Ausgabe 
25.2.1891
 
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>asselbe unter Aufwendung der erforderlichen geringfügigen I Mittel, um eS vor Verfall zu schützen, stehen zu lassen. Die I Stadt Gießen soll an der Freilegung des Platzes ein Interesse I besitzen. Trifft dies zu, so könnte ihr daS Gebäude mit Platz, lediglich unter Berechnung des Grundwertes und der Be­dingung deS Abbruchs, beziehungsweise der Herstellung und Unterhaltung des sogen. Heidenthurmß überwiesen werden." , . . . I

Es ist schon bei den verschiedensten Gelegenheiten darauf aufmerksam gemacht werden, daß diealte Kanzlei", früher dasalte Schloß" genannt, ein hohes architectom- scheß und geschichtliches Interesse hat. Von der ersten und ältesten Burg Gießens hinter der Stadtkirche hat sich kein Stein erhalten. Nur derBurg grab en" ist noch in dem Namen der engen Gasse erhalten, die neben dem Schulhos- schen Hause nach dem (Seife Balzer und weiter führt. Wenige I alte Burgmannenhäuser (Leib, Wallenfels, Bourgeois) stehen auch noch. Dann wurde bei Vergrößerung der Stadt in der Mitte des 14. Jahrhunderts das alte Schloß erbput, das als Muster einer alten Wasserburg gelten kann. Hoch ragt der Bergfried, jetzt Heidenthurm, über den Palas und die zugehörigen Wohn- und Diensträume und Stallungen. Bis aus Landgraf Ludwig IV. wohnten die hessischen Landesherren mit ihren Familien in diesemalten Schloß." Landgraf Philipp der Großmiithige hielt sich während der Sickinger Fehde hier aus. Aber auch nachdem dasneue Schloß" aus dem Brand 'neben dem Zeughaus, jetzt alte Kaserne, 1570 als landgräfliche Residenz gebaut war, verlor | das alte seine Bedeutung nicht. War es auch vorzugsweise der Sitz der höchsten Behörden des Landes, so wurde es doch ost genug von den Landgrafen besucht, ja Georg II., der Gelehrte (16261661), der während des furchtbaren Krieges das früher neben demalten Schloß" stehendealte Um- versitätsgebäude" bewohnte, erbaute zur besseren Verbindung mit seinen Behörden von hier hinüber nach dem alten Schloß tine Brücke, die erst 1763 abgerissen wurde. Auch während des größten Theils unseres Jahrhunderts waren hier ver­schiedene Behörden untergebracht und in dieser Zeit vielfach durch an- und ausgesetzte Fachbauten vergrößert, aber auch architektonisch verdorben.

Die zwei Jahre, wo es als Kaserne diente, verwüsteten das alte Gebäude außerordentlich. Gefache sind eingeschlagen, in den Fußböden große Löcher und überall liegen fußhohe Haufen von Schutt. Für die Zertrümmerung der äußeren Fenster haben die Gassenbuben gejorgt; die im Innern sind von den Soldaten zerschlagen oder zerschossen. Am schlimmsten aber sieht es mit dem Dache aus, das nicht mehr das Wasser abhält. Würde dieses erneuert, so wären alle anderen Aus­besserungen nur Kleinigkeiten, aber ein neues Dach kostet Geld.

Es ist mit allergrößtem Danke begrüßt worden, daß eine besondere, im Auftrage Sr. Königlichen Hoheit des Groß- herzogs bestellte Commission die Kunstdenkmäler in unserem Großherzogthum bearbeitet und nach und nach herausgiebt. Drei Kreise, zuletzt Büdingen, sind erschienen. Den Kreis Gießen hinterließ Geh. Rath H. v. Ritgen bei seinem Tode drucksertig. In dieser ungemein fleißigen und sorgfältigen Arbeit sinder auch die alte Kanzlei ihre gebührende Wür­digung, mehr als an dieser Stelle der Fall sein kann. Auch zahlreiche Zeichnungen, Grundrisse, Durchschnitte u. s. w. hat Herr v. Ritgen zu diesem Zwecke entworfen und hinter- lasien. '

Im Cap. 115 des Staatsbudgets fordert die Regierung fürErhaltung und Restauration staatlicher Bau- und Kunst- Lenkmäler" für die neue Periode 3000 Mk., also 4092 Mk. | weniger, als in der vorigen Budgetperiode. Der Finanz- | ausschuß hat sich denn auch über diese Minderforderung nicht wenig gewundert, aber beantragt, die 3000 Mk. zu be­willigen.

Wären die für das Abreißen deralten Kanzlei" an- gesetzten 9900 Mk. mit den für Erhaltung geschichtlich be­deutsamer Gebäude nicht geforderten 4092 Mk. zufammen- geroorfen worden, so hätten die nahezi^ 14000 Mk. hingereicht, um unsere alte Wasierburg in Dach und Fach wieder her- zustellen.

Auch Geh. Rath v. Ritgen, der kenntnißreichste Fach­mann in Bezug auf mittelalterliche Bauten, mit dem wir mehrfach noch kurz vor seinem Tode das Gebäude in allen seinen Theilen vom Keller bis zum Speicher be- und unter­suchten, war der Ansicht, man solle alle im Laufe der Zeit angeflickten Holzbauten abreißen. Das noch verbleibende un­verwüstliche Steinmauerwerk des ursprünglichenalten Schlosses" wäre neu zu decken und mit seinen großen Hellen Räumen als Beamten- oder Privatwohnung oder auch zur Ausstellung von Gemälden (Kunstverein) und Alterthümer tGeschichtsverein) zu verwerthen. Aus diese Weise bliebe unserer Stadt der geschichtlich älteste und bedeutsamste Ban erhalten.

Betrachtet man ein Bild Gießens aus der Festungs­zeit, so ragen über die hohen Wälle eine große Anzahl noch höherer Thürme, von denen nichts mehr vorhanden ist. Sie mußten fallen des gesteigerten Verkehrs wegen. Gefallen ist auch die alte Aula und an ihre Stelle wurde der häßlichste viereckige Kasten gestellt, der überhaupt denkbar ist. Die Stadt hat sich erneuert, aber der poetische Hauch des Alter- Ihümlichen verschwindet immer mehr und mehr.

Den Heidenthurm allein stehen zu lasten hat keinen Zweck. Der in Darmstadt stehendeweiße Thurm" war ein Theil der Gesammtbesestigung, aber niemals wie der Heiden- rhurm nur Theil einer Burg. Deßhalb muß er mit dieser erhalten werden, ober, wenn wirklich unser Land und unsere Stadt zu arm sind, um dasalte Schloß" zu erhalten, dann möge alles fallen. Man wird dann auch wieder an dieselbe Stelle geschmacklose Wohnhäuser stellen, die auch anderwärts ebensogut einen Platz gefunden hätten. Aber die Reue kommt Lann zu spät.

Locale» wnb provinzielles.

Sieten, 24. Februar.

Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 26. Februar 1891, Nachmittags I 3 Uhr:

1) Gesuch des Kellners Friedrich Simon zu Gießen um Ertheilung der Wirthschaftsconcefsion. 2) Gemeindesteuerschuld I der Elisabetha Weber Erben. 3) Gesuch der Firma Kauffmann und Co. um Bauerlaubniß. 4) Ausführung des Nahrungsmittel- I gefetzes vom 14. Mai 1879, hier die öffentlichen Anstalten zur Untersuchung von Nahrnngs- und Genußmitteln und Gc- I brauchs-Gegenständen. 5) Uebernahme einer Garantie für die katholische Kirchengemeinde wegen 1500 Mk. 6) Berathung I des Voranschlags der Stadt Gießen fürs Etatsjahr 1891/92. I

s. Concertverein. Das vierte Coneert des Gießener I Concertvereins war ausschließlich der Kammermusik gewidmet. Frau Florence Bassermann (Clavier) und die Herren Fritz Bassermann (Violine) und Hugo Becker (Cello) I aus Frankfurt a. M. spielten das neue Trio in C-moll von Joh. Brahms op. 101 und das ältere D-moll-£rio op. 63 von Robert Schumann. Die musikalische Bedeutung der I beiden Werke ist bereits vor dem Concerte von anderer Seite einer treffenden Würdigung unterzogen worden, aus I die wir verweisen. Es fei nur hinzugefügt, daß dem Character der Tonwerke entsprechend die Ausnahme des Schumann'schen Trios eine weit wärmere war als diejenige der Brahms'schen Composition. Die Ausführung verdient bei beiden Tonschöpfungen die gleiche rückhaltlose Anerkennung, I in technischer Beziehung so gut, wie in Anbetracht der vor- I nehmen innigen und energischen Auffassung, die naturgemäß I in der Schumann'schen Composition zu ganz besonderer I Geltung gelangte. Das Cellospiel des Herrn Hugo Becker sei hier wegen seiner klaren Schönheit und Discretion aus­drücklich hervorgehoben. Frau Florence Bassermann e^ecutirte als Solopiecen das Liszt' sche Waldesrauschen, I die Nocturne in Aa-dur op. 32 von Chopin und die Concert- I etube in C-dur von Anton Rubinstein. Den ungewöhnlichen Ansorberungen, bie biefe Compositionen breier Meister bes Clavierspiels an bas technische Vermögen des ausführenden Pianisten stellen, wurde Frau Bastermann in virtuoser Weise ebensowohl gerecht, wie sie den geistigen Gehalt der Compositionen zartsinnig und fein zum Ausdruck brachte. Den lebhaftesten Beifall sanden inbeffen bie Gesangsvorträge bes Herren Dr. Gunz. Es ist ja nicht zu leugnen, daß die Stimme des Künstlers mit der Zeit in etwas jenen frischen Schmelz eingebüßt hat, den wir für gewöhnlich gerade bei Tenören nicht misten mögen. Was aber Herr Gunz nach dieser Richtung verloren hat, das ersetzt er so vollkommen durch feine eminente Gesangeskunst, daß er auch heute als Sechziger der tiefsten Wirkung noch überall sicher sein kann. Das bestätigte sich auch gestern wieder, wo dem sonst herkömmlichen Brauche in den Concertvereinsconcerten zuwider, der Beifall schon nach dem ersten Auftreten des Sängers so stürmisch war, daß er sich schon hier zu einer Zugabe entschließen mußte. In der That waren denn auch seine Liedervorträge (Schuberts Lindenbaum, Ellens Gesang, Ungeduld, und vier Rattenfänger­lieder aus dem Singuff von Franck) wahre Perlen musikalischer Gesangeskunst.

w. Theater. Mit der Wiedergabe derGrille" in dem bekannten Birch-Pseiffer'schen Schauspiele dieses Namens schloß am Sonntag Abend Thessa Klinkhammer ihr glänzendes und erfolggekröntes Gastspiel im Neuen Theater ab. Das Haus -war trotz der Neueinrichtung weiterer Sperr­sitze buchstäblich bis auf den letzten Platz ausverkauft, was nach unserer Erinnerung seit Jahren, sicherlich in diesem Maße, | hier nicht erhört war. Nicht minder erreichte der Beifall, mit dem die Künstlerin überschüttet wurde, eine für Gießener Verhältnisse ganz ungewohnte Stärke und Wärme. Es ist ja richtig, daß in unserer realen und nüchternen Zeit der Geschmack der Menschen sich mit den weltfremden, idyllischen, ja oft geradezu märchenhaften Situationen und Gestalten, wie I sie in fast allen dramatischen Werken der Birch-Pfeiffer I I Vorkommen, zumeist nicht mehr recht abzufinden weiß, während I I vordem gerade diese Seite der Arbeiten unserer Dichterin auf I I das Publikum einen ganz besonderen Eindruck zu machen I pflegte. Aber ebenso fest steht es, daß dieGrille" mit I I einer Thessa Klinkhammer als Fanchon auch heute noch überall I unfehlbar durchschlagen wird. Die umfangreiche Titelrolle I gewährt der Künstlerin wie kaum eine andere Parthie die I Möglichkeit, speziell ihr virtuoses Können nach allen Seiten in das blendendste Licht zu rücken. Von dem wildesten buben­haften Trotze bis zur zartesten Mädchenhaftigkeit, vom rauhen Spotte bis zu den Lauten beseligender Liebe reicht die Scala der Töne, die einer Darstellerin der Grille zur Verfügung stehen müffen und von Thessa Klinkhammer mit überlegener Meisterschaft beherrscht werden. Aus ihrer Palette fehlt keine ! I Farbe, und in den Bildern, bie sie entwirft, auch nicht bie 1 zarteste Nuance. Ihre Grille war ein Cabinetsstück über- zeugenber unb ergreifeuber Darstellungskunst und wird hier ebensowenig vergessen werden, wie bie übrigen Schöpfungen ber Künstlerin, an die wir bei ihrem Abschied von Gießen | mit beut herzlichen Danke für bie Stunben reinsten Genusses, die sie uns bereitet hat, bie Bitte richten möchten, auch uns ihrerseits ein sreunbliches Anbeuten zu bewahren und balb einmal hierher wiederzukehren. Eine recht tüchtige Leistung bot von den Mitgliedern des Theaters Herr Goullon, der warm unb treffend den Landry barstellte. Gut waren Frl. Unger als Faber unb im Großen unb Ganzen auch Herr Winolt als Barbeaub. Recht gelungen machte sich das Spiel des Herrn Biebrach in ber ziemlich simplen Nolle des Dibier.

Theater. Am nächsten Freitag findet für Herrn Rudolf Biebrach, der sich durch fein schönes Talent und seinen unermüdlichen Fleiß hier rasch allgemeine Anerkennung und Beliebtheit gewonnen hat, eine Benefizvorstellung statt. Gegeben wird ein von Paul Lindau für das Kaiser!, unb Königliche Hosburgtheater in Wien eingerichtetes spanische- Drama von Josö Echegaray, in bem Herr

Biebrach eine Rolle von ernstem Character, ähnlich seinem Willy unb Robert, creiren wirb. Die Vorstellung ist zugleich die letzte in dieser Saison.

Wegen schweren Diebstahls wurde gestern ber Haus- bursche eines hiesigen Flaschenbierhänblers verhaftet. Der­selbe hatte bem Kellner mittelst Nachschlüssels ober auf ähn­liche Weise ben Koffer geöffnet unb 17 Mk. baraus entwendet. Der Deschulbigte ist aus Wieseck unb im Jahre 1888 schon einmal wegen schweren Diebstahls (bamals hatte er 185 Mk. gestohlen) mit 1 Jahr 3 Monate Gesängniß bestraft worden.

Laubach, 20. Februar. Heute würbe Seitens ber Stadt Laubach mit Herrn Ingenieur Hilliger in Frankfurt a. M. enbgiltig ber Vertrag abgeschlossen, wonach sofort nach Ein­tritt besseren Wetters ber Bau einer Wasserleitun g in Angriff genommen wirb unb hoffen wir, baß unserem auf­wärts ftrebenben Stäbtchen noch vor Herbst diese wohlthätige Einrichtung zu Theil werden wird.

Friedberg, 21. Februar. Das hiesige Schullehrer- s em in ar war im verflossenen Schuljahre von 109 Zöglingen besucht, wovon 106 ber evangelischen unb 3 ber katholischen Consession angehörten. Darunter waren Söhne von Lanb- wirthen 47, von Lehrern 14, von Handel- unb Gewerbe- treibenben 26, von Beamten 22; aus (Stabten über 10,000 Einwohnern 2, aus (Stäbten zwischen 10,000 unb 2000 Ein­wohnern 30, aus Orten unter 2000 Einwohnern 77; vor­bereitet in Präparanbenanstalten 73, von Lehrern 11, in Realschulen 25; aus ber Provinz Oberhessen 86, Starken­burg 21, Hessen-Nassau 2; zur Zeit ber Aufnahme im sechs- zehnten Lebensjahre 8, im siebzehnten 24, im achtzehnten 33, im neunzehnten 25, im zwanzigsten 18, im einunbzwanzigsten unb älter 11. Die öffentliche Entlassungsprüsang findet am 26. Februar statt, die Aufnahmeprüfung beginnt Montag ben 23. März und das Schuljahr Montag ben 20. April.

Kleine Mittheilungen auS dem Großherzogthum Heßea. Das Reichspostamt hat sich bereit erklärt, eine Fernsprech­verbindung Coblenz-Mainz herzustellen, wenn von ben Betheiligten die Gewährleistung einer jährlichen Mindest­einnahme von 8000 Mk. übernommen wird. Wie aus Saftet berichtet wird, hat sich dort im Jahre 1890 ber Consum an Ochsenfleisch um 50 pCt. verringert, während der Consum von Rindfleisch um etwa 80 pCt. zurückging. Schweine wurden circa 3U0 weniger geschlachtet. Am Sonntag sprang in (Saftet ein Arbeitsmann in einem Anfalle boi\» Irrsinn aus dem Fenster, hielt sich aber während des Sturzes I an ,bem unteren Fensterrahmen fest, so daß er zwischen Himmel unb Erbe schwebte. Mehreren vorübergehenben Männern gelang es, ben Mann aus feiner gefährlichen Lage zu be­freien. In Worms wurde am Sonntag ein dreijähriges Kind von einem aus einer alten Thüre herausfallenden Thür- dalken erschlagen. Als vor etwa vierzehn Tagen ein im Mainzer Floßhasen überwinterter Dampfer abfahren wollte, erweckte das hierdurch entstandene Krachen des Eises einen in einem Schelch schlafenden Schiffer. Wahrscheinlich in bem. Glauben, es sei ein Unglück passirt, sprang ber schlaftrunkene Mann aus bem Schelch mitten in bie von bem Dampfer ge­brochene Fahrrinne unb ertrank. In Pfungstabt stürzte am Samstag ein 23 Jahre alter Mann beim Tannenzapfen­brechen von einer hohen Tanne und brach babei beibe Beine unb einen Arm.

August Wilhrlmj.

Wilhelrnj, August Emil Daniel Friebrich Victor der gefeiertste unb populärste Geiger feit Paganini, ist am 21. September 1845 geboren. Des Künstlers Vater ist der weithin berühmte Rheingauer Weiuprobucent vr.^uria August Wilhelrnj zu Hattenheim, ehemals Kvnigl. Preuß. Obergerichts- Anwalt. Trotz aller Anzeigen einer hervorragenden musikalischen Begabung war Wilhelmjs Vater gegen eine ihr entsprechende Berufswahl. Er hatte ihn vielmehr für die Gelehrten-Laaf- bahn bestimmt und erst nach langem Zögern fügte er sich unter ber Bedingung, daß ein competenter Kunstrichter die Anlagen Augusts bedeutend genug fände. Im Frühjahre 1861 wandte sich daher W. nach Weimar an Franz LiSzt. Bei dieser für fein Leben entscheidenden Prüfung spielte et Liszt Louis SpohrsGesangsscene" unb H. W. Ernsts Ungarische Weisen" vor. Liszt, ber ihn auf bem Clavier accompagnirte, erkannte sofort bie hohe Begabung unb nachbem auf sein Verlangen W. noch Einiges prima riata gespielt unb auch bieser Aufgabe sich mit erstaunlichem Geschicke ent- lebigt hatte, sprang der Clavierheros auf und rief:Und da konnte man noch über Ihren Beruf schwanken?! Die Musik ist Ihnen ja angeboren! Sie sind so sehr für die Geige

prädestinirt, daß dieselbe für Sie hätte erfunden werden müssen, wäre sie noch nicht dagewesen! Arbeiten Sie fleißig weiter; die Welt wird noch von Ihnen reden, junger Mann! Einige Tage später geleitete Liszt seinen neuen Protege nach Leipzig, um Ferdinand Davids vielbewährter Leitung die weitere Ausbildung anzuvertrauen:Hier bringe ich Ihnen ! den künftigen zweiten Paganini" mit diesen Worten führte er ihn einsorgen Sie für ihn!" Von 1861 bt 1864 gehörte W. darauf bem Leipziger Conservatorium an; zu Lehrern in ber Theorie der Musik hatte er hier Montz Hauptmann und Ernst Friedrich Richter, in Wiesbaden später noch Joachim Raff. Was Wilhelmjs Specialität als Geiger betrifft, so steht er anerkannt als Solist wie Quartettist gleich hoch; besonders hervorzuheben aber sind feine Leistungen m ben letzten Quartetten Beethovens und in den Werken der neueren Tondichter. Johann Sebastian Bach wird von Keinem so vollendet interpretirt, als von Wilhelrnj. Als ihn einst­mals Richard Wagner dieChaconne" vortragen hörte, stet er ihm mit Thränen in ben Augen um ben Hals unb sagte

Reben kann ich nicht, lieber Wilhelrnj aber Sie müffen fühlen, welchen Einbruck Sie aus mich gemacht haben. ® ist bas Größte, was mir in der reprobuctiöen Kunst noch jemals vorgekommen ist." Ebenso gibt es feinen ®e fler, welcher bie sämmtlichen Compositionen Paganinis mit solche