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Nr. 24 Donnerstag den 29. Januar 1891

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Sie Gießener »««itienSkätter Werden dem Anzeiger yGchentlich dreimal beigelegt

Gießener Anzeiger

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Amts* und Anzeigeblatt für den Atreis Gieren.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

GratisKeikage: Gießener Kamikienbtätter.

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Amtlicher Therl.

Bekanntmachung.

6ft wirb hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der aus den 3. März l. I. angesetzte Gießener Viehmarkt nicht abaehalten werden wird, daß dagegen der Vieh- und Krämermarlt, welcher auf den 4. März l. I. ausgeschrieben ist, stattfindet.

Gießen, den 27. Januar 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen- v. Gagern.

Gießen, den 27. Januar 1891- Bett.: Die Jahresübersichten und Rechnungsabschlüsse der Krankenkassen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die Vorstände

der Gemeivde-Krankenverfichernng-kaffen, die Labrik-KrankenVaff-n und der eingeschriebenen Hülfökaffen.

Unter Hinweis aus unser Ausschreiben vom 15. Novem­ber 1887 Amtsblatt Nr. 11 - machen wir Sie auf die Einsendung der nach 8 9 und 41 des Krankenversicherungs- gefetzes vom 15. Juni 1883 und nach § 27 des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfskassen vom 1. Juni 1884 für das abgelaufene Jahr zu liefernden Nachweisungen (Jahresüber- fichteu und Rechnungsabschlüsse) aufmerksam.

Als spätester Termin für die Ablieferung dieser Nach­weisungen ist der 31. März bestimmt, es ist jedoch wünschens- werth, daß dieser äußerste Termin nicht abgewartet wird, sondern die Einsendung thunlichst bald erfolgt.

Wir empfehlen Ihnen sorgfältigste Ausstellung der Ueber- sichten, damit Rücksendungen behufs Ergänzung und Berichti- gung derselben möglichst vermieden werden.

Die Nachweisungen sind in zwei Exemplaren beide mit der Unterschrist des Vorstandes versehen vorzulegen; die Formularien hierzu sind durch Bundesrathrbeschluß vom 23. Juni 1887 vorgeschrieben und bei Wilhelm Klee zu Gießen erhältlich.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 27. Januar. Die Feier des Allerhöchsten Geburtsfestes Seiner Majestät des Kaisers wurde gestern Abend durch großen Zapfenstreich/ heute in der Frühe durch Reveille eingeleitet. Um 9J/2 Uhr fand in der katholischen Kirche, um 10 Uhr in der evangelischen Fest­gottesdienst der Militärgemeinde statt. Die Schulen veran­stalteten im Lause des Vormittags die üblichen Feierlichkeiten. lli/2 Uhr wurde auf dem Paradeplatz eine Parade über die Truppen der Garnison abgehalten. Dieselbe wurde von dem Generalmajor v. Obernitz commandirt. Seine Königl. Hoheit der Grobherzog nahmen die Parade ab. Der Divisious- commandeur Generallieutenant v. Bülow brachte das Hoch aus Seine Majestät den Kaiser aus, woraus die Truppen dreimal Hurrah riesen und sämmtliche Musikcorps dreimal Tusch bliesen. Demnächst wurde von sämmtlichen Musikcorps die Nationalhymne ausgeführt. Mit dem ersten Hurrahruf begann eine Salutierbatterie zu 6 Geschützen, welche aus dem Exerzierplatz aufgestellt war, die Abgabe von 101 Schüssen. Der Parademarsch erfolgte einmal und zwar für alle Waffen­gattungen in Zugssront. Ihre Großh. Hoh. die Prinzen Heinrich und Wilhelm wohnten der Parade bei, Ersterer hatte wie Seine Königliche Hoheit der Großherzog preußische Uniform angelegt. Um 2 Uhr vereinigten sich die Civil- beamten und Bürger zu einem Festmahl imDarmstädter Hof", die Offiziere und Militärbeamten um 3 Uhr zu einem solchen im Militärcasino. Im Neuen Palais fand um 5 Uhr Hofrasel zu 40 Gedecken statt.

Darmstadt, 26. Januar. Das am 24. Januar aus­gegebene Grobherzogliche Regierungsblatt (Nr. 1) hat folgenden Inhalt: 1) Oefjemliche Anerkennung einer edlen That. Seine Königliche Hoheit der Grobherzog haben dem Sergeanten Heinrich Esch vom 1. Großh. Hess. Infanterie- Regiment (Leibgarde-Regiment) Nr. 115 in Anerkennung der von demselben am 27. Juli d. I. zu Burg-Solms a. d. L. mir Muth und Entschlossenheit vollzogenen Rettung des drei­zehnjährigen Georg Sattler von Burg-Solms vom Tode des Ertrinkens eine Geldprämie bewilligt. 2) Bekanntmachung, die Aussührung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungs- zesetzes betreffend. 3) Bekanntmachung, die Landesverfiche- Tungsanstalt sür das Großherzogthum Hessen betteffend.

4) Statuten der zur Durchführung der Jnvaliditäts- und Altersversicherung für das Großherzogthum Heffen errichteten Versicherungsanstalt. 5) Uebersicht der von Großherzog- lichem Ministerium des Innern und der Justiz sür 189091 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürf- nisse der Gemeinde Dürr-Ellenbach im Kreise Heppenheim. 6) Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Reinheim mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährlichen Gehalte von 10001400 Mk. Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Staufenberg mit einem jährlichen Gehalte von 900^-Mk. Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Framersheim mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Ge­meindeschule zu Götzeuhain mit einem jährl. Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Fürsten zu Jsenburg-Birstein steht das Präsen­tationsrecht zu derselben zu. Eine Lehrerstelle an der evang. Schule zu Groß-Zimmern mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährl. Gehalte von 10001600 Mk. Dem zu ernennenden Lehrer können die Functionen eines Ober­lehrers an dieser Schule übertragen werden. Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Fauerbach b. Fr. mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Grasen zu Solms - Rödelheim in Assenheim steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Ge­meindeschule zu Hahn mit einem jährl. Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bechtheim mit einem jährlichen Ge­halte von 900 Mk. Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Merlau mit einem jährl. Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organisten­dienst verbunden. Eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eppertshausen mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk.

Darmstadt, 24. Januar. Die Vorlage eines Neubaues sür die gesammte technische Hochschule wird nunmehr baldigst den Landständen gemacht werden, nachdem die Stadt­verordneten in geheimer Sitzung der Staatsregierung 1200 000 Mk. zur Verfügung gestellt und daran die Be­dingung geknüpft haben, daß das jetzt von der Hochschule be­nutzte Gebäude nach Fertigstellung des Neubaues der Stadt überlaffen werde.

Berlin, 27. Januar. Heute um 11 Uhr war anläßlich des Geburtstages des Kaisers Gottesdienst in der Schloßcapelle. Bei dem feierlichen Zuge dahin führte der Kaiser die Kaiserin Friedrich und der König von Sachsen die Kaiserin Augusta Victoria, der Großherzog von Weimar die Großherzogin Marie von Mecklenburg, der Großherzog von Oldenburg die Prinzessin Heinrich, der Herzog von Genua die Prinzessin Friedrich Karl, der Erzherzog Eugen die Prin­zessin Albrecht. Im Weißen Saale, wo gegenüber den silbernen preußischen Thronsesseln die Schloßgardc-Compagnie aufgestellt war, machte der Zug Halt. Der Kaiser trat vor und verlieh der Schloßgarde eine Fahne mit etwa folgender Ansprache:Meine treuen, alten Freunde! Ihr habt manchen heißen Tag mitgesochten unter meinem Vater und Großvater^ als Belohnung dafür habe ich beschlossen, daß Ihr den Rest des Lebens zubringt, in meinem Schlosse die Wache zu über­nehmen und ich will hiermit der Compagnie eine Fahne ver­leihen, derjenigen nachgebildet, welche die alte Schloßgarde unter Friedrich II. geführt, die jedoch von schnöder Feindes­hand weggerafft wurde. Sie sei Euch ein Zeichen meiner Gnade, eine Erinnerung an die großen Thaten und ein Sinn­bild der Tapferkeit." Oberstlieutenant Kessel dankte und brachte ein Hoch aus. Hierauf begab sich der Zug zur Capelle. Nach dem Gottesdienst war große Cour im Weißen Saale, woran die Kaiserin Friedrich nicht theilnahm. Die Defilir- cour begann Caprivi, die Botschafter folgten, die der Kaiser durch Entgegentreten und Händedruck auszeichnete, ebenso später die Feldmarschälle Moltke und Blumenthal, den Gene­ral Pape, Burggraf Dohna und Hinzpeter. Während der Cour spielte die Musik des 1. Garde-Regiments und des Koslock'schen Trompetercorps- im Lustgarten wurden 101 Kanonenschüße abgegeben. Außer dem Erzherzog Eugen und dem Herzog von Genua verlieh der Kaiser noch dem Prinzen Johann Georg von Sachsen den schwarzen Adlerorden.

Der Kaiser erschien zur Paroleausgabe im Zeug­haus und wurde bei der Ankunst und Absahrt von der dicht­gedrängten Menge enthusiastisch begrüßt. Nach 2 Uhr fuhr

der Kaiser im offenen Wagen durch die Linden, überall be­geistert begrüßt.

Berlin, 27. Januar. Der Kaiser verlieh dem Minister Miquel den Rothen Adlerorden 1. Kl. mit Eichenlaub, den Ministern v. Berlepsch und v. Heyden den Rothen Adler­orden 2. Kl. mit Eichenlaub, Herrsurth den Stern der Com- thure des Hausordens von Hohenzollern - ferner der ver- wittweten Frau Postdirector Simon (Wernigerode) den Luisen- orden 1. Abtheilung, Frl. Constanze von Zieten-Schwerin (Wustrau), Frau Teuscher (Berlin), Frau Hösch (Düren), Frl. v. Goßler (Königsberg) und Frl. v. Kröcher (Vinzel­berg) die zweite Klaffe der zweiten Abtheilung des Luisen- ordens. Den Kronenorden 4. Klasse erhielt Maler Koner, das Comthurkreuz des Hausordens Geh. Rath Hinzpeter.

Berlin, 27. Januar. In der Universität hielt Curtiu-» die Festrede über die Wechselbeziehungen zwischen Rom und Hellas. Er wies aus das lebhafte Interesse des Kaisers für die studirende Jugend hin und schloß mit innigem Segens­wunsch für den Kaiser und das Kaiserhaus. In der tech­nischen Hochschule hielt Geheimerath Reuleaux die Festrede über Deutschlands Leistungen und Aussichten aus technischem Gebiete. Die Kunstakademie hielt eine öffentliche Sitzung ab, wobei Professor Dobbert den Kaiser als Friedenshort und Schützer der Künste feierte und sodann Goethes Be­ziehungen zur Berliner Kunstrichtung schilderte.

Deutscher Ueichrtag.

52. Plenarsitzung. Montag, 26. Januar 1891, 1 Uhr.

Die zweite Etatsberathung wird fortgesetzt mit de« Specialetat des Reichsschatzamts.

Hierzu liegt vor der Antrag Richter (dfr.), die Beamtensnhr- kosten derart zu regeln, datz für Dienstreisen, die auf Eisenbahnen oder Dampfschiffen zurückgelegt werden, an Stelle der KUometer- gelder die für Fahrkarten verauslagten Beträge vergütet werden.

Der Antragsteller begründet feinen Antrag mit dem Hinweise, daß die im Jahre 1848 bemessenen Sätze heute nicht mehr zutreffen. Aus den Dienstreisen dürfe keine ergiebige Einnahmequelle für die Beamten erflteßen. Die heute gezahlten Reisekosten sind viel zu hoch, namentlich wenn es sich um wette Strecken handelt. Die Ersparnisse, die hier gemacht roerben können, belaufen sich auf Millionen.

Abg. Hahn (cons.) ist Namens seiner Partei mit der Tendenz des Antrages einverstanden, nicht mit den Einzelnheiten. Er beantragt Berathung durch die Budgetcommission.

Staatssecretär Frhr. v. Maltzahn-Gültz: Das bestehende System der Reisekosten-Vergütung hat bisher zu Unzuträglichkeitm nicht geführt, weder im Reich noch in Preußen, wo das System ei« ähnliches ist. Eine Neuregelung nach dem Anträge Richter wird nicht durchführbar sein, denn er übersieht völlig die Gepäck­beförderung.

Abg. v. Strom deck (Etr.) hält die Neuregeluna für dringend nöthig, da im Publikum die Befürchtung gehegt wird, es würden infolge der hohen Reisekosten unnöthige Reisen unternommen.

Abg. v. Kardorff (Reichsp.) glaubt nicht, daß bet einer Reform der Reisekostenentschädigung viel zu ersparen sein wird. Wetter verlangt er von den verbündeten Regierungen, daß sie mit den Ver­einigten Staaten Amerikas sich verständigten über die Ausprägung von Silber.

Abg. Dr. Bamberger (dfr.): Im Publikum und auch bei den Finanzleuten besteht nicht die mindeste Sorge, daß Herr v. Kardorff mit seinen Silberwährungsanträgen Erfolg haben könnte und auch die verbündeten Regierungen denken gewiß nicht an eine solche Möglichkeit. Erwünscht wäre es, wenn die Regierung fich entschließen könnte, bei nächster geeigneter Gelegenheit sich des Restes von Silberthalern zu entledigen, der im Betrage von etwa 200 Millionen Mark noch im Umlauf sich befindet. Der in großem Umfange durch- geführten Goldwährung ist es zu danken, daß gegenwärtig die Geld­krisen so schnell zu Ende gehen, während früher unter der Silber- und Doppelwährung solche Krisen andauernd und sehr folgenschwer waren. Mit der Goldwährung haben wir für die Nation ein gutes Werk geschaffen.

Staatssecretär Frhr. v. Maltzahn-Gültz: Die russisch« Geldverhältnisse haben eine Erschütterung unserer Goldwährung in keiner Weise zur Folge gehabt. Daß die bei uns noch vorhandenen Sllbervorräthe von schädlichem Einflüsse auf unsere Geldoerhaltniffe find, ist in keiner Weise erwiesen.

Bankpräfident Koch: Weder unser Gold noch unsere Silber- vorräthe geben uns einen Anlaß, eine Aenderung unser Währung zu wünschen. Unsere Banknoten find in Höhe von 85 Procent durch Metall gedeckt, während die französischen Noten nur in Höhe von 36 Procent gedeckt sind. Allerdings hat die russische Regierung bei uns Guthaben in Höhe von 80 Millionen, doch ist das für uns kein Schaden, denn dies Geld arbeitet bei uns mit. Das beste Mittel, unsere Währung gut zu erhalten, liegt in einer geschickten Discont- Politik und wir können mit dem, was wir auf diesem Gebiete erreicht haben, zufrieden sein.

Abg. Dr. v. Frege (cons.): Die Ansichten Kardorffs würde« in weiten Kreisen der Bevölkerung getheilt. Besonders für unsere Eolonialpolitik sei der Luxus der Goldwährung unzweckmäßig. Wir stehen am Vorabend wichtiger Ereignisse, die sehr wohl eine Wieder­einführung der Silberwährung zur Folge haben können.

Abg. v. Kardorff (Reich??.) weist nochmals auf die große« Kosten hin, welche uns durch die Einführung der Goldwährung bereits entstanden sind und noch entstehen werden.

Hierauf wird der Antrag Richter bett. Reisekosten-Reform an die Budgetcommisston verwiesen.

Der Etat des Reichsschatzamtes wird genehmigt.

Von dem Abg. Dr. Buhl (eatl.) wirb noch eine Erhöhung des Kaiserlichen Dispositionsfonds zu Gnadmbewilligungen angeregt.