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Samstag den 30. Mai

Nr. 122.

1891

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wrbtn km Anzeiger AScheatlich dreimal Zeiget egt.

Gießener Anzeiger

Kmeral'-Wnzeiger.

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2 Mark 50 Pstz.

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Amts- unb Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.

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Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegn.

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Hratisöeikage: Hießmer KamikienStatter. | l

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Anrtlichsr Thoel.

Bekanntmachung.

Wegen Ausführung von Pflasterarbeiten in der Liebig- Straße bleibt die Strecke zwischen der Frankfurter- und Bahnhof-Straße von nächstem Montag an für Fuhrwerk, Reiter und Viehtrieb bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, den 29. Mai 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 28. Mai. Aus Potsdam, 26. Mai, wird derD. Ztg." geschrieben: Seine Kgl. Hoh. der Erbgroß- Herzog nahmen gestern Abend an dem von zwei den Darm­städter Regimentern angehörigen Herren arrangirtenDarm­städter Herren-Abend" in Berlin theil, zu welchem sich etwa 40 Herren aus Berlin, Potsdam und Spandau eingefunden hatten. Seine Königliche Hoheit wird bei der großen Frühjahrsparade im Lustgarten als Zugführer eintreten und bei der Parade zum ersten Male die hohe Grenadiermütze tragen. Den Einladungen Ihrer Kaiserlichen Majestäten zu den Parade - Diners wird Höchstderselbe am Freitag und Samstag Folge leisten.

Neueste Nachrichten.

Wolff« telegraphische« Torrespondenz-Bureau.

Berlin, 28. Mai. Der evangelisch-sociale Congreß hielt heute seine erste Sitzung ab. Derselben wohnten 700 evangelische Männer aus allen Theilen Deutsch­lands und verschiedenen kirchlichen Richtungen angehörend bei. Nach einem Eingangsgebet des ehemaligen Hofpredigers Stöcker begrüßte Oeconomierath Robbe die Versammelten. Zum Vorsitzenden wurde Oeconomierath Robbe gewählt, zum Ehrenpräsidenten Professor Wagner. Oeconomierath Robbe theilte hierauf mit, daß die Minister von Boetticher und von Berlepsch ihre Theilnahme an den Verhandlungen zu­gesagt hätten, ebenso der Präsident des Oberkirchenraths Barkhausen, und daß das Reichsamt des Innern, sowie die Ministerien des Innern und der Cultur Vertreter senden würden. Den ersten Vortrag hielt Professor Hermann (Marburg) überReligion und Socialdemokratie" als ersten Gegenstand der Tagesordnung- der Redner stellte vier gegen

die Socialdemokratie gerichtete Thesen zur Annahme. Professor Wagner, als fernerer Redner, kennzeichnete die socialdemo­kratische Partei als philosophisch-speculative Partei mit ent­schieden deutschem Grundcharacter. Notwendig wäre, daß die Socialdemokraten eine ausgiebige Selbstzucht an sich übten und andererseits die wohlhabenden Klassen sich ihrer Aufgaben gegenüber der Socialdemokratie bewußt würden.

Hamburg, ,28. Mai. Eine Depesche derBörsenhalle" meldet aus Jquique, die Nachricht von einem Torpedo­angriffe aus Jquique sei bestimmt falsch. Als Vertreter der provisorischen Regierung in Washington wird Errazuriz ge­nannt.

Stuttgart, 28. Mai. DerStaatsanzeiger" meldet: Das Befinden des Königs ist zufriedenstellend. Die Fiebererscheinungen haben sich vermindert.

Karlsruhe, 28. Mai. Die Kronprinzessin von Schweden gab in Folge der kalten Witterung ihre Absicht, an den oberitalienischen Seeen Aufenthalt zu nehmen, aus und kehrt aus ärztlichen Rath zurück. Sie trifft hier morgen Mittag ein.

Wien, 28. Mai. Laut Meldung derPresse" überreichten in der am Dienstag stattgesundenen Conserenz über die H a n- d e l sv e r tr ä g e die schweizerischen Delegirten die Forderungen ihrer Regierung schriftlich sormulirt und nahmen die öster­reichisch-ungarischen und die deutschen Forderungen entgegen. Die nächste Conserenz findet am 30. Mai statt.

Paris, 28. Mai. Deputirienkammer. In der Debatte über die Zölle auf frisches Fleisch brachte Villebois- Marcril ein Amendement ein, wonach die Einführung !ge- fchlachteter Hammel nur dann gestattet sein solle, wenn der Rumpf in vier Theile zerlegt und das Geschlinge mit einem Vorderviertel verbunden ist. Dies sei das einzige Mittel, um zu erkennen, ob das Thier gesund sei oder nicht. Der Minister sür Ackerbau Develle hält das Amendement für zwecklos. Dasselbe werde die Einfuhr geschlachteten Viehs verhindern. Schließlich wurde das Amendement, nachdem der Berichterstatter Viger dasselbe befürwortet hatte, mit 370 gegen 154 Stimmen angenommen.

Paris, 28. Mai. Die anläßlich des Strikes der Omnibus-Bediensteten Verhafteten sollen gerichtlich nicht weiter verfolgt werden.

Haag, 28. Mai. Die zweite Kammer nahm mit 82 gegen 3 Stimmen das Gesetz, durch welches die verfassungsmäßig erforderliche Genehmigung der Brüsseler Antisclavereiacte ausgesprochen wird, an.

Petersburg, 28. Mai. Wie dieNowoje Wremja" meldet, haben verschiedene russische geistlicheAcademien mehrere

Zöglinge zum Studium der Philosophie nach den Universitäten Göttingen und Jena und anderen deutschen Städten entsendet.

Moskau, 27. Mai. Zur Feier des heutigen Jahres­tages der Krönung celebrirte die Liturgie der Metropolit nebst der höchsten Geistlichkeit im Beisein des Großfürsten Sergei und der Gemahlin desselben. Hieraus fand eine kirch­liche Prozession statt. Zum feierlichen Empfange des Kaiser­paares ist die Stadt festlich geschmückt. Die Ausfahrt in den Kreml ist aus Sonnabend festgesetzt.

Bukarest, 28. Mai. Der Kriegsminister brachte in der Kammer einen Gesetzentwurf ein, betreffend die Re­organisation der Territorial-Jnsanterie und die Umwandlung eines Theiles der Territorial-Cavallerie in stehende Cavallerie.

Konstantinopel, 28. Mai. Großfürst Georg von Rußland ist heute hier eingetroffen und wurde vom Minister des Aeußeren und vom Groß-Ceremonienmeister Namens des Sultans begrüßt- er besuchte nur die russische Botschaft. Morgen wohnt der Großfürst dem Selamlik bei und wird hieraus vom Sultan empfangen, der ihm einen Gegenbesuch abstattet. Vor der Abreise nach der Krim nimmt der Groß­fürst an einem Dejeuner im Cialitkiosk theil. Großfürst Georg befindet sich besser, bedarf aber noch der Schonung.

Konstantinopel, 28. Mai. Der Staatssecretär des deutschen Reichspostamts Dr. v. Stephan wird Montag, den l.Juni hier erwartet.

St. Zohns (Neufundland), 28. Mai. (Reutermeldung). In Folge des Vorgehens des französischen Admirals, welcher den englischen Fischern verbietet, in der Bai von St. Georges zu fischen, herrscht lebhafte Erregung auf der Insel. Zwei französische Schaluppen patrouilliren vor dem Hafen von St. Georges, um dem Befehle des Admirals Achtung zu verschaffen.

Berlin, 29. Mai. Bezüglich der Einberufung des Reichstags zur Berathung über die Getreidezollsrage liegt noch kein Beschluß vor, da die betreffenden Vorerhebungen noch nicht abgeschlossen sind.

Cocoles und ^provinzielles,

Gießen, 29. Mai.

Sitzung der Stadtverordneten vom 28. Mai. An­wesend : Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Beigeordneten Keller und Langsdorff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Georgi, Grüueberg, Dr. Gutfleisch, Habenicht, Heyligenstaedt, Homberger, Jughardt, Keller, Löber, Petri,

Feuilleton.

Trotz alledem!

Novelle von H. Nagell von Brawe.

(3. Fortsetzung.)

III.

Der General - Gouverneur von Polen, demWeichsel- aouvernement", General Gurko, sah sich um jene Zeit ver­anlaßt, mit fester Hand all das politische Unkraut auszujäten, welches unter der milden Herrschaft seiner Vorgänger immer üppiger emporgewuchert war.

Die Entdeckung von Verschwörungen, das trotzlge Aus­treten regierungsfeindlicher Magnaten, die ostentative Miß. achtunq aller eingewanderten Russen, das alles führte zu Maßnahmen, Polizeigesetzen und Anordnungen, welche den Einzelnen schwer trafen, sür das Ganze aber unvermeidlich waren. , _, .

Erst vor wenigen Tagen hatte sich der neuernannte Capitän als Adjutant des Gouvernements gemeldet und war den Verhältnissen in Warschau noch kaum nahegetreten.

Ich komme mir vor, wie in einem Kriegslager, schrieb er mir,wie im Feindeslande. Ueberall starren die Bajonnette, Tag und Nacht durchziehen Patrouillen die Straßen und was nicht russische Uniform trägt, ist in tiefe Trauer gehüllt- nichts von der gerühmten polnischen Leicht­lebigkeit gewahrt man hier. Ich habe Leontine noch nicht qesehen, weiß auch nicht, ob ich sie aussuchen werde. Ich glaube nicht, daß ich sie Wiedersehen darf um Deinet­wegen. Du, mein Kind, weißt ja, wie es um mich steht.

Doch schon wenige Tage später führte der Zufall o-er Gottes Schickung ohne sein Zuthun zum Begegnen mit der, deren Anblick er meinte vermeiden zu müssen.

Ich will Dir das Weitere aus Georges Briesen mit- Heilen? sagte Nadaschda ausstehend.

Sie entnahm ihrem Schreibtische ein Päckchen Briefe und während sie dieselben dann einen nach dem andern entfaltete und vor sich niederlegte, fuhr sie fort:

George Adlerhorsts eigene Worte werden Dir, in ihrer einfachen Klarheit, ihrer fast bescheidenen Form, das treueste Bild der Vorgänge geben, die mich zur einsamen Frau machten. Ich werde die einleitenden Formen überschlagen und mit der Mittheilung der Ereignisse beginnen.

Am 6. März 1877 schrieb George aus Warschau: Liebe Nadaschda!

Es war kurz nach zehn, als ich gestern Abend aus dem Club meinem Quartiere zuging.

Ich war aus dem Krasinski - Platze angekommen. Es wehte ein eisiger Ostwind und fegte den Schnee durch die Gassen. Kälte und Polizeistunde hatten die Straßen menschen­leer gemacht. Eben wollte ich in die Methstraße einbiegen, als ich im Vorübergehen einen lauten Aufschrei und dann etwas wie ein Poltern oder dumpfes Fallen vernahm. Ich folgte eilig dem Geräusche und betrat einen offenen Haus­flur. Ein Röcheln, ein unterdrückter russischer Fluch klang mir aus dem anschließenden Raume entgegen. Die Thür war verriegelt. Ich fühlte instinctiv, daß hier kein Besinnen am Platze und schon nach wenigen Sekunden gab das Schloß meinen kräftigen Fußtritten nach. Die Thür sprang auf und ich war in einem hell erleuchteten Juwelierladen. In dem­selben Augenblicke aber hatte ich einen Mann an der Gurgel ergriffen, welcher, mich bei Seite stoßend, in das Freie zu gelangen suchte. Unter den furchtbarsten Flüchen wand er sich zwischen meinen Armen, die ihn mit aller Gewalt um­spannten. Wohl stärker wie er, hatte ich ihn in eine Ecke gedrängt, um ihn dort wehrlos zu machen, als ich plötzlich einen heftigen Schmerz in der Hüfte empfand und dann das Blut niederfließen fühlte. Schon sah ich die Hand meines Gegners zum zweiten Stiche ausholen, schon glitzerte das breite Meffer unheimlich aus, als meine Faust mit voller

Wucht aus sein Gesicht fiel. Er schlug mit den Händen in die Höhe, das Messer fiel klirrend auf den Estrich und er sank zusammen. Mit wenigen schnellen Griffen hatte ich mein seidenes Tuch um seine Hände geschlungen und ihm die Füße gebunden. Erst jetzt konnte ich mich nach dem Manne umsehen, der bei meinem unerwarteten Eintreffen regungslos auf der Erde gelegen hatte und sich nun, wie aus einer Be­täubung erwachend, mit Mühe erhob. Das Blut floß ihm aus einer Kopfwunde über Stirn und.Wangen in den grauen Bart und noch schien er nicht wieder Herr seiner Sinne

^Jch sprang hinzu, als er zu taumeln schien. Mit fast blödem Blicke schien er im Raume etwas zu suchen, dann wankte er auf den Ladentisch zu.

Aber nicht den dort aufgestellten Glaskästen mit Juwelen und Geschmeiden galt sein Interesse. Mit Entsetzen gewahrte ich, daß noch ein zweites Opfer den Händen eines Verbrechers erlegen. Eine Frau lag, mit dem Oberkörper gegen einen umgeworfenen Stuhl gestützt, im Schatten des Tisches. Leises Wimmern klang von ihren Lippen und zeigte, daß sie lebe.

Mit tiefem Aufstöhnen schien das auch der alte Mann zu vernehmen.

O, mein Gott, sie lebt!" ries er in polnischer Sprache. Ich führte ihn an eine Bank, um mich dann nach der Frau umzusehen.

Schon als ich sie aufhob und in den anstoßenden Raum trug, schien ihr Bewußtsein zurückzukehren. Aber es blieb mir kaum Zeit, sie dort auf einem Divan niederzulegen, denn ich sah jetzt, wie mein Gefangener mit allen Kräften daran arbeitete, sich seiner Fesseln zu entledigen. Erst als ich ihm bedeutete, daß ich ihn beim nächsten Versuche niederstechen würde ich hatte zur Verdeutlichung den Säbel gezogen schien er abzulaffen und ich fand einen freien Augenblick, um nun vor das Haus zu treten und eine Patrouille herbei- zurusen. Rach wenigen Minuten war ein Posten neben den Gefangenen gestellt und Mittheilung an die Polizeiwache und