Ausgabe 
25.1.1891 Zweites Blatt
 
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Nr. 21 Zweites Blatt. Sonntag den 25. Januar

1891

Der

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Aus der deutschen HsndrlsstatistiK.

Die statistische Uebersicht über Deutschlands Maaren- Einfuhr und Ausfuhr im Jahre 1889 ist kürzlich zur Ver­öffentlichung gelangt und weist sie nach verschiedenen Rich­tungen hin interessante und bemerkenswerthe Daten aus. Vor Allem erhellt aus ihnen, daß der Werth der Einfuhr nach dem Deutschen Reiche denjenigen der Ausfuhr im genannten Jahre insgesammt um 820 57000O Mk. überstiegeu hat, wo­mit sich also aus's Neue zeigt, daß Deutschland weit mehr vom Auslande empfängt, als es dahin abgibt. Diese ja be­kannte, aber jedenfalls höchst beachtenswerthe Thatsache erhält indessen noch eine besondere Beleuchtung, wenn man berück­sichtigt, nach welchen Staaten einerseits das Deutsche Reich seine Maaren hauptsächlich aussührt und welche Länder andererseits Deutschland am meisten mit ihren Producten versorgen.

An der Spitze der an der Einfuhr nach Deutschland am meisten beteiligten Staaten steht England, wie dies schon von jeher der Fall gewesen ist, denn das britische Jnselreich sandte uns im Jahre 1889 für 674 863000 Mk. Maaren. Dann folgen in der Einfuhr Rußland (551707 000 Mk.), Oesterreich-Ungarn (537 249 000 Mk.), sodann Nordamerika (347 500000 Mk.), Belgien (337 203 000 Mk.), Holland (286 180000 Mk.), Frankreich (285 435000 Mk.), Schweiz (181074000 Mk.), Italien (148 796 000 Mk.)- von den nachfolgenden Staaten Brasilien, Britisch-Ostindien, Argen­tinien, Chile überschreitet keiner mehr in seiner Maaren- Einfuhr nach Deutschland die Werthgrenze von 100 Millionen Mark. Wesentlich anders ist jedoch die Reihenfolge dieser Länder, wenn man dieselben nach den Maaren ordnet, die sie im Jahr 1889 von Deutschland empfingen. Allerdings mar- schirt auch hier England an der Spitze, denn die deutsche Waaren-Aussuhr nach Großbritannien betrug im Jahre 1889 nicht weniger als 651 777 000 Mk., dann aber folgt Nord­amerika, welches für 395 037 000 Mk. Maaren von Deutsch­land erhielt. Es reihen sich sodann an Oesterreich-Ungarn (340 762000 Mk.), Holland (258 189 000 Mk.), Frankreich (210110000 Mk.), Rußland (196899 000 Mk.), Schweiz (177 402000 Mk.), Belgien (137 211000 Mk.), Italien (103 377 000 Mk.), Argentinien (60 672 000 Mk.) u. s. w.

Mit England steht also Deutschland im weitaus lebhaf­testen Waarenverkehr, denn derselbe betrug im Jahre 1889 seinem Gesammtwerthe nach rund 1326 Millionen Mark und diese lebhaften Handelsbeziehungen entsprechen erfreulicher Weise dem sich immer freundschaftlicher gestaltenden politischen Verhältnisse beider großen Mächte zu einander. Eine beson­dere Bedeutung besitzen indessen die Vereinigten Staaten von Nordamerika für die deutsche Waarenausfuhr, die letztere über­stieg die Waareneinfuhr aus der Union im Jahre 1889 um

ca. 77 Millionen Mark und diese Thatsache fällt für Deutsch­land um so schwerer in's Gewicht, als Nordamerika über­haupt das einzige Land ist, bei welchem die Einfuhr deutscher Maaren den Export der eigenen Producte nach Deutschland überwiegt. Die deutsche Industrie hat daher alle Ursache, sich dieses ihr wichtigstes Absatzgebiet zu behaupten und glück­licherweise ist Nordamerika trotz der Mac Kinley-Bill noch lange Zeit daraus angewiesen, viele seiner wichtigsten Bedürf­nisse hauptsächlich vom deutschen Markte zu beziehen. Das größte Uebergewicht der Einfuhr über die Ausfuhr weist ver- hältnißmäßig Deutschlands Waarenverkehr mit Britisch- Ostindien und mit Rußland auf, namentlich ist die russische Einfuhr in den letzten zehn Jahren erheblich gewachsen. Ruß­land sendet uns vorzugsweise sein Getreide, gleichwie Oester­reich-Ungarn, und dies beweist, welche wichtige Stellung beide Staaten in Bezug aus die Versorgung Deutschlands mit Ge­treide einnehmen,- sollte eine Ermäßigung der deutschen Getreidezölle eintreten, so würde natürlich diese Bedeutung sich noch steigern. Was die deutsche Ausfuhr nach Frankreich anbelangt, so überwog dieselbe zwar bis zum Jahre 1889 noch immer die Einfuhr von dort, aber in stets abnehmendem Maße und das genannte Jahr weist zum ersten Male ein noch dazu beträchtliches Ueberwiegen (ca. 75 Millionen Mark) der französischen Einfuhr nach Deutschland über den deutschen Export nach Frankreich auf. Sollte, wie es den Anschein gewinnt, die gegenwärtig stark schutzzöllnerische Strömung in Frankreich vollständig zum Durchbruche gelangen, so würde in Zukunft der deutsche Absatz nach Frankreich voraussichtlich noch weit mehr abnehmen. ____________________________

Deutscher Reichstag.

50. Plenarsitzung. Freitag, 23. Januar 1891, 1 Uhr.

Der mit Oesterreich geschlossene Vertrag, betr. den Anschluß der österreichischen Gemeinde Mittelberg an das Zollsystem des deutschen Reiches, wird ohne wesentliche Debatte in erster und zweiter Berathung genehmigt. .

Sodann wird die zweite Etatberathung mit dem Special- Etat des Reichsamts des Innern und dem Anträge des Abg. vr. Barth (dfr.) auf Aufhebung des Verbots der Einfuhr amerika­nischen Fleisches fortgesetzt.

Abg. Dr. Windthorst (Etr.) tragt den gesundheitlichen Be­denken, welche der Aufhebung des Verbotes entgegenftehen, im vollen Umfange Rechnung; dennoch dürfe das Verbot keine Conttnental- fperre zu Gunsten der Agrarier werden. Die verbündeten Regierungm hätten sich längst mit der amerikantfchen Regierung in Verbindung setzen sollen, um die nöthigen Garantien für die gesundheitlich gute Beschaffenheit deS einzuführenden amerikanischen Schweinefleisches zu vereinbaren.

Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Die bestehende Unter­suchung des exportirten Fleisches in Amerika ist völlig ungenügend. Die amerikanische Regierung fordert auch für das bei ihr etngeführte Fleisch eine wett gründlichere Untersuchung, als sie selbst dem dort ausgeführten Fletsche angedeihen läßt. Wir kommen bei solcher Einfuhr in eine schlimme Lage. Wir haben das jetzt an der russischen

Grenze gesehen, wo von sämmllichen Viehtransporten nur ein einziger unverseucht war. (Hört! hört!) Dabei weigern sich die russischen Behörden, die zurückgehenden Transporte wieder anzunehmen. Wir sind keine princtptellen Gegner der amerikanischen Einfuhr; sobald die gesundheitliche Gefahr beseitigt ist, können wir der Aufhebung des Verbots näher treten.

Abg. Dr. Marquardsen (natl.) anerkennt die gesundheitliche Gefahr, stimmt aber dem Anträge in dem Sinne zu, daß die ver­bündeten Regierungm Bedacht nehmm, diese Gefahr zu beseitigen durch eine zuverlässige Untersuchung vor der Einführung in dm Handelsverkehr bei uns.

Staatssecretär Frhr. v. Marschall: Es hat an Unterhand­lungen und Ermittelungen nicht gefehlt; das Ergebnitz war der Ent­schluß der verbündeten Regierungen, mit Rücksicht auf die gesund­heitliche Gefahr, das Verbot aufrecht zu erhaltm; übrigens finden weitere Erhebungen statt.

Abg. Bebel (Soc.): Die englischen und holländischen Arbeiter haben doch feinen besseren Magen als die deutschen Arbeiter, und jene consumiren seit Jahren ohne Schaden das amerikanische Schweinefleisch. Es scheint aber, als ob nicht blos gesundheitliche, sondern auch agrarische Jnteresfm mit dem Einfuhrverbot geschützt werden sollm. Der Abg. Dr. Frege habe neulich geklagt, daß dm Arbeitern die Religion mtrtssm werde. Das liege daran, daß die Religion heute vielfach als Mittel zu Ausbeutungszwecken gebraucht werde. Es wird eben in den breitm Massen die Erkmntniß lebendig, daß man versuchen müsse, das bessere Jmseits wenigstens thetlweise schon hier auf Erden zu schaffen.

Abg. v. Kardorff (Reichsp.): Die Verhältnisse in Amerika sollten früher so schauderhaft sein, wie man von der freisinnigen Seite behauptete. Jetzt soll alles in Amerika gut sein. Deutsch­land kann seinen Bedarf an Schweinen selber decken. Wie wenig sauber in Amerika Nahrungsmittel behandelt werdm, haben wir bet dem Gesetz über die Margarinbutter gehört.

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antisemit): Das Ver­bot ist nöthtg im Interesse der Landwtrthschaft und der Gesundheit. Wir kennen ja diese freisinnige Schweinepolttik längst; wenn sie ge­trieben wird, finden sich Socialdemokraten und Freisinnige zusammm. Freilich Sie haben keine Furcht vor Trtchinm, dmn Ihre Speise- satzungm verbieten Jhnm, Schweinefleisch zu essm. (Große, an­dauernde Heiterkeit!) An dieser Agitation werdm die Bauern ihre wahrm Freunde erkennen. Wer sagt Ihnen denn, daß das Fletsch nach Aufhebung des Verbots auch nur einen Pfennig billiger wird? Würde sich nicht nach früheren Mustern auch ein Wurst-Ring bll- ben? Wenn jetzt die Socialdemokraten, wie Herr Liebknecht sagte, mit leuchtenden Augen zu den Bauern kommen, dann werden sie wohl nicht mit leuchtenden Augm heimgeschtckt werden; wir werden den Bauern sagen: Bauer! Dein Feind kommt!

Abg. W iss er (wild-ltb.) erhebt Protest gegen den Anspruch des Abg. v. Liebermann, die deutschen Bauern zu vertreten. Red­ner stimmt für den Antrag Barth.

Die Debatte wird geschlossen.

In namentlicher Abstimmung wird der Antrag Barth mit 133 gegen 106 Stimmen abgelehnt. Die Etatspositionen des Reichs­gesundheitsamtes und des Patentamtes werdm ohne weitere Debatte genehmigt. Sodann vertagt sich das Haus.

Nächste Sitzung: Sonnabend 1 Uhr: Etatberathung.

Schluß 48/, Ubr.

provinzielles.

Eine unschätzbare Erwerbsquelle für Münster nutz Umgegend, so wird demGr. Anz." geschrieben, bietet das

Feuilleton.

Justus von Liebig.

Eigenhändige biographische Aufzeichnungen.

(Schluß.)

Die ersten Jahre meiner Lausbahn in Gießen verwendete ich beinahe ausschließlich auf die Verbesserung der Methoden der organischen Analyse und mit den ersten Erfolgen begann jetzt an dieser kleinen Universität eine Thätigkeit, wie sie die Welt noch nie gesehen.

Für die Lösung unzähliger Fragen, die sich an die Pflanzen und Thiere knüpfen, an ihre Bestandtheile und an die Vorgänge ihrer Umwandlung in den Organismen führte ein gütiges Geschick in Gießen die talentvollsten jungen Männer aus allen Ländern Europas zusammen und man kann sich denken, welch eine Fülle von Thatsachen und Er­fahrungen durch so viele Tausende von Experimenten und Analysen an mich kam, welche jährlich und viele Jahre lang von zwanzig und mehr unermüdlich thätigen und geschickten jungen Chemikern ausgesührt wurden.

Ein eigentlicher Unterricht im Laboratorium, den geübte Assistenten besorgten, bestand nur für die Anfänger--meine speciellen Schüler lernten nur im Verhältniß, als sie mit­brachten } ich gab die Aufgaben und überwachte die Aus­führung ; wie die Radien eines Kreises hatten alle ihren gemeinschaftlichen Mittelpunkt. Eine eigentliche Anleitung gab es nicht- ich empfing von jedem Einzelnen jeden Morgen einen Bericht über das, was er am vorhergehenden Tage ge- rhan hatte, sowie seine Ansicht über das, was er vorhatte -

ich stimmte bei oder machte meine Einwendungen- Jeder war genöthigt, seinen eigenen Weg selbst zu suchen. In dem Zusammenleben und steten Verkehr miteinander, und indem Jeder theilnahm an den Arbeiten Aller, lernte Jeder von dem Andern. Im Winter gab ich wöchentlich zweimal eine Art von Uebersicht über die wichtigsten Fragen des Tages. Es war zum großen Theil ein Bericht über meine und ihre eigenen Arbeiten, in Verbindung gebracht mit den Unter­suchungen anderer Chemiker.

Wir arbeiteten, wann der Tag begann, bis zur sinkenden Nacht- Zerstreuungen und Vergnügungen gab es in Gießen nicht. Die einzigen Klagen, die sich stets wiederholten, waren die des Dieners (Aubel), welcher am Abend, wenn er reinigen sollte, die Arbeitenden nicht aus dem Laboratorium bringen konnte. Die Erinnerung an ihren Aufenthalt in Gießen er­weckte, wie ich häufig hörte, bei den meisten meiner Schüler das wohlthuende Gefühl der. Befriedigung über eine wohl angewendete Zeit.^

Ich hatte das hohe Glück, daß vom Anfang meiner Laufbahn in Gießen an gleiche Neigungen und gleiches Streben einen Freund mir gewannen, mit dem mich jetzt nach so vielen Jahren die engsten Bande der wärmsten Zuneigung verknüpfen. Während bei mir die Neigung vorwaltete, die Aehnlichkeit in dem Verhalten der Körper oder ihrer Ver­bindungen aufzusuchen, besaß er ein unvergleichliches Wahr­nehmungsvermögen für ihre Verschiedenheiten- eine Schärfe der Beobachtung vereinigte sich in ihm, mit einer künstlerischen Geschicklichkeit und einer Genialität in der Auffindung neuer Mittel und Wege der Untersuchung oder Analyse, wie sie wenige Menschen besitzen.

Man hat oft die Vollendung unserer gemeinschaftlichen Arbeiten über die Harnsäure und das Bittermandelöl gepriesen­

es ist dies sein Werk. Ich kann den Vortheil nicht hoch ge­nug anschlagen, den mir in der Erreichung meiner und unserer gemeinschastlichen Ziele die Verbindung mit Wöhler brachte - denn in ihr verknüpften sich die Eigenthümlichkeiten zweier Schulen, und das Gute, das jede sür sich hatte, kam durch das Zusammenwirken zur Geltung. Neidlos und ohne Eifer­sucht, Hand in Hand, verfolgten wir unseren Weg- wenn der Eine Hülfe brauchte, war der Andere bereit. Man wird eine Vorstellung von diesem Verhältnisse gewinnen, wenn ich erwähne, daß viele unserer kleineren Arbeiten, die unseren Namen tragen, von Einem allein sind- es waren reizende kleine Geschenke, die Einer dem Anderen machte.

Nach sechzehn Jahren der angestrengtesten Thätigkeit stellte ich die gewonnenen Resultate, soweit sie die Pflanze und das Thier betrafen, in meiner Chemie angewandt aus Agricultur und Physiologie, zwei Jahre daraus in meiner Thierchemie und die in anderen Richtungen gemachten Unter­suchungen in meinen chemischen Briesen zusammen. Die letzteren wurden in der Regel als eine Populärschrift aus­genommen, was sie für Den, welcher den Inhalt etwas näher ansieht, eigentlich nicht sind, oder damals, als sie erschienen, nicht waren.

Nicht in den Thatsachen, wohl aber in den Anschauungen der organischen Vorgänge wurden manche Fehler begangen - wir waren aber die ersten Pioniere in dem unbekannten Ge­biete, und die Schwierigkeiten, den rechten Weg einzuhalten, waren nicht immer überwindlich. Jetzt, wo die Wege der Untersuchung gebahnt sind, hat man es einen guten Theil leichter- aber alle die wundervollen Entdeckungen, welche die neuere Zeit geboren hat, waren damals unsere Träume, deren Verwirklichung wir sicher und zweifellos entgegensahen.