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Nr. 173

Mittwoch den 29. Juli

1891

Gießener Anzeiger

Keneral-WnzAger.

Amts- und Anzeigeblatt för den Areis Gieren.

Äeboction, Lxpebttto» unb Druckerei:

-chutsira-e Kr.?«

Kernfprccher 51.

vietteljLhriger jLöeenemettisprdil 2 Mark 20 Pfg. mA Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener Wamtlienötätter werben dem Anzeiger ivschentlich dreimal deigelegt.

Der

Ktrßener Anzeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme bei Montags.

| Gratisbeilage: Gießener Iamikienökätter.

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Annahme Hon Anzeigen zu der Nachmittag- für dm folgmoen Lag erfcheinmdm Nummer bis Borin. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

die Schafräude zu Stangenrod betreffend.

Unter den Schafen der Heerde des Heinrich Hoff- M a n n VII. zu Stangenrod ist die Räude ausgebrochen. Es Wird deshalb die Sperre über die Gemarkung Stangenrod Verfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und ist in jedem einzelnen Fall, in welchem dieselbe erfolgen soll, unsere Erlaubniß ein­zuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeordneten Schutz­maßregeln unterliegen den gesetzlichen Strafen.

Gießen, den 25. Juli 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Zur Frage der Abzahlungsgeschäfte.

Es ist eine längst anerkannte Thatsache, daß die wie Pilze aus dem Boden schießenden sogenannten Abzahlungs­geschäfte in ihrer jetzigen Einrichtung allmählich ganz zweifellos zu bedenklichen Mißständen geführt haben, deren Beseitigung dringend geboten erscheint, sollen nicht weite Kreise unserer 'Nation, namentlich der ärmeren Bevölkerungsklassen, empfindlich geschädigt werden.

Wir wollen hier gar nicht davon reden, daß durch der­artige Geschäfte mit ihrer häufig nur zu marktschreierischen Gebahrung ältere solide Geschäfte, in denen man nicht die Praktiken der Abzahlungsbazare befolgt, mitunter sogar in ihrer Existenz untergraben werden, solche Erscheinungen sind eben in dem wirthschaftlichen Concurrenzkamps der heutigen Zeit unvermeidlich. Wohl aber gilt es, den mancherlei ernsten Mißständen entgegen zu treten, welche mit der gegenwärtigen Einrichtung der Abzahlungsbazare verbunden sind. Hierher gehören vor Allem die Clauseln der zwischen den Inhabern oder Leitern der Abzahlungsgeschäfte und ihren Kunden ab­geschlossenen Contracte, welche Clauseln den Eigenthums- vorbehalt und den Verfall der ganzen gezahlten Summe aussprechen, wenn der Käufer auch nur mit einer Nate über Lie' contractmäßig festgesetzte Zeit hinaus im Rückstände bleibt. Hierin liegt der wunde Punkt der ganzen Frage, denn der Käufer ist da ganz in die Hand des Verkäusers gegeben, und die Fälle, in denen der Käufer, weil er nicht rechtzeitig die fällige Rate aufzutreiben vermochte, die ganze schon ge­zahlte Summe und selbstverständlich den bedingt erworbenen Gegenstand wieder einbüßte, sind viel häufiger, als im All­gemeinen wohl angenommen wird.

Die Nachtheile, welche durch solche unleugbare Auswüchse des Abzahlungswesens weiten Bevölkerungsschichten zugesügt Werden, sind auch von Seiten der Regierung erkannt worden und schon seit längerer Zeit wendet sich die Aufmerksamkeit der Bundesregierungen diesem Gegenstände zu. Im Lause des Jahres 1889 war von sämmtlichen Einzelregierungen aus eine Anregung der Reichsregierung eine Untersuchung Äber die im Abzahlungswesen herrschenden Mißstände und über die etwa zu ergreisenden Abhilssmittel veranstaltet worden und diese Untersuchung hatte ergeben, daß hier in der That ein Feld vorlag, auf welchem sehr wohl mit gesetz­geberischen Maßnahmen vorgegangen werden könnte, zugleich aber stellte sich bei dieser Untersuchung heraus, daß die Ab­zahlungsgeschäfte doch wiederum einem vorhandenen Bedürf­nisse entsprechen, besonders haben sie sich dadurch ein un­streitiges Verdienst erworben, daß sie wenig bemittelten Leuten den Kauf von Werkzeugen und kleineren Maschinen, die sie bei ihren Arbeiten nicht entbehren können, durch das System der Ratenzahlungen allerdings wesentlich erleichtern. Wenn z. B. eine Näherin für eine Nähmaschine 80, 100 und wohl noch mehr Mark aus einem Brett bezahlen sollte, so würde ihr dies gewiß in den allermeisten Fällen überaus schwer fallen, wenn nicht ganz unmöglich sein, während sie durch die Abzahlungsgeschäfte in den Stand gesetzt wird, in Folge der Ratenzahlungen sich das für sie doch unentbehrliche Instrument mit verhältniß- maßiger Leichtigkeit zu erwerben.

Eben diese bedingte Nützlichkeit der Abzahlungsgeschäfte für große Klassen unserer Bevölkerung macht die Behandlung der Frage zu einer äußerst schwierigen, denn wenn es sich aus der einen Seite darum handelt, anerkannte Mißstände, welche das Wesen der Abzahlungsgeschäfte in seinem Gefolge hat, endlich zu beseitigen, so gilt es andererseits wiederum, gewisse Rücksichten gegen diese Institute zu üben, da ihre Hilfe für diekleinen Leute" nun doch einmal nicht gut zu leugnen ist. Es darf daher der Gesetzgeber in seinen etwaigen

Maßnahmen zur Reform des Abzahlungswesens die Existenz der Abzahlungsgeschäfte nicht gradezu gefährden, er soll jedoch zugleich auch die aus letztere mit angewiesenen unbemittelten Klassen gegen die Ausbeutung durch die Abzahlungsbazare schützen, so daß es freilich sehr schwierig ist, hier den richtigen Mittelweg zu finden. Vielleicht wird dadurch ein Ausgleich in dieser Frage gesunden, daß der Verfall der geleisteten Ab­zahlungen, sobald dieselben eine gewisse Höhe erreicht haben, gesetzlich für unzulässig erklärt und dem Verkäufer nur das Recht eingeräumt wird, ein Drittel der geleisteten Zahlungen als Miethe zurückzubehalten, im Uebrigen aber der Verkäufer verpflichtet ist, die anderen zwei Drittel dem Käufer, sobald er außer Stande ist, weitere Abzahlungen zu leisten, heraus­zuzahlen.

Deutler Reich.

Berlin,27.Juli. Bei dem deutschen Heere wird diesen Herbst eine äußerst wichtige neue Ein­richtung erprobt werden. Es nimmt nämlich an dem diesjährigen Kaisermanöver des 4. Armeecorps eine Reserve­division Theil. Dieselbe besteht aus vier Reserve-Jnfanterie- Regimentern, einem Cavallerie-Regiment, dem Reserve-Feld­artillerie-Regiment Nr. 4 und einer Reserve Pionier-Compagnie. Die Infanterie-Regimenter tragen die Nummer der Brigade, in deren Bereich sie formirt sind, 13 bis 16. Man beab­sichtigt durch die Aufstellung der Reservedivision zu erproben, wie ein nach der Mobilmachungsvorschrift einberufener, nur wenige Tage geübter größerer Truppenkörper sich den An­forderungen des Manövers gegenüber bewähren wird.

Im preußischen Ministerium herrscht trotz der Sommerserien eine ganz außerordentliche Thätigkeit. Nur der Justizminister und der Kriegs­minister haben Ferien, alle übrigen Minister nebst dem Reichskanzler sind in angestrengter Thätigkeit, so daß einzelne Minister, wie Miquel, Thielen, Graf v. Zedlitz, wahrscheinlich keinen Sommerurlaub nehmen werden. Das Finanzministerium beschäftigt sich namentlich eifrig mit Abfassung eines alle wichtige Anordnungen des Einkommensteuergesetzes klar und volksthümlich zusammenfassenden Formulars für die Selbst­einschätzung. Man hofft, mit letzterer Arbeit bis zum Herbst fertig zu sein.

Die Mittheilung derKreuz-Zeitung", daß die Offiziere jener sächsischen Landwehren, die aus den socialdemokratischen Jndustriebezirken im vorigen Jahre zur Uebung eingezogen waren, mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, und daß wiederholt aus die Führer ge­schossen wurde, entbehrt jeder thatsächlichen Begründung. Das Königlich sächsische Kriegsministerium hat dieKreuz- Zeitung" ersucht, sobald als möglich diese beleidigende und die sächsischen Heeresverhältnisse herabsetzende Mittheilung aus­drücklich und an hervorragender Stelle zu widerrufen, was auch in derKreuz-Zeitung" geschehen ist.

Netteste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Corresponbenz-Bnreau.

Berlin, 27. Juli. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser traf am Sonnabend in Tromsö ein, nahm Vor­träge entgegen und arbeitete daraus allein. Am Sonntag hielt er selbst den Gottesdienst ab, gings Mittags zur See und traf gestern um 3 Uhr in Malange-Fjord ein. Er ge­dachte heute die Reise in südlicher Richtung sortzusetzen.

DerReichsanzeiger" publicirt ferner die Ernennung Kochs zum Director des Instituts für Jnfectionskrankheiten und zum Honorarprofessor der medicinischen Facultät.

Die Gesetzsammlung publicirt die Landgemeinde­ordnung.

Berlin, 27. Juli. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung der großen goldenen Medaille für Wissen­schaft an Professor du Bois-Reymond.

Bremen, 26. Juli. Der für eine wissenschaftliche Ex­pedition gechartete DampferAmely" ist heute Nachmittag 51/2 Uhr nach dem Nordcap abgegangen.

Stettin, 27. Juli. Im Beisein der gesammten hiesigen Generalität, sowie mehrerer türkischer Offiziere und unter großer Betheiligung der Bevölkerung sand heute Nachmittag die Beerdigung Ri stow Paschas mit den üblichen mili­tärischen Ehren statt. Die Leichenparade wurde von dem Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pom- mersches) Nr. 2 und dem 1. Pommerschen Feld-Artillerie- Regiment Nr. 2 gestellt, welche auch die Ehrensalven ab­gaben.

Ansbach, 27. Juli. Gestern fuhr eineRangirmaschine

Alle Annoncen-Bureaux veS In« unb Auslandes nehmen Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegn.

in die Flanke eines in die Station einführenden Güterzuges. Drei Wagen entgleisten und wurden erheblich beschädigt. Niemand wurde verletzt und der Betrieb blieb ungestört.

Wien, 27. Juli. Hiesige Blätter melden, daß im Hin­blick aus die immer mehr zunehmende Einwanderung Mittel­loser das Eintrittsverbot der rumänischen Re­gierung allen Reisenden gegenüber gelte, welche keinen durch einen Vertreter Rumäniens im Ausland visirten Paß besitzen.

Prag, 27. Juli. Anläßlich des Eintritts des millionsten Besuchers in die Ausstellung hielt der Vicepräsident der­selben eine Ansprache an ein tausendköpfiges Publikum und schloß mit einem dreimaligen Slava und Hochrufen auf den Kaiser. Das Publikum stimmte enthusiastisch ein und sang entblößten Hauptes die Volkshymne mit. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm nach Ischl gesandt, woraus später ein Danktelegramm einlies, welches verlesen und mit brausenden Slavarufen ausgenommen wurde.

Wittkowitz (Mähren), 27. Juli. Zweihundert Kessel­schmiede des Eisenwerkes striken wegen Lohndifferenz. Die Kesselfabrikation ist vollständig unterbrochen. Bis jetzt ist Alles ruhig.

Bern, 27. Juli. Bei der gestrigen Probefahrt der Drahtseilbahn Lauterbrunnen-Mürren ist zwischen Grütsch und Mürrrn ein Wagen entgleist und um- gestürzt/ von den Insassen wurde Niemand erheblich ver­letzt. Die Linie ist durchaus unbeschädigt.

Murren, 27. Juli. Das Befinden Stanleys, der sich in Behandlung des Kurarztes befindet, ist den Umständen nach gut. Der Beinbruch heilt leicht.

Paris, 26. Juli. Das Comite zum Schutz der nationalen Ernährung veranstaltete eine Versammlung unter dem Vorsitz des Deputirten Lockroy, um gegen die von der Deputirten- kammer beschlossenen Zolltarife zu protestiren. Mehrere Deputirte und hervorragende Persönlichkeiten aus Handels­kreisen wohnten der Versammlung bei.

Paris, 27. Juli. An dem heute eröffneten Congreß über Tuberculose nehmen etwa 400 französische und auswärtige Aerzte Theil. Professor Lanclongue stellte 40 Fälle von mit Zinkchlor behandelten Tuberculosen vor. Professor Arloing-Lyon sprach über das Koch'in.

Paris, 27. Juli. Der Czar richtete nach Besichtigung des französischen Geschwaders an Carnot ein Beglück­wünschungstelegramm, welches Carnot sofort mit einem Dank­telegramm beantwortete.

Paris, 27. Juli. Eine vorläufige Untersuchung über die Ursachen des Unglücks bei Saint Mande scheint die Schuld des Löcomotivführers des Ergänzungszuges zu ergeben. Der­selbe ließ den Zug trotz der Warnungen des Vorstehers der vorliegenden Station und trotz des Haltesignals mit voller Geschwindigkeit fahren. Er behauptet dagegen, daß die Brems­vorrichtung böswillig unwirksam gemacht sei, weshalb er nicht anhalten konnte.

Paris, 27. Juli. Die Mehrzahl der Todten von Saint Mande kam durch Feuer und Wasser um. Es gelang erst nach 40 Minuten durch Hydranten auf die brennenden Wagen Wasser zu werfen- dies geschah aber in solchen Unmassen, daß manche vielleicht nur Verwundete ihren Tod in den Wassermassen fanden. Der Locomotivführer und der Heizer sind auf wunderbare Weise gerettet worden- sie warfen sich, die Unmöglichkeit des Anhaltens erkennend, auf die die Loco- motive und den Tender verbindende Brücke. Nach einer Ver­öffentlichung der Direction beträgt die Zahl der Todten 35, diejenige der Verwundeten nur einige 30; doch fügt die Direction hinzu, diese Zahlen seien nur provisorisch.

Paris, 27. Juli. Die von der Eisenbahndirection an­gegebene Zahl der bei Saint Mande Verunglückten ist zu niedrig- thatsächlich sind etwa fiinfzig Personen tobt und etwa hundert verwundet.

London, 27. Juli. Fergusson erklärte im Unter­hause, Baring glaube, die egyptische Regierung thue ihr Möglichstes, um denSclavenhandel zwischen den kleinen Plätzen des Rothen Meeres zu verhindern. Atkinson (con- servativer Abgeordneter) wurde wegen ungebührlichen Vor­gehens gegen den Sprecher aus eine Woche von den Sitzungen des Hauses suspendirt.

Petersburg, 27. Juli. Das Diner, das der Groß­fürst Alexis gestern an Bord derAsia" dem Admiral Gervais, dessen Stabe und den Commandanten der fran­zösischen Schiffe gab, verlief in Anwesenheit hoher russischer Persönlichkeiten glänzend. Gegen 200 französische Matrosen besuchten gestern mit ihren Offizieren hier ein Concert. Gervais reist mit einer Abordnung französischer Offiziere voraussichtlich nach Moskau, wo ihm ein solenner Empfang bereitet werden soll.