S 13.
Diese Polizeiverordnung tritt 4 Wochen nach ihrer erstmaligen Verkündigung im „Gießener Anzeiger" in Kraft.
Gießen, den 12. October 1891.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
politische Wochenschau.
Gießen, 24. October 1891
Im Mittelpunkt des politischen Interesses stand in der vergangenen Woche der mehrtägige socialistischePartei- tag zu Erfurt. Während der vorjährige Parteitag der Socialisten um deswillen eine besondere Bedeutung beanspruchen konnte, weil er die erste größere öffentliche Action der Partei nach dem Erlöschen des Socialistengesetzes darstellte, gaben diesmal drei verschiedenartige Umstände von parteipolitischer Wichtigkeit der politischen Welt die Veranlassung, den Ergebmffen des Parteitages eine eingehendere Aufmerksamkeit zu schenken. Zunächst stand die Frage aus der Tagesordnung, ob die sogenannten „Jungen", das heißt der äußerste linke Flügel der Partei, dessen meist genannte Führer Buchdrucker Werner und Tapezierer Wildberger sind, aus ihrem Verhalten während der abgelausenen politischen Saison auch auf dem Parteitag die richtigen Consequenzen zu ziehen im Stande wären und ob aus der anderen Seite die Fractionsleitung auch fernerhin Leute in der Partei dulden könne, welche die schwersten persönlichen Angriffe gegen angesehenere socialistische Führer und namentlich die Reichstags- fraction gerichtet hatten. Unter Anderem war in Berliner Versammlungen behauptet worden, daß nur ein kleiner Bruch- theil der socialistischen Reichstagsabgeordneten den Entwurf zu einem Arbeiterschutzgesetz auch nur durchzulesen der Mühe für werth gehalten hätte. Diesen und ähnlichen Beschuldigungen gegenüber forderte die Parteileitung aus das Entschiedenste Beweis oder Widerruf und stellte für den Fall, daß weder das Eine noch das Andere durchzusetzen wäre, den gewaltsamen Ausschluß der Opposition in Aussicht. Da die „Jungen" in der That weder einen Beweis ihrer Behauptungen, wenigstens in der Oeffentlichkeit, anzutreten sich entschlossen, noch sich zu einem Widerrufe bequemen mochten, war ein Bruch unvermeidlich. Eine zweite Schwierigkeit in Betreff innerer Parteiangelegenheiten war durch die Rechtsschwenkung des geistig hervorragendsten Parteigenossen, des Abgeordneten von Vollmar, welcher in seinen zwei bekannten Münchener Sommerreden eine mehr auf das practisch Erreichbare gerichtete Taetik empfohlen hatte, geschaffen worden und harrte ihrer Erledigung aus dem Parteitag. Aus diesem präcisirte Vollmar sein Urtheil über die innere politische Lage dahin, daß er an das baldige Eintreten des sogenannten tausendjährigen Reiches, dessen Beginn Friedrich Engels in London noch kürzlich in das Jahr 1898, Andere gar schon in die Jahre 1892 und 1893 verlegt haben und Dr. Liebknecht nach Verlaus von etwa zehn Jahren erwartet, unter keinen Umständen glaube. Namentlich erkläre er sich gegen die Aeußerung Bebels, daß ein allgemeiner Weltkrieg darum Wünschenswerth sei, weil durch einen solchen der Boden für die Errichtung des socialistischen Staates bereitet werde. Im Gegentheil würde ein Krieg nur zu einem Verstärken des nationalen Empfindens führen, welches sich mit socialistischer Denkweise nicht vereinbaren lasse. Dagegen meinten Dr. Liebknecht und Singer, daß Vollmar den eigentlichen Kern des socialistischen Programms mit solchen Auffassungen vollkommen bei Seite werfe und sich in bedenklicher Weise für eine biedere practische Arbeiterpartei erwärme. Practische Erfolge könnten aber von der Partei nicht um ihrer selbstwillen erstrebt werden, sondern nur weil sie ein geeignetes Mittel zur Popularisirung der Idee einer socialistischen Productions- und Consumtions-Organisation darstellten. Unter dem erregten Streit über die angeführten persönlichen und tactischen Angelegenheiten war mittlerweile das Ende des Parteitages herangekommen, ohne daß der wichtigste der zur Berathung gestellten Gegenstände, der Ent
wurf eines neuen Programmes für die Partei, zur Verhandlung gelangt war. Unter diesen Umständen blieb nichts Anderes übrig, als den Entwurf der Parteileitung in einer letzten Sitzung en bloc anzunehmen. Der Parteileitung sind durch diese Wendung weitere heftige Kämpfe erspart worden. In Bezug auf den Entwurf selber werden sich unsere Leser wohl noch aus unseren früheren Notizen erinnern, daß der Abschnitt, welcher die Haltung der Partei unter der geltenden Gesellschaftsordnung behandelt, insofern eine Einschränkung gegen früher zeigt, als eine Reihe von Befugnissen, die seither dem Volke zugesprochen wurden, nunmehr einer Reprä- sentivversammlung zugedacht sind. Hinsichtlich des Zukunstsstaates ist der Entwurf noch knapper, als das alte Programm. Die Forderung einer gleichen Amheilnahme Aller an dem Ertrage der gesammten Production ist in dem neuen Programm nicht mehr enthalten.
Von Begebnissen im Auslande macht die Zusammen- kunst des russischen Ministers des Aeußeren v. Giers mit dem italienischen Ministerpräsidenten di Rudini noch immer von sich reden. Ein Theil der Presse hatte in dem Besuche des russischen Ministers einen Versuch Rußlands erblickt, Italien dem Dreibunde abwendig zu machen. In unterrichteten Kreisen ist man sich indessen über die Haltlosigkeit dieser Annahme nicht im Geringsten im Zweifel. Rudini ist als überzeugter und entschlossener Anhänger des Dreibundes zu bekannt, um einer solchen Auffassung auch nur einen Schein von Berechtigung zu gewähren. — In Frankreich haben nunmehr wie in Oesterreich und Ungarn die Parlamentsverhandlungen wieder begonnen. Es heißt, daß in den Kreisen der Abgeordneten über die Erfolge auf dem Gebiete der auswärtigen Politik, welche während der Sommerferien erzielt worden sind, hohe Befriedigung herrscht.
Cocales unt Provinzielles.
Gießen, 24. October.
— Dramatische Vorträge von Oscar Zack. Der am Mittwoch, den 28. d. Mts. stattfindende zweite Vortrag des Herrn Oscar Zack bringt seine Novität aus dem Reiche der romantischen Dichtung, nämlich das Märchen „Licht" von Frieda Schanz. Es ist das süße Märchen der Liebe, das sich in den schwungvollen Versen abspinnt, und dessen holdes Geheimniß zuletzt versöhnend gelöst wird. Frieda Schanz hat ein harmonisches Kunstwerk in dieser Dichtung geschaffen. Ihre glücklichste Dichterstunde hat sie es beginnen und vollenden lassen. Wenn es im Leben des Dichters eine Epoche giebt, in welcher sich all' seine Kräfte am schönsten entfalten, in welcher sich die Schwingen seines Geistes am mächtigsten regen, so kann die besprochene Dichtung nur in einer solchen Epoche entstanden fein. Die Formvollendung der Sprache, der Zauber der Individualität, die gedankliche Vertiefung vereinigen sich darin zu innger Harmonie und ein berauschender Märchenduft, das süße Geheimniß keuscher Liebe, die durch die Dichtung wehen, erwecken eine Spannung, die mit den letzten Versen wie ein schmelzender Accord ausklingt.
— Der Getreidemarkt. Die Getreidepreise in Europa und besonders in Deutschland halten sich immer noch auf bedeutender Höhe, wenn auch zuweilen ein beträchtliches Sinken der Roggenpreise zeitweilig beobachtet werden kann. Allgemein gilt jetzt die Ansicht, daß die Hausse-Partei mit dem Kornhandel eine Art Kornwucher treibe und auf höhere Preise noch bestehe, während die wirkliche Lage des Getreidemarktes eigentlich eine Ermäßigung der Getreidepreise herbeiführen müsse. Diese Anschauungen können im Hinblick auf manches verwerfliche Börsenmanöver allerdings ihre Berechtigung haben, aber es darf dabei doch nicht verkannt werden, daß die Hausse-Partei an der Getreidebörse durch wirkliche Thatsachen, das heißt, durch geringes Angebot und starke Nachfrage unterstützt wird. Tritt erst das Angebot stärker auf, so muß auch die Hausse-Partei eine schwere Niederlage
erleiden. Von Europa aus kann in diesem Jahre aber ein Druck auf die Getreidepreife nicht geübt werden, da die Ernte in Europa viel zu wünschen übrig ließ. Der Preis- rückschlag auf dem Getreidemarkt kann nur von Nordamerika ausgehen, wo eine überreiche Ernte gemacht worden ist. Thatfächlich sind auch in Amerika die Getreidepreife feit acht Tagen ganz bedeutend gefallen, und es ist im hohen Grade wahrscheinlich, daß das Sinken der Getreidepreife in Amerika über kurz oder lang auch eine Ermäßigung der Getreidepreife in Europa zur Folge haben wird. Vorläufig ist davon allerdings noch wenig zu merken, weil locale Verhältnisse an den deutschen, österreichischen, russischen Börsen u. s. w. noch maßgebend sind.
VevMischLes.
* Eine interessante Mittheilung über unsere Postkarten und Briefmarken veröffentlicht die „Papier-Zeirung": „Auf der Vorderseite der deutschen Reichspostkarten findet sich in der rechten unteren Ecke stets eine Reihe kleiner Ziffern und Buchstabe», deren Bedeutung nicht Vielen bekannt sein dürfte, aber gerade für das Papierfach Interesse bietet. Aus einer uns vorliegenden Postkarte steht zu B. „391 g." Das bedeutet : Der betreffende Postkartencarton ist im dritten Monat, also im März des Jahres 1891, geliefert worden, und zwar als siebente Lieferung in diesem Monat. Die erste Ziffer bezeichnet somit den Monat, die zweite und dritte das Jahr, der angefügte Buchstabe, feinem Range im Alphabet gemäß, die Cartonlieferung. Da die letztere in der Regel sofort verarbeitet wird, so bieten die Zeichen auch einen Anhalt für die Ausgabezeit der betreffenden Karte. Aber nicht allein Nummern und Zeit der Lieferung, sondern auch der Name des Cartonlieferanten läßt sich für den Eingeweihten aus jeder Postkarte ersehen. Hierzu dient ein durchaus unauffälliges Merkmal in der für Straße und Hausnummer bestimmten Punktlinie. In dieser Linie fehlt nämlich stets irgendwo ein Punkt und je nachdem die Lücke an der linken oder rechten Seite sich befindet, sowie je nach der Zahl der abgetrennt stehenden Punkte kann der eingeweihte Beamte der Postverwaltung oder der Reichsdruckeeei sofort die liefernde Firma erkennen. Diese Maßregel ist hauptsächlich deßhalb getroffen worden, um stets die Bezugsquelle feststelleu zu können, wenn sich am Carton Mängel, insbesondere ungenügende Leimfestigkeit, zeigen. Die neueren Reichspost- marken besitzen ein untrügliches Kennzeichen, welches Gelegenheit bietet, ihre Echtheit sofort festzustellen. Dasselbe ist in weiteren Kreisen noch völlig unbekannt und besteht darin, daß sich beim Befeuchten der Marke mit concentrirtem Ammoniak blaßrothe Querstreifen zeigen, welche sehr bald wieder verschwinden , die Marke also nicht dauernd entstellen. Die chemische Lösung, welche in der beschriebenen Weise reagirt, wird bei der Gummirung aufgetragen. Postkarten mit aus- gedruckter Marke zeigen diese Streifen daher nicht."
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vom 25. Oktober bis 8. November 1891.
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Gießen, den 24. October 1891.
Großh. Polizeiaml Gießen. Fresenius.
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