Einzelbild herunterladen

Nr. 198

Donnerstag den 27. August

1891

Der

Otzchrr erscheint täglich, ett SuLnahmr bei

Montags.

t*t Vietzmer ile*tritÄ»f4ttei erben dem Anzeiger v»ch«Mlich dreimal tzeegeleßt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

bierkelsihrigcr

>Se**e«eetsyrtiii

2 Mark 20 Pfg. »6 Bringerlohn.

Durch die Post bezog«

2 Mark 50 Pf,.

stedacrion. ExpedWl»» und Druckerei:

-chulstratze Ar

Herntprecher 51.

An»ts- uitb Anzeigeblatt für den Nrei» Gieren.

I.!2M5L1 L IIV.1 JlUJ-L-J-Hg. VlIMJgRSgsaLJBIBMBg" HllL1. X I4UA.O1 «.J-U-r-W

»°° Ln,u,.° au t« w^ttas« ffc b«. \ ^att«iknkaar' dtießetter DamikienLkätLer T 3nbJ-

»HrolCT r.g rrwrinenbm Kummet M« Bem. 10 n». | Mansoeuuge. ^imUUClUHUUXt. | Lnz-lg-° fflr hm -nz.lg.r-

Amtlichev Therl.

Bekanntmachung,

die Räude unter den Schafen zu Allendorf a/Lda. betr.

Nachdem der Verdacht auf Räude bei den Schafheerden zu Allendorf a/Lda. als erloschen gilt, heben wir die vor­sorglich angeordneten Sperrmaßregeln hierdurch wieder auf.

Gießen, am 24. August 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Torrrspondenz-Burcau.

Potsdam, 25. August. Der Kaiserpaar ist Nachts 12 Uhr 20 Minuten auf der Wildparkstation eingetroffen.

Kisfingen, 25. August. Heute Vormittag sand die Ein­weihung des Denkmals Ludwig I. statt, welches hiesige Einwohner aus karrarischem Marmor durch Professor Knoll unfertigen ließen. Der Comitevorstand, Hofrath Dr. v. Dietz, übergab das Denkmal dem Vertreter der Staatsregierung, Grafen Luxburg.

Schwerin, 25. August. Der Großherzog hat wieder mehr Athemnoth, das Befinden ist aber nach erquickendem Schlaf recht gut, die Lähmung unverändert, eine Kräftigung nicht bemerkbar.

Stuttgart, 25. August. DerStaatsanzeiger" meldet: Nachdem am 17. August zum letzten Male ein heftiger Fieberanfall aufgetreten, hat sich das Allgemeinbefinden des Königs bei besserem Schlaf und Appetit gehoben, der König konnte gestern zum ersten Male wieder nach der Tafel im Empfangssaale auf kurze Zeit erscheinen.

Wien, 25. August. Nach Bericht derPresse" sind infolge der bevorstehenden Roggensperre in Radziwillow colossale Roggensendungen aus Rußland aufgehäuft, welche aus Mangel an Waggons nicht nach Brody gebracht werden können. Für die nächsten Tage ist die nach Brody be­stimmte Roggeneinfuhr noch in bedeutend verstärktem Maße zu erwarten.

Bologna, 25. August. Heute Vormittag fand in der Nähe Bolognas ein Z u s a m m e n st o ß zwischen einem Florenzer Personenzuge und einem Bologneser Güterzuge statt. Mehrere Reisende und ein Heizer wurden verletzt.

London, 25. August. Wie derDaily Chronicle" er­fährt, hegt die Königin den Wunsch, dem Präsidenten Carnot das Großkreuz des Bathordens zu verleihen,- Car­not werde wahrscheinlich England im Frühjahre besuchen.

London, 25. August. Einer Meldung von Reuters Bureau aus Lima vom 24. August zufolge wurde der An­griff der Congreßtruppen gegen die Stellung Balmacedas zurückgeschlagen. Balmaceda beorderte Provinztruppen nach Valparaiso. Weitere 4000 Mann gehen von Coquimbo gegen Jquique vor.

Petersburg, 25. August. Es wird eine Verordnung des Finanzministers veröffentlicht, wonach bei dem nach dem Aus­lande auszusührenden Weizen eine Roggenbeimischung von höchstens 8 pCt., anderes Getreide eine Beimischung von höchstens 3 pCt. und eine Kleiebeimischung nicht über 1 pCt. des Gewichts betragen darf. Getreide mit größeren Bei­mischungen von Roggen und Kleie wird, falls es nicht bis zum 27. August um Mitternacht die erforderlichen Ausfuhr- documente erhalten, zur Ausfuhr nicht mehr zugelaffen.

Newyork, 25. August. Reutermeldung. Der Dampfer Servia" traf gestern Nacht hier ein und berichtete, er habe den DampferSuevia" von der Packetfahrt-Gesellschast am 21. August getroffen, das Schiff habe drei Schrauben­flügel verloren gehabt.

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 25. August. DieVoss. Ztg." meldet aus Wien: Das österreichische Abgeordnetenhaus tritt bereits Anfang October zur Berathung des deutsch-österreichi­schen Handelsvertrags zusammen.

Nach derPost" nimmt der König von Sachsen an den Kaisermanövern Theil, aber nur während der Erfurter Tage.

Berlin, 26. August. DasBerl. Tagebl." meldet aus Sofia: Freitag Nacht confiseirte die Polizei in einem Hause 200 Revolver und zahlreiches Sprengmaterial. Viele Verhaftungen wurden vorgenommen. Am Samstag beschlag­nahmte die Polizei im Hafen von Burgas 32 Kisten mit Waffen, drei Kisten Proclamationen, welche als Würfelzucker aufgegeben waren. Die Polizei bemüht sich, die Angelegen­heit todtzuschweigen.

Kiel, 26. August. Auf dem FahrzeugOtter" fand gestern Nachmittag eine Explosion statt. Ein Deckoffizier ist getödtet, zwei Offiziere sind schwer, zwei Mannschaften leichter verwundet.

Kiel, 25. August. Der chilenische KreuzerPresi­dente Pinto" ist jetzt behufs Vervollständigung der Aus­rüstung hier eingetroffen.

Posen, 25. August. In Folge des russischen Ausfuhr­verbots beträgt gegenwärtig die tägliche Einfuhr von Ge­treide über das Zollamt Strzalkow 20,000 bis 25,000 Ctr. Dieses Quantum wird bis übermorgen noch bedeutend steigen.

Wien, 25. August. Die Marine-Verwaltung wird von den Delegationen 36 Millionen, auf zehn Jahre vertheilt, zur Ergänzung und Neuordnung der Flotte verlangen. Die Zahl der Schlachtschiffe soll vermehrt, mehrere ältere mit neuen Maschinen versehen und die Torpedoflottille verstärkt werden.

Triest, 25. August. Aus Oberitalien werden bedeutende Hagelschäden gemeldet, in Brescia und Bergamo wurden Felder und Weingärten zerstört. Der Como-See trat aus und der Verkehr auf der Bahnstrecke Colico - Sondrio ist unterbrochen.

Rom, 25. August. Nach demCapitan Fracassa" ist die Kornernte in der römischen Campagna sehr glänzend aus­gefallen, doch steigen die Preise um 2 Frcs. für den Meter- Centner, da von Agenten auf Rechnung der französischen Regierung große Einkäufe gemacht werden.

Turin, 26. August. Während seiner hiesigen Anwesenheit hatte Rudini eine längere Besprechung mit Menabria, dem Pariser Botschafter für Italien über die Reise desKönigs Humbert nach England und die Möglichkeit einer Einladung seitens Carnots an König Humbert, da er in diesem Falle auch möglicher Weise Frankreich besuchen wird. Als Ort der Zusammenkunft würde Toulon gewählt, wo dann eine Flottenrevue stattfinden soll. Menabria befür­wortete die Versöhnung Englands mit Italien sehr und hält den Plan für günstig, bezweifelte indeffen stark die Aus­führung desselben. Rudini lehnte die Einladung einiger Freunde, eine politische Rede zu halten, aus Rücksicht auf seine College» ab, da einige wichtige Beschlüsse über die Regierungspolitik erst im nächsten Ministerrathe gefaßt werden.

Christiauia, 25. August. In der heurigen Sitzung der internationalen crimina listisch en Vereinigung verlangten sämmtliche Redner eine größere Anwendung der Geldstrafe, mit Berücksichtigung der Vermögensverhältniffe bei Zumessung derselben, sowie ein Verbot für die Um­wandlung derselben in Freiheitsstrafen. Ferner wurde die Gründung emerHolzendors-Stiftung" beschlossen, woraus Preise für die besten der zu stellenden Arbeiten über Straf­recht und Gefängnißwesen vertheilt werden sollen.

Newyork, 25. August. Das deutsche SchiffAlter" ist hier eingetroffen. Aus dem Schiffsbericht geht hervor, daß es durch Nordwestwind und schwere See am 17. und 18. August viel zu leiden hatte. Mehrere Boote, darunter ein Rettungsboot, wurden im Sturme weggeriffen.

totales uttb provinzielles.

Gießen, 26. August.

Zum Zweck der Unterstützung der Jnvaliditäts- und Altersverficherungs-Anstalt für das Großherzogthum Heffen sind

Feuilleton.

Im Ls?areth.

Bon Gottfried Quell.

I (Nachdruck verboten.)

Eben schlägt es 1 Uhr in der Nacht auf dem Thurme des Garnisonlazareths. Tiefe Stille hier oben- leise nur säuselt linder Frühlingswind in den mächtigen Laubbäumen des Parkes und in der Mainacht duften die Blumen des herrlichen Gartens so lieblich und zart. Wie friedlich schön liegt es da, das mächtige Gebäude auf der Höhe, rings von Wald umgeben! Vom Mondschein bestrahlt liegt unten die Stadt mit ihren Kirchen und Schlössern, Häusern und Häuschen! Da unten schlafen die glücklichen Menschen und träumen von Sonnenschein und Vogelsang es ist ja Mai­nacht! Und hier oben? Halb schlafend schreitet der müde Wachtposten vor dem Portale auf und ab- in der Wachtstube schnarchen die wachtfreien Grenadiere auf hölzernen Pritschen. Ach, was gibt es auch zu bewachen hier oben? Die Kranken lausen nicht davon, meint der junge Soldat, und sieht träumerisch hinauf zu den hohen Fenstern, in denen das Mondlicht silbern glänzt. Nur dort drüben auf dem linken Flügel ist ein schwaches Licht zu sehen, dort ist die Abtheilung für die Schwerkranken. Arme Kameraden! Alle seid ihr so blühend und kerngesund einst von Hause geschieden, um des Königs Rock in Ehren, mit Lust und Liebe zu tragen; wie viele wohl liegen dort oben auf der gefürchteten Station? Wen von Euch tragen sie wohl bald da hinunter, wo hinter dem rauschenden Parke der kleine Mititärfriedhof liegt, so weltabgeschieden, einsam, die Gräber nur mit schlichten Holz- -kreuzen geschmückt?

Der Soldat denkt an die Eltern zu Hause, an die Liebste in dem fernen Dorfe, und ganz leise summt er vor sich hin:Steh ich in finstrer Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht" und das Herz wird ihm schwer vor Sehn­sucht und Heimweh nach den Thüringer Bergen, der lieben Heimath an der Saale Hellem Strande mit den Burgen stolz und kühn . . . Ach, es ist ein trauriges Wachestehen vor dem großen Lazareth, wenn man an die Kameraden da drinnen denken muß! Heute ist ja auch von seinem Bataillon ein junger Grenadier hereingetragen worden, was mag ihm wohl passiert sein?

Im Schwerkrankenzimmer brennt die Nachtlampe, von grünen Schirmen verdunkelt. Der jourhabende Lazareth- gehilfe sitzt wachend davor am Tische. Sechs Betten stehen da, aber heute sind hier nur vier davon besetzt. Auch eine traurige Wache hier oben, nicht Jeder wäre im Stande, auf solchem Posten auszuharren. Welche furchtbaren Nächte hat der junge Wärter schon erleben müssen, bis er so fest von Nerven und ruhig geworden ist wie jetzt! Ach, da draußen die wonnige Mainacht und hier im Zimmer! Wie oft hat er schon den kommenden Nächten mit Grausen ent­gegengesehen, wenn Abends bei den Schwerkranken, die tags­über so regungslos, wie todt dalagen, die Dämonen des Fiebers einzogen! Die glanzlosen Augen fangen dann so schrecklich an zu glühen und mit heiserer Stimme beginnen viele zu sprechen, ja zu schreien und was für entsetzliche Dinge hat er schon hören, welche unsagbaren Qualen mit ansehen müssen! Mit zitterndem Herzen hat er als junger Soldat in diesen Zimmern, die sonst so todtenstill bei Tage sind, gehört, wie die Fiebernden die Nacht hindurch laute Gespräche führten oder durcheinander schrieen. Wie manches Mal hat er hier den Todesengel kommen sehen, wenn ein braver Kamerad zur ewigen Rast gerufen wurde! Schwer ists, hier Nachtwache zu halten.

Aber heute scheint alles ruhig zu bleiben. Hier liegen zwei, die bleiernen Schlafes, dank dem tröstenden Morphium, ihre Schmerzen und Leiden auf Stunden vergessen. Tief athmend liegen sie still da, die Armen- der eine, ein Artille­rist, ist beim Auffahren der Batterie vom Geschütz geschleudert und von Pferdehufen und Rädern gräßlich zugerichtet worden- über und über geschient und verbunden liegt er jetzt hier. Nebenan der Leidensgefährte, ein Mann von der Corps- Bäckerabtheilung, ist in der Bäckerei mit der rechten Hand ins Getriebe gekommen. Der ganze Arm ist bis ans Kugel­gelenk abgerissen worden, jetzt schläft der hilflose Krüppel- Schmerzen und Sorgen hat der gütige Schlaf auf ein Weilchen von dem armen, jungen Herzen hinweggenommen! Ach, ihr Eltern und Lieben daheim in der Ferne, ihr wißt noch nicht, was aus euren Hoffnungen, was aus den starken Stützen eures Alters geworden ist. Ihr armen Mütter, ihr armen Bräute habt heute wie alle Abende gebetet für eure Lieben, schlaft noch diese Nacht ruhig, ohne Sorgen und Kummer schon ist euer Glück zertreten und vernichtet- wie bald werden eure Augen vor strömenden Thränen überfließen?

Und noch zwei liegen da, Reservisten, die bei der acht­wöchentlichen Hebung begriffen waren und nun hier still neben einander ruhen. Landsleute und gute Bekannte sinds von der Schulzeit her, der eine ein Student, der andere ein Kaufmann. Am Bettende die kurzen Angaben:

Uoffz. d. Res. Stud. Karl Jorg, x. Grenad.-Regt., bei dem andern: Gesr. d. Res. Kaufmann Friedrich Möhring, x. Ulanen.

Aber welche Leidensgeschichten gehören dazu!

Die Hände über der Bettdecke gefaltet, scheint der Stu­dent, eine schlanke Jünglingsgestalt, friedlich zu schlummern. Eine breite, schwere Binde zieht sich um beide Augen- ach, er ist ja erblindet durch einen Schuß, der unmittelbar vor seinem Gesicht aus Versehen und Fahrlässigkeit eines Käme-