Nr. 279. Zweites Blatt. Sonntag den 29. November 1891
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Gießener Anzeiger
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politische Wochenschau.
Gießen, 28. November 1891.
Im Reichstag steht gegenwärtig die zweite Lesung der Kranken lassen Novelle auf der Tagesordnung. Die Verhandlungen sind seither rascher von Statten gegangen, als man Angesichts der Schwierigkeit der Materie von vornherein erwarten konnte. Ein lebhafterer Streit der Meinungen hat sich bis jetzt nur an wenigen Punkten erhoben, so allerdings gleich bei § 1. Dieser dehnt die Versicherungspflicht unter anderen auch auf die Handlungsgehilfen aus, die schon jetzt dem Alters- und Jnvaliditätsgesetz unterstehen. Dieser letztere Umstand scheint der Regierung in erster Linie die Anregung dazu gegeben zu haben, auch in das neue Gesetz die Handlungsgehilfen einzubegreifen. Außerdem bestehen unleugbar vielfach in der Gehilfenschaft große Nolhstände, die der Aufmerksamkeit der Regierung nicht entgangen zu sein scheinen. Allerdings läßt sich ebensowenig bestreiten, daß die Einwände, welche man im Reichstag geltend machte, ein gewisses Gewicht besitzen. Zuvörderst ist es richtig, daß die Noth unter den Handlungsgehilfen nicht sowohl auf Krankheitsfälle, als auf Stellenlosigkeit zurückzuführen ist, gegen die auch dieses Gesetz nichts ausrichten kann und soll. Sodann kann schon jetzt jeder Gehilfe, wenn er Lust hat, einer freien Kasse unter geringeren Opfern beitreten, und ist von der bisher geltenden Bestimmung, daß durch rechtsstatutarische Bestimmung ein Versicherungszwang für den betreffenden Bezirk ausgesprochen werden darf, nur in verschwindend wenigen Fällen Gebrauch gemacht worden, woraus erhellt, daß die Gehilfenschaft selber die Zwangsversicherung herbeizusühren nur sehr selten die Initiative ergriffen hat. Indem man nun aber die Gehilfen von Staatswegen dem Gesetze unterwirft, schafft man die Möglichkeit, daß das Gefühl der Selbstverantwortlichkeit und 6er Wunsch, durch eigene Kraft im Leben vorwärts zu kommen, gerade in denjenigen Kreisen wesentlich an Kraft verlieren, in welchen seither ein solch' selbständisches Wesen recht eigentlich zu Hause war. Soweit die Anschauungen, welche einen Theil der Nationalliberalen und die gesammte freisinnige Partei veranlaßte, dem § 1 des Gesetzes ihre Zustimmung zu versagen. Die Socialisten, welche bekanntlich das gesammte wirthschaftliche Leben staatlich reglementirt wissen wollen, stimmten auch diesmal mit den Conservativen und dem Centrum zusammen. Von Interesse waren im weiteren Verlauf der Debatte die Erörterungen über die Voraussetzungen, denen ein Kassenarzt genügen soll. Während die Socialisten ihrem Princip voller Gleichheit in der Beurtheilung aller wie auch gearteter Bestrebungen getreu auch gegen die Zulassung von sogenannten „klugen Frauen" und „Männern"
nichts einzuwenden hatten, war namentlich Rudolf Virchow der Ansicht, daß in einer staatlichen Versicherungsanstalt auch nur staatlich approbirte Aerzte angestellt werden dürften, weil der Staat eine gewisse Garantie übernähme, die er nur leisten könnte, wenn eine genügende wissenschaftliche Vorbildung des anzustellenden Arztes in einem Examen sestgestellt wäre. In Bezug aus den Termin endlich, von dem an die Kasse zur Zahlung verpflichtet sein würde, und der nach dem Regierungsantrage aus den dritten, nach Anträgen aus dem Hause auf den ersten Tag der Erkrankung fallen sollte, einigte man sich schließlich auf einen Compromißantrag. — An dem ersten „Schwerinstage" seit dem Wiederbeginne der Reichstagssitzungen wurde die Anfrage der conservativen und clericalen Jnnungssreunde, welche Maßnahmen die Regierung auf Grund der vor einiger Zeit einberusenen Vertrererversammlung des Handwerkerstandes plane, von Staatssecretär v. Bötticher beantwortet und zwar erklärte sich dieser rundweg gegen die von den Interpellanten gewünschte Einführung obligatorischer Innungen und eines ebensolchen Befähigungsnachweises (d. h. also eines staatlichen Handwerkerexamens). Der Centrumßabgeordnete Stuckateur Biehl hatte dabei das Mißgeschick, den Staatssecretär falsch zu versteheu und dankte in Folge dessen demselben unter schallender Heiterkeit des Hauses für sein „freundliches Entgegenkommen". — Aus Anlaß der jüngsten Vorkommnisse an der Börse haben verschiedene Parteien ähnlich lautende Anträge eingebracht, welche in allgemeinster Formultrung die Regierung zur Abstellung der Uebelstände aussordern. In einer Hinsicht kann und muß, wie zuerst Eugen Richter hervorgehoben hat, allerdings eine Aenderung des bestehenden Zustandes bewerkstelligt werden, nämlich insofern, als man die Verwendung anvertrauter Depots seitens der Bankiers, soweit diese nicht ausdrücklich zu Arier solchen ermächtigt sind, als schweren Diebstahl qualificirt und demgemäß bestraft. Im Uebrigen ist es freilich sehr schwer, im Bankgeschäft und im Börsenverkehr die heilsamen und notwendigen Manipulationen von den schädlichen und unredlichen zu trennen. Mit vollem Rechte meinte neulich der conservative Professor und Nationalöconom Wagner in Berlin, daß das Publikum selber nur zuerst in der Sucht nach leichtem Gewinn alles Unheil verschulde, und daß auch keine einzelne Confession zum Sündenbock gemacht werden könne. In der That ist nichts lächerlicher als die ewigen Declama- tionen über die vergiftenden Wirkungen der Börse, welche in Wahrheit ein unentbehrliches Institut ist, das als der weithin sichtbare Mittelpunkt und Sammelplatz alles nationalen Handels und Gewerbes freilich auch einen Crhstallisations- punkt für menschliche Schlechtigkeit und Gewinnsucht abgiebt.
Vom Auslande ist so gut wie nichts zu berichten. Die
Reise des russischen Ministers v. Giers entbehrt zu sehr einer tieferen politischen Bedeutung, als daß sie eine ausführlichere Besprechung rechtfertigte. — In Spanien hat sich mit einer für spanische Verhältnisse unglaublichen Geschwindigkeit an Stelle des abtretenden alten Cabinets ein neues ebenfalls unter Canovas gebildet. — In Rußland wird die Russifizirung der deutschen Provinzen neuerdings wieder aus voller Kraft betrieben. — Die brasilianische Revolution ist noch immer im Wachsen begriffen.
Cecole» und provinzielles.
(Siegen, 28. November 1891.
— Neues Theater. Eine Posse im Stile „Pension Schöller" kommt am Sonntag den 29. November zur Aufführung. Es ist dies ein Werk von Gustav v. Moser und W. Drost: „Die kranke Familie". Das Stück wurde vor 3 oder4 Jahren schon einmal mit großem Lachersolg gegeben. Wer sich also wieder einmal tüchtig auslachen will, der versäume diese Sonntagsvorstellung aus keinen Fall.
— Neues Theater. Wie bereits angekündigt, kam vorgestern G. v. Mosers sünfactiges Lustspiel „Der Hypochonder" zum ersten Male hier zur Aufführung. Wir müssen gestehen, daß wir der Aufführung dieses Lustspiels, das an sich schon einen größeren Personalbestand erfordert als die übrigen, mit gemischten Empfindungen entgegensahen. Trotz der beschränkten hiesigen Bühnenverhältniffe hat die Direction die schwierige Aufgabe theils durch Einstellung neuer Bühnenmitglieder, theils durch andere Manipulationen nach Kräften gelöst, wie wir vorgestern bemerken konnten, zumal sie in dem Darsteller der Haupt- und Titelrolle, Herrn Ernst', einen Characterdarsteller ersten Ranges besitzt. Wir wollen auf den Inhalt des Stückes nicht näher eingehen, schon der Titel desselben sagt Jedem, daß es sich um einen Haustyrannen handelt, der an „Hypochondrie" leidet, dieser Sorte von Quälgeistern, denen Niemand etwas recht machen kann, alles ärgerlich erscheint, selbst bi£ Quasten des Schlafrocks, keinen ärztlichen Rath annehmen und doch immer krank zu sein behaupten, kurz — selbst hochgradig nervöse Damen an Unleidlichkeit übertreffen, zu dieser Categorie gehört auch in diesem Falle der Rentier Birkenstock. Diese Rolle, mit deren richtiger Auffassung und Durchführung das ganze Stück stehl und fällt, wurde von Herrn Paul Ernst, wie wir es erwartet haben, in allen Einzelheiten vollendet durchgeführt. Seine Frau Emma (Frl. Hüner) hätte in den einzelnen Gefühlsstimmungen etwas natürlicher sein dürfen, während ihre reizende Tochter Asta (Frl. Krüger) die Empfindungen der ersten Liebe nach Möglichkeit zum Ausdruck zu bringen suchte. Ihre Leidensgefährtin in dieser Branche, Klara, die
Feuilleton.
Durchs Schlüffelloch.
Erlebt und erzählt von Rentier Strippenhagen.
Ich sitze da eines schönen Tages in meinem Zimmer und mache mir Karnillenthee-Urnschläge, denn ich hatte ein großes Gerstenkorn am linken Auge — da klopsts auf einmal und herein tritt ein junger Mann.
„Ich störe doch nicht?" sagt er und macht mir ein Corn- pliment.
„Durchaus nicht," entgegnete ich höflich, aber ein bischen verwundert, denn ich kannte ihn nicht,- „mit wem hab ich denn das Vergnügen?"
„Mein Name ist Schnürpel, Cigarrenreisender," sagt er mit einem neuen Compliment, „ich habe die Ehre, im Namen der Firma Strohstengel und Comp. in Görlitz mich nach Ihrem Bedarfe zu erkundigen."
„Sie sind sehr freundlich," sagte ich, „aber es thut mir leid, Herr Schnürpel, Ihnen keine Bestellung geben zu können, indem ich gar nicht rauche, sondern nur hin und wieder einige Cigarren für meine Freunde halte."
Na, kurz und gut, der Mann machte sich ganz nett, war freundlich gegen mich und durch seine Überredungskunst brachte er es dahin, daß ich ihm schließlich eine Mille Cigarren bestellte. „Wollen Sie nicht ein Weilchen Platz nehmen, Herr Schnürpel," sagte ich zu ihm, weil mir der Mann gefiel, „und 'n Täßchen Kaffee mittrinken?" Und nun holte ich die warme Kaffeekanne aus der Ofenröhre.
„Wenn Sie erlauben," meinte der junge Manu und legte feinen Hut und Stock bei Seite und machte es sich bequem.
„Sie wohnen hier ja recht still und ruhig, unbehindert von allen Seiten, es ist hier so anheimelnd —," begann er.
„Das ist auch keine Kunst, wohn' ich doch ganz allein 6ter, 's ist mein eigen Haus und hierher kommt den ganzen Tag keine Menschenseele", erwiderte ich ihm.
Und so sprachen wir noch ein ganzes Weilchen, weil ein Wort das andere gab,- da sagt er mir mit einem Male: „Sind Sie augenleidend, Herr Strippenhagen?"
„Nur ein Gerstenkorn," sagte ich, „ich leide häufig d'ran."
„Ein Gerstenkorn?" meint der Reisende und sieht wich aufmerksam an.
„Hören Sie," sagte er, „das vernachlässigen Sie nicht, sonst kanns schlimm werden! Aber ich weiß ein gutes Mittel dagegen, 's ist aber ein sympathisches; glauben Sie an Sympathie ?"
„Ei, ja freilich," erwiderte ich, „was ist denn das für ein Mittel?" denn ich war neugierig geworden.
„Sie müssen durchs Schlüffelloch sehen und zwar genau zehn Minuten, dann sind Sie Ihr Gerstenkorn los."
„Das ist ja brillant! Ach, Sie sind zu freundlich, mein Herr!"
„So bin ich immer," sagte er und ersuchte mich, die Cur nunmehr zu beginnen und durch ein Schlüsselloch, das er mir zeigte, zu sehen. „Aber ganz still und unbeweglich müssen Sie dabei bleiben."
„Gerade wie beim Photographiren, nicht wahr?"
„Jawohl, genau so," erwiderte er; „ich werde so lange die Uhr in die Hand nehmen und genau nachsehen, bis zehn Minuten verstrichen sind; doch halt," sagte er plötzlich, „meine Uhr ist stehen geblieben —"
„Ach, das thut nichts — hier haben Sie meine Uhr so lange," entgegnete ich und gab ihm meine neue Remontoir-
uhr zu 300 Mark mit schwerer goldener Kette daran. „So, jetzt kanns losgehen!"
Und damit bückte ich mich und sah durchs Schlüsselloch.
Kaum habe ich hineingesehen ins Schlüsselloch, da höre ich, wie sich das Schloß der Thür bewegt. Und ohne mich umzusehen, sage ich zu dem jungen Manne: „Ach, da ist wohl Jemand an der Thür?"
„Werde mal nachsehen," sagte darauf der Reisende, öffnet die Thür und geht hinaus. Im nächsten Augenblicke höre ich die Thür von außen zuschließen.
„Kanonendonnerwetter!" denke ich, „jetzt wird mir die Sache zu bunt" — und will dem Manne nach, aber da stehe ich und kann ihm nicht nachkommen. „Na, so'n Hallunke, so'n Betrüger, so'n gemeiner Mensch! Geht mir mit meiner Uhr und Kette durch — so'n Gauner!" Ich schrie aus Leibeskräften: „Hilfe, Räuber, Diebe!" aber Niemand hörte mich. Endlich nach einigen Stunden wurde ich aus meiner Gefangenschaft von außen befreit — es war der Briefträger, der mir eine Postkarte brachte, worauf, von dem Gauner geschrieben, die Worte standen: „Na, hat die Cur gut angeschlagen? Wünsche guten Erfolg! Die Dummen werden nie alle!" —
So eine Gemeinheit von solchem Kerl! Nicht allein, daß er mich betrog und bestahl — nein! er macht sich noch brieflich über mich lustig. Ich stellte natürlich Nachforschungen an, aber sie führten zu keinem Resultat; selbstredend existirte — auf meine Anfrage hin — eine Firma Strohstengel und Comp. in Görlitz nicht.
Na, mir soll wieder einmal Jemand kommen, wenn ich wieder ein Gerstenkorn habe — ich lasse ihn gleich im voraus verhaften, ob schuldig ober nicht! Nein, solche Schändlichkeit und Niedertracht! Wahrhaftig, nirgends gehts toller zu als» in der Welt!


