1891
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Donnerstag den 22. October
Nr. 24«
Aints- und Zlnzeigeblatt für den K»eif öitfe««.
Hrattsöeitage: Hießener Kamilienölätter
Amtlicher Tbeil
Alle LmEal-Surraux deS In- und Äuflfettbti nehm« «vzetaev für des „Sießeaer Anzeiger- estge««.
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Hersfprrcher 51.
am Berliner Hofe gelegentlich ihrer Heimreise von Kopenhagen nach Petersburg verdichten sich mehr und mehr. Dieselben haben jetzt durch das am Montag Mittag erfolgte Eintreffen der russischen Kaiseryacht „Polarstern" im Hafen von Neusahrwaffer anscheinend eine weitere Bekräftigung erhalten, da angenommen wird, daß es sich um eine Probefahrt des „Polarstern" handelt. Selbstverständlich muß aber auch jetzt erst noch eine bestätigende Meldung über das Zustandekommen des nun schon so oft angekündigten Czaren- besuches am Berliner Hofe abgewartet werden.
— Der Besuch des Königs Karl von Rumänien in Berlin von Sigmaringen aus wird in den allernächsten Tagen erwartet. Allgemein schreibt man dem angekündigten Erscheinen des rumänischen Herrschers in der deutschen Reichshauptstadt eine besondere politische Bedeutung zu und hier und da ist man sogar der Meinung, das erwartete Ereig- niß bilde den Vorläufer des Eintritts Rumäniens in den Dreibund.
— Die Entlassungsgeschichte des Fürsten Bismarck wird wieder einmal in den Spalten der Tagespresse erörtert. Anlaß hierzu hat ein heftiger Angriff der „Hamb. Nachr." gegen die „Straßb. Post" gegeben, welch letzteres Blatt eine angeblich auf offiziösen Quellen beruhende Darstellung der Entlastung Bismarcks gebracht hatte, und diese Mittheilungen werden nun von den „Hamb. Nachr." in einer sehr langatmigen Polemik als wahrheitswidrig bezeichnet. Das Hamburger Blatt wirst schließlich sogar die Frage aus, wen die Verantwortung für den Kanzlerwechsel treffe, und stellt das Blatt weiter eine Erörterung der ganzen Angelegenheit im Reichstage in Aussicht. Im Grunde genommen ist indessen auch die jüngste Polemik in Sachen des Rücktritts Bismarcks recht überflüssig, denn der innere Grund für diesen welthistorischen Vorgang steht ja längst fest. Er wurzelt augenscheinlich darin, daß Fürst Bismarcks Stellung bei Leitung der Reichs- und preußischen Staatsangelegenheiten, wie er sie im letzten Jahrzehnt der Regierung Kaiser Wilhelms I. eingenommen hatte,? durch den Entschluß Kaiser Wilhelms H., auf den Gang dieser Angelegenheiten einen maßgebenden persönlichen Einfluß zu nehmen, einfach unhaltbar geworden war. Hierüber bedarf es in der That keiner besonderen Betrachtungen mehr, während die Einzelheiten, in denen der Conflict zwischen Kaiser und Kanzler zum Ausdruck kam, gegenüber jenem allein wichtigen Sachverhalt doch nur von höchst untergeordneter Bedeutung sind.
Die Herbergen zur Heimath.
Ueber die Herbergen zur Heimath liegt jetzt eine gute Statistik vor- Pastor Mör chen in Gadderbaum, der Schriftführer des deutschen Herbergsvereins, ist der Urheber. Die „Soc.-Corr." hebt daraus Folgendes hervor:
Die erste „Heimath", wie die wandernden Handwerksburschen kurz sagen, wurde 1854 in Bonn gegründet, nachdem schon seit 1848 in Berlin eine ähnliche Herberge bestanden. In den neun Jahren bis 1862 entstanden zusammen 12, von 63—69 kamen 42 dazu, von 70—76, also in der Gründerzeit, nur 28, von 77—83, in der Zeit des wirthschastlichen Niederganges und der Vagabundennoth, gleich 75 und von 81 90, d. h. seit Pastor von Bodelschwingh in Bielefeld in der Innern Mission Deutschlands eine so große Rolle spielt, nicht weniger als 208. Die erste Anstalt in Sachsen war Leipzig 1864, in Süddeutschland machten Reutlingen und Stuttgart 1867 den Anfang. Heute zählt man 362 Herbergen zur Heimath mit 12 777 Betten. Sie werden jährlich von anderthalb Millionen Durchreisenden benutzt, die 2i/4 Millionen Nächte dort verbringen- außerdem haben sie über 21000 Kostgänger, welche über eine halbe Million Schlasnächte bedeuten.
Unter den 362 Herbergen sind 13 Massenherbergen (mit 100 und mehr Betten), 39 sehr große (60 bis 100 Betten), 77 große (40 bis 59), 118 mittlere (20 bis 39), 69 kleine (10 bis 19), 46 ganz kleine (unter 10 Betten). Die größten Herbergen sind Frankfurt a. M. (47 445 Schlafnächte bei 150 Betten), Berlin I, Hamburg I, Berlin II, Hamburg II.
Nach Bezirken und Frequenz geordnet, steht das Königreich Sachsen obenan- seine 50 Herbergen haben 354000 Schlafnächte auszuweisen, danach folgen die Provinz Sachsen mit Anhalt 312000 Schlafnächte, Brandenburg 276000, Schleswig-Holstein mit Hamburg und Lübeck 249 000, Rheinprovinz 247 000, Südwestdeutschland 207 000, Niedersachsen 205000, Westfalen 200 000, Hessen-Darmstadt und Hessen- Nassau 160000, Altbayern 116000, Schlesien 115000, Thüringen 106000, Pommern 77 000, Mecklenburg 68000, Westpreußen 29000, Posen 11000, Ostpreußen 10000 Schlasnächte. In Ostpreußen sind nur 3, in Brandenburg dagegen 44 Herbergen.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 21. October. Oberbürgermeister Fo rckenbeck feiert heute seinen siebzigsten Geburtstag.
Erfurt, 20. October. Sozialistentag. Es wurde von den Elsässern ein Antrag gestellt, auf die Abschaffung des Dictatur-Paragraphen in Elsaß-Lothrtngen hinzuwirken. Emmel-Franksurt stellt den Antrag, man möge Front machen gegen den Personencultus, der durch das Verkaufen von Bildern lebender Parteigenossen getrieben werde. Bebel bezeichnet den Antrag als zu weit gehend und wurde derselbe abgelehnt. Kunert begründet den Antrag der Breslauer Genossen, dahingehend, Geiser, welcher nach dem St. Gallener Beschluß gleich Viereck kein Ehrenamt mehr bekleiden solle, zu rehabilitiren. Der Antrag wurde nach lebhafter Debatte abgelehnt, da Geiser auch nach dem St. Gallener Congreß einen Prozeß gegen die Partei angestrengt, journalistischen Unfug getrieben und das Parteiinteresse geschädigt habe.
Erfurt, 20. October. Sozialisten-Congreß. Die Commission für die Programmberathung acceptirte als Grundlage den Entwurf Kautskys, nicht denjenigen Liebknechts. Es steht noch nicht fest, wer über das Programm referirt, Liebknecht oder Kautsky. Es herrscht Stimmung für die Beschleunigung der Verhandlung. Es wurde die Herausgabe eines Wochenblattes „Sozialdemokrat" gewünscht, anknüpsend an den vor dem Sozialistengesetz bestandenen (nicht den Züricher „Sozialdemokrat")- Ein dahin gehender Antrag wurde aber abgelehnt. Die Berliner Opposition hält heute in Berlin eine Versammlung ab, wogegen sämmtliche Berliner Delegirten protestiren.
Wien, 20. October. Die Waffenfabrik in Steyr entläßt bis Ende October 4000 Arbeiter. Viele hiervon sind bereits für russische Gewehrfabriken engagirt.
Rom, 20. October. Die gestern aus Paris angelangte Meldung, daß die französische Regierung die Abschaffung der Differentialzölle gegen Italien beschlossen habe, machte großen Eindruck. Die „Tribuna" nennt den Beschluß eine Sanction der in Nizza ausgetauschten Freundschaftsversicherungen. Den politischen Wohlthaten, welche sich im Lause der Zeit daraus ergeben werden, stehe nichts mehr im Wege.
Loudon, 20. October. Nach der „Daily C h r o n i c l e" begrüßt eine Abordnung des Sultans, an deren Spitze der Großvezier steht, den Zaren im November in Livadia.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Ne«este Nachrichten.
WolffS telegraphisches Lorrelpondenz-Bureau.
Berlin, 20. October. Dem „Reichsanzeiger" zufolge begann heute der erste Jnstructionscursus der Ge- werbeinspectionsbeamten, woran fünfzehn preußische und drei außerpreußische Beamte theilnahmen. Die Vorlesungen betreffen gewerbliche Gesetzeskunde, Gesundheits- und Wohlfahrtspflege, die Entwickelung der gewerblichen Arbeiterverhältnisse, Geschichte der Gewerbeinspectionen und Jahresberichte. Der Cursus dauert vier Wochen.
Wien, 20. October. Im Kloster Mayerling weihte heute Vormittag Cardinal Gruscha die neuerrichtete Votivcapelle ein, welche bekanntlich dem Andenken an das Ende deS Kronprinzen Rudolf gewidmet ist. Hieraus wurde im Beisein des Kaisers die erste Messe gelesen. Nach Besichtigung der Capelle und einem längeren Aufenthalte im Kloster kehrte der Kaiser nach Lainz zurück.
London, 20. October. Nach einem Telegramm der „Times" aus Valparaiso sind bei den Wahlen in Chile bisher 30 Conservattve und 60 Liberale gewählt worden- das Gesammtergebniß der Wahlen sei noch nicht bekannt.
Haag, 20. October. Bei Berathung der Armeeorganisation im Bureau der zweiten Kammer wurde an der Dringlichkeit der Regelung der Organisation auf dec Grundlage der persönlichen Dienstpflicht sestgehalten.
Paris, 20. October. Der Czar übersandte dem Marineminister den Weißen Adlerorden.
Petersburg, 20. Oktober. Heute sand anläßlich des Jahrestages der Schlacht bei Navarin der Stapellaus des neuen großen Panzerschiffes „Navarin" statt.
— Am Sonntag sind in Li da, Gouvernement Wilna, 400 Häuser, darunter zahlreiche Staatsbauten, abgebrannt.
Rio de Zaueiro, 20. October. Die Kammer genehmigte in zweiter Lesung mit 100 gegen 12 Stimmen den Gesetz- Entwurf, wonach die Emission von Papiergeld beschränkt und das Decret vom 20. Mai ausgehoben wird, nach dem Zollzahlungen in Gold zu geschehen haben.
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Betr.: Ernennung von Vertrauensmännern für die Tiesbau- Berussgenoffenschaft.
Das Grotzherzoaliche Kreisamt Metzen an das GrotzherzogUche Polizeiamt Gießen und die Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung weisen wir Sie hierdurch an, die Benachrichtigung über die Einleitung einer Untersuchung über die bei Mitgliedern der Tiefbau-Berufsgenoffenschast eingetretenen Unfälle an den genannten Vertrauensmann, bezw. deffen Stellvertreter in Gemäßheit des § 54 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 zu richten.
v. Gage r n.
A meines hause«
Simmern ntbft alsbald oder ^Dersweg 24.
.^rnOben ’ftM 6 Zimmer ^onfhftem Achhör, auf ^ch, Löbit z, i, amilienwohM^, fow(t ru Dtrmietfa. __ KaplmsgGA, rrmilshU mmer mit Zubehör urb retten. 88A . SchÄerstrahe 16, )enwo6nunfl, 3 Zimmer r Decbr. zu vermtethen. r. Haubach. und Krosdorfersnahe. a, 2 Kammern nebst allem anzen oder getreml per miethen. Riegelpfad 12. Logis iosortzu per miethen im »Fischerhoff.
an ruhige Leute zu oer- h. Löbtk, Arandaassc.
ttt mödlirtes Zimmer in vermiethru.
Weidm-asse 8. Zimmer mit Eabiuet Smarckstr. 8 (Ladeu). nöblirte Zimmer zu ver- Frankiurterstratze 36. le Zimmer zu permiHm.
Me.iM 12. Mes Zimmer, pattem, Eingang zu cermleM , faigttf re öübfeite^ lumiges gut mNirteS
Mm« ivsSÄ. kt, Mite Lummer zu ver- Mnbergnstraß^.
Bekanntmachung,
Ernennung von Vertrauensmännern für die Tiefbau-Berufsgenoffenschaft betreffend.
Es wird hiermit zur Kenntniß der Jntereffenten gebracht, daß der Vorstand der Tiefbau-Berufsgenoffenschast zu Berlin den Herrn Kreis- und Provinzialingenieur Stahl zu Gießen zum Vertrauensmann bezw. Beauftragten für die Provinz Oberheffen und als deffen Stellvertreter Herrn Kreistechmker Eichler zu Bensheim ernannt hat. /
Gießen, den 19. October 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, von Gagern.
Bekanntmachung,
Obstausstellung zu Gießen betreffend.
Auf Ersuchen des Comitös für die zur Zeit in Gießen stattsindende Obstausstellung bringen wir das Nachstehende zur allgemeinen Kenntniß:
Die Vertheilung der Preise für hervorragende Leistungen findet am Donnerstag, den 22. October l. I., Nachmittags 3 Uhr statt.
Dann wird die Ausstellung geschloffen.
Die ausgestellten Gegenstände können am Donnerstag, den 22. October, von Nachmittags 4 Uhr an abgeholt werden und müffen am Freitag, den 23. October, Nachmittags 3 Uhr entfernt sein. Nicht Abgeholtes wird am Freitag, den 23. October l. I., Nachmittags von 4 Uhr ab versteigert.
Die Verloosung findet Freitag, den 23. October l. I. statt, die Gewinnliste wird alsbald veröffentlicht. Die Gewinne müffen bis spätestens 15. November l. I. abgeholt sein, sonst fallen sie dem Oberhessischen Obstbauverein anheim.
Gießen, den 20. October 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern. ________________
Gießen, 20. October 1891.
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf unsere Veröffentlichung vom 15. October in Nr. 242 des Gießener Anzeiger, Erkrankungen in Folge von Milchgenuß betreffend, bringen wir hiermit zur Kenntniß, daß das Thier, von dem die von Krankheitskeimen erfüllte Milch stammte, am 17. d. M. in einem Stalle in Dorf-Gill aufgefunden und die Verwendung der Milch sistirt worden ist. Mittlerweile sind in dem bacteriologischen Institut die bei den Erkrankungen in hiesiger Stadt wirksamen Mikro- Oraanismen, auch bei der Kuh in ganz unzweifelhafter Weise nachgewiesen worden und haben im Thier-Versuch, sowie bei anderen UntersuchungSmethoden dieselbe Wirkung entfaltet und die völlig gleichen Eigenschaften zu erkennen gegeben.
Vor dem Genüsse ungekochter Milch muß ebensowohl wegen des hier aufgefundenen, als wegen anderer in diesem Nahrungsmittel vorkommender Krankheitskeime, welche dann nur durch eine zeitraubende Untersuchung zu erkennen sind, auch für die Zukunft entschieden gewarnt werden. Das er- krankte Thier in Dorf-Gill leidet an einer mfecttosen Darm entzündung mit blutig herösem Abgänge, welcher sich woh nur in kleinsten Mengen der gemolkenen Milch beigemengt und bei dem bekannten raschen Wachsthum in der Milch, die dadurch gänzlich unverändert bleibt, die fraglichen Erkrankungen herbeigeführt hatte.
Großherzogliches Kreisgesundheitsamt.___________
Deutsches Reich.
Berlin, 20. October. Die Meldungen über den zu erwartenden offiziellen Besuch der russischen Majestäte.n


