1891
Dienstag den 21. April
Nr. 91
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Hratisöeikage: Gießener Jamikienökätter
Anrtlrctzsr Theil.
Bekanntmachung,
Abhaltung von öffentlichen Faselfchaneu zu Gießen und zu Grünberg betreffend.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß in Verbindung mit den am
22. April L I. zu Gießen und am
30» „ „ „ „ Grüaberg
stattfindenden Viehmärkten öffentliche Faselschauen durch die Körcommission abgehalten werden. Die Schau zu Gießen beginnt Vormittags 11 Uhr, die zu Grünberg Vormittags SV- Uhr. Bei den Faselschauen, welche nur zum Zweck der Ankörung von Faseln abgehalten werden, wird die Commission vorzugsweise Fasel der reinen Vogelsberger und Berner, speciell Simmenthaler Raffe berückfichtigen, andere nur dann, wenn sie ganz besonders schön sind. Es werden nur solche Bullen angekört, welche sprungsähig entweder schon find oder dies wenigstens in kurzer Zeit werden. Bei der Schau zu Gießen können den Besitzern guter Fasel, soweit die Mittel reichen, Prämienbeträge bezw. Wegegelder vorbehMich näherer Bestimmung in Aussicht gestellt werden.
Gießen, den 1. April 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 18. s2lpril. Wie der „Darmfi. Ztg." aus Potsdam berichtet wird, waren Seine Königliche Hoheit der Erb großherzog heute Vormittag 10 Uhr zur Theil- .nahme au der Nagelung, Weihe und Uebergabe von Fahnen und Standarten an das 2. Bataillon des Garde-Füsilier- regiments, das Infanterieregiment Nr. 145, das Garde- . Kürassierregiment, das Husarenregiment von Ziethen (Brandenburgisches) Nr. 3, das Husarenregiment König Wilhelm I. (1. Rheinisches) Nr. 7 und das Pionierbataillon Nr. 17 besohlen gewesen. Um 5 Uhr Nachmittags findet im Weißen Saale des Königlichen Schlosses Abendtafel statt, an welcher Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog ebenfalls theil- nehmen werden.
Berlin, 18. April. Heute Nachmittag sand auf dem Dennewitzplatze die feierliche Grundsteinlegung für die Lurherkirche statt. Die Umgebung des Platzes war auf das Festlichste geschmückt. Der Kaiser und die Kaiserin trafen 'kurz nach 3 Uhr ein und wurden enthusiastisch begrüßt, während die Thurmglocken der benachbarten Zwölfapostelkirche zu läuten begannen. Auf dem Festplatze wurden die Majestäten -von dem Minister v. Zedtlitz, sowie den Spitzen der kirchlichen Behörden empfangen. Die Majestäten wohnten mit dem Erbgroßherzog von Baden in dem Kaiserzelte stehend der Feier bei, bei welcher auch die General-Feldmarschälle Graf Moltke, Gras Blumenthal und der General-Oberst v. Pape, sowie die Spitzen der militärischen und Vertreter der kirchlichen Behörden anwesend waren. Nach dem Gesang des Liedes „Ein' feste Burg" hielt Pastor Lange die Fest- prcdigt, in welcher er auch den Majestäten für deren Erscheinen Dank aussprach. Der Archidiaconus Kramm verlas die Urkunde, worauf der Kaiser, die Kaiserin, der Erbgroßherzog von Baden re. die üblichen Hammerschläge thaten. -Propst Brückner schloß die Feier mit dem Segen. Bei der Abfahrt wurden den Majestäten erneute Ovationen dar- ^ebracht.
Berlin, 18. April. Die Budget-Commission des Abgeordnetenhauses bewilligte in ihrer heutigen Sitzung den Rest der Secundärbahn - Vorlage nach den Vorschlägen der Regierung und erledigte die Denkschrift über die Ansiedelungen in Posen und Westpreußen, indem sie dieselbe zur Kenntniß nahm.
Berlin, 18. April. Dem langjährigen Vorsitzenden des deutschen Kriegerbundes, Obersten Elpons, ist der rothe Adlerorden zweiter Klasse verliehen worden.
— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitnng" veröffentlicht rin Schreiben des Bischofs Smythien von der englischen Universitäts-Mission, welches sich sehr anerkennend über die deutschen Bestrebungen in Ostafrika äußert.
Berlin, 18. April. Die Vertreter aller Parteien con- serirten heute im Beisein des Schatzsecretärs Freiherrn v. Maltzahn über die Gestaltung der Zucker st euernovelle. Es wurde eine Einigung wenigstens über das taktische Vorgehen erzielt. Der Schatzsecretär erklärte, daß die Regierungen vor Allem Werth auf die Steigerung der Einnahmen legten. Falls eine solche nicht erreicht werden könnte, müffe ?ne Reform auf unabsehbare Zeit vertagt werden.
Berlin, 18. April. Fürst Bismarck empfing kürzlich in Friedrichsruh eine Abordnung des conservativen Vereins in Kiel. Hierbei hielt der Fürst eine interessante Ansprache, in welcher er in geistreicher Weise seine Auffassung von dem politischen Begriff „conservativ" und sein Verhältnis zu der conservativen Partei Preußens erläuterte. Er betonte, daß er die Zertrümmerung des alten deutschen Bundesstaates und die nachfolgende nationale Einigung Deutschlands als eine conservative That betrachte, die er als solche vor Jedem rechtfertigen könne. Weiter sprach sich Bismarck für Aufrechterhaltung des Cartells zwischen den Conservativen und den Nationalliberalen aus. Schließlich bezeichnete er die laut gewordene Forderung, er solle sich nicht mehr um Politik kümmern, als die größte Dummheit, die ihm je vorgekommen sei. Demgegenüber nahm Fürst Bismarck in sehr entschiedener Weise das Recht für sich in Anspruch, in öffentlich behandelte Fragen, zu deren sachgemäßer Beurtheilung er sich für befähigt erachten müffe, mitzureden, und erklärte er, daß er sich dieses Recht von Niemand verbieten lasse.
— Das „Reichsgesetzblatt" veröffentlicht den Vertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Congostaate über die Auslieferung von Verbrechern und über Gewährung der Rechtshilfe in Strafsachen zwischen den deutschen Schutzgebieten in Afrika und dem Congostaat. Der Austausch der Ratificationen hat am 21. März in Brüssel stattgefunden.
Berlin, 18. April. Der Ausschuß des deutschen Handelstages beschloß, die Reichsregierung zu ersuchen, neben den bestehenden Flottenstationen im Auslande eine südamerikanische Flottenstation einzurrchten. Aus die nächste Tagesordnung der Plenarsitzung soll die Frage der Herabsetzung der Telephongebühren gesetzt werden.
Essen, 18. April. Die Meldung über ein angebliches Complott gegen das Leben des Grubenverwalters von Zeche „Langenbrahm" bei Werden a. d. R. ist der „Rhein.- Westf. Ztg." zufolge vollständig unbegründet. Wahr ist nur, daß in der letzten, am Sonntag stattgehabten Versammlung der Belegschaft der Zeche beantragt worden war, bei dem Grubenvorstand ein Gesuch um Absetzung des Gruben-Ver- walters einzureichen. Der Antrag wurde jedoch von der Versammlung abgelehnt. Die Grubenverwaltung hat daraus zehn Bergleuten, welche die Haupturheber des Antrags waren, am 15. April gekündigt.
Auf Zeche „Eintracht Tiefbau" bei Steele dauert der Strike fort. Auf Zeche „Sellerbeck" sind heute Morgen 63 Mann unter Tage angefahren.
Hildburghausen, 18. April. In dem benachbarten Orte Römhild ist in der vergangenen Nacht eine große Feuersbrunst ausgebrochen. Bis heute früh waren 30 Häuser in Asche gelegt.
Wilhelmshaven, 18. April» Bei Wangeroog ist gestern ein englischer Dreimastschuner gestrandet und wahrscheinlich gesunken. Durch ein gekentertes Boot wurden fünf Leichen angetrieben.
Ausland.
P-st, 18. April. Das Organisationscomite der Arbeiter beabsichtigt am 1. Mai ein Ar bei ter fest zu veranstalten nnd eine allgemeine Arbeiterversammlung abzuhalten. Das Comiö erklärt, die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung selbst übernehmen zu wollen. In mehreren Provinzialstädten werden gleichfalls Vorbereitungen für die Feier des 1. Mai getroffen.
Marseille, 18. April. Die zur Vornahme einer Enquete in der Arbeitsfrage nach der Provinz entsendete parlamentarische Subcommission vernahm hier mehrere Arbeiterabordnungen, letztere haben sich im Allgemeinen für die Festsetzung des Achtstundentages ausgesprochen. Zahlreiche Hafenarbeiter sind jedoch Anhänger eines vollständig freien Uebereinkommens.
Angers, 18. April. Die Direction der Schieferbrüche von Trelaze, wo ein Theil der Arbeiter einen Strike begonnen hatte, beschloß die Schließung sämmtlicher Arbeitsstätten. Die Zahl der in Folge dessen arbeitslos werdenden Arbeiter wird aus 2000 geschätzt.
Brüssel, 18. April. Wie die „Etoile belge" meldet, werde am Montag in mehreren Kohlenbergwerken im Bassin Mons der Strike eintreten.
Petersburg, 18. April. Eine soeben veröffentlichte Verordnung schreibt tior,- daß die Reservebataillone von Schazk, Korotojak, Laischew, Skopin, Borissogljebsk, Sswiashsk, Wetluga, Spassk, Kotjelnitsch, Mokschau, Baloschow, Chwalynsk, Ssura, Scysran, Busuluk, Orsk, Belebej, Zarew, ! Slatoust und Irbit einen Bestand von 6 Compagnien und I die Reserve-Jnfanterie-Regimenter 166 bis 177 den gleichen
Bestand erhalten, wie er im Jahre 1889 für Regimenter ähnlicher Art festgesetzt wurde.
Deutscher Reichstag.
103. Plenarsitzung. Samstag, 18. April 1891.
Die Berathung des Arbeitersckutzgesetzes wird bei den Bestimmungen über die Beschränkung der Frauenarbeit fortgesetzt.
$ 137 in der Commisstonsfassung bestimmt: Arbeiterinnen dürfen in Fabriken nicht in der Nachtzeit von 8Va Uhr Abends bi« 5</r Uhr Morgens und am Samstag, sowie an Vorabenden der Festtage nicht nach 5*/r Uhr Nachmittags beschäftigt werden. Die Beschäftigung von Arbeiterinnen über 16 Jahren darf die Dauer von 11 Stunden täglich, an den Vorabenden der Sonn- und Festtage von 10 Stunden nicht überschreiten. Zwischen den Arbeitsstunden muß den Arbeiterinnen eine mindestens einstündtge Mittagspause gewährt werden. Wöchnerinnen dürfen während 4 Woche« nach ihrer Niederkunft überhaupt nicht und während der folgenden 2 Wochen nur beschäftigt werden, wenn das Zeugnitz eines approbirten Arztes dies für zulässig erklärt.
Abg. Dr. Schädler (Etr.) beantragt, daßverheirathete Frauen höchstens 10 Stunden täglich beschäftigt werden bürfen. Das Ziel müffe sein, die Frauen wieder ihrem eigentlichen Wirkungskreise im Hause zuzuführen; aber das lasse sich nicht auf einmal erreichen, weshalb durch den Antrag ein Uebergang geschaffen werden solle. Die Familie sei der Grundstein jeder Gemeinschaft; deshalb müßten die Famtltenbande, die durch die Fabrikarbeit der Frauen gelockert seien, wieder befestigt werden. Er verkenne nicht die Schwierigkeiten, die der Durchführung des Antrags ecktgegenftänden, aber auch hier müsse der Schutz der Arbeiter durchgeführt werden können-
Handelsminister Frhr. v. Berlepsch bedauert lebhaft, diesem Anträge widersprechen zu muffen. Die Regierungen hätten reiflichst erwogen, ob es nicht möglich sei, allgemein für oerheirathete Arbeiterinnen die zehnstündige Arbeitszeit cinzuführen; die Erhebungen hätten ergeben, daß wenn dazu übergegangen würde, die Folge die sein würde, daß die Frauen auS vielen Betrieben überhaupt ausscheiden müßten. Die Regierungen seien der Ueberzeugung, daß, für jetzt wenigstens, das in der Vorlage gebotene Maß nicht überschritten werden dürfe. Wenn der Reichstag darauf bestehe, für Frauen die zehnstündige Maximalarbettszett einzuführen, sei das Gesetz ernstlich gefährdet.
Abg. Dr. Hartmann (cons.) bittet mit Rücksicht aus die eben gehörte Erklärung Dr. Schädler und dessen Freunde, ihren Antrag zurückzuziehen.
Abg. Dr. Schädler zieht unter Wahrung feines vorhin erörterten princtptellen Standpunktes seinen Antrag zurück.
Abg. Dr. Hirsch (dsr.) kann den gestrigen Ausführungen seines Fractionsgenoffen Dr. Barth nicht allenthalben zustimmen. Wer den Maximalarbeitstag nicht wolle, der müsse mit aller Entschiedenheit für die Koalitionsfreiheit eintreten. Für die Frauen extstire allerdings das Coalttionsrecht auch, aber die Frauen sind ihrer ganzen Natur nach mehr des Schutzes bedürftig, weshalb er die Vorlage als einen Fortschritt begrüße. Er hätte gewünscht, daß weiter gegangen worden wäre; jedenfalls sollte man eine Bestimmung auf; nehmen, welche die Einführung eines zehnstündigen Maximalarbeits- tages für Frauen für die Zukunft in Aussicht nimmt.
Abg. Ulrich (Soc.) wird trotz der Erklärung des Ministers für den zehnstündigen Maximalarbeitstag der Frauen stimmen. Der Refrain sei stets: Morgen, morgen, nur nicht heute; damit bleibe man immer zurück. Er habe die Folgen der Frauenarbeit am eigenen Leibe erprobt; feine Mutter fei ein Opfer des Industrialismus geworden. Bet einer elsstündigen Arbeitszeit, wie sie die Vorlage zulasse, bleibe der Frau keine Zeit, sich ihrem Haushalt und den Erziehung der Kinder zu widmen. Die Unternehmer feien abgeneigt, in eine Beschränkung der Frauenarbeit zu willigen, weil dieselbe billiger fei, als die der Männer. Deshalb nehme die Frauenarbeit immer mehr überhand und verdränge in vielen Betrieben die der männlichen Arbeiter vollständig. Redner begründet dann die Anträge feiner Fraction, wonach Frauen nur in den Tagesstunden von 6 Uhr früh bis 8 Uhr Abends, Samstags bis 5 Uhr Nachmittags beschäftigt werden dürfen, wonach ferner Wöchnerinnen während 6 Wochen nach ihrer Niederkunft nicht beschäftigt werden dürfen und wonach eine Kündigung ober Entlassung ber Wöchnerin aus ber Arbeit während biefer Zeit nicht stattfinben barf.
Abg. Payer (Lolksp) hat gleichfalls zehnstündige Maximal- arbeitszett für alle weiblichen Arbeiter über 16 Jahre beantragt und hält diesen Antrag aufrecht. Bis zur dritten Lesung werde die Regierung, wenn eine große Mehrheit des Reichstags für den Antrag stimme, nochmals erwägen können, ob sie das ganze Gesetz daran scheitern lassen wolle.
Bundescommissar Geh. Rath Königs führt aus, daß durch Annahme des zehnstündigen Maximalarbeitstags int gegenwärtigen Stadium der Entwickelung die Arbeiter selbst schwer geschädigt würden und tritt übertriebenen Angaben über die Zunahme ber Arbeitszeit entgegen.
Abg. v. Münch (Dem.) beantragt, baß eine Wöchnerin auf Grunb von ihr beigebrachten ärztlichen Zeugnisses über ihre Genesung nach 3 Wochen wteber beschäftigt werben darf, falls bas Kmd tobtgeboren war oder gestorben ist.
Abg. Bebel (Soc.): Die industrielle Arbeit der Frauen führe zur Degenerirung der Bevölkerung. Sie sei eine große Ursache der um sich greifenden Kindersterblichkeit, wie eine in Sachsen stattgefundene statistische Erhebung dargethan habe. Während die Kindersterblichkeit in Sachsen durchschnittlich 28,5pCt. betrug, stellte sie sich auf 36—45pEt. in den Jndustriebezirken, in einzelnen Jndustrie- orten sogar auf 50 vCt. Die Löhne seien am ichlechtesten in den Gegenden, in denen die Arbeitszeit die längste und die Frauenarbeit am verbreitetsten fei. Je höher die Löhne, je kürzer die Arbeitszeit, desto größer die Arbeitsleistung. In der Textilindustrie könne man den Beweis dafür finden, daß die Concurrenzfähigkett durch lange Arbeitszeit, schlechte Löhne und starke Inanspruchnahme der Frauenarbeit keineswegs gehoben werde; man vergleiche nur die Verhältnisse ber TextiUnbustrie in Schlesien mit denen in Westfalen. Bisher habe sich noch jede Atbeiterschutzgesetzgebung auch als nützlich für die Industrie selbst erwiesen. Er könne daher nicht zugeben, daß die


