Ausgabe 
27.11.1891
 
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Schiftsnachrichten.

Bremen, 24. November. (Per transatlantischen Telegrapbl Der Schnelldampfer Ems, Capt. R. Sander, vom Norddttltfchrn Lloyd in Bremen, welcher am 14. November von Bremen und am 15. November von Southampton abgegangen war, ist gestern 10 Uhr Abends wohlbehalten in Newyork angekommen.

Verkehr, Land- und volkswirthichaft.

Limbirr-, s25. November- Fruchtmarkt. Rother Weizen 20.20, weißer Weizen JL, Korn 1860, Gerste JL 11.10, Hafer, JL 755, Erbsen, Kartoffeln.

Frankfurt a. M., 25. November. Der gestrige Haupt- markr im städtischen Viehhof brachte niedrigere Preise für Schweine. Bei Hornvieh verblieb ein unverkaufter Rest von neun­undzwanzig Stück; auch wurde ungefähr dieselbe Zahl als unverkauft zurückoerladen. Zum nächsten Markt trifft wieder ein Transport österreichischen Hornviehs (Kühe) ein.

Pflanzenschutz im Winter. Hat man Pflanzen oder Gemüse unter einer ziemlich locker liegenden Decke von Stroh, Laub usw. eingedeckt, so muß man oftmals befürchten, daß in der Zeit, wo sich diese Decken noch nicht gefetzt haben und plötzlich schneidende Winde Auftreten, die Schützlinge leiden. Ein sehr einfaches und zweckmäßiges Mittel, um dieses zu verhindern, ist ein Ueberbraufeu mit Wasser. Hierdurch wird eine dünne, feste Kruste gebildet, welche das Einoringen der Winde, sowie ein Wegwehm der Decke ver­hindert.

Literatur u*6 Auuft.

Nr. 8 (3. Jahrgang) der Wochenschrift zur Unterhaltung und Belehrung für junge Mädchen »DaS HarrSrnütterchen" ist erschienen und hat solgenden Inhalt: Hauswirthschaftlicher Theil: Wochenspruck. Moralischer Muth. lieber liebloses Reden. Briefe einer Lehrerin an ihre ehemalige Schülerin. Die häusliche Rechnungsführung. Der geistige Einfluß des Kaffees. Das Corsett oder die Schnürbrust. Eine vergeffene Handarbeit. Neue Moden. Handarbeiten. Gesundheitspflege. Küchenzettel und Recepte. Unterhaltender Theil: Eine heitere Geschichte. (Fortsetzung.) Ich wollt mein Leben glich der Blüthe. Die Strandliese. (Fortsetzung.) Bunte Ecke. Auskunftsecke. Briefkasten. Anzeigen. Probenummern werden jederzeit gratis abgegeben von dem Verlage: Emil Kaulfuß in Ueckermünde.

Mit einer wahren Freude nehmen wir jedes neue Heft deS »Universum" zur Hand. Die reich illustrirte Familienzeitschrift verdient ihre Beliebtheit und stetig wachsende große Verbreitung in hohem Maße; die immer gleiche vornehme Haltung, der Reichthum an werthoollm textlichen und künstlerischen Beiträgen heben sie aus der deutschen Zeitschriftenliteratur hoch heraus. Auch das neue Heft 6 ist von altbewährter Gediegenheit. Der RomanFrau Gräfin" von Victor Blüthgen ist eine jener liebenswürdigen, fesseln­den Erzählungen, wie sie nur ein echter Dichter in glücklichster Ge­staltungskraft schaffen kann. Die NovelleMentha" von Wilhelm Jensen erscheint als eine hochsinntge, begeisterte Verherrlichung der deutschen Frauentreue. Die Artikel sind mannigfaltig und von actuellem Interesse, die Illustrationen künstlerisch vollendet.

P. K. Roseggers Schriften. Bei Beginn der längerm Herbst- wie Winterabende und in einer Zeit, wo man schon anfängt, sich mit Plänen für Weihnachtsgaben zu beschäftigen, sei rechtzeitig auf die Schriften von P. K. Rosegger aufmerksam gemacht, welche in verhältnißmäßia wohlfeilen Octav-, Miniatur- und Prachtausgaben vorliegen. Die Verlagshandlung A. Hartleben in Wien versendet, auf einfaches Ersuchen mit Postkarte, ausführliche Verzeichnisse von Roseggers Werken, welche, echt volksthümlich, sittenrein und gemüth- reich-humorvoll, die wärmste Empfehlung verdienen. K. P. Rosegger gehört zu den wmigen Schriftstellern der Gegenwart, in deren Lob die gelammte Kritik einig ist, eine Schicksalsgunst, deren er sich auch in feinen neuesten Schöpfungen^ nur würdig erweist. Selbst ein Kind des Volkes, dessen Schilderung P. K. Rosegger seine Feder widmet, weiß unser Dichter seine Erzählungen, Novellen und Romane voller Naturtreue und poetisch vertieft zu gestalten und es birgt jede einzelne derfelben einen eigenartigen Characterzug, der aus dem Leben des Volkes heraus gedichtet ist. Reiche Formengewandtheit und Mannig­faltigkeit, tiefes Gemüth und echten Humor, sowie eine ursprüngliche Weltanschauung und sittliche Kraft verrathen die Schriften P. K. Ro­seggers, welche wir aus innerster Ueberzeugung einer allseitigen freundlichen Aufnahme empfehlen.

Alle Mitkämpfer au» dem Feldzuge 1870/71, alle Angehörigen des Lehrerberufes, alle Eisenbahndeamten werden von der Redaction von »SchorerS Familienblatt" in Berlin auf­gefordert, ihr interessantestes Erlevniß in einem kurzen Artikel von höchstens zwei Spalten Länge zu erzählen. Für die sechs besten Arbeiten sind Geldpreise im Betrage von 300 Mark ausgesetzt. Gleichzeitig stellt das Familienblatt vier Preisausgaben für kunst­gewerbliche Handarbeiten mit Geldpreisen im Betrage von 500 Mark. Das Preisrichtercollegimn für diese vier Aufgaben besteht aus den Herren Professor Ewald, Director der Kgl. Kunstschule zu Berlin, Vrofeffor E. Doepler d. I., Architect Hoffacker, 2. Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler. Frau Professor Kaselowsky, Vorsteherin des Kunstarbeitsateliers des Lettevereins, und dem Verleger des Blattes. Gleichzeitig veröffentlicht die 9k. 46 von Schorers Familien­blatt, welche alle auf die Preisaufgaben bezüglichen Einzelheiten enthält, das Ergebniß der vor einigen Monaten ausgeschriebenen Amateur-Photographienconcurrenz. ES lagen 1177 Photographien

bringt ihm die italienische Reise keine Erholung, dann erfolgt sein Rücktritt vom öffentlichen Leben.

Wie dasBerl. Tagebl." meldet, wird die Vorbe­reitung der Börsenreform wahrscheinlich dem Reichsamt des Innern oder dem Reichs-Justizamt übertragen- besonders letzteres sei dazu geeignet. Als Vorsitzender der Commission werden Finanzminister Miquel und Reichsbank-Präsident Koch genannt.

München, 25. November. Landtag. Bei der Plenar- berathung der Novelle, betr. das Heimaths- und Verehe­lichungs-Gesetz, hob Minister Feilitsch hervor, wenn Bayern seine Heimaths-Reservatgesetzgebung aufrecht halten wolle, dürfe der Bogen nicht zu straff gespannt werden. Die Re­gierung werde hierzu nicht die Hand bieten.

Graudenz, 25. November. Nach demGraudenzer Ge­selligen" sollen bis Anfang Januar die russischen Grenz- garnisonen bedeutend verstärkt und die bisher garnison­freien Grenzorte militärisch besetzt werden, hauptsächlich von Kosaken und Asiaten-Truppen.

Paris, 26. November. Die Armeecommission der De- putirtenkammer genehmigte die Verschärfung des Spionagegesetzes, sodaß als zeitweilige Zwangsarbeit immerwährende als Strafe festgesetzt wird.

Rom, 25. November. Die Mittelmeerbahn beschloß, Versuche mit dem Zonentarif anzustellen.

Petersburg, 25. November. Es wird eine Prämien- Anleihe von sechs Millionen Rubel zu Gunsten der Noth- leidenden geplant. Die Fonds sollen aus freiwilligen Gaben gebildet werden. Es sollen 1200000 Billete a 5 Rubel mit Haupttreffern von 100000, 75000, 50000 Rubel aus­gegeben werden.

Podwoloczyska, 25. November. Nach russischen Meldun­gen soll für Hüls en frü chte das Ausfuhrverbot, fürOel- samen ein Ausfuhrzoll von 20 Rubel Gold per Pud bevor­stehen.

Cocale» nnd provinzielles.

Gießen, 26. November 1891.

Sitzung Großh. Handelskammer vom 20. November 1891. Anwesend waren die Herren: Koch, Scheel, Gail, Heichel­heim, Klingfpor, Kraatz, Wortmann. Die Handels­kammer Hanau hat bei dem Ausschuß des deutschen Handelstags den Antrag eingereicht, die Frage der anderweiten Festsetzung des Briefgewichts und die Erweiterung der Maximalgewichts­grenze für einfache Briese auf die Tagesordnung der bevor­stehenden Plenarversammlung des Deutschen Handelstags zu stellen. Entsprechend den von der Kammer in dieser An­gelegenheit bereits früher wiederholt gestellten^Anträgen hat dieselbe sich diesem Anträge unterstützend angeschlossen. Gleichzeitig ist Herr Reichstagsabgeordneter Dr. Gutfleisch ersucht worden, bei der bevorstehenden Berathung des Post­etats diese Angelegenheit im Sinne der von der Kammer gestellten Anträge vertreten zu wollen. Die Handels­kammer zu Frankfurt a. M. bringt eine gemeinsame Be­sprechung zur Beantragung einheitlicher Vorschläge für die die Sonntagsbeschästigung im Handelsgewerbe regelnden polizei­lichen Bestimmungen in Vorschlag. Die Kammer hat die Theilnahme an einer solchen abgelehnt, weil die eigenartig gestalteten Verhältnisse des hiesigen Platzes und insbesondere die auf die Landbevölkerung gebotene Rücksichtnahme besondere Regelung dieser Frage für den hiesigen Platz erheischen.

Neues Theater. Freitag den 27. November kommt wieder eines der besten Lustspiele Roderich Benedix'Die relegirten Studenten" zur Aufführung. Freunde dieses Autors, welche in Gießen ja sehr zahlreich vertreten sind, sollten das ausgezeichnete Lustspiel nicht versäumen. Die Be­setzung der Rollen ist die denkbar beste.

Das am 25. November ausgegebene Großherzogliche Regieruugsblatt Nr. 37 enthält: Bekanntmachung Großh. Brandversicherungs'Commission, die Ausführung des Gesetzes vom 28. September 1890, die Brandversicherungsanstalt für Gebäude betreffend. Vom 1. November 1891. Das Amtsblatt des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, Nr. 20, ent­hält Ausschreiben vom 16. November 1891 an die gericht­lichen Behörden, die Großh. Notare und die Großherzogl. Bürgermeistereien der Provinz Rheinhessen, die Fertigung der Grundbuchsauszüge betreffend.

Krankenversicherung. Es gibt immer noch Arbeitgeber, welche versäumen, bei ihnen Beschäftigte zur Allgemeinen Ortskrankenkasse anzumelden. Nachfolgender Fall dürfte der Erwähnung werth sein. Bei einem Gewerbe­treibenden zu Hersseld war ein junger Mann in Arbeit, ohne daß dessen Anmeldung zur Ortskrankenkasse erfolgte. Der Betreffende verließ seine Stelle und begab ' sich nach Frankfurt a. M., wo er bald nach seiner Ankunft erkrankte. Er wurde dort auf Kosten der Krankenkasse verpflegt und der Vorstand der letzteren sandte eine Rechnung an die Hersselder Kasse mit dem Ersuchen, die entstandenen Kosten zu übernehmen. ' Da stellte sich nun heraus, daß der Er­krankte überhaupt nicht angemeldet war, und sein früherer Prinzipal muß nun für die durch die Verpflegung in Frankfurt entstandenen Unkosten aufkommen. Möge dieser Fall zur Warnung dienen- es steht außerdem noch Strafe aus Unter­lassung der Anmeldung.

Lehrt die Kinder das Gurgeln. Auf die Zahl der Kinder, welche alljährlich einer der heimtückischsten Krankheiten, der Diphteritis, zum Opfer fallen, braucht hier nicht eingegangen zu werden, um die Gefährlichkeit derselben zu beweisen, da man in allen Kreisen von derfelben überzeugt ist, vielmehr sei bemerkt, daß die Mediciner in dem Gurgeln von Chlor­kalium u. s. w. ein oft sehr wirksames Bekämpsungsmittel haben- Es können letztere aber nur dann von demselben Gebrauch machen, wenn die Kinder Gurgeln können. Das Lernen in der Krankheit ist einmal doppelt schwer, auch ist

es andererseits nicht aus einmal damit gethan. Man kalte die Kinder daher an, daß sie das Gurgeln unter allen Um­ständen erlernen, damit sie im Krankheitsfalle Gebrauch davon machen können, und die Eltern ntcht genöthigt sind, sich eventuell Vorwürfe zu machen.

Trotzdem uns nur noch vier Wochen vom Weih' nachtsfeste trennen, merkt man leider noch wenig die Nähe desselben. Die anderwärts zu Tage tretende Annahme, daß die zahlreichen Vergnügungen, Bälle, Concerte u. s. w. es sind, welche ernste Vorbereitungen zum Weihnachtsseste, be­sonders zu den von unserer Damenwelt so beliebten Hand­arbeiten, noch nicht zulassen, trifft hierorts wohl weniger zu - immerhin ist man da, wo sonst nm diese Zeit ebenso emsig, wie geheimnißvoll gearbeitet wurde, anscheinend noch im Rück­stände. Bald aber werden sich die Damenzimmer füllen mit Arbeitsstoff, die Herren werden nach und nach in der Häus­lichkeit unsichtbar, denn aus dem Geschäft gehts gleich in die Kneipe und den Frauen, Töchtern und Schwestern ist dies Verschwinden des männlichen Elements aus den vier Pfählen des Hauses durchaus nicht unangenehm, können sie doch nur auf diese Weise ihre Ueberraschungen tüchtig fördern. Aber man kann wohl auch ganz gut annehmen, daß, je stiller das Haus vor dem Feste, je lebhafter und froher an demselben, denn je mehr Arbeit das Geschäft erfordert, je mehr Freude fließt aus demselben in die festliche Häuslichkeit. Wenn wir also jetzt unseren Lesern tüchtige Arbeit und Mühen wünschen, geschieht dies nur in der angenehmen Voraussicht, daß diese Arbeit Quelle großer Fröhlichkeit werde. Dem Kaufmann kann keine größere Weihnachtssreude bereitet werden, als wenn er ein recht gutes Weihnachtsgeschäft macht, und die liebenswürdigen Leserinnen, die ihre Lieben mit selbstgefer­tigten Handarbeiten überraschen, werden gewiß für ihre Mühen am meisten belohnt, wenn ihre Arbeiten ansprechen. Ein gutes Geschäft und geschmackvolle Handarbeiten lassen sich aber nur durch unermüdlichen Fleiß erreichen. Also vor dem Feste Arbeit, dann wird den sauren Wochen ein um so fröh­licheres Fest folgen.

A Unter-Seibertenrod, 25. November. Schon seit einem Jahr grassirt in unserer Gemeinde unter den Kindern der Würgengel Diphteritis, nach längeren oder kürzeren Pausen fordert diese schreckliche Krankheit immer von neuem wieder ihre Opfer. So sind bis jetzt nicht weniger als sechszehn Kinder erlegen, das letzte war neun Jahr alt. Das ist eine sehr große Anzahl im Verhältniß zu unserer kleinen Gemeinde.

§ Freiensteinau, 24. November. Gestern Nachmittag fiel plötzlich der Maurermeister Rühfer von hier in der Nähe seiner Wohnung in einen Brunnen. Seiner Ehefrau sowie einem Nachbar gelang es, den R. aus dem Brunnen lebend herauszuziehen, doch liegt derselbe noch schwer krank darnieder.

Bad-Nauheims 24. November. Die bisherige Pächterin der hiesigen Bahnhofsrestauration hat gekündigt und ist dieselbe mm Herrn Haberl, dem Besitzer des unmittelbar neben dem Bahnhof gelegenen neuen Hotel-Restaurants über­tragen worden.

- a- Aus dem Kreise Alsfeld, 25. November. Obwohl der Getreidemarkt zu Grünberg immer noch ein sehr bedeutender zur Zeit ist, so wird er doch nicht mehr in gleich starker Weise wie früher aus den umliegenden Ortschaften, namentlich denjenigen des Vogelsbergs, befahren. Dies kommt daher, daß Fruchthändler die Ortschaften begehen und die Fruchtvorräthe auskaufen. Da sie stets den Durchschnitts­preis des Grünberger Fruchtmarkes bezahlen, so ^verkaufen ihnen die Leute recht gern, zumal sie mancherlei Unkosten sparen. So steht man zur Zeit des Oesteren Wagen voll Getreide durch die Dörfer der nächsten Bahnstation zufahren. Begehrt ist gegenwärtig stark der Weizen- er wird per 100 Kilo durchschnittlich für 25 Mk. bis 25,20 Mk. auf­gekauft. Schade nur, daß die Landwirthe bei diesem guten Preise so wenig Weizen zu verkaufen haben.

vermischtes.

* Von der Bieber, 25. November. Am 24. ds. Mts. feierten der Mühlenbesitzer Georg Will und seine Ehefrau auf der Obermühle bei Königsberg im Kreise ihrer Kinder und Enkel das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Die Freude des sich in bester Gesundheit befindenden Jubelpaares wurde besonders gehoben durch das Geschenk Sr. Majestät des Kaisers, die Ehejubiläumsmedaille, sowie eine prachtvolle Bibel, die der Kirchenvorstand von Königsberg dem Paar ge­widmet. Am Abend brachte der GesangvereinLiederhain" von Bieber dem Hochzeitspaare ein Ständchen. Mögen Herrn Will und seiner Frau noch viele Lebensjahre in ungetrübter Gesundheit beschieden sein.

* Worbis (im Eichsfelde), 20. November. Eine ganz neue Art, sich durch ein S y m p a t h i e m i t t e l für das Leben zu finden, beweist das nachstehende Abenteuer eines jungen Baubeamten H. aus Hannover. Als er am letzten Montag im Walde des Jberges nach dem Kohnsteinfelsen zu spazieren ging, begegnete er einer tiefverschleierten jungen Dame, die einen welken Zweig in der Hand, ängstlich auf ihn zu kam. Plötzlich warf sie den Zweig hinter sich, lichtete den Schleier und küßte den jungen Mann herzhaft aus die Wangen. Dem überraschten jungen Manne stammelte die erröthende Jungfrau Entschuldigungen vor und zeigte ein Büchlein, in dem zu lesen:Mittel gegen Sommersprossen. Gehe in den Wald, promenire möglichst einsam mit einem dürren Zweig in den Händen, sobald du dann einem jungen Mann begegnest, wirs rasch den Zweig hinter dich und küsse ihm beide Wangen." Das Mittel war probat, am Mittwoch hat sich der so plötzlich geküßte, hier zum Besuch weilende Herr mit der jungen Dame, obschon die Sommersprossen nicht so rasch vergangen waren, verlobt.

* Collecte-Schwindler verhaftet. Der Betrüger, welcher im letzten Sommer und Herbst als angeblicher Diakon Wei-

mann aus Bielefeld in Wiesbaden, Kassel, Lich, Frankfurt, Köln und anderen Städten angeblich für die Bielefelder Anstalten, in Wirklichkeit für seine eigene Tasche Beiträge sammelte, ist am 24. October m Langenberg, Bez. Düssel­dorf, dingfest gemacht worden. Er ist ein 55jähriger ehe­maliger Kaufmann Namens Ferdinand Mehner und hat schon eine 5jährige Zuchthausstrafe verbüßt. Das Landgericht in Elberfeld hat die Untersuchung eröffnet.

*tt Kassel, 25. November. Eine große Anzahl Berg­leute aus dem Erzgebirge, Sachsen und Schlesien kamen gestern hier an und setzten dieselben nach kurzem Aufenthalte ihre Reise nach Westfalen in die dortigen Kohlenreviere fort. Wie es heißt, gehen dieselben nach den Kohlenzechen bei Herne und Bochum, wo gegenwärtig höhere Löhne, als in ihrer Heimath gezahlt werden, da die westfälischen Zechen durch vermehrte Bestellungen genöthigt sind, ihr Arbeits­personal zu vergrößern.

* Berlin, 22. November. Eine nette Gesellschaft birgt gegenwärtig das Untersuchungsgefängniß in Moabit bei Berlin: Leute, die in letzter Zeit unendlich oft genannt worden, nämlich den verkrachten Commerzienrath A. Wolff, die Bankiers Leipziger und Maag, die Heinze'fchen Eheleute (die Mörder des Nachtwächters Braun), die Auguste Maa us (die Mörderin ihrer Dienstherrin) und den Raubmörder Wetzel. Dazu wird in den nächsten Tagen der wegen Sitt­lichkeitsverbrechen verfolgte und in Graz verhaftete Prediger Harder kommen.