Ur. 67
Freitag den 20. März
1891
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Deutsches Reich.
nn. Darmstadt, 18. März. Erste Kammer der Hess. Stände. Die Verhandlungen werden um ^/zlO Uhr präcis durch den Präsidenten Fürst Isenburg-Büdingen eröffnet. Nach Verlesung einer Anzahl neuer Einläuse tritt das Haus in die Berathung der Vorlage der Großherzogl. Regierung, hier die für Erweiterung des Güterbahnhoss zu Darmstadt angesorderte Summe von 250,000 Mk. Ohne Debatte genehmigt die Kammer den angesorderten Betrag.
Hiernach wird die General-Debatte über den Hauptvoranschlag 1891/94 eröffnet.
Der Ausschuß beantragt Nichtbeitritt zu dem Beschluß zweiter Kammer, wonach Ersparnisse an den für laufende Unterhaltung von Gebäuden bewilligt werdenden Crediten zu größeren Herstellungen nur bis zum Betrag von 3000 Mk. verwendet werden sollen und zwar nur für den einzelnen Fall. Diesem Antrag tritt das hohe Haus einstimmig bei. Desgleichen genehmigt das Haus die Gehaltserhöhungen der Staatsbeamten in dem von zweiter Kammer beschlossenen Sinne 10°/0 bis zu 2000 Mk. und 5% bis 5000 Mk.
Hiernach tritt die Kammer in die Specialberathung der einzelnen Capitel des Hauptvoranschlags 1891/94 und genehmigte in rascher Folge die einzelnen Capitel. Bei Cap. 30, Polizeibehörden, beantragt Comm.-Rath M i ch e l-M a i n z eine Erhöhung der Polizeikosten für Mainz auf 13,000 Mk. statt 12,000 Mk.
Nach einer Erklärung des Staatsministers Finger, welcher vorerst die Ablehnung des Antrags empfiehlt, wird dasselbe in diesem Sinne genehmigt.
Bei Cap. 38 ergreift Prälat Habicht das Wort, um zunächst Verwahrung einzulegen gegen die in zweiter Kammer erhobenen Beschuldigungen wegen antisemitischer Umtriebe von evangelischen Geistlichen. Soweit er wisse, habe sich kein evangelischer Geistlicher an dieser Bewegung betheiligt und die Mahnung des Abg. Schröder sei nicht am Platze gewesen. Diese wüßten, daß sie Diener der Kirche und des Friedens seien. Nothwendig sei aber, daß die Großherzogl. Regierung die Behörden anweise, aus die Kauf- und Wuchergeschäfte ihr Augenmerk zu richten, da hierdurch der Bewegung am ersten ein Ende gemacht werde.
Staatsminister Finger sagt das Letztere zu, bestätigt aber, daß wenn auch nicht alle, so doch einzelne Geistliche sich an dieser Bewegung betheiligt haben und das sei nicht angängig. Daß solche Ausschreitungen vorgekommen seien, müsse auch dem Herrn Prälaten bekannt sein.
Zu Cap. 39, Kath. Kirche, wünscht Bischof Haffner eine gleiche Berechtigung wie die evaangel. Kirche hinsichtlich । der Verwendung der bewilligten Summen. Im Interesse der , Parität sei dieses Wünschenswerth.
Staatsminister Finger kann diesem Wunsch nicht zu- fthnmen, solange eine Regelung der Organisation bei der katholischen Kirche noch nicht herbeigesührt sei.
Die beiden Capitel werden sodann genehmigt.
Bei Cap. 50, Hosbibliothek und Museum, beantragte der Ausschuß zweiter Kammer, daß das Museum gegen Brand- schaden versichert werden soll. Die Regierung und heute auch die erste Kammer spricht sich gegen eine solche Versicherung aus.
Comm.-Rath Michel kann sich nicht mit diesem, nur mit dem Antrag zweiter Kammer einverstanden erklären im Interesse des großen Werthes und der Unersetzlichkeit der im Mllseum aufgehäuften Kunstschätze.
Staatsminister weist aus die Schwierigkeit bei der Feuer- Versicherung der Hofbibliothek hin. Noch größer werde diese bei dem Museum wegen des ungeheuren Tax- und Kunst- werthes. Das Capitel wird genehmigt.
Ebenso Cap. 51 bis 123 ohne wesentliche Debatte.
nn. Darmstadt, 18. März. Zweite Kammer der Hess. Stände. Die zweite Kammer, welche heute noch zu kurzer Berathung zusammengetreten ist, bewilligte zunächst 3300 Mk. für Eweiterungen im Bad Nauheim und berieth sodann über eine Eingabe des Bürgervereins zu Kelsterbach, wegen Abgabe billiger Waldstreu aus den Großh. Waldungen. Der Ausschuß beantragt, dem Gesuch keine Folge zu geben. Ueber diese Auffassung enlspinnt sich eine lebhafte Debatte.
Abg. Osann: Die Fassung der Vorstellung erwecke den Anschein, als wolle man die Streu lediglich als Dungmittel verwenden. Die kleinen Landwirthe in Kelsterbach hätten mit ungeheuerer Bedrängniß zu kämpfen, weil sie keine Arbeitskräfte bekommen könnten. Die Arbeiter gingen nach dem nahen Frankfurt, wo sie ein hübsches Geld verdienten. Aus diesem Grund solle die Regierung nicht so streng austreten. Daß sich nur wenige Landwirthe an den Streuversteigerungen betheiligen, komme daher, weil die Preise künstlich in die Höhe getrieben würden. Eine Veräußerung aus freier Hand könne die Regierung wohl nach dem Gesetz zulassen, möge man doch einmal den Versuch wagen, die Petenten wollten ja nicht mehr Streu als der Wald vertragen könne.
Abg. Friedrich spricht in gleichem Sinne.
Oberforstrath Milbrand wünscht, daß die Landwirth- schaft endlich einmal aus dem alten Schlendrian der Waldstreu-Düngung herauskomme und betont die Werthlosigkeit und Schädlichkeit als Dungmittel.
Abg. Kugler-Offenbach ist anderer Ansicht. Er hält die Waldstreu für das Dungmittel des armen Landwirths, der sich keinen künstlichen Dünger für sein Aeckerchen beschaffen könne. Er empfiehlt, gleich den Abgg. Osann und
Feuilleton.
Kriegserinnerungen.
Vor zwanzig Jahren — so erzählt der „Täglichen Rundschau" „Einer, der mit dabei war" — hatte sich in Versailles schon Ende Februar die Nachricht verbreitet, das deutsche Hauptquartier würde spätestens am 10. März auf- brechen, um nach der Heimath zurückzukehren. Plötzlich aber hieß es, alles wäre wieder fraglich geworden, denn die Stadt Paris hätte die Zahlung der 200 Millionen Kontribution eingestellt. Und das war allerdings richtig, nur lag kein neuer Kriegsfall vor, denn sehr bald stellte sich heraus, wodurch die Unterbrechung der Zahlungen herbeigeführt worden war. Es fuhren beim Bundeskanzler Grafen Bismarck die Minister Jules Favre und Pouyer - Quertier vor, um zu melden, Paris wäre außer Stande, den üerabrebeten Zahlungsmodus inne zu halten und es müßten nothgedrungen neue Verabredungen getroffen werden. Auf die Frage Bismarcks, was denn eigentlich vorgefallen wäre, erwiderte der Finanzminister Pouyer-Quertier: „Die Bank von Frankreich ist zwar durchaus im Stande, den noch zu entrichtenden Rest von hundert Millionen jeden Augenblick abzuführen, allein ihre augenblickliche Zahlungsunfähigkeit erklärt sich aus dem leidigen Umstand, daß die Bank nicht über genug — Geldsäcke verfügt. „Wir werden, wenn es verlangt wird, die Zahlung fortsetzen, nur sind wir dann genöthigt, die Goldstücke uneingepackt abzusühren, und das ist ungemein zeitraubend für den Zahler wie für den Empfänger." Bismarck übersah, mit welchen Weiterungen die General-Intendantur, die das Geld vereinnahmte, zu kämpfen haben würde, und er erbot sich zu jedweder Hilfeleistung für die Bank. Sofort wurden also deutsche Lieferanten angewiesen, Zug um
Zug Leinwand nach Paris zu schaffen und nunmehr erklärte sich Pouyer-Quertier für befriedigt. Allein er kam noch mit einem Einwand. „Exzellenz," sagte er zum Kanzler, „für jeden Geldsack berechnet die Bank von Frankreich laut Gesetz 75 Centimes, und diesen Betrag ..." — „Wir bezahlen gern jeden einzelnen Sack," unterbrach ihn Bismarck, und siehe da, schon am nächsten Tage nahm, weil die Beutel sogleich in Angriff genommen wurden, die Zahlung ihren Fortgang. Mit der letzten Goldsendung lief dann auch die französische Rechnung ein, sie lautete über 23,500 Franken, und ohne Besinnen wurde der Betrag entrichtet. Diese französischen Geldsäcke, aus deutscher Leinwand hergestellt und vom Empfänger der Kontribution bezahlt, sind hernach Jahre lang bei der Reichsbank und deren Filialen im Gebrauch gewesen, aber kaum einem ihrer späteren Besitzer wird bekannt gewesen fein, welch wichtige Rolle diese Beutel einst gespielt. Jeder enthielt gleich hohe Summen bei gleichem Gewicht und es mag erwähnt werden, daß an der Gesammtsumme, die auf Treu und Glauben angenommen wurde, nicht ein einziger Centime fehlte. Das Gleiche gilt von den Zahlungen, die in Papier geleistet werden dursten, und daß sich unter dem Papiergeld ein nachgemachter preußischer Hundertthaler-Schein befand, konnte dem Schuldner um so weniger als Schuld angerechnet werden, weil die Nachahmung eine vorzüglich geschickte gewesen war. Während der Belagerung hatte nämlich ein Pariser Graveur seine Zeit nicht besser verwerthen zu können geglaubt, als indem er den nachgemachten Hundert- thalerschein an der Stelle, wo sich die Strafandrohung befand, mit der Bemerkung versah: „Wer Guillaume oder Bismarck lebendig an die Regierung der französischen Republik aus- liesert, erhält dafür die Summe von zehn Millionen Franken." Dieser gefälschte Schein wurde sofort als intereffante Kriegs- erinnerung für 100 Thaler erstanden, schon um der Ober-
Friedrich, das Gesuch der Regierung zur wohlwollenden Erwägung anheim zu geben.
Für diese Ansicht sprechen noch die Abg. P f a n n st i e l, Wolz und Arnold.
Obersorstrath Milbrand empfiehlt, daß den betr. Gemeinden die nöthigen Mittel für Beschaffung künstlichen Düngers bewilligt werden sollen.
Nachdem noch die Abgg. Schönberger, Heinze rlin § und Theobald gesprochen, wird der Antrag Osann- Friedrich, das Gesuch der Regierung zu wohlwollender Erwägung zu empfehlen, mit 25 Stimmen angenommen.
Zur Vorlage Großh. Regierung, den Neubau einer technischen Hochschule betreffend, beantragt der Finanzausschuß die geforderte Summe zu bewilligen.
Es sollen demnach
1. die Gebäude und das Gelände der Großh. Hosmeierei sowie ein Theil des Herrengartens, seither Großherzoglicher Familieneigenthum, an das Großherzogthum als Landes- eigenthum für 239000 Mk. unter Ueberlaffung der Abbruchsmaterialien abgetreten und der Großherzog ermächtigt werden, aus dieser Summe eine neue Meierei rc. zu erbauen;
2. die von der Stadt Darmstadt als Beitrag zu den Kosten des Baues angebotenen 1200000 Mk. angenommen, das von der Technischen Hochschule seither benutzte städtische Gelände und die daraus befindlichen Bauten an die Stadt zurückgegeben werden, unter der Bedingung, daß die Stadt die Straße zwischen Pankratiusviertel und Hoftheaterplatz auf ihre Kosten herstellt;
3) der Regierung für ein besonderes Gebäude für das physikalische und clectrotechnische Institut außer den bereit« bewilligten 315000 Mk. noch weitere 365000 Mk. zur Verfügung gestellt und
4) zur Deckung dieser Summen ein mit 4% verzinsliches Anlehen ausgenommen werden.
Diese Anträge werden gegen 4 Stimmen bewilligt.
Das Gesuch des Kirchenvorstandes zu Groß-Umstadt um Ueberlaffung einer fiskalischen Scheuer gegen Abgabe deS Erdgeschosses des kurpfälzischen Schlosses zur Abhaltung von Gottesdienst beantragt der Ausschuß abzulehnen.
Abg. Frank befürwortet das Gesuch und hält es nicht für Recht, daß man für eine Scheuer 5000 Mk. fordere.
Der Vertreter der Regierung antwortet, es sei ein Erlös von 10000 Mk. zu erhoffen. Es sei sogar noch zweifelhaft, ob ein Recht auf Benutzung des Schlosses bestehe.
Der Ausschußantrag wird genehmigt.
Ein Antrag des Abg. Frank auf Erhöhung der Tagegelder für die Landtagsabgeordneten findet im Hause keine Anhänger.
Abg. Wolf stehl spricht gegen, Abg. Metz-Darmstadt für denselben.
rechnungskammer keinen Anlaß zu einem „Monitum" zu bieten. Die Ausgabe von 23,500 Fr. für die Geldbeutel ließ der gestrenge Rechnungshof ebenfalls unbeanstandet, nachdem auf diesen Fall hin das französische Bankgesetz und die Bank- ordnung durchgesehen war.
Nicht rauchen!
In einem Coupe sitzt ein biederer Landmann, der sich in der Nähe der anderen Paffagiere gar nicht wohl zu fühlen scheint. Augenscheinlich belästigt ihn der starke Tabaksqualm, denn in dem Coupe sind mindestens sechs Cigarren verschiedener Qualität in Brand. Er rückt auf seinem Sitze ungeduldig hin und her und hustet recht auffällig. „Sie können wohl den Cigarrenrauch nicht vertragen?" fragte theil- nehmend ein alter Herr. — „O ja," meint der Landmann. Trotzdem sieht er jeden der Raucher ängstlich an und hüstelt fortwährend. „Na, was ist Ihnen denn eigentlich?" fragt ein Anderer. — „Der Roochen! Det Roochen!" meint der Onkel vorn Lande bedenklich. — „Wenn Sie den Rauch nicht vertragen können, müssen Sie in ein Nichtraucher-Coups steigen." — „O nee, ick rooche ja sonst selber." In demselben Moment schrickt der Bauer zusammen, einem Passagier ist die Asche von der Cigarre gefallen. „Herrjeses?" schreit er. — „Aber was fehlt Ihnen denn," rufen nun Alle, „können Sie denn das Rauchen wirklich nicht vertragen?" — „Ick schon," sagt der Landmann ängstlich, „aber bet Säckel Sprengpulver, bet ick unter mir habe, — wenn ick bet man janz nach Hause bringe!" Allgemeines Entsetzen, im nächsten Augenblick fliegen sechs Cigarren aus bem Fenster unb eine Secunbe später sieht ber ganze Wagen aus wie ein „Coupe für Nichtraucher".


