Rt. 143.
Mittwoch den 24. Juni
1891
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Vn Nirtzssner gfc*frtt*eutfM »y*tn dem Anzeiger T-ch«Nlich btiimel ^«ig siegt.
Gießener Anzeiger
Keneral-Unzeiger.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ttrei» Gieren.
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Anrtlichev Therl.
Nr. 22 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 17. d. M., enthält:
(Nr. 1965) Verordnung, betreffend das strasgerichtliche Verfahren gegen die Militärpersonen der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Vom 3. Juni 1891.
(Nr. 1966) Übereinkunft zwischen dem deutschen Reich und Dänemark über die Aushebung des Abschoffes und Ab- fahrtsgeldes. Vom 5. Februar 1891.
(Nr. 1967) Bekanntmachung, betreffend den Beitritt Spaniens zu der unterm 3. November 1881 abgeschlossenen internationalen Reblaus-Convention. Vom 6. Juni 1891.
(Nr. 1968) Bekanntmachung, betreffend den Nachweis der Befähigung als Seeschiffer und Seesteuermann aus deutschen Kauffahrteischiffen. Vom 11. Juni 1891.
Gießen, am 22. Juni 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Kriegsgerichtliches Erkenntnis.
Der Rekrut Franz Josef Bachert von Hirschhorn, Hessen, aus dem Landwehrbezirk Freiburg, ist durch das unter dem 15. Juni 1891 bestätigte kriegsgerichtliche Erkenntniß vom 13. Juni 1891 in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und mit einer Geldstrafe von 160 Mark bestraft worden.
Freiburg i. B., den 22. Juni 1891.
Königl. Gericht der 29. Division.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juni. Kaiser Wilhelm gedenkt, soweit bis jetzt bekannt, an diesem Mittwoch in den späteren Abendstunden seine Reise nach Holland und England von der Wildparkstation bei Potsdam aus anzutreten. Das nächste Ziel des kaiserlichen Herrn ist Kiel, woselbst er bis zum 29. ds. Mts. früh zu weilen beabsichtigt. Dann erfolgt die Weiterreise nach Hamburg, woselbst der Kaiser mit seiner erlauchten Gemahlin, welche zu diesem Zwecke am Abend des 28. Juni Potsdam verläßt, gegen 9 Uhr Vormittags zusammentrifft. Von Hamburg aus findet ein Besuch der Majestäten auf der Insel Helgoland statt, worauf man dieselben am nächsten Tage in Wilhelmshaven erwartet. Hier begibt sich das hohe Paar am Nachmittag des letztgenannten Tages an Bord der „Hohenzollern", um die Weiterreise nach Holland und England fortzusetzen. Dem Vernehmen nach ist der Aufenthalt der kaiserlichen Majestäten am englischen Hofe bis zum 14. Juli festgesetzt - hieran soll sich ein abermaliger Ausflug nach Norwegen anschließen. Falls keine anderen
Bestimmungen platzgreifen, wird die Kaiseryacht „Hohenzollern" von der Kreuzercorvette „Prinzeß Wilhelm" begleitet werden.
— Der am Samstag erfolgte feierliche Schluß des preußischen Landtages durch den Kaiser und König selbst entsprach ganz der besonderen Wichtigkeit der nun zu Ende gegangenen Session. Allerdings war die Thronrede des erlauchten Monarchen verhältnißmäßig nur kurz, aber sie zog trotzdem in treffendster und klarster Weise das Facit der jüngsten gesetzgeberischen Periode in Preußen. Gebührendermaßen traten in der Rede die Hauptergebnisse der Session, die Steuerreformgesetze und die Landgemeindeordnung, besonders hervor. Unverhohlen drückte der Kaiser seine lebhafte Befriedigung über das Zustandekommen dieser hochwichtigen Gesetze aus, wobei er zugleich betonte, wie ihm namentlich die ersprießliche Durchführung der Landgemeindeordnung am Herzen liegt. Auch hinsichtlich des Zustandekommens des Sperrgeldergesetzes bringt die Thronrede die volle Genugtuung des Kaisers zum Ausdruck, wobei es auch nicht an einer leisen Mahnung an die leitenden kirchlichen Kreise fehlt, bei ihren Ansprüchen nicht die Stellung und die Ausgaben des Staates zu vergessen. Schließlich schweifte die Thronrede aus das Gebiet der auswärtigen Politik ab, um nach dieser Richtung hin die freudig zu begrüßende Versicherung Kaiser Wilhelms zu zeitigen, daß der Weltsriede nicht gefährdet sei und daß sich der Kaiser unablässig bemühen werde, den Frieden zu erhalten. Diese Worte wiegen aus dem Munde des mächtigen deutschen Herrschers doppelt schwer, sie sind deßhalb weit über die Grenzen Deutschlands hinaus beifällig begrüßt worden und selbst der Pariser „Temps" urtheilt diese kaiserlichen Worte sehr wohlwollend. Das Pariser Blatt erblickt in dem Friedenspassus der preußischen Thronrede eine Bestätigung der überall gehegten Anschauung, daß der internationale Horizont wolkenlos sei, wodurch diese Thronrede tatsächlich zur besten Rede werde, welche man vom Oberhaupte eines Großstaates verlangen könne.
Ausland.
Basel, 22. Juni. Im ehrwürdigen Münster hier fand am Sonntag Abend 7 Uhr eine offizielle Todtenfeier für die beim Mönch enste in er Eisenbahnunglück ums Leben Gekommenen statt. Derselben wohnten u. A. auch die Consuln Frankreichs, Deutschlands, Belgiens und der Vereinigten Staaten bei. Der Senior der Baseler Geistlichkeit , Wirth, hielt die Trauerrede, die hervorragendsten musikalischen Vereinigungen der Stadt wirkten bei der Feier mit. Nach Beendigung derselben begaben sich die Mitglieder der Cantonsregierung auf das Bureau des Großen Rathes, von wo sie die Consuln im feierlichen Zuge nach dem Re-
gieruugsgebäude begleiteten, woselbst der Regierungspräsident den Consuln für ihre Theilnahme dankte. — Aus Mönchen- stein liegen keine neueren, mit der Eisenbahn-Katastrophe zusammenhängenden Nachrichten vor.
Ner»este Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 22. Juni. Der „Reichsanzeiger" meldet: Das Curatorium der Reichsbank hielt am 20. Juni unter Vorsitz des Staatsministers Boetticher eine Sitzung, woran Miquel, Maltzahn, Präsident Koch und der württembergische Director Stieglitz theilnahmen.
Berlin, 22. Juni. Der „Reichsanzeiger" publicirt, daß der Arbeitsminister Maybach unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers von seinem Amte entbunden und Eisenbahndirectionspräsident Thielen zum Minister der öffentlichen Arbeiten ernannt worden ist.
Berlin, 22. Juni. Der „Nationalzeitung" zufolge tritt der Reichsbank-Präsident Koch morgen eine einwöchige Dienstreise nach Süddeutschland an. Er folgt zunächst einer Einladung der Mannheimer Handelskammer und geht sodann nach Karlsruhe, Stuttgart und Frankfurt.
Berlin, 22. Juni. Den „Berliner Polit. Nachrichten" zufolge ist das Ministerium des Innern mit der Ausdehnung der Landgemeindeordnung aus Schleswig-Holstein, sowie das Arbeitsministerium mit der Ausdehnung der Wegeordnung für Sachsen auf die Rheinprovinz beschäftigt.
Weimar, 22. Juni. Staatsminister Stichling ist heute Abend g e st o rb en.
München, 22. Juni. Im Parterre-Eckzimmer des Hof- th eaters, gegenüber der Hauptpost, brach heute Vormittag 11 Uhr, wahrscheinlich infolge der Ungeschicklichkeit eines Handwerkers bei der Herausnahme des letzten Gasometers, Feuer aus, das alsbald gelöscht wurde. Ein Feuerwehrmann wurde bei den Löscharbeiten verletzt.
Basel, 22. Juni. Die Zahl der als vermißt Angemeldeten bei der Mönchen st einer Eisenbahnkatastrophe ist von 53 aus 31 zurückgegangen und dürfte sich nach Ansicht der Polizeidirection von Baselland noch sehr bedeutend weiter vermindern, da sich die meisten Anmeldungen als irrig erwiesen. Die einzelnen Wagentheile seien jetzt sämmtlich aus dem Flußbett gehoben. Das Gerücht, es liege noch ein Waggon mit Italienern in der Birs, sei grundlos.
Rom, 22. Juni. In der Kammer theilte beim Sitzungsschluß der Präsident mit, daß Colajanni und Genossen den Minister Nicotera wegen des Verbotes der Ver-
Feuilleton.
Welche von Beiden?
Novellette von I. Piorkowska.
(2. Fortsetzung.)
„Du magst sie also nicht mehr zur Frau haben?" fragte ich in aller Unschuld.
„Nein," entgegnete er und ging pfeifend davon, offenbar, um dieser ihm fatalen Unterhaltung aus dem Wege zu gehen. . . ,
Ich wußte recht gut, was das zu bedeuten hatte- doch seufzend dachte ich, wenn wir Lillys ablehnender Antwort nur erst sicher wären.
So verging die Zeit.
Bernhard war inzwischen mehr bei uns als tn seinem eigenen Hause, und die Reitstunden waren so häufig und endlos, daß Sophie sich — meiner Meinung nach — mit ihrer Reitkunst schon hätte in einem Circus sehen lassen können.
Eines Abends erreichten die Dinge ihren Höhepunkt. Georg war nach Canning geritten und noch nicht wieder zurückgekehrt, als Bernhard kam. Seine erste Frage war nach Sophie. Als ich ihm sagte, sie sei im Garten, griff er nach seinem Hute und wollte eilends wieder zur Thüre hinaus. Aus der Schwelle blieb er plötzlich stehen, kam zu mir zurück und gab mir einen Kuß.
„Wünsche mir Glück, Schwester," sprach er, „ich gehe, Sophie zu fragen, ob sie meine Frau werden will."
In der nächsten Minute hatte die Thür sich hinter ihm geschloffen.
„Nun ist es gleich, ob Lilly ja oder nein schreibt," dachte ich mit einem Gefühl der Erleichterung und versenkte mich dann in die Zukunft, bis nahender Husschlag mich aus meinen Gedanken weckte.
Meinend, es sei Georg, der heimkehrte, lies ich eilends an die Thür, aber es war nur der Postbote mit einem Briese für ihn.
„Hier habe ich auch einen Brief für Ihren Bruder," meinte der Mann, „ist er etwa selbst hier?"
Ich nahm auch diesen Bries und sah nach der Adresse. Sie war voa einer Frauenhand geschrieben und von S...., Lillys Heimathsort, abgestempelt.
Kein Zweifel — das war die Antwort. Wie, wenn Bernhard zwei Zusagen an einem Tage erhielt?!
Eilends lies ich zur Thüre und rief nach ihm, so laut ich konnte, um wenigstens zu verhindern, daß er vorher nicht erst mit Sophie spräche.
Er kam auch schnell herbei.
„O, Marie," sagte er, „das war schlecht von Dir, mich in dem Augenblicke zu stören, wo ich gerade richtigen Anlauf nahm- hätte ich nicht gedacht, zum mindesten müsse das Haus in Flammen stehen, wäre ich wahrlich nicht so eilends gekommen. Was gibt es denn?"
Statt aller Antwort reichte ich ihm den Brief.
Hastig riß er das Couvert aus und ließ seine Augen schnell über das Geschriebene gleiten.
Voll Besorgniß beobachtete ich, wie er erst dunkelroth und dann leichenblaß wurde.
„Gerechter Gott!" stieß er hervor, „Lilly ist bereits aus dem Wege hierher! — Sag, Schwester, was sänge ich nun an?" r , n/.
„Hast Du schon mit Sophie gesprochen?"
„Noch nicht. Ich war eben im Begriff, als Du mich
riefest. Ach, mir ahnte doch ein Unglück! — Darauf war ich freilich nicht gefaßt. Wie thöricht von mir, zu glauben, daß ich nie ein Mädchen lieber haben könnte, als Lilly! — Lieb haben! — Ach, da wußte ich ja überhaupt noch nicht, was „lieben" heißt!"
Und mit der Hand nach der Stirn fassend, lies er in höchster Aufregung im Zimmer auf und ab.
„Dars ich den Brief lesen?" fragte ich.
Es war ein reizend herzlicher Brief. Lilly schrieb, sie habe ihn immer geliebt, als er aber die Heimath verließ, ohne sich ihr erklärt zu haben, hätte sie sich zu ihrem tiefsten Leidwesen sagen müssen, er habe für sie nur ein Gefühl der Freundschaft empfunden. Wie hätte sie auch wissen können, daß er so edel, so groß dachte, daß er entschlossen war, erst ein schönes Heim zu gründen, bevor er um sie werben wollte. In dieser Weise ging der Brief weiter und schloß mit der Mittheilung, daß sie acht Tage nach dem Briefe selbst eintreffen würde.
„Da bleibt Dir überhaupt keine Wahl," 'sagte ich, ihm den Bries zurückgebend.
„Das weiß ich," versetzte er tiefernst, „aber eS ist traurig, seine Thorheit so büßen zu müssen. Adieu!" stieß er dann hastig hervor, verließ das Zimmer, sattelte sein Pferd und galoppirte^ nach wenigen Minuten heim, ohne sich von Sophie auch nur verabschiedet zu haben.
Als die Arme ein halbes Stündchen später in das Zimmer kam, war sie nicht wenig verwundert, zu hören, daß Bernhard heimgeritten war- noch mehr aber wunderte es sie, daß ein Tag nach dem andern verging, ohne daß er sich wieder bei uns hätte blicken lassen.
(Schluß folgt.)


