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1891
Rr. 45 Zweites Blatt. Sonntag den 22. Februar
Weßener Anzeiger
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Der
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findlichen, nicht epidemisch Erkrankten im Hoöpital oder sonst geeignet erscheinenden Räumen untcrgebracht, die in Folge einer Epidemie Erkrankten dagegen in die Jsolirbaracke gelegt werden können. — lieber die Prüfung der Rechnung der Stadt Gießen für daS Jahr 1890/91 berichtet als ältestes Mitglied der Finanz * Commission Herr Stadtverordneter Hombergcr. Die Commission hat in drei Sitzungen die Rechnung nebst Belegen geprüft und außer einigen kleinen, durch Nachfragen leicht zu beseitigenden Anständen nichts zu beanstanden gefunden, so daß sie die Ge nehmigung der Rechnung beantragen konnte. Es wird dementsprechend beschlossen.
— Kleine Mittheilungen aus dem Großherzogthum Heße«. Die Mainzer Handelskammer hat beschlossen, betr. der geplanten Obst- und Weinbauschule in der Provinz Rhein- Hessen an das Großh. Ministerium das Ersuchen zu richten, Mainz als Sitz der Schule zu wählen. — In Folge de» niedrigen Wasserstandes konnte am 18. d. M. bei Weise na» ein alter, seit undenklicher Zeit im Rheine lagernder Eichen- stamm geländet worden, der am unteren Ende den respec- tablen Durchmesser von nahezu 1 ,/2 Meter hat. — Eine« in eine Brauereiwirthschast zu Mainz eintretenden betrunkenen Burschen wurde das verlangte Bier verweigert. Dieser halb aufgebracht, drang der Bursche kurz darauf in Gesellschaft von fünf Genossen in das Local wieder ein; die Rotte wurde aber an ihrem Vorhaben, den Wirth zu züchtige», durch gerade anwesende Brauburschen so nachdrücklich verhindert, daß sich zwei von ihnen die erhaltenen Wunden verbinden lassen mußten. — In Kastel wurde am 18. d. M. ein großes Quantum wegen Mindergewicht confiscirteö Brod unter die Armen vertheilt. — Die von der Direktion des Realgymnasiums und der Realschule in Worms veranlaßte Abstimmung über Aenderung oder Beibehaltung der jetzige» Stundeneintheilung hat mit großer Majorität die Meinung der Eltern für Beibehaltung des Nachmittagsunterrichts in seitheriger gewohnter Weise ergeben. — Die Stadtverwaltung zu Bingen hat beschlossen, mit dem Inkrafttreten der neuen Feuerlöschordnung am 1. April den vollständigen Feuerlösch- und Rettungsdienst der freiwilligen Feuerwehr zu übertragen. Die seitherige städtische Feuerwehr wird aufgelöst und deren Mitglieder in die freiwillige Feuerwehr cin- gereiht, die Stadt übernimmt die Gesammtkosten der Einrichtungen. — Ein curioses Gesuch richteten die Bewohner der Emmeransgasse in Mainz an die dortige Bürgermeisterei, nämlich die dort belegene Knabenschule in eine Mädchenschule umzuwandeln. Die Buben machten zu viel Lärm
niß zum Bauen auf dem zwischen dem künftigen Güterbahn- ! Hose und der Lahn gelegenen Gelände hat die Baudeputation ; beantragt, demselben nicht stattzugeben. Sie erklärte es un- i geachtet der Bestimmungen in Art. 5 des OrtsbaustarntS, nach welchem die Genehmigung zum Bauen außerhalb der im Stadtbauplan sestgestellten Bauquartiere in der Regel nicht zu ertheilen ist, für zweckmäßig, wenn sich die Stadt freie Hand für eine später nöthig werdende Feststellung von Bebauungsplänen, namentlich in Bezug aus Anlage von Straßen, sichere. Es wird, dem inzwischen eingegangenen Anträge des Gesuchstellers entsprechend, beschlossen, die Beschlußfassung über das Gesuch auszusetzen. — DaS Gesuch des Herrn Franz Nolte um käufliche Ueberlasiung des von demselben gepachteten und mit einem Geschäftslocale nebst Wohnung bebauten Geländes an der neuen Cascrne (Licherstraße) wird, unter Genehmigung der von der Baudeputation beantragten Verlängerung des bestehenden Pachtvertrages auf drei Jahre, abgelehnt. Da in der Sitzung vom 5. Februar beschlossen worden, das Gesuch an die Baudeputation behufs Feststellung des Preises bei event. Verkaufe des betr. Geländes zurückzuverweisen, so hat dieselbe beantragt, bei einem Mindestverkauf einer Fläche von 300 Quadratmeter, anstatt der von dem Gesuchsteller beanspruchten 170 Quadratmeter den Preis auf 8 Mk. pro Quadratmeter, festzusetzen. — Das Gesuch der Handwerkerschule um Überlassung des Zeichensaales der höheren Töchterschule zur Ausstellung von Zeichnungen während der Dauer der Schulferien wird genehmigt. — Bei Vergebung des S t r a ß e n n n t e r h a l t u n g s- mater ials haben sich bezüglich der Anlieferung von Lahnkies und des Fahrens der Straßenwalze Mehrforderungen gegen den Voranschlag ergeben. Es wird Herrn Rinn in Heuchelheim auf sein Angebot von Mk. 2,80 per Kubikmeter Lahnkies und Herrn Haubach hier, welcher für das Fahren der Straßenwalze mit einem Paar Pferden pro Stunde Mk. 1,30 forderte, der Zuschlag ertheilt. — In der Sitzung vom 5. Februar wurde beschlossen, Großh. Direktion der neuen Klniken die seither als Baubureau benutzte Jsolirbaracke zur Ausnahme von hiesigen Kranken zur Verfügung zu stellen und entsprechend auszurüsten, ohne daß dadurch eine Beeinträchtigung in der Ausnahme der vertragsmäßig einzuweisenden armen Kranken in die Kliniken selbst herbeigesührt werde. Die Großherzogl. Direktion hat das Anerbieten im Einverständniß mit Großh. Ministerium angenommen und letzteres nur noch auf die Noth- wendigkeit aufmerksam gemacht, daß dann die Stadt im Falle Auftretens einer Epidemie für andere geeignete Räume sorgen möge. Es wird beschlossen, Vorsorge für den Fall einer Epidemie dahin zu treffen, daß die in der Jsolirbaracke be
veirtsche- Reich.
Berlin, 20. Februar. Kaiserin Friedrich weilt nebst ihrer jüngsten Tochter, Prinzeß Margarethe von Preußen, augenblicklich in Paris, wo die hohen Herrschaften auf ihrer Reife zum Besuche des englischen Hofes für einige Tage Station gemacht haben. Man darf daS Ereigniß gewiß als einen Beweis der gegenwärtigen befriedigenden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich betrachten, denn Kaiserin Friedrich und Prinzeß Margarethe sind die ersten Mitglieder dcs preußischen Königs- und deutschen Kaiserhauses, welche seit Beendigung des deutsch-französischen Krieges nunmehr wieder den Boden Frankreichs und speciell Paris betreten haben. Sicherlich ist dieser Schritt nicht ohne vorherige Zustimmung Kaiser Wilhelms erfolgt und deshalb gewinnt der ganze Vorgang eine gewisse politische Bedeutung im Sinne einer Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich. Dieser Auffassung entspricht auch vollkommen die sympathische Aufnahme, welche Kaiserin Friedrich seitens der Pariser Bevölkerung zu Theil geworden ist und ebenso nimmt die Presse der französischen Hauptstadt dem Besuche der erlauchten Gäste aus Deutschland gegenüber eine durchaus freundliche Haltung ein. Die Kaiserin wohnt mit ihrer Tochter im Gebäude der deutschen Botschaft; die Weiterreise nach England soll, soweit bekannt, am Dienstag erfolgen.
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Locale» Mit« provinzielles.
Gießen, 21. Februar.
— Sitzung der Stadtverordneten vom 19. Februar. Anwesend : Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Langsdorfs, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Georgi, Grüneberg, Heyligenstaedt, Hornberger, Jug- Ihardt, Keller, Löber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schmall, Schopbach, Simon, Dr. Thaer und Wallenfels.
Die auf der Tagesordnung stehenden Gesuche um Er- theilung der Concession zum Wirthschastsbetrieb werden be- fürtoortet. Kaspar Heinzerling beabsichtigt im ehemals Schäfer'fchen Hause, Schiffenbergerweg 54, eine Wirth- ychast zu errichten, Philipp Rühl die Wirthschast zum ,Kronprinzen" (Wolf- und Licherstraße) weiter zu betreiben. — Herr Eberhard Fen st er beabsichtigt, den vor einiger Zeit abgebrannten Theil eines Hintergebäudes wieder aufzu- fcauen und bewohnbar zu machen. Mit Rücksicht daraus, daß eine Stockwerksaufsetzung wie die geplante den baupolizeilichen Bestimmungen zuwiderläuft, wird das Gesuch beanstandet. — Zu dem Gesuche des Herrn Georg Schäfer um Erlaub-
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Feuilleton.
Der einzige Sohn.
Novelle von I. Bonnet.
(7. Fortsetzung.)
Mit dem Inspektor durchritt und durchschritt Arthur die Feldmark und die Scheunen und Ställe, nut der Wirtschafterin musterte die junge unerfahrene Herrin ihr häusliches Gebiet. Ihm fiel es leichter, sich einzugewöhnen, als ihr. Denn wie er langer als ein Jahr als Lehrling auf einem Gute unter vorzüglicher Anleitung zugebracht, so hatte er auch in Amerika als Ackerknecht auf einer großen Farrn sich mancherlei Kenntnisse erworben und Erfahrungen gesammelt, tteberhaupt sand er sich mit spielender Leichtigkeit auch in noch Unbekanntem zurecht. Sie hingegen vergoß manche heimliche Thräne über ihre Unwissenheit, die ihr aus Schritt und Tritt zum Bewußtsein kam. Jndeß, hatte sie einmal eine Aufgabe übernommen, so setzte sie auch alles daran, die beste Lösung zu Stande zu bringen. Keine Stunde war ihr zu früh, keine zu spät, bei allen Geschäften beteiligte sie sich selbst, verhehlte nicht ihre Unkunde vor der erfahrenen Wirthin, .ließ sich anweisen, sah ihr von den Händen ab und fühlte mit den Fortschritten auch die Freudigkeit wachsen.
In der Nachbarschaft wurden Besuche gemacht, die eine ^erbe Demüthigung zur Folge hatten, da sie unerwidert Hieben. Keiner der adeligen Besitzer ließ sich sehen, nur der Pastor erschien freundlich und ließ es auch, nachdem seine Frau von einer Reise zurückgekehrt war, an einer Einladung «icht fehlen.
Arthur empfand die Zurücksetzung mit einem wahren Hngrimm, da er sie, ohne sich schuldlos zu fühlen, als auf ‘feine Person, seine Vergangenheit gemünzt erkannte, obwohl er vor seiner Frau geflissentlich dem junkerhaften Dünkel schuld gab. Der Pastor aber genügte ihm nicht; seine Welt
anschauung fei unbeschränkt, erklärte er, und übrigens sei ihm der ganze Stand unleidlich.
Marie ihrerseits war im Innern froh darüber, daß ihnen die Abweisung der Nachbarn zur Nöthigung ward, den Mittelpunkt des Lebens im eigenen Hause sestzuhalten, und mit dem Pastorat verband sie bald das Gefühl gegenseitiger Achtung.
Monate ruhigen, gleichmäßigen Wirkens und Schaffens vergingen so. Allmählich ließ sich bei Arthur eine gewiste Unruhe wahrnehmen, die auch wohl als Mißvergnügen und Unzufriedenheit hervortrat. Den tüchtigen Inspektor, der sich eigene Ansichten erlaubte, hatte er längst sortgeschickt und dafür einen solchen genommen, der ihm in Allem zum Munde redete. Von ihm fand er auch nur Zustimmung zu dem Plan, den Hofraum zu erweitern, die Stallgebäude umzubauen, eine andere Äiehwirthschaft einzuführen. Marie vermochte ihm nicht hindernd in den Weg zu treten, da er ihr mit Recht entgegenhielt, daß sie von solchen Dingen nichts verstehe. Aber ein geheimes Bangen überkam sie bei seinen weitgehenden, kostbaren Entwürfen. Durch den Inspektor auf lhren Mann einzuwirken, gerieth fehl, ein höhnisches Grinsen zeigten ihr, wie der recht daraus aus sei, dem für ihn blindlings eingenommenen Herrn die gefährlichen Wege noch zu ebnen.
Seine Baupläne führten Arthur häufig in die Stadt, immer häufiger. Marie empfand, daß ihm die lodernde Gluth der Leidenschaft mehr und mehr erlosch, daß sie nebeneinander hergingen ohne gegenseitige Liebe, die ihm mit der Zeit zu schenken ihr ernstes Kämpfen war. Denn blieb sie aus, erkaltete feine Neigung zu ihr langsam wie ein ungeschürtes Feuer, dann mußte sich der Abgrund öffnen, vor dem ihr entsetzlich bangte. Immer noch war sie im Unklaren über seine Vergangenheit; aber auch sein Charakter, der sich ihr nach und nach offen enthüllte, der ohne edle Kraft, ohne Tüchtigkeit und Stetigkeit war, ließ sie sorgenvoll in die Zukunft schauen. Das waren jedoch vorübergehende Be
ängstigungen. Ihre sicher aus der eigenen Persönlichkeit beruhenden Art brach ftätig durch. Als eine Pflicht hatte sie auf sich genommen, was sonst im Ueberschwange der Wonne als höchste irdische Gabe hingenommen wird, und dem Wege der Pflicht dachte sie tapfer treu zu bleiben. ‘
Häufig dehnte Arthur seine Besuche in der Stadt bis tief in die Nacht aus und kehrte mit schwerem Kopse wieder heim. Mehr als einmal ward Maricchen an jenen Gesellschaftsabend erinnert, der mit einem so häßlichen Mißklange abbrach und den Anfang zu ihrem künftigen Geschick machte. Aber sie verschloß dergleichen in der eigenen Brust. Geduldig blieb sie aussitzen, auch wenn es tief und tiefer in die Nacht hineinging. Hörte sie bann seinen Wagen, so trat sie ihm mit der Lampe entgegen. Es mochte wohl ein leiser Schatten über ihre Augen flüchtig hingehen, aber ihre Stimme klang hell, wenn sie ihn begrüßte, er sand irgend eine Aufmerksamkeit vor, die ihn erfreue« mußte; Seelengüte erhascht z« jeder Zeit eine Gelegenheit, wie Sonnenschein zu wirken. Nie machte sie ihm einen Vorwurf, aber eine freundliche Frage entfuhr gern ihren Lippen i „Wo bist Du gewesen? Wie ist es Dir ergangen ?" Das that ihr am wehesten, wenn er sie dann offenbar belog, statt ihr einfach die Wahrheit zu sagen. Er schämte sich vor ihr und dies mochte ein gutes Zeichen fein. Doch die fatale Lüge? Der Lüge, gleichviel welcher Art, war sie am entschiedensten feind. In der Lüge lag ihr die Wurzel alles Unheils. Die mußte sie ausrotten bei ihm, auf jeden Fall! Und wirklich, die kleine Frau lag dagegen zu Felde mit ebenso viel Geschick wie Ausdauer, für die sie sich immer von Neuem Kraft in der Stille erholte. Er aber fühlte sich an einem äußerst empfindlichen, schmerzhaften, gleichsam eiternden Punkte berührt und von ihr erkannt in seiner Art, was ihm, der gewohnt war, zu verheimlichen, doppelt ärgerlich war.
(Fortsetzung folgt.)


