelangten Meldungen ist der seit etwa vier Wochen vermißte Dr. v. Kalckstein nunmehr dort, als vom Pilatus herabgestürzt, tobt ausgefunden worden.
Memel, 28. Juli. Bei der gestrigen Reichstagsersatzwahl erhielten bis jetzt Schlick (conservativ) 6528, Scheu freis.) 1858, Lorenz (Sozialist) 1554 Stimmen. 26 Bezirke fehlen noch. Schlicks Wahl ist gesichert.
München, 28. Juli. Zum Ehrendienst bei Seiner Majestät dem Kaiser während dessen Anwesenheit in Bayern wurden der General der Infanterie und Generalcapitän der Leibgarde der Hartschiere Graf Verri della Bosia, der Com- mandeur der 1. Cavallerie-Brigade Generalmajor von Nagel und der Rittmeister Seitz vom 1. Ulanenregiment bestimmt.
Coburg, 28. Juli. Prinz Ferdinand ist gestern zur Besichtigung der Krupp'schen Werke nach Essen gereist.
Bern, 28. Juli. Im Nationalrath brachte Häberlin- Thurgau den Antrag ein, der Nationalrath solle seinen Beschluß, betreffend die Einführung des Banknotenmonopols, wieder aufnehmen und im Ganzen annehmen, sowie dem Ständerathe mit der Einladung übermitteln, den Antrag in dieser Session zu erledigen. Die geplante Jnitiativ- bewegung für die Einführung des Notenmonopols soll dadurch überflüssig gemacht werden.
Pest, 28. Juli. Der Handelsminister Baroß richtete an die Seebehörde von Fiume nachfolgendes Telegramm: „Da das Aufhören der Cholera in Massauah amtlich nicht festgestellt ist, die in Alexandrien von Massauah anlangenden Schiffe aber frei zugelassen werden, so ordne ich an, daß die aus ägyptischen Häsen anlangenden Schiffe einer gründlichen ärztlichen Untersuchung unterzogen werden."
Szegediu, 28. Juli. Heute Nachmittag stürzte ein Theil eines Gewölbes des Sparkassengebäudes ein, wobei 15 Arbeiter verschüttet wurden. Bisher sind 3 Todte, 4 Schwer- und 2 Leichtverletzte hervorgezogen.
Paris, 28. Juli. Es verlautet, daß der zweite Vorsteher des Bahnhofs von Vincennes und der Locomotivsührer des Ergänzungszuges verhaftet seien, und steht die Verhaftung des Heizers bevor. Dieselben werden für die Eisen- bahncatastrophe bei Saint-Mandö verantwortlich gemacht.— Die Eisenbahngesellschaft theilt jetzt mit, daß der Unfall bei Saint-Mando keinesfalls durch einen Bruch der Bremse, sondern durch die Schuld des Locomotivführers des Ergänzungszuges herbeigesührt sei, welcher die Haltesignale unbeachtet ließ.
Rom, 28. Juli. Die „Agenzia Stesani" meldet aus Massauah, es sei amtlich festgestellt, daß in der Erythräischen Colonie keine Cholera vorhanden und der dortige sanitäre Zustand gut sei. e
Lissabon, 28. Juli. Die portugiesische Postverwaltung theilt mit, daß die Annahme internationaler Postanweisungen, welche seit dem 21. Juli cr. suspendirt ist, bis auf Weiteres eingestellt bleibt.
Depeschen des „Bureau Herold".
Memel, 28. Juli. Reichstagswahl. Schlick (cons.) wurde mit großer Mehrheit gewählt.
Paris, 28. Juli. Der Bahnhosschef von Vincennes wurde verhaftet, weil er den Zug abgehen ließ trotz des Signals, daß die Strecke nicht frei sei. Die ursprüngliche Angabe von 70 Tobten ist eher unzureichend als übertrieben.
Madrid, 28. Juli. Bei Lorca sind zwei Züge zu- s^mmengefto ß en - es werden zahlreiche Verletzungen gemeldet.
Petersburg, 29. Juli. Dem amtlichen „Regierungsboten" zufolge brachte beim gestrigen Diner in Peterhof der Kaiser einen Toast auf den Präsidenten Carnot und die französische Flotte, insbesondere auf das unter dem Commando des Admirals Gervais stehende Geschwader aus. Die Musik spielte die Marseillaise.
Locales unb provinzielles.
Gießen, 29. Juli.
— Ferien • Sonderzug Hamburg • Frankfurt * Basel. Am Samstag den 8. August wird wieder ein Ferien-Sonderzug in der oben bezeichneten Richtung abgefertigt. Das Nähere ist aus der Bekanntmachung der Königlichen Eisenbahn- Direction in vorliegender Nummer ersichtlich, auch bei den Fahrkarten-Ausgabestellen zu erfahren.
— Orgelconcert. Das am Donnerstag den 30. Juli, stattfindende 6. historische Orgelconcert ist das letzte. Das Programm desselben bringt Orgelcompositionen von Nicht- deutschen , nämlich ein Postlude von Calkin (Engländer), Sonatensatz von Capocci (Italiener), Concertsantasie von Sjoegren (Norbländer), Choralfantasie mit Chor von Mathison- Hansen (Däüe) und die Sinfonie für Orgel und Orchester von Guilmant (Franzose). — Daß in dem an Orchestern armen England Orgelconcerte — orgen recitals — einen Haupttheil der öffentlichen Musikpflege ausmachen und zum Theile unsere Symphonieconcerte rc. ersetzen, ersieht man auch aus den englischen Orgelcompositionen (sowohl aus den originalen wie transscribirten). Die ganze Schreibweise ist eine durchaus andere, als wir Deutsche es gewohnt sind. So verhält es sich auch mit dem gewählten Postlude von Calkin. Dasselbe ist gleichsam ein kirchlicher Festmarsch- seine Ryth- mik deutet gleichsam eine Gemeinde an, die in Procession aus der Kirche hinauszieht. — Italien, das Land, in dem einst die Wiege der Orgelcomposition stand, hat in der neueren Zeit wenig Componisten für die Orgel auszuweisen, die sich lossagen von opernartigem Getändel. Capocci, aus dessen erster Orgelsonate das Programm einen Satz enthält, macht hiervon eine rühmliche Ausnahme. Seine Musik bekundet ein Streben nach Stilreinheit und kirchlicher Würde. Natürlich ist es aber nicht der heilige Johann Sebastian, an den sich der Italiener anschließt, sondern es wird vielmehr Mendelssohn als Muster genommen- ferner ist auch ein Anlehnen an den Franzosen Guilmant deutlich bei ihm erkennbar. — Bei Mathison-Hansen und Sjoegren sind deutsche Einflüsse bemerkbar- bei Ersterem der Schumanns und Genossen und bei Letzterem gar der Wagners. Ersterer arbeitet seine Themen trefflich thematisch durch. Bei Letzterem ist von thematischer Arbeit keine Spur. Nach Art der Neudeutschen bringt er seine Themen in allen möglichen Tonarten auf die Bildfläche und staffirt sie reich mit Chromatik aus- dies nennen natürlich gewisse Leute auch thematische Arbeit.


