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1891
Samstag den 23. Mai
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HenUPrecher 61.
Amts- rrnd Anzeigeblatt für den Kreis (Sieben.
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Deutstches Reich.
WMDarmstadt, 20. Mai. Laut telegraphischer Nachricht sind Seine Königl. Hoheit der Großherzog mit Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Alix nach sehr günstiger Ueberfahrt in Dover angekommen. Zum Empfange der Allerhöchsten Herrschaften war im Auftrage Ihrer Majestät der Königin daselbst Seine Excellenz General Du Plat und der Commandeur des Districts mit einer Ehrencompagnie und Musik erschienen. Nach der Ankunft in London wurde das Luncheon in Marlborough^House bei Seiner Königl: Hoheit dem Prinzen von Wales eingenommen.
Darmstadt, 21. Mai. Se. Königl. Hoheit der Erb- großherzog sind heute Vormittag 10 Uhr 45 Minuten nach Potsdam zurückgekehrt. — Ihre Königl. Hoheit die Prinzessin Heinrich von Preußen werden heute Nachmittag 3 Uhr 6 Min. nach Homburg, Ihre Großherzogl. Hoheit die Prinzessin Ludwig von Battenberg Nachmittags 5 Uhr 26 Minuten nach England abreisen.
Darmstadt, 21. Mai. Das gestern ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 14 enthält: I. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Giltigkeit der Quittungskarten für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung betreffend. II. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Militärgemeinde in Darmstadt betreffend.
Darmstadt, 21.Mai. Dem heute tagenden Finanzausschuß der vierten evangelischen Landessynode liegen unter anderen Gegenständen auch zwei auf Gehaltserhöhungen gerichtete Vorlagen des Oberconsistoriums vor. Die eine derselben bezweckt die Erhöhung der im Dienste der Landeskirche stehenden Beamten (dieselben sind durch die von den Landständen kürzlich beschlossenen Gehaltserhöhungen nicht betroffen) um 10 pCt. für die ersten 2000 Mk. und um 5 pCt. für die weiteren 3000 Mk. Die in Betracht kommenden Beamten sind das gesammre Personal des Ober- Consistoriums, die Professoren des Predigerseminars zu Friedberg, die Seminardiener und der Rechner des Centralkirchenfonds. — Die andere Vorlage bezweckt die Festsetzung des Mindestgehaltes der evangelischen Geistlichen vom 1. April d. I. ab auf 1800 Mk.
Mannheim, 21. Mai. Die deutsche Lehrerve r s a m m l u n g hat Leipzig zu ihrem nächsten Versammlungsort gewählt. Bei dem gestern Abend abgehaltenen großen Bankett liefen Grüße zahlreicher auswärtiger Behörden und
Fsnilleton.
Bsngemachen gilt nicht!
Humoreske von Fritz Gotthold.
(Schluß.)
„Ha, erwische ich Sie endlich hier, hier in meinem Laden! Ich wußte es längst, o Sie! o, ich habe Ihnen so lange nachgestellt, ich habe Ihnen aufgelauert bei Tag und Nacht, so zu sagen, und nun!--"
Er kam nicht weiter, denn plötzlich sprang Fritz wie electrisirt auf ihn zu:
„Ha, jetzt habe ich Ihr Geständniß, jetzt sind Sie endlich überführt! Holla, Schutzmann, zu Hilfe, zu Hilfe!" — Und schon packte er mit eisernem Griff den Herrn Lotze, der wie vom Schlage getroffen stand und mit offenem Munde dieses wunderliche Gebühren seines Delinquenten anstaunte.
„Wollen Sie mich loslassen, Sie Unverschämter, oder ich vergesse mich — und Gewalt . . ."
Aber da kam er schön an.
„Wie? Gewalt wollen Sie brauchen? Wie, neue Injurien häufen Sie auf mich? Hilfe, Schutzmann! Grethchen, holen Sie den Schutzmann, — nein, da draußen vor der Thüre stehen einige Herren, — holen Sie sie schnell, ich halte ihn derweilen fest! —" schrie Fritz immer lauter und wilder, und schon kamen wir zu dritt hereingestürzt wie Furien und wir blieben nicht einen Moment länger im Unklaren, was unser Fritz blitzschnell ersonnen hatte.
„Hier dieser Wüthende lauert mir Tag und Nacht auf, er will mich ermorden ober berauben, eben hat er es gestanden — diese Dame bezeugt es — er drohte mit Gewalt, er schimpft wie ein Berserker, helfen Sie mir ums Himmels willen! —"
Alles das schleuderte er heraus mit einem erheuchelten Entsetzen — es war köstlich.
„Aber, mein Herr, lassen Sie mich los! Sind Sie verrückt oder bin ich es?" keuchte der über alle Begriffe perplexe .Herr Lotze. „Was habe ich denn etwa Ihnen gethan?"
(Korporationen ein. Auch Se. Königl. Hoheit der Großherzog von Baden übersandte ein Begrüßungstelegramm.
Neueste Nach eichten.
WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.
Berlin, 21. Mai. Heute fand zur Besprechung über erhöhte Körperbildung in Schule und Volk eine aus allen Theilen Deutschlands besuchte Conferenz statt, die einen Centralausschuß constituirte. Der Etnberufer der Versammlung, Abgeordneter v. Schenkendors, wurde zum Vorsitzenden des Ausschusses gewählt.
Hamburg, 21. Mai. Der „Hamburger Correspondent" constatirt gegenüber den Meldungen der Blätter, der Kaiser beabsichtige, einen Besuch in Amsterdam, nicht im Haag zu machen, mit einem Aufenthalt in Brüssel gelegentlich der Reise nach England, daß diese Absicht nicht im Reiseprogramm stehe.
Saarbrücken, 21. Mai. Nachdem gestern von den Leitern des Rechtsschutzvereins auf sämmtlichen Berginspectionen Versammlungen abgehalten worden waren, bei welchen der Versuch gemacht wurde, die Belegschaft zum Striken zu überreden, ist heute früh, soweit bisher bekannt, auf den Gruben Hüttlingen (Victoria) und Sulzbach ein Theil der Belegschaft ausständig, während auf den übrigen Gruben Alles angefahren ist. Für die strikenden Gruben wurde von der hiesigen Bergwerks-Direction die nachfolgende Bekanntmachung erlassen: „Nachdem aller Warnungen ungeachtet heute ein Theil der Belegschaft unter Vertragsbruch die Arbeit niedergelegt hat, machen wir hierdurch bekannt, daß alle Bergleute, welche bis zum 25. d. Mts. die Arbeit nicht wieder ausgenommen haben, unnachsichtlich die Abkehr erhalten."
Wien, 21. Mai. Die „Neue Fr. Presse" meldet: Der österreichische Gesandte in Belgrad, Baron Thömmel, überreichte der serbischen Regierung eine Note, in der Oesterreich-Ungarn gegen die Verleihung des ausschließlichen Privilegiums der Schlachthäusererrichtung an ein englisches Con- sortium prvtestirt. Die österreichischen Staatsangehörigen seien dadurch in ihrer durch den Handelsvertrag verbürgten Handelsfreiheit beeinträchtigt worden.
Wien, 21. Mai. Der serbische Minister Vuic äußerte zu einem Pester Zeitungsberichterstatter, die Regierung hätte der Königin Natalie den Abzug mit allen königlichen Ehren
vom Konak unter Begleitung des Königs und ferner die Abkürzung der dreijährigen Frist, innerhalb deren sie Serbien nicht betreten sollte, angeboten,' die Königin habe aber alles abgelehnt. Das Militär sei schonend vorgegangen. Vierzig Soldaten seien unter den Verwundeten und nur neun Civi- listen. Die Regierung gedenke gegen die Aufwiegler strengstens vorzugehen.
Toulouse, 21. Mai. Bei dem gestrigen Banket der Municipalität zu Ehren Carnots hielt Earnot eine Rede, in der er hervorhob, der Unterricht sei nicht allein eine Pflicht für die Republik, sondern bilde auch eine sociale Garantie, da er in den Bürgern das Gefühl der Würde und der Sorge für die Freiheit erwecke.
Brüssel, 21. Mai. Der Präsident der liberalen Vereinigung, Hanrez, wurde heute vom Könige empfangen. Er bat den König, sich bei den Ministern für die schnelle Lösung der Krisis zu verwenden, was durch den Beschluß der Centralsection erleichtert werde. — Der Bürgermeister von Brüssel erlaubte für den Abend Kundgebungen unter der Bedingung, daß zur Aufrechterhaltung der Ordnung Vertreter der Arbeiter ernannt würden. Etwa 2000 Arbeiter durchzogen unter Absingen der „Marseillaise" die Hauptstraßen und gingen um 10 Uhr ohne Zwischenfall auseinander.
Charleroi, 21. Mai. Vor der Aufnahme der Arbeit feiern die Strikenden noch das gestrige Votum wegen der Versaffungsrevision. Ein Zug von 10 OüO Arbeitern durchzieht die geschmückte Stadt unter dem Jubel der Bevölkerung.
Petersburg, 21. Mai. Das „Journal de St. Petersb." bespricht die Belgrader Vorgänge und erklärt dabei, | es sei fraglich, ob bei der Entfernung der Königin mit der nöthigen Umsicht verfahren worden sei. Rußland bringe der Königin die aufrichtigsten Sympathien entgegen, wobei es gleichzeitig wünsche, daß die Ereignisse das Ende einer Jahre lang beunruhigten Lage bedeuten mögen; Rußland hege die herzlichsten Wünsche für die Befestigung des Thrones des jungen Königs und für eine Aera der Ruhe und gedeihlichen Entwickelung für Serbien.
Belgrad, 21. Mai. Dank der getroffenen militärischen Vorkehrungen ist die Ruhe bisher nicht wieder gestört, jedoch ist fast in allen Kreisen der Bevölkerung eine gewisse Erregtheit bemerkbar. Es heißt, der König habe noch keine Kenntniß von der erfolgten Ausweisung seiner Mutter. Die Thore des Konaks sind heute wieder geöffnet worden. Einige den besseren Ständen angehörende Personen, die Montag verhaftet wurden, sind heute wieder freigetaffen.
„O, neue Beschimpfungen! Mich will er verrückt nennen, mich, den klarsten, gewandtesten Juristen und Criminalisten! O, er will Geistesgestörtheit fimuüren, um fein ungeheures Verbrechen zu verschleiern. — Ha, er droht mir mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben, wie das Strafgesetzbuch sagt — ha, wir kennen das, wir Kenner des Rechts! Nein, den Schutzmann her und die Zwangsjacke her, falls er wirklich verrückt ist — Fräulein, bitte, rufen Sie doch einen Schutzmann!"
Jetzt war die Zeit für uns, zu handeln. „Ich bürge für diesen sehr ehrenwcrthen Herrn Lotze da; er ist Besitzer des Geschäfts, ich kenne ihn. Es muß ein Mißverständniß vorliegen, das ist klar — wollen Sie ihn auf meine Verantwortung hin loslaffen, mein Herr!" -schlug ich mich in einem Tone der größten Herzensgüte ins Mittel, und meine Gefährten desgleichen. „Ich thue aus Gefälligkeit für Herrn Lotze alles, er ist gewiß nicht so schlimm; haben Sie die Güte, uns zu sagen, was er gethan hat, ehe wir den Schutzmann holen und ein großer Menschenauflaus entsteht."
„Ach Gott, das Aussehen, die entsetzliche Blamage, die Leute, und — ach, bitte, lassen Sie mich — ich habe es nicht so gemeint. Sie mißverstehen mich," jammerte nun auch Herr Lotze, der in diesen wenigen Augenblicken alle Gipfel des Zornes, des Erstaunens, der Angst durchgemacht hatte und noch immer nicht wußte, wie ihm eigentlich geschah, daß auf einmal er der Delinquent geworden war.
„Nun, auf Ihre Gefahr hin, meine Herren," sagte endlich Fritz und ließ den bisher eisern umklammert gewesenen Herrn Lotze los. „Der Hergang ist folgender: Ich komme soeben aus dem Hinterzimmer, wo ich mir ein Paar frisch gewaschene Handschuhe holte, in aller Harmlosigkeit hier vor. Ich spreche den Herrn da freundlich an — als er wutverzerrt mich anbrüllt — ich erschrecke tödtlich. Fräulein Grethchen kann beschwören, wie er mir in gräßlicher Aufregung zähnefletschend selbst gesteht, daß er mir bei Tag und Nacht auflauere und mich nun endlich hier finde — denken Sie sich meinen Schrecken! Ich glaube in allem zu erkennen, daß ich ihn schon öfters habe meinen Weg kreuzen sehen, wo er mir durch seine drohenden Blicke auffiel — denken Sie,
er gesteht selbst seine furchtbaren Absichten, sein Auflauern — ich weiß nicht, ist es ihm um mein Geld (??) ober mein Leben zu thun — ich falle also entsetzt dem Schrecklichen in den Arm, verhindere ihn, mir ein Leids zu thun, rufe Hilfe, er tobt, schimpft, bis Sie mir zum Beistand herbeieilten! Sein eigenes Geständniß, sage ich, bringt diesen Menschen ins Zuchthaus — ich bin Jurist — mein Name ist Fritz Domdera — ich bin Jurist, soll ich Ihnen, meine Herren, die Paragraphen des Strafgesetzbuches aufzählen, die jenen da betreffen? Er gesteht, mir aufzulauern — ich weiß ja nicht, um mich zu ermorden oder zu berauben ober beides? oder einer beabsichtigten Körperverletzung wegen? — O, gräßlich, gräßlich, meine Herren! Die Paragraphen 211, Mord : Todesstrafe; 233 , Körperverletzung: Gefängniß, refpective 226 mit tödtlichem Ausgang, Zuchthaus; 249, Raub: Zuchthaus — ich brauche die übrigen verletzten Paragraphen von 185 an, Beleidigung u. f. w., gar nicht erst aufzuzählen,--wie, diesen Gefährlichen soll ich loslaffen?
Das wollen Sie verantworten?"
Und schon trat Fritz wieder auf Herrn Lotze zu, um ihn scheinbar noch einmal festzunehmen. Er hatte sich ganz heiß geredet, seine Augen blitzten, seine Stimme bebte.
Herr Lotze war unter der Wucht dieser ungeahnten Anschuldigungen mit den schonen Perspectiven auf Zuchthaus, wo nicht Todesstrafe, fast zu Boden gesunken, die Haare wollten sich sträuben, fast versagte die Zunge. „Mein Herr, Sie sind fürchterlich, aber ich habe es nicht so gemeint. Erbarmen Sie sich! Ich habe Ihnen nie aufgelauert, ich wollte Ihnen nichts thun. Ach, was habe ich da gesagt — ich habe mich geirrt, übereilt; ich dachte — — ich wollte — weil Sie hier in meinem Laden da hinten waren — es ist von wegen dem Fräulein, — ein Jrrthum. — Machen Sie doch nur keinen Lärm, ich bitte Sie!"
Wer sollte sich nicht erbarmen über den Aermsten, der aus einem drohenden Richter durch den unvergleichlichen Einfall unseres Fritz ein bittender, geängstigter geworden war?
Wir hätten uns todtlachen mögen über diese Wendung der Dinge, aber äußerlich boten wir unsere ganze Bcredtsam- keit auf, um Herrn Domdera, wie er sich nannte, dem wir


