Sonntag den 22. November
(Siebener Anzeiger.
Beilage zu Nr. 273.-1891
Feuilleton.
Das warme Frühstück.
Von Julius Berger.
Der Winter hatte seine ersten Schneeflocken über die Häuser und Straßen der Stadt herabgeschüttelt und kündigte zugleich durch einen rauhen, schneidenden Wind seinen Einzug an. Wer es haben konnte, war eiligst in den Pelz gekrochen, um, wenn irgend möglich, diesmal von dem üblichen Schnupsen- fieber und seinen weiteren Folgen, die gegenwärtig in dem modern klassischen Namen „Influenza" zusammengefaßt werden, verschont zu bleiben. Viele aber von den Manchen, die einen Pelz besaßen, brummten gar verdrießlich über die unerwartete Ankunst des eisigen Gastes, suchten aus einer entlegenen Schublade den Pfandschein hervor und zählten die wenigen Silber- und Nickelmünzen, ihre ganze Baarschaft, zusammen. Jene nun, die vor einigen Monaten, als die freundliche Frühlingssonne den Pelz entbehrlich machte, mit bescheidenen Ansprüchen vor den Ladentisch des Pfandleihamtes getreten, waren jetzt um eine Anzahl Procente besser daran, als andere, welche ihre Forderung aus die äußerste Spitze getrieben. Die meisten aber, die vielleicht nie einen Pelz oder dergleichen besessen hatten, mußten es sich, falls sie verurtheilt waren, die Straßen zu passiren, anstatt in der erwärmten Stube zu bleiben, gefallen lassen, daß der Nordwind mit kalter Hand an einzelnen bloßen Körperstellen rothe und blaue Figuren hinmalte.
Zu diesen Unglücklichen — wenn letztere Bezeichnung immer zutreffend ist — gehörte der 'einsame Wanderer, der aus der reichlich mit Schnee bedeckten Landstraße tapfer der nahen Stadt zuschritt. Der einfache Rock, den er trug, war nichts weniger als ein Pelz- er schien aus dem Zeitalter längst vergangener Sommermonate früherer Jahre zu stammen. Den Kragen hatte er aufgeschlagen und mit einem bunten Tuche fester an den bloßen Hals gebunden. Seine Hosen hätten auch besser in ein Alterthumsmuseum als an Menschenbeine im Winter gepaßt. Ihre ursprüngliche Farbe war kaum mehr zu bestimmen. Denn einzelne Tuchflecke, mit denen sie ausgebessert waren, wetteiferten in der Größe miteinander und es konnte ebenso gut der eine wie der andere als der ursprüngliche Hosenstoff angesehen werden. Die Oeffnungen, welche dereinst in die Taschen geführt hatten, waren durch einige Schnurentheile an einer zunehmenden Vergrößerung gehindert worden und in ihnen hatte der Besitzer ferne Hände verborgen. Ein Paar Stiefeln, aus deren ungeputzten Schäften vereinzelte Strohhalme frech hervorguckten, sowie ein etwas zerdrückter Hut bildeten den Schluß der winterlichen Garderobe des Wanderers.
Sein schneller Gang ließ erkennen, daß es ihm der erste Schnee und der schneidende Nord angethan hatten. So war ev an dem Schlagbaum endlich angekommen und befand sich bereits bei den ersten Stadthäusern. Sein Gesicht, das vordem einen röthlich-finsteren Ausdruck gehabt, nahm sofort einen städtisch-freundlichen an- in aller Eile brachte er seine Garderobe in Ordnung, stützte sich auf den knotigen Stock, den er bisher unter dem linken Arme getragen und wanderte auf dem Trottoir leichten Fußes dahin. Ja, seine Miene schien sogar Spuren der Heiterkeit zu zeigen, als er einer Schaar munterer Buben und Mädchen begegnete, die ihn freundlich grüßte.
Der Wanderer blieb lächelnd stehen und wandte sich an die kleine Gesellschaft: „Nun, Kinderchen, wo kommt ihr denn her und wo geht ihr denn hin? He?"
Und wie im Chore antworteten sie: „Nu, mir kommen aus der Schule und gehen derheme."
„Ei, das ist schön von euch! Da ist also heut die Schule schon aus. Wie spät mag es nur sein?"
„Elfe hat es gerade geschlagen" — entgegnete ein strammer Bauernjunge — „'s wird bald Zeit zum Effeu sein."
„Ganz recht, das dauert nicht mehr lange. Aber was habt ihr denn heut zu Mittag?" fragte mit freundlichen Worten der Fremde, welchen die Schulkinder umstanden.
Der Bauernjunge, der übrigens der Leithammel der kleinen Herde, zu sein schien, wie aus seiner Körperlänge zu entnehmen war, musterte schnell die Kinder und sagte: „Mir haben heut Arbsen und Schweinefleesch, das bin ich, die Marie und die Susanne. Bei Matznersch gibts Pflaumen und Ktösel, beim Scholtzen han se gestern geschtacht, da wern se wohl Würschte Han!"
„Aha" — meinte der Fremde — „da gibts heut beim Scholtzen das beste- Würste esset ihr doch alle gern, nicht?"
Indem der kleine Redner einen großen Bissen in seine Butterschnitte machte, die er in beiden Händen hielt, antwortete er mit einem kräftigen: „Nu!"
„Aber du kaust ja immer noch an deinem Butterbrod, da wirft du zu Mittag nichts essen können" — bemerkte der Wanderer.
„Nu freilich" — fiel der Junge ein — „heut dursten mir aber in der Schule nich Zehnuhr machen, der Schul- inspector war bei uns gewest."
„Ach, da werdet ihr wohl schon großen Hunger haben, nicht wahr?"
Wieder ertönte aus aller Munde ein „Nu!"
„Da möchte ich euch wohl Jedem eine warme Wurst kaufen, was meint ihr?"
„Ach ja, ach ja!" erscholl es aus aller Munde.
„Nu aber aufgepaßt! Heute geht nur der Junge da und seine Schwestern Marie und Susanne mit. Morgen hole ich die andern bei der Schule ab."
Und mit den Worten: „Also kommt, Kinder!" nahm er die drei, die schon seine Hände erfaßt hatten, mit sich, während die Übrigen Knaben und Mädchen, ein ganzes Häuschen noch, weinend stehen blieben und nachdem sie den guten Mann mit den glücklichen Dreien um die nächste Ecke biegen gesehen, traurig ihren Heimweg sortsetzten.
Der Fremde war mit den Kindern, die bald äußerst zutraulich wurden und vom Vater und der Mutter allerhand erzählten, in ein Wirthshaus getreten. Kaum hatten sie den warmen Ofen erblickt, so waren sie auch schon aus ihn zugelaufen und riesen: „Aber der ist mal scheene warm!"
Die Wirthin, die gerade allein zugegen war, konnte sich des Lachens nicht erwehren, als sie die drei Kinder mit den rothen Nasen und Ohren am warmen Ösen hin- und herrücken sah. Mit freundlichster Miene trat sie zu dem Fremden, der inzwischen an einem Tische in der Osennähe Platz genommen hatte, und sagte:
„Ja, das hätte man nicht gedacht, daß sich der Winter gar so schnell einstellen würde. Am schlimmsten wird es für die armen Kinder sein, die manchmal so recht weit zur Schule haben. Die Kleinen dort sind wohl Ihre Kinderchen?"
„Die ältesten drei sind 's" — entgegnete der Fremde — „sie kommen gerade aus der Schule und konnten heut
nicht einmal frühstücken, weil der Schulinspector dort gewesen sein soll. Da ich in der Stadt etwas zu thun habe, nahm ich sie mit- ich traf sie gleich am Schlagbaume. Mögen sie sich doch erwärmen und etwas Warmes zu sich nehmen, das wird ihnen ganz gesund sein. Sie können ja dann mit mir nach Hause gehen."
„Gewiß, gewiß!" bejahte die Wirthin und fragte auch sofort, was sie für die Kinderchen und den Vater auftragen solle.
„Für jedes Kind bringen Sie nur ein Paar warme Wiener Würstchen und eine halbe Semmel und mir zwei Paar solche Würstchen und eine ganze Semmel" — bestellte der Fremde. „Ich trinke außerdem einen warmen Grog- sür die Kinder können Sie ja ein Glas Grog mitbringen."
Eilig, wie es ihres Amtes war, entledigte sich die Wirthin ihres Auftrages. Bald standen die Portionen aus dem Tische, und auf den Wink des Fremden setzten sich die Kinder daran und nahmen ihr warmes Frühstück ein.
Der Alte sowie die Jungen mußten sehr hungrig sein; denn ehe die Wirthin ihren Braten, den sie im Ofen bereitete, umgedreht hatte, waren von allen Tellern Wurst und Semmel verschwunden. Auch der wärmende Grog schien ihnen äußerst wohl zu thun; indem der Alte zu den Kindern sagte, daß sie nur dies eine Glas Grog bekämen, da es ihnen leicht übel davon werden könnte, bestellte er für sich gleich noch ein zweites mit dem Bemerken, daß die Frau Wir.thin etwas mehr Rum Hineinthun möchte.
Kaum hatte sie auch diesen Wunsch erfüllt, als der Fremde die Kinder fragte, ob sie noch so ein Paar Würstchen essen wollten. Selbstredend bejahten es alle drei und der gute Manu ersuchte nun die Frau, für jedes Kind noch ein Paar Würstchen zu bringen. Inzwischen wollte er gehen, sein kleines Geschäft erledigen und werde bald zurück sein. Schließlich bat er die Wirthin, freundlichst aus die Kinder acht haben zu wollen, und letzteren sagte er, daß sie ja recht artig sein und der guten Frau Wirthin folgen möchten. Die Kinder versprachen es und auch die Frau meinte, daß er ganz unbesorgt sein könne. Der Fremde nahm nun Hut und Stock, grüßte freundlich und ging ....
Die Kinder hatten lange ihre zweite Portion vertilgt und standen am warmen Ofen. Es waren ein, zwei, drei Stunden vergangen, aber der Mann ließ sich nicht sehen. Als es bereits zu dunkeln anfing, sagte endlich der Junge weinend:
„Nu müssen mer aber derheme gehn, sunst schimpft der Vater, wenn mer zu spät kommen."
Die Wirthin aber sagte tröstend: „Ihr müßt doch aus euren Vater warten, bis er aus der Stadt zurückkommt."
„Das wor ja nich unser Vater," sagte weinend der Junge. „Unser Vater ist derheme und liegt krank."
„Nun, wer war es denn, mit dem ihr hier hereingekommen seid?" fragte die Wirthin erstaunt und Schlimmes ahnend.
„Nu, mer kennen ihn selber nich. Er wollte uns bloßich Würschtel kaufen!" meinte der Junge und wischte sich die Thränen aus den Augen.
Der gute Mann kam wirklich nicht mehr wieder- es blieb der Wirthin nichts anderes übrig, als die Kinder nach Hause zu schicken.
Bis heut wird sie wohl auf die Bezahlung des warmen Frühstücks vergeblich gewartet haben.
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