Ausgabe 
20.11.1891
 
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Nr. 271

Freitag den 20. November

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Gießener Anzeiger

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Durch die Post bezsHW 2 Mark 50 Pf,.

Rcboctiin, LxpedMm und Druckerei:

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Amt«- ttttb Anzergeblatt für den Arei« Gieren.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. November. Im Reichsamte des Innern fand am Dienstag unter Vorsitz des Staatssekretärs v. Bötticher eine Conferenz der Commissare Deutschlands für die Handelsvertrags - Unterhandlungen mit der Schweiz statt. Dieselben sollen in der nächsten Woche wieder ausgenommen werden.

Am Altenburger Hose ist nunmehr die osficielle Zusage betreffs der Theilnahme Kaiser Wilhelms an den Hofjagden in Hummelshain eingegangen. In Kahla wird die Ankunft des Kaisers am Nachmittag des 25. No­vember erwartet.

Der badische Landtag ist am Dienstag durch eine politisch belanglose, rein geschäftsmäßige Ansprache des Ministerpräsidenten Dr. Turban eröffnet worden.

Die inMünchen geführten handelspolitischen Berathungen sind am Montag Abend mit einem von den österreichischen Delegirten den deutschen und den italienischen Delegirten gegebenen Abschiedsdiner abgeschloffen werden. Dem Diner wohnten auch die Mitglieder der preußischen, österreichischen und italienischen Gesandtschaft in München bei.

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Lllc iRBoecm-BurtouF M In- tmb ÄuffeiM mtm* Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«.

Amtlichere Theil.

Gießen, den 17. November 1891.

Betr.: Die Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an Großh. Polizeiamt Gießen, das Großh. Polizei-Commissarrat Arnsburg und die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden desKreises.

Indem wir Sie benachrichtigen, daß Herr L. Huhn in Gießen zum Vertrauensmann des XXX. Bezirks (Kr. Gießen, Büdingen, Friedberg) der <5edion V der Stein­bruchs - Berufsgenoffenschaft und Herr B. Müller III. in Geilshausen zu dessen Stellvertreter ernannt worden ist, be­auftragen wir Sie, die in § 64 des Unfallversicherungs- gesetzes vom 6. Juli 1884 vorgeschriebene Benachrichtigung über die Einleitung von Unfalluntersuchungen an den genann­ten Vertrauensmann bezw. deffen Stellvertreter gelangen zu «lassen.

v. Gagern.

Netteste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 18. November. Die heutige Stadtverord­netenwahl der zweiten Klasse ergab die Wiederwahl aller bisherigen vierzehn Liberalen.

Berlin, 18. November. In der Generalshnode wurde der Gesetzentwurf betreffend die Verlegung des Buß- und Bettages auf den Mittwoch vor dem letzten Trinitatis- sonntag mit 144 gegen 33 Stimmen angenommen. Ein An­trag, den Geistlichen, welche der Dienstpflicht genügt, die Zeit derselben auf das Dienstalter anzurechnen, wurde an die Finanzcommission verwiesen.

Wien, 18. November. Der König und die Köni­gin von Sachsen nebst der königlichen Familie trafen heute Abend 8 Uhr hier ein, vom Kaiser und den Erzherzögen am Bahnhose begrüßt. In der Hofburg bewillkommnete die Erzherzogin Maria Theresia die Gäste Namens der Kaiserin.

Prag, 18. November. Die deutsche Section des Landesculturraths hat sich heute constituirt. Sie wählte den Vorsitzenden des landwirthschastlichen Centralver­bandes, Pfeiffer, zum Präsidenten. An den Ministerpräsiden­ten Taaffe wurde ein Huldigungstelegramm für den Kaiser abgesandt.

New-Hort, 18. November. DemHerald" wird aus Buenos Ayres gemeldet, daß die Revolutionäre im argentinischen Gebiete von Formosa in Paraguay die Re­sidenz des Gouverneurs Delgado geplündert haben. Es heißt, daß derselbe verwundet und mehrere seiner Offiziere getödtet worden sind. Von Buenos Ayres seien Truppen nach For­mosa gesandt. Das Land scheine vor einer neuen Revolution zu stehen, da Dr. Pitarro und General Mitre sich um die Präsidentschaft streiten. Die Garnison von Rosario in der Provinz Santa Fe habe gemeutert. Ein weiteres Telegramm desHerald" aus Buenos Ayres besagt, daß der brasilianische Director Fonseca drei Generale nach Rio Grande gesandt habe, um mit den Aufständischen zu verhandeln.

Rio de Janeiro, 18. November. (Reutermeldung.) Der Präsident Fonseca hat ein Decret erlassen, durch welches ein Nachtragscredit von 13 Millionen Milreis für An­schaffung von Ausrüstungen und Munition gewährt wird. Die Situation ist im Allgemeinen unverändert.

Petersburg, '18. November. Die Börsenzeitung meldet gerüchtweise, es solle eine aus hochstehenden Persönlichkeiten bestehende Regierungs-Commission gebildet werden, welche die Volksverpflegung in den Nothstands-Gegenden leiten, Korn verkaufen, vertheilen und versenden solle.

Konstantinopel, 18. November. Die Abreise des Mar­schalls Fuad Pascha und des Geheimsecretärs des Sultans, Kiasim Bey, nach Livadia zur Begrüßung des Zaren Namens des Sultans ist aus Samstag festgesetzt.

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 18. November. In Reichstagskreisen verlautet, die Handelsverträge werden dem Reichstage vor Mitte December zugehen.

Berlin, 18. November. Bankier Siegfried Abrahamson ist auf Antrag des Kammerherrn v. Gers- dorff wegen Uebervortheilung verhaftet worden.

Berlin, 19. November. In den nächsten Tagen beginnen die commiffarischen Berathungen über eine anderweite gesetzliche Regelung der Abzahlungs-Geschäfte. Aehnliche Berathungen finden bezüglich der Novelle zur Ge­werbeordnung betreffend die Einschränkung des Hausir- handels demnächst statt.

DieVoss. Ztg." meldet aus Lemberg: Polnische Blätter melden aus Warschau, daß infolge des Getreideaus­fuhrverbotes gegen 5000 Arbeiter in den russischen Häfen beschäftigungslos seien. Die Arbeiterbevölkerung werde streng überwacht. Die Garnisonen sollen theilweise verstärkt werden.

Bautzen, 19. November. Nach derSorbeke Nowing" wird in den wendischen Schulen der Lausitz die sorbische Unterrichtssprache 'wieder eingesührt.

Köln, 18. November. Der militärische Petersburger Berichterstatter derK. Z." meldet, der russische Kriegs­minister äußerte neulich in vertraulichem Kreise, daß die durch die Hungersnoth verursachten staatlichen Ausgaben in keiner Weise die Kriegsvorbereitungen aushalten würden, die Gewehrlieferung solle sogar möglichst beschleunigt werden. Die eben befohlene Bildung eines Festungsartillerie-Bataillons in Zegoze sei nur ein Glied in der Kette der fortwährenden Vermehrung der russischen Festungstruppen, namentlich der Festungsartillerie. Die Kosten spielten hierbei keine Rolle. Der Kriegsminister habe noch für etliche Jahre hinaus riesige Summen zur freien Verfügung.

Freiburg i. B., 18. November. Gestern Abend gegen 7 Uhr wurde in den südwestlichen Ortschaften eine starke Erderschütterung bemerkt, Alles befand sich in einer schwingenden Bewegung. Die Leute stürzten erschreckt aus den Häusern.

Prag, 18. November. Nach derPolitik" soll im neuen Strasgesetzentwurf ein besonderer Paragraph auf-

Feuilleton.

Sie und ihr Viertcisvetter.

Erzählung von I. Bonnet.

(Schluß.)

Als Ottilie vor der Thüre stand, sog sie freudig die freie Luft ein.

Gott sei Dank, daß ich mich von heute an regen und rühren kann!"

War denn wirklich über der Fülle trauriger Erlebnisse während des Sommers abermals Winter geworden, Winter, den sie als sechszehnjähriges Mädchen so glühend herbei­gesehnt hatte? Da flogen sie ja munter, die kleinen Schnee­sterne, als taumelten sie auf sie zu mit dem Gruße:Unter guten Sternen sollst du ausziehen, du muthiges Herz!"

Ja, Muth fühlte sie, Muth für dreie. Ihr Mütterlein sollte es erleben, daß Kindeshand sich fröhlich rühren kann, .ohne das Gefühl der Selbstachtung zu verkümmern, im Gegen- theil! Gottgeschenkte Kraft erproben ist besser, als sie ver­lieren in üppigem Nichtsthun und eitlem Tand.

Lieber durch Leiden will ich mich schlagen, als so viel Freuden des Lebens ertragen!" tönte in ihr als verwandter Klang das Dichterwort. Und als sie mehr denn einen Gang umsonst gethan hatte, stützte sie sich, die herzumklammernden Zweifel niederschlagend, auf das Psalmwort:Im Namen unseres Gottes überspringen wir Mauern." Er konnte ein tapfer strebendes junges Herz gewiß nicht verlassen.

Matt von den vergeblichen Gängen und kalt durchweht vom Wind, der die Wangen roth, die Glieder aber erstarren machte, kehrte Ottilie in einer Conditorei für Damen ein, um sich zu erholen, und Blätter nach Anzeigen, die für sie paßten, zu durchsuchen. Und sie hatte, wie es schien, Glück Äamit. Gleich beim ersten Griffe fiel ihr ein Blatt in die Hand, das ihr ganzes Interesse in Anspruch nahm,Fürs

Haus", mit einem trefflichen Verse, der wie für sie hin­gestellt schien, an der Spitze, mit practischen Artikeln, frei­lich mehr für junge Hausfrauen, als für sie, endlich aber auch mit manchem hübschen Fingerzeig für Mädchen, die einen passenden Erwerb suchten, und mit einer Fülle von Anzeigen.

Lesend saß sie am Fenster, ohne zu bemerken, was draußen oder drinnen vorging, nichts sehend, aber gesehen von dem, der sie seit vielen Wochen zu finden wünschte und sich nicht getraute, sie geradezu aufzusuchen.

Robert war an der Conditorei vorübergegangen. Da hatte sein Auge sie ihm gezeigt und er war freudig zusammen­gefahren. Sie war es! Leicht sich über die Zeitschrift neigend, die rosige Wange dem Fenster zukehrend, so saß sie vertieft in ihren Zweck.

Sollte er hinein? Sollte er draußen bleiben und auf sie warten? Alle seine jahrelange Ruhe, die er sich in müh­samem Kampfe errungen, war dahin. Er ging einige Schritte zurück, wandte wieder um, und so aber- und abermals.

Eine Dame nach der andern trat aus der Conditorei. Ottilie kam noch immer nicht.

Es dauerte ihm allzu lange!

Die Thüre öffnend, erklärte er am Büffet, dort im Zimmer eine Verwandte sprechen zu müssen.

Ottilie saß ganz allein da, und er stand an ihrer Seite.

Jetzt blickte sie auf und beim ersten Blick erkannte sie ihn trotz des behaglichen Pelzes, der ihn einhüllte.

Ottilie!"

Robert!"

Wortlos standen sie sich gegenüber, und dann saßen sie allein zusammen am offenen Fenster, sprachen von diesem und jenem, fragten, erzählten- und die Schneeflocken führten einen wundersamen Tanz vor den Scheiben auf, als taumelten alle Sterne vor Wonne.

Acht Tage später fuhren Robert und Ottilie auf einen

Nachmittag die bewußte merkwürdige Strecke von Berlin nach Trebbin und von Trebbin nach Blankensee.

Hurrah, sie und ihr Viertelsvetter!" ries die kleine Bande, die inzwischen ordentlich aufgegangen war, in jubelndem Willkomm, als sie der Kutsche des Onkels entstiegen.

Gott zum Gruße, du liebes Brautpaar!" sagte Tante Charlotte, beide miteinander an ihr mütterliches Herz ziehend, undDas habt Ihr brav gemacht!" klopfte" ihnen Onkel Ferdinand aus die Schulter.Habe damals gleich was da­von bemerkt, daß es Dir vom Viertelsvetter noch gelten würde:Er soll Dein Herr sein!" Na, behaltet die Augen trocken, Kinder! Ist zwar viel passirt, aber das Beste zuletzt!"

Was nicht dieser Winter schön war! Rosen und Sterne blühten und glühten den beiden jungen Herzen mitten in kalten, dunklen Tagen ohne Ende. Selbst die alte Excellenz lebte wie verjüngt wieder auf.

Um Ostern richteten sie ihr behagliches Heim ein und an der Hochzeitstafel brachte Onkel Ferdinand auch einen mit schallendem Beifall aufgenommenen Trinkspruch in Versen auf die anwesende allverehrte und geliebte Familientante aus, die mit ihrem Merkzettelheilloses Unglück, wollte sagen gesegnetes Glück" angerichtet habe, denn

Ottilie" hieß darauf das erste Gericht, Ihr mögt es mir nun glauben oder nicht, Geschrieben stands, und kein Messer noch Wetter Verlöschte die heimliche Kunde mehr,

Es blieb dabei:Sie und ihr Viertelsvetter!" Verehrtes Tantchen, was willst Du noch mehr?"

Braucht noch hinzugesügt zu werden, daß die liebe alte Tante mit der Erfüllung ihrer Mission behufs des Merk­zettels hinterdrein vollauf befriedigt war. Sie hatte auch allen Grund dazu. Robert und Ottilie gestalteten ihr schönes Heim nach dem Vorbilde des Blankenseer Amtshauses. Sie gehörten sich in reichem Glück und hielten ihr HauS offen für. alle lieben Gäste, die daran theilnehmen wollten.