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1891
Samstag den 24. October
Nr. 24»
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Kießener Anzeiger
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rlnrtlichev Tbeil.
Gießen, am 21. October 1891. Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.
Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir benachrichtigen Sie, daß Ihnen die in rubr. Betr. eingesandten Verzeichnisse in den ersten Tagen b. m. wieder zugehen werden.
v. Gagern.
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Vom Erfurter Soeialiftentage.
Der seit 14. October in der Hauptstadt Thüringens versammelt gewesene socialdemokratische Parteicongreß hat mit der im Verlaufe der Sitzung vom 19. October erfolgten Austrittserklärung der Opposition aus der Partei ein erstes bemerkens- werthes Ergebniß gezeitigt. Diese Wendung der Dinge ließ sich erwarten, nachdem die Herren Wildberger und Werner, die hervorragendsten Häupter der radicalen Richtung innerhalb der deutschen Socialdemokratie, durch ihr bisheriges Auftreten auf dem Erfurter Parteitage von Anfang an bekundet hatten, daß die Opposition nicht gewillt sei, beding« ungslos vor den alten Führern der Partei zu capituliren. Diese Capitulation hätte in dem Erscheinen der Leiter der Opposition vor der Commission gelegen, welche die von Werner, Wildberger und Genossen gegen die Parteileitung erhobenen Vorwürfe und Anklagen prüfen soll. Bei der Zusammensetzung der genannten Commission ließ sich im Voraus erkennen, daß ihre Beschlüsse zu Gunsten der angegriffenen Parteileitung aussallen würden und daß somit den opponirenden „Jungen" nichts übrig geblieben wäre, als sich Bebel, Singer, Liebknecht u. s. w. löblich zu unterwerfen, da letztere nun einmal von einem Compromrß mit der Opposition nichts wissen wollten. Dieselbe konnte sich aber nicht entschließen, über den ihr vorgehaltenen Stock zu springen und so zog sie die einzig richtige Consequenz ihres Verhaltens, indem sie jetzt ihren formellen Austritt aus dem Verbände der socialdemokratischen Gesammtpartei erklärte.
Es ist also in Erfurt geschehen, was der Abgeordnete Liebknecht noch vor Zusammentritt des jetzigen Parteitages in Aussicht gestellt hatte, nämlich, daß daselbst das Tafeltuch zwischen der Parteileitung und der Opposition entzwei
geschnitten werden würde. Da die Vertreter der „Alten" auf dem jetzigen socialistischen Parteicongreß die erdrückende Mehrheit gegenüber den erschienenen wenigen Oppositionsmitgliedern besaßen, so war es für Herrn Bebel freilich ein Leichtes, in Erfurt endlich reinen Tisch zu machen und die immer unbequemer werdenden radicalen Elemente aus der Partei Hinauszusegen. Aeußerlich hat demnach die Parteileitung aus dem Congresse einen vollständigen Sieg davongetragen, der auch schon in dem der Parteileitung für ihre seitherige Haltung seitens der Versammlung fast einstimmig ertheilten Vertrauensvotum zum Ausdruck gelangte. Außerdem ist in der Montagsfltzung des Congresses nach dem Abzug der Opposition einstimmig die von Bebel beantragte Resolution zur Annahme gelangt, welche erklärt, daß die socialdemokratische Partei ihre bisherige Tactik beibehalten und in allen irgendwelchen Erfolg versprechenden Wahlkreisen fortagitiren werde, daß ferner die Abgeordneten aus Zugeständnisse von den herrschenden Parteien verzichteten und daß endlich die Parteidisciplin unter allen Umständen aufrecht zu erhalten sei. Zweifellos wird auch der neue Programmentwurf von dem Erfurter Parteitage im Allgemeinen nach den Wünschen der Herren Bebel, Liebknecht u. s. w. angenommen werden und die alten socialdemokratischen Führer können daher mit den Erfolgen der häuslichen Auseinandersetzungen in Erfurt recht zufrieden sein. Aber eine andere Frage ist es, inwieweit es der beinahe dämonischen Gewalt, welche Bebel unleugbar über die breiten Massen der „Genossen" ausübt, gelingen wird, auch in Zukunft das Gros der Parteileitung noch um seine Fahnen zusammeuzuhalren. Denn es darf nicht verkannt werden, daß hinter den jetzt ausgcschiedeno« Führern der „Jungen" tausende und abertausende von Gesinnungsgenossen stehen, die sich vermuthlich nunmehr um so enger um Werner und Wildberger schaaren werden, und jedenfalls steht zwischen der gemäßigten und der radicalen Gruppe innerhalb der Umsturzpartei jetzt ein noch weit erbitterter Kampf zu erwarten, als er schon bislang stattgefunden hat.
Völlig verkehrt wäre es indessen von den bürgerlichen Parteien, wollten sie besondere Hoffnungen aus die nun offen hervorgetretene Scheidung in der revolutionären Partei setzen. Mögen sich die beiden feindlichen Gruppen in derselben auch noch so grimmig befehden, so sind sie in ihrem Haß gegen Staat und Gesellschaft von heute doch vollkommen einig. Darüber lassen die sowohl von Seiten der Gemäßigten wie der Radicalen gehaltenen Reden nicht den geringsten Zweifel und nur die einzuschlagende Tactik und daneben persönliche
Machtfragen sind es, welche „Alte" und „Junge" trennen. Im entscheidenden Momente aber werden beide Parteien sicherlich immer wieder gegen den heutigen Staat und die in seinem Rahmen lebende bürgerliche Gesellschaft zusammenhalten und je mehr sich die bürgerlichen Parteien auch fernerhin den Luxus gestatten, sich untereinander zu bekämpfen, desto größer wird der Gewinn sein, den die Socialdemokratie trotz ihrer Spaltung aus dem thörichten Verhalten ihrer bürgerlichen Gegner zu ziehen vermag. Abzuwarten bleibt noch, wohin sich eigentlich die in der deutschen Socialdemokratie bestehende dritte Richtung, als deren Führer Herr v. Vollmar gelten kann, schlagen wird. Herr v. Vollmar hat durch sein Auftreten aus dem Erfurter Parteitage wiederum gezeigt, daß er nicht im mindesten zu den radicalen Stürmern und Drängern der socialdemokratischen Partei gehört, daß er aber auch die Anschauungen der alten Führer in vielen Punkten nicht theilt. Viele sind daher der Meinung, daß sich der bayerische Socialistensührer mit seinem nicht zu unterschätzenden Anhänge schließlich zu den bürgerlichen Parteien hinüberziehen werde, ein solcher Schritt würde aber keinesfalls schon im Lause der nächsten Zeit zu erwarten sein, wenn er überhaupt je eintreten sollte.
Deutscher Reich.
Berlin,22.October. Die Kaiserin Augusta Victoria seierte am Donnerstag im Reuen Palais bei Potsdam ihren 3 3. Geburtstag im trauten Familienkreise. Der hohen Frau gingen aus diesem Anlasse zahlreiche Kundgebungen herzlicher Theilnahme weiter Kreise zu.
— Der Colonialrath ist am Mittwoch in den Räumen des Auswärtigen Amtes zu Berlin zusammengetreten. In der Eröffnungssitzung wurden die Vorlagen eingebracht, welche die genannte Körperschaft beschäftigen sollen, und überwies sie derselbe den eingesetzten Ausschüssen. Hieraus gab der Vorsitzende, Legationsrath Dr. Kaiser, im Anschlüsse an die Etatsentwürfe eine umfassende Darstellung der gegenwärtigen Lage in den deutschen Schutzgebieten und der nächsten Absichten der Colonialverwaltung. Alsdann trat die Versammlung in eine Generaldiseussion über den Etat ein, welcher eine Specialdebatte folgte; dieselbe wurde beim Etat für Kamerun abgebrochen. Am Donnerstag hielt die Commission für Zollordnung und Zollbefreiung der Missionsgesellschasten eine Sitzung ab, am Freitag tagte dann wieder das Plenum des Colonialrathes. An diesem Samstag sollte bereits der Schluß der genannten Körperschaft erfolgen.
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Feuilleton.
Die Kunst, seine Braut bei guter Laune erhalten.
In einer nicht weit von Berlin gelegenen Sommerfrische wohnte, so erzählt ein Berliner Blatt, seit Beginn des Sommers eine distinguirte Familie, deren Tochter glückliche Braut war. Das junge Mädchen war natürlich größten- theils von den Vorbereitungen zur Hochzeit, die in einigen Monaten stattfinden sollte, in Anspruch genommen, trotzdem aber sand es noch Zeit für eine andere Beschäftigung, und diese war das — Fischen. Unweit der Villa, in welcher die Familie wohnte, floß ein klarer Waldbach, an dessen Ufern das Fräulein oft stundenlang mit der Angel in der Hand zu sitzen pflegte,- sie huldigte diesem Sport mit einer solchen Leidenschaft, daß sie ernstlich verstimmt war, wenn sie — was nur zu oft geschah — ohne Beute den Heimweg antreten mußte, und selbst ihr Bräutigam, der allabendlich aus Berlin in der Sommerfrische eintraf, bekam dann ein mürrisches Gesichtchen zu sehen. „ .
Der arme Bräutigam war darüber schier unglücklich und that sein Möglichstes, um die zeitweilige schlechte Laune seiner Braut zu verhüten. Er, der sich bisher nie mit dem Fischersport beschäftigt hatte, studirte nun eifrig den „Katechismus der Fischerei", ging den Waldbach ab, um „günstige" Plätzchen zu finden, und fabrizirte eigenhändig die verschiedenen Lockspeisen, allein nichts half, und auch, als das Mädchen die Angel mit einem kleinen Retz vertauschte — gab es keine Fische. .
Da kam der Bräutigam auf eine gloriose -joee. kär suchte sich in der Sommerfrische einen intelligenten Bauern- burschen, ließ sich von demselben Verschwiegenheit über alles, was er sehen und hören sollte, geloben, und nahm ihn dann mit sich nach Berlin. Hier suchte er eine Fischhandlung auf und machte mit dem Eigenthümer derselben einen „Schluß"
auf so und so viel lebende kleine Fische, abzuliefern täglich Morgens 8 Uhr an den Bauernburschen. Dieser dagegen erhielt folgende Instruction: Wenn er die Fische abgeholt habe, müsse er so schnell als möglich toieöer in die Sommerfrische zurückeilen und bei dem Hause der passionirten Fischerin unauffällig lauern, bis dieselbe mit ihrem Netze in der Hand das Haus verlassen würde, was gewöhnlich in den ersten Nachmittagsstunden geschah. Dann habe er ihr zu folgen, und wenn sie am Ufer Platz genommen hätte, eine kleine Strecke an dem dichtbewaldeten Bachesrande aufwärts zu gehen und dort gemächlich einen Fisch nach dem anderen in das Wasser gleiten zu lassen; die Thiere würden sicher in das Netz des einige hundert Schritte stromabwärts sitzenden Mädchens getrieben werden.
Der Plan gelang vollkommen, und durch mehr als drei Monate spielte der Bauernbursche, der eine außergewöhnliche Geschicklichkeit und Schlauheit entwickelte, unentdeckt die Vorsehung der Fischerin, die anfänglich über ihr plötzliches Jagdglück nicht genug staunen konnte. Es war aber auch wunderbar. Kaum, daß sie am Ufer Platz genommen und ihr Netz, das fast die ganze Breite des Baches umspannte, ausgebreitet hatte, kamen plötzlich mit den rasch dahineilenden Wellen auch ein paar größere oder kleinere Fische dahergeschossen, die scheinbar nur darauf gewartet hatten, bis sich das Netz ins Waffer gesenkt hatte, um sich darin zu fangen. Das Mädchen war selig — und der Bräutigam auch, denn er fand feine Verlobte nur mehr in der besten Laune! Vor einigen Tagen nun siedelte die Familie der Braut wieder nach Berlin über,- ungern trennte sich das Mädchen von dem lieben Waldbache und seinen freundlichen Fischen; der Bräutigam war aber gar nicht böse, daß er endlich keine Fische mehr zu besorgen- brauchte, und 'nachdem er den geschickten Bauernburschen entlohnt hatte, begab er sich zu dem Fischhändler, theilte demselben mit, daß ihre „Geschäfts-Verbindung" aufhöre, und bat um die Rechnung.
Er war daraus gefaßt, daß ihn seine Galanterie ein
hübsches Stück Geld kosten würde; allein seine Befürchtungen wurden bei Weitem übertroffen. Die Rechnung, die ihm präsentirt wurde, war nämlich dreimal so hoch, als er erwartet hatte. Nach den einzelnen Posten, welche die Nota enthielt, mußte seine Braut alltäglich die werthvollsten Fisch- Specialitäten, die besser in ein Aquarium als in einen Waldbach gepaßt hätten, anstatt simpler Weißfische gefangen haben! Der Bräutigam weigerte sich, die Rechnung zu begleichen und es kam zu einer heftigen Scene, die damit endete, daß der Fischhändler seinen unzufriedenen Kunden zu verklagen versprach.
Der Bräutigam ist nicht besonders beunruhigt darüber, denn er glaubte in seinem Rechte zu sein. Viel unangenehmer ist ihm, daß unterdessen die Braut, die kleine Fischerin, durch einen Zufall die ganze sonderbare Geschichte erfahren hat.
* 50,000 „Reiseonkels". In Deutschland gibt es nach den Berechnungen des bei Karl Manz in Hannover erschienenen „Internationalen Handbuchs sür den reisenden Kaufmann" annähernd 50,000 abhängige Geschäftsreisende — abgesehen von der großen Zahl reisender selbstständiger Chefs. Welchen Factor im volkswirthschaftlichen Leben diese Armee von Geschäftsreisenden darstellen, ergibt sich aus folgender Berechnung: Nimmt man, unter Vermittelung der höchsten und der niedrigsten Spesensätze und unter Berücksichtigung der Thatsache, daß die Reisenden nicht ununterbrochen ambulant sind, den bescheidenen Satz von 12 Mk. pro Tag und Reisenden an, so verbrauchen 50,000 deutsche Geschäftsreisende in einem Jahre aus der Reise 219 Millionen Mark oder annähernd eine Viertelmilliarde pro Jahr.
* Der rücksichtsvolle Major. Ein Reserve - Lieutenant marschirt beim Bataillons-Exerciren längere Zeit im falschen Tritt neben seinem Zuge einher. Da schreit auf einmal der Major dem Bataillon zu: „Donnerwetter, das ganze Bataillon ist ja außer Tritt, nur der Herr Leutnant hat Tritt!"


