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1891
Nr. 219 Erstes Blatt. Sonntag den 20. September
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AmEche» Theil.
Gefunden: 1 Shlips, 1 Notizbuch, 1 Taschentuch, 1 Mikroskop, 1 Buch, 1 Spielreif, 1 Pfeifchen, 1 Spielball, 1 Regenschirm, 1 hölzerner Eimer, 1 Scheere und 1 Meffer.
Gießen, den 19. September 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Neueste Nachrichten.
WslffS telegraphisches Tarrespondenz-Burrau.
Berlin, 18. September. Abgeordneter Dr. Arendt theilt .mit, er habe soeben einen Bries von Dr. Carl Peters, datirt Moschi am Kilimandscharo vom 28. Juli, erhalten. Peters theilt darin mit, daß er wohlbehalten an diesem Orte, als Ziel seiner Reise, eingetroffen und die ihm übertragenen Functionen übernommen habe. Arendt fügt hinzu, in dem Briefe sei von Kämpfen mit den Massais nichts enthalten.
Berlin, 18. September. Der „Reichsanzeiger" meldet: Die Einnahmen anZöllenundVerbrauchssteuern vom 1. April bis 31. August betrugen 203,918,734 Mk., gegen denselben Zeitraum des Vorjahres 4,745,894 Mk. Die zur Reichskasse gelangte Jsteinnahme betrug nach Abzug der Ausfuhrvergütungen und Verwaltungskosten 263,782,822 Mk., gegen das Vorjahr 235,729 Mk. weniger.
Mühlhausen, 18. September. Der Kaiser griff als Eommandirender des 1 l. Armeecorps das 4. Corps in starker Stellung bei Schlotheim mit der 15. und 25. Division in Front und mit der 21. und 22. Division in der rechten Flanke an. Das vierte Corps entwickelte ein colossales Artilleriefeuer, wich jedoch um 1 Uhr aus seiner Stellung. An der Kritik betheiligten sich außer dem Kaiser beide com- mandirenden Generäle und Prinz Albrecht von Preußen, Welcher als oberster Schiedsrichter fungirte.
Dresden, 18. September. Ganz Sachsen, besonders Dresden, wird Körners 1 00. Geburtstag feiern. In Frankenberg und in der Bergakademie Freiberg werden besondere Festacte vorbereitet.
Chemnitz, 18. September. Im August wurden aus dem hiesigen Consulatsbez:rk nach Amerika nur für ca. 900,000 Mk. Textil waaren exportirb gegen nahezu 2 Millionen im August 1890.
Paris, 18. September. Nach einer Meldung des „Ternps" wurden bei der Einfahrt des französischen Dampfers „Amerique" in den Hasen von Salonichi die abgegebenen üblichen Salutschüsse von den englischen und türkischen Schiffen erwidert, von den italienischen jedoch nicht. Auch der zweite Salutschuß sei von italienischer Seite unerwidert geblieben. Der französische Botschafter in Konstantinopel sei von dem Vorfall verständigt worden.
Paris, 18. September. Eine Anzahl von Personen, Welche am Mittwoch bei den Kundgebungen anläßlich der „Lohengrin"« Aufführung vor der Oper verhaftet waren, wurden heute wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu.Gesängnißstrafen von sechs Tagen bis vier Monaten verurtheilt.
Petersburg, 18. September. Um in den Mißernte- gebieten das Ueberwintern des Viehes zu ermöglichen, werden die Eisenbahntarise für Futtermaterialien nach den bezeichneten Gebieten beträchtlich ermäßigt, ebenso die Viehtarife aus den Mißerntegebieten nach anderen Gouvernements. — Der Botschafter Schuwalow erhielt den Wladimirorden erster Klasse für seine Verdienste bei der Erfüllung diplomatischer Pflichten.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 18. September. Der Commis Schweizer machte -ttnen Mordversuch auf seinen Schwager, den Juristeneinpauker Prager, anscheinend im Einverständniß mit der Ehegattin des Opfers, mit welcher Prager in Scheidung liegt. Prager ist nicht lebensgefährlich verletzt. Der Attentäter wurde sammt seiner Schwester verhaftet.
— Die „Voss. Ztg." meldet aus Reggio inCalabrien: Ein Erd stürz verschüttete den Eisenbahntunnel bei Calava und begrub 16 Arbeiter, Zwölf wurden lebend, vier tobt her« vorgezogen.
Berlin, 19. September. Maßgebende Kreise verfolgen das Gutachten der deutschen Handelskammern betreffs Veranstaltung einer großen Industrie-Ausstellung in Berlin mit hohem Interesse. Auf Seite der Regierung besteht für eine Weltausstellung Neigung, falls eine gegenteilige Entscheidung, mindestens eine Deutsch-Oesterreichische
Ausstellung gewünscht wird. Daher sieht man den Verhandlungen in der Plenarversammlung des deutschen Handelstages mit Spannung entgegen.
— Die Sammlung für Erbauung eines Predigtsaales für Stöcker hat bis jetzt 100,000 Mk. ergeben.
Berlin, 19. September. Der Münchener Correspondent des „Berliner Tageblatts" erfährt von angeblich wohlunterrichteter Seite, daß Preußen nie in die Rückberusung der Redemptoristen einwilligen werde.
Köln, 18. September. Die „Köln. Ztg." meldet aus Paris: Die Patrioten beabsichtigten, heute Abend die Kundgebungen zu erneuern und dieselben nicht nur gegen die Oper, sondern auch gegen die deutsche Botschaft zu richten, sowie vor der russischen Botschaft eine Sympathiekundgebung zu veranstalten. Außerdem sollen die in den deutschen Bierhäusern befindlichen Deutschen angegriffen und die Localitäten zerstört werden. Der Abend könne deßhalb ziemlich unruhig verlausen.
Köln, 18. September. Die „Hamb. Nachr." treten an leitender Stelle für die Einsetzung Wißmanns in seine frühere Machtbefugniß ein. Das Blatt führt aus, daß die Organisation unter Wißmann eine größere Sicherheit gegen das Mißgeschick biete, als die heutigen Einrichtungen.
Altoug, 19. September. Gestern morgen ist beim Bau der städtischen Electricitätswerke ein Gerüst eingestürzt, wobei ein Arbeiter tobt blieb, zwei verwunbet würben.
Tondern, 19. September. Der Regierungsbampfer „Delphin" ist aus einer Jnspectionsreise nach den nordfrisischen Inseln mit dem Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten an Bord, bei der Insel Amrum gescheitert. Näheres fehlt.
Wien, 19. September. Mit dem 1. November wird die Staats-Eisenbahn-Gesellschast die P e r s o n e n t a r i f e der Nordwestbahn einführen.
Nom, 19. September. Das Bankett in Mailand, auf welchem Rudini seine große Rede hatten wird, wurde von ihm selbst auf den 14. Oetober festgesetzt. — Anläßlich der übermorgigen Feier des Einzugs der Truppen in Rom wiederholt der „Moniteur de Rome", nur die volle territoriale Unabhängigkeit des Papstes sei die einzig wahre Lösung der römischen Frage.
Paris, 19. September. Zweite Loheng rin-Aus- führung. Nach 6 Uhr räumte die Polizei den Opernplatz und die anliegenden Straßen, unterstützt von 800 Kavalleristen. Man hörte einzelne Rufe: „Es lebe Frankreich, es lebe die Armee, Revanche, nieder mit Deutschland." Bis 11 Uhr erfolgten etwa 300 Arretirungen meist unter Beifall der Menge. Die Ouvertüre und die ganze Aufführung wurde mit noch größerem Enthusiasmus als bei der Erstaufführung ausgenommen. Im zweiten Act wurde der Sänger Renaud plötzlich heißer und erbat sich die Nachsicht des Publikums. Ein Unbekannter verlangte die Marsellaise, worauf großer Lärm entstand. Zwei Personen, welche rufen „hoch Frankreich, hoch Rußland" werden von der Polizei aus dem Saal entfernt. Einer der beiden ist der bekannte Boulangist und Anarchist Morphy. Die Vorstellung wurde ohne weiteren Zwischenfall beendigt. Dieselbe erzielte einen gleichen Erfolg wie die erste Aufführung. Die öffentliche Meinung wünscht die Beendigung solcher bübischer Demonstrationen. Es erfolgten Verhaftungen im Innern des Theaters 11, aus den Straßen 600.
Paris, 18. September. Der „Figaro" bemerkt über die Straßenkundgebungen anläßlich der „Lohengrin"- Aufführung, der Patriotismus habe nichts zu thun mit diesen Albernheiten. Die Regierung vertheidigt nicht Wagner gegen die weinerliche Sentimentalität, sie prügelt nur die Schreihälse, welche ohne Recht die öffentliche Stimme überschreien. Die Regierung muß Den schützen, der seinen Platz bezahlt, um die ihm zusagende Musik zu hören. Seit den bou- langistischen Thorheiten hörte Paris auf, die geistreichste Stadt der Welt zu sein.
London, 18. September. Die „Times" meldet, Frankreichs Lage habe sich durch die Abmachungen mit Rußland nur verschlechtert. Die Entscheidung über Krieg und Frieden hänge allem von Rußland ab, letzteres gebiete über Frankreichs Geld.
Havre, 18. September. Das Ende des Strikes der Dockarbeiter wird für die nächsten Tage erwartet.
Newyork, 19. September. Auf der Philadelphia-Wel- mington-Baltimore-Eisenbahn erfolgte ein Zugzusammenstoß. Mehrere Personen wurden getödtet.
Localer unfc provinzielles.
Gießen, 19. September.
— Dem Regiment „Kaiser". Das nachstehende, von Herrn Oberbürgermeister Gnauth an das Commando unseres 2. Großh. Hess. Infanterie-Regiments „Kaiser" Nr. 116 zu der morgigen Rückkehr des Regiments aus den Manövern gerichtete Schreiben bringen wir hiermit zur Kenntniß unserer geehrten Leser:
An das Commando des 2. Großh. Hess. Infanterie-Regiments „Kaiser" Nr. 116, zu Händen des Herrn Oberst Perthes, Hochwohlgeboren.
Die Nachricht, daß Seine Majestät der Kaiser die Ihm angetragene Stellung eines Chefs des Regiments anzunehmen geruht hat, und die dabei gewählte, überaus ehrenvolle Bezugnahme auf die kriegerischen Traditionen, wie auf die erfolgreiche Friedensarbeit des Regiments, haben in der Stadt Gießen allenthalben freudige Bewegung hervorgerufen: haben doch alle Schichten unserer Bevölkerung in der ganzen Zeit, während deren unsere Stadt zugleich Standort des Regiments gewesen, sich gewöhnt, an Freud und Leid im Leben des Regiments aufrichtigen Antheil zu nehmen, sich mit demselben innig verwachsen zu fühlen.
Diesem Gefühle der Mitfreude Namens unserer Bürgerschaft wie der städtischen Vertretung Ausdruck zu geben, kann sich der ganz ergebenft Unterzeichnete um so weniger versagen, als er es jederzeit für eine feiner wichtigsten Aufgaben gehalten, die angenehmen Beziehungen zwischen dem Regiment und unserer Stadt zu pflegen und zu fördern, und als er dafür bei Euer Hochwohlgeboren auf ein besonders liebenswürdiges Entgegenkommen rechnen zu dürfen sicher ist.
Mit der Bitte, meinen Glückwunsch als den Ausdruck ebensowohl der Gefühle unserer Bürgerschaft, wie der Gesinnung der städtischen Vertreter Gießens geneigtest entgegenzunehmen, eventuell denselben in geeigneter Weise zur Kenntniß des Regiments zu bringen, verbleibe ich
in ausgezeichneter Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ganz ergebenster F. Gnauth, Oberbürgermeister.
Gießen, 14. September 1891.
— Verzeichuiß der Sitzungen des Schwurgerichts der Provinz Oberhessen pro 3. Quartal 1891:
Montag den 21. September, Vormittags 9 Uhr: Angeklagte Wilhelm Schäfer Ehefrau von Bruchenbrücken wegen Meineids. Die Anklage vertritt Großh. Staatsanwalt Theobald. Vertheidiger: Rechtsanwalt Lauer.
Dienstag den 22. September, Vormittags 81/2 Uhr: Angeklagter Peter Mull von Brauerschwend wegen Verbrechen wider die Sittlichkeit. Die Anklage vertritt Großh. Gerichtsassessor Dr. Zimmermann. Vertheidiger: Rechtsanwalt Dr. Jung.
— Der Jahresbericht der Großh. Handelskammer zu Gießen für die Jahre 1889 und 1890 ist erschienen. Nach den in der Einleitung dargelegten Ansichten über die allgemeine wirtschaftliche Lage ist das Ergebniß der wirthschaftlichen Thätigkeit in der verflossenen Berichtsperiode ein günstiges nicht gewesen. Die Berichtsperiode war zwar, im Gegensatz zu den Vorjahren, frei von großen politischen Beunruhigungen, doch vermochte das Wiedererwachen der lange zurückgehaltenen Unternehmungslust ein günstiges Resultat nicht herbeizuführen. Daß ein günstiges Resultat nicht eintrat, schreibt die Kammer wesentlich der Wirthschafts - und Handelspolitik zu, unter der Deutschland seit einer Reihe von Jahren steht,- sie habe lediglich dazu gedient, einige Groß-Jnteressenten-Gruppen aus Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. Die Nachtheile, welche nach nationalöconomischen Erfahrungen die autonome Schutzzollpolitik im Gefolge zu haben pflegt, und vor welcher von freihändlerischer Seite stets gewarnt worden sei, seien mit erschreckender Genauigkeit eingetreten. Die Schutzzollpolitik eines Staates habe zur regelmäßigen Folge, daß die im Handelsverkehr mit dem betreffenden Staate stehenden Staaten zu Retorsionen griffen, ein Staat allein könne sich nicht ungestraft mit einer chinesischen Mauer umgeben. Fast sämmt- liche europäischen Staaten seien dem Beispiele Deutschlands gefolgt und hätten ihre Grenzen durch hohe Eingangszölle abgesperrt- der Verlust zahlreicher seither lohnender Absatzgebiete im Auslande für die deutsche Production wird als Folge der Schutzzollpolitik bezeichnet. Die vermehrten Einfuhren besonders der zollbelasteten nothwendigen Lebensmittel bewiesen die Undurchsührbarkeit einer Emancipation vonr


