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Salinen- und Bergamt Bad-Nauheim.

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Nr. 44

Samstag de« 21. Februar

1891

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WW >Reie« ttfrbtmt täglich, K VluSuahme bei

Nimtags.

Kk Vietzarer »wIHteiriltet »Wien dem Anzeiger nvTchentlich brtimel Heiqelrßt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

VNrttNßhrig«

2 SRerf 20 Pfg. «M vringerlshn.

Durch bk Poft be|®ge>

2 Mark 50 Pfg.

Rebactton, SpebWw mtb Druckerei:

rch»tstr«te Herickprecher 61,

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreb Gieren.

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Alle Anvonrrn-Gureaux des In. und LuSlandeS nehm» Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgege».

2lmtlid?er TheLl.

Gießen, am 18. Februar 1891. Betrefend: Antisemitische Bestrebungen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grotzh. Bürgerweiftereie« de- Kreises.

Antisemitische Agitatoren bemühen sich in neuerer Zeit, die Landbevölkerung des Kreises zum Anschlüsse an den ^mittel­deutschen Bauernverein" zu bewegen, welcher die Agitation gegen die Juden auf seine Fahne geschrieben hat, oder beson­dere ,im engsten Abhängigkeitsverhältniß zu diesem Vereine stehende Reformvereine" zu gründen, deren Mitglieder statuten­mäßigunser Land und die ganze Christenheit vom Juden­banne befreien Helsen" und jeden Verkehr mit Juden zu unter­lasse« geloben sollen.

Es kann Ihnen nicht zweifelhaft sein, daß die Groß­herzogliche Regierung eine solche auf Verhetzung der bürger­lichen Gesellschaft und die Aechtung einer ReligionSgesellschast abzielende VereinSthätigkeit, durch welche die sonstigen auf Hebung des Bauernstandes gerichteten Bestrebungen dieser Vereine nur beschmutzt werden, aufs schärfste verurthellt. Wir erwarten deßwegen von Ihnen, daß Sie die Gründung solcher Vereine nicht nur nicht fördern, sondern auf das Entschiedenste gegen dieselben wirken und austreten.

v. Gagern.

Gießen, am 20. Februar 1891.

Betreffend: Das Landgestüt, hier den Abgang der Land­gestütsbeschäler auf die Landgestütsstationen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an ftit GroHH. Bürgermeistereien des Kreise-.

Wir beauftragen Sie, in Ihren Gemeinden bekannt machen zu lassen, daß die Landgeftütsbeschäler für die Landgestüts­stationen Berstadt, Butzbach und Grüuberg ab­gegangen find.

v. Gagern.

Deutsche- Reich.

m. Darmstadt, 19. Februar. Zweite Kammer der Landstände. Nach Verkündigung einer Anzahl neuer Ein­läufe, worunter eine Eingabe der Handelskammer zu Mainz, bctr. die Besteuerung der Weineinlagen der Privaten, tritt die Kammer sofort in die Weiterberathung des Haupt­voranschlags für 189194.

Am Ministertische befinden sich Staatsminister Finger, Geheime Staatsrath Knorr von Rosenroth, Geheime Schulrath Greim und Oberschulrath Sold an.

Die Berathung beginnt mit Cap. 43, Beitrag an die Stadt Darmstadt zu den Kosten des Seminars zur Aus­bildung von Lehrerinnen für das höhere Lehrfach. Hier werden 4000 Mk. gefordert und ohne Debatte genehmigt. Ebenso Cap. 44, Pädagogische Seminarien, 6000 Mk.

Bei Cap. 45, Schullehrer-Seminarien, wünscht der Abg. Berg ft räßer, daß an den Seminarien weniger seminaristisch und mehr akademisch gebildete Lehrer Verwendung finden möchten und ersucht um Erwägung dieses Punktes Seitens der Regierung.

Geh. Oberschulrath Greim erwidert, daß die Leistungen der Seminarien in keiner Weise etwa zurückgegangen, sondern sie könnten sich in ihren Leistungen getrost jedem anderen Lande im Deutschen Reiche an die Seite stellen. Auch die seminaristisch gebildeten Lehrer hätten ihre volle Schuldigkeit gethan und es habe sich herausgestellt, daß man mit den jetzt von der Regierung getroffenen Einrichtungen wohl zufrieden sein könne.

Die Position wird sodann mit 109,644 Mk., und zwar für das Seminar zu Friedberg 35,785 Mk., für das Semi­nar zu Bensheim 30,584 Mk., für das Seminar zu Alzey 29,775 Mk., für Unterstützung von Seminaristen und Dis- positionssond 13,500 Mk. genehmigt. Ferner wird Cap. 46, Präparanden-Anstalten, mit 22,795 und Kreisschulinspectoren mit 64,800 Mk. ohne Debatte bewilligt.

Cap. 48, Beiträge zu Besoldungen und Pensionen der Volksschullehrer und zur Bestreitung der Baukosten der Volks­schulhäuser. Der Ausschuß beantragt, 570,000 Mk. zu bewilligen.

Abg. Schröder wünscht, daß bei der Präsentation der Volksschullehrer bei den Standesherren und den Gemeinden die Regierung intensiver vorgehen möge und daß hauptsäch­lich eine richtige Auswahl unter den Präsentirten statt- finden möge.

Staatsminister Finger sagt dieses zu.

Abg. Racke fragt bei der Regierung an, ob es in der Absicht derselben liege, die Uebernahme sämmtlicher Volks­schulen auf den Staat auszuführen. Sollte dieses der Fall sein, so wünsche er, daß sichergestellt werde die volle Freiheit der Religion und das Recht der Religionsgesellschaften in dieser Beziehung. Er sei der Ansicht, daß es mit unserem gegenwärtigen Schulsystem der Simultanschulen nicht möglich sei, die Religion so zu gestalten, wie es wünschenswerth sei, er werde aber mit Aenderungsvorschlägen in diesem Hause

auf Widerspruch stoßen. Er ersuche deßhalb nur Großh. Regierung bei etwaiger Uebernahme der Volksschulen ans den Staat um Wahrung der Freiheiten und der Rechte der Kirchen.

Abg. Friedrich spricht sich für Beibehaltung der Simultanschulen aus und hält sie für das beste Mittel, die Menschen einander näher zu bringen.

Staatsminister Finger erwidert, er werde sich ent­halten, auf die Ausführungen des Abgeordneten Racke, welche Kirche und Staat berührten, einzugehen. Die Regierung sei sich bewußt, daß sie Gerechtigkeit handhabe und glaube sich das Zeugniß geben zu dürfen, daß sie jederzeit bestrebt sei, Uebelstände zu vermeiden und auszugleichen. Er wolle jedoch aus zwei im Laufe der Debatte berührte Punkte zurückkommeo, nämlich die Frage der Uebernahme der Fortbildungsschule» aus den Staat und den Handfertigkeitsunterricht in de» Schulen. Den ersten Punkt habe die Regierung seit längerer Zeit wohl erwogen und er könne erklären, daß die Regierung nicht gegen eine Uebernahme der Fortbildungsschulen aus de» Staat sei. Angestellte Berechnungen hätten ergeben, daß die Kosten hierfür etwa 150160,000 Mk. betragen würden. Die Regierung habe sich von Sparsamkeitsrücksichten leiten lassen, diesen Betrag hierfür diesmal nicht ins Budget ein- zustellen. Was den Handfertigkeitsunterricht in den Schule» betreffe, habe die Regierung schon seit längerer Zeit Lehrer in den Handsertigkeitscursen ausbilden lassen, um im richtigen Moment mit Lehrkräften bei der Hand zu sein. Er denke, daß auch diese Frage zum Gedeihen unseres Schulwesens er­ledigt werde.

Zu der Position sprechen noch die Abgeordneten Wolz, v. Rabenau und Müller (Soc.), welcher rügt, daß ma» in den Schulen Lehrbilder im Gebrauche führe, welche die Attentate von 1878 in falscher Weise wiedergeben. Er wünsche im Interesse der die Volksschule besuchenden Kinder, deren Eltern doch mehr oder weniger Socialdemokraten seien, eine Beseitigung dieser Lehrbilder, da dieselben geeignet seien, irrige Meinungen nach dieser Richtung herbeizusühren.

Nach erfolgter Abstimmung wird die angeforderte Summe mit 570,000 Mk. einstimmig genehmigt. Cap. 49, für Turnunterricht, werden 9100 Mk. genehmigt. Zu Cap. 50, Hofbibliothek werden 92,280 Mk. gefordert. Abg. Berg- sträßer wünscht eine andere Regelung der Ueberweisung der Pflichtexemplare an die Bibliotheken zu Darmstadt, Gießen und Mainz, da die jetzt bestehenden Zustände unhaltbare seien. Derselbe stellt daher einen diesbezüglichen Antrag an Großh. Regierung. Hierauf wird diese Position genehmigt- ebenso

Fettilleton.

Der einzige Sohn.

Novelle von I. Bonnet.

(6. Fortsetzung.)

Ein Ernst, der ihrem Kindergesicht Bedeutung verlieh und einen neuen unerwarteten Reiz ausübte, ruhte aus ihren Zügen, über ihrem Wesen und Wirken, sprach bittend und befehlend zugleich aus ihrem kraftvoll leuchtenden Auge, das seltsam abstach gegen die Blässe der Wangen, auf denen früher ein, wie es schien, unverwelklicher Rosenschimmer ge­legen hatte.

Tante Jettchen im Vordertreffen, so war ihr das Ja­wort für Arthur abgerungen, abgezwungen worden.

Was hätte Tante Jettchen nicht fertig gekriegt, wenn sie zn bohren anfing, wenn sie die Schleusen ihrer Künste auszog 1

Sie müßte eine Stelle am Webstuhl des Schicksals haben," pflegte gelegentlich ihr Schwager von ihr zu sagen.

Sie recht eigentlich hattedas Kind herumgekriegt," wollte aber mit solcher oder einer ähnlichen sauberen Herkules­arbeit zum andernmal verschont bleiben.

Tante Jettchen hatte ihr Rohr mit den Feuerkugeln Er­kenntlichkeit und Dankbarkeit geladen. Dann war sie mit Feldherrngeschick dazu übergegangen, in herzzerreißenden Tönen zu schildern, wie unglücklich Arthur ohne Mariechen sei, wie er auf sie allein die ganze Zukunst baue und ohne sie dem unvermeidlichen Untergang, der verzehrenden Verzweiflung mtgegenwanke, er, der schon damals im Parke lieber sterben gewollt, als sie verletzt sehen. Und die Eltern setzten doch aQe ihre einzige Hoffnung auf sie. Ewig, ewig würden sie iiann in ihrer Dankesschuld sein, wenn ihre Hand ihnen den Sohn, den einzigen Sohn, rettete. Von ihr hinge es ab, ob» eine ganze Familie unglücklich werden, ob die, welche sie

als Waise liebreich bei sich ausgenommen, durch sie elend werden sollten.

Mit ihrem Herzblut halte zuletzt Mariechen sich selbst das Jawort abgerungen und ihre Liebe mit dem letzten ver­bleichenden Schimmer der Hoffnung begraben. Sie war zurückgeschauert bei der ersten stürmischen Umarmung ihres Bräutigams. Wie ein Opferlamm saß sie ihm zur Seite. Ihre Augen waren forthin thränenlos und ihr Herz schien einem zersprungenen Uhrwerk zu gleichen, das nicht mehr fröhlich die Stunden schlägt. Oede und leer lag das Leben vor ihr.

Am Hochzeitstage stand das Städtchen gleichsam köpf. Es war ein Mittwoch, derselbe Tag, an welchem das zwei­mal wöchentlich herauskommende Jntelligenzblatt erschien. Ein endloses Gedicht, ein Epos in verschiedenen Versarten, von der Hand oder dem Genius des Conditors, machte von sich reden. Es schilderte das Glück der Liebe und den ehelichen Herd, holte weit aus und hob an mit dem Urwalde, und Missouri, Missouri, du mächtiger Strom", jauchzten deutsche Einwandererkehlen, worauf der holde Traum einer blond- zöpfigen Jungfrau mitgetheilt wurde, die den heldenhaften künftigen Geliebten sich eingewinnt, bis es auf einmal heraus- kam, daß sie eigentlich spröder war, als sie beanlagt schien, und ihn dann nöthigte, ein bischen Siegfried zu spielen, der Brunhilden bezwingt. Das ganze kostbare Gebäck ward ge­krönt von zarten Wünschen und kühnen Behauptungen über die wolkenlose Zukunft des jungen Paares.

Als der Hochzeitszug durch die Straßen zur Kirche ging, da war das gute Städtchen auf den Beinen, selbst die Säug­linge fehlten nicht, denen man wohlweislich den Mund ge­stopft hatte. Hätte die Kirche allsonntäglich solche Schaaren in sich gesehen, wie heute, das Städtchen wäre in den höchst unverdienten Rus einer ausnehmenden Kirchlichkeit gekommen. Die Emporen knarrten und stöhnten unter dem Gewichte nie gekannter Zuhörer, alle Gänge standen gedrückt voll und vor der Kirche war ein Halloh, ein Gekicher und Geschnatter, daß

der alte Weidlek, oder Grimmbart, wie sie den blau mn- formirten Cerberus des Gesetzes nannten, mit seinen Flüche« dareinwetterte.

Die macht aber mal ein Glück," sprachen die einen vo» der Braut,-an ihrer Stelle wollt ich auch^nicht sein," die anderen- hier ward mit den rosigsten, dort" mit den aller- dunkelsten Farben gemalt. Bei diesem Paare schien allen die Mittelstraße ganz ausgeschlossen, glücklich oder unglücklich im höchsten Grade, das war das Entweder-Oder. Und die meisten neigten sich der letzteren Auffassung zu, ohne sich, wie es sonst so leicht geschieht, von den reichen Vermögensverhält- niffen des einzigen Sohnes blenden zu lassen. Kannten sie doch Arthur Wagner. Auch das bleiche Gesicht der Braut verlieh eher der ungünstigen Voraussage Wahrscheinlichkeit.

Arthur hatte eine recht weite und lustige Hochzeitsreise geplant, Mariechen sie hintertrieben. Das war das erste Zeichen, daß sie ihr Regiment, konnte das Herz es nicht führen, mit dem Kopfe und dem Willen zu handhaben ent­schlossen war. Die Eltern, auch Tante Jettchen, die seit der Verlobung besonders liebreich zu ihr war, standen auf ihrer Seite. Sie fanden es viel verständiger, sogleich den Besitz des Gutes anzutreten und die erste frische, freudige Kraft einzusetzen.

Arthur knirschte zwar in sich hinein, fügte sich aber de« ruhigen, festen Willen, der ihm in Mariechen entgegentrat. Nach dem Hochzeitsmahle reisten sie unverzüglich nach ihre« Gute ab.

Und welche freundliche Ueberraschung erwartete das junge Paar! Kränze und Blumen des Frühlings allüberall, Ehrenpforten, wunschreiche Inschriften, fröhlicher Zuruf der Gutszugehörigen und ein unbewölkter Himmel über Haus, Hof und Feldgebreiten.

Beide Gatten nahmen sich dann emsig ihrer Pflichten an. Jedes hatte viel zu beschicken, in Neues sich einzuleben und den Punkt zu suchen, von dem aus seine Thätigkeit erfolgreich würde. .(Fortsetzung folgt.)