Nr. 90. Zweites Blatt. Sonntag den 19. April
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1891
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Feuilleton.
W i e du willst.
Scizze von S. Fritz.
(9iad)brucf verboten.)
Wie lange ich dich, mein geliebtes Tagebuch, doch vernachlässigt habe' Das letzte Blatt füllte ich noch im Pensionäre aus und es trägt mit seinen nichtsnutzigen Zeichnungen auch noch ganz den Stempel des Backfisches. Allerorten Kleckst; am häufigsten solche oberhalb der Linie. Diese Sorte Kleckse hatte ihre Bedeutung- ich glaube, sie stellten in unserer Geheimschrift einen Husareulieutenant vor. Nun ja, unsere Schubladen im Institute schlossen so schlecht- und immer besser, ein paar Kleckse wären ans Licht gezogen worden, als ein Husarenlieutenant. Die Schulzeit ist vorüber, ich habe die Spürnase unserer gestrengen Madame Dupont nicht mehr zu befürchten; aber es fehlt mir jetzt jede Veranlassung, die frischen Blätter mit Männernamen zu füllen. Besteht für mich doch nur mehr ein „Er" und sind meine Gedanken Tag und Nacht doch ausschließlich darauf gerichtet, diesen Einen, den Heißgeliebten, welchen ein gütiges Geschick mir zum Gatten bestimmt hat, glücklich zu machen.
Das Glücklichmachen ist wohl der schönste, der erhabenste Beruf der Frau. Wie schade, daß diese Kunst nicht in der Schule gelehrt wird! Wenn ich in dem hohen Rathe säße, der über den Lehrplan für Töchterschulen zu beschließen hat, ich glaube, ich würde einige Stunden Culturgeschichte, Alter- thumskunde streichen und an deren Stelle als obligat diesen Gegenstand setzen.
Denn diese Sache will wie jede andere gelernt werden; die guten Vorsätze allein genügen nicht, und wären sie auch alle so fromm und feierlich gefaßt worden wie die meinen. Ghe ich an meinem Hochzeitstage in die Kirche ging, hatte ich in meinem Kämmerchen auf den Knieen dem Schöpfer gelobt, alles zu thun, was ich meinem geliebten Bruno von den Augen würde ablesen können. Aber ich stellte mir die Sache leichter vor, als sie sich in der Wirklichkeit erwies. Mein Bruno hat zwar die schönsten, die glänzendsten, nußbraunen Augen — ein Herz voll Liebe und Treue spricht .aus ihnen — aber als ich mich eines Tages dafür interessirte, ob Bruno mit mir lieber spazieren als in ein Theater ginge, wollten mir diese Augen, so viel ich auch hineinsehen mochte, nicht verläßlichen Bescheid geben. Und so erging es mir bei allen ähnlichen Forschungen.
Aber jetzt, Gott sei Dank, bin ich über diese Sorge hinaus. Die kleinen Passionen meines Herrn und Gebieters sind mir kein Geheimniß mehr, und fast täglich komme ich in die mich beglückende Lage, dem Heißgeliebten eine kleine Aufmerksamkeit erweisen zu können. Ja, ich bilde mir auf meinen Witz gewiß nicht zu viel ein- aber ich muß es doch als eine geradezu herrliche Idee bezeichnen, die mich daraus brachte, den Peter, der meinen Mann schon sechs Jahre in seiner Junggesellenwirthschast bedient hatte, als Nachschlage- Luch zu verwenden. Ein verläßlicheres hätte ich gar nicht finden können. Ich erschrecke daher ordentlich, wenn ihn mein sonst so guter Bruno manchmal beleidigt, indem er ihn einen Schlingel nennt. Selbstverständlich thue ich dann alles, um ihn wieder zu versöhnen, denn wahrlich, ich könnte diesen braven Burschen jetzt nicht missen.
Wie hätte ich denn zum Beispiel ohne seinen Wink darauf kommen können, daß mein Bruno so ungeheures Vergnügen an dem stundenlangen Spazierenlaufen findet, nachdem er selbst es mir so rücksichtsvoll verschwiegen hat? Weiß Gott! wie schwer mir diese Uebungsmärsche manchmal fallen! Und Loch mache ich sie nicht nur mit, sondern ich bringe es sogar zuwege, mich so zu stellen, als ob ich der Gesundheit halber einen großen Werth auf diese aufreibende Strapaze legen würde.
Ein Anderes, was mir auch erst durch Peter klar wurde, ist die Geschmacksrichtung meines guten Bruno in Betreff der Küche- eine so eigentümliche, entsetzliche Geschmacksrichtung, daß man sie einem Manne, der sonst nur seine Passtonen hegt,
gar nicht zutrauen möchte. Lauter Gerichte von so schwerem und unverdaulichem Caliber, daß ich nur mit äußerster Selbstbeherrschung daran theilzunehmen vermag! Aber mein redlicher Wille und ein paar Löffel Salzsäure, die ich heimlich nach jeder Mahlzeit schlucke, lassen mich auch diese Probe in Ehren bestehen. — —
*
Lieber Walter!
Wenn Du zusüllig noch eine alte Photographie von mir besitzest, vernichte sie oder ziere sie mit einem Kreuze und stecke sie in einen schwarzen Rahmen, wie Du es wohl mit Bildern sonstiger theuerer Verstorbenen machst. Denn der Dr. Bruno Raming, den Du gekannt, dem kein Abenteuer zu toll und keine Frau heilig war, ist tobt, mausetodt. Dagegen mache ich Dir geziemende Anzeige von dem Bestände eines neuen Dr. Bruno Raming, eines liebegirrenden Narren, für den es auf Erden nur ein einziges Weib gibt — sein eigenes!
Ja, lieber Freund, ich widerrufe alles, was ich in Reden und Schriften gegen die Ehe gesagt habe. Und wenn Du von mir einen wohlgemeinten Rath annehmen willst, gehe hin und folge meinem Beispiel, d. h. nimm Dir ein Weib, vorausgesetzt, daß Du zwischen Nord- und Südpol noch ein annähernd so herzliebes Wesen zu entdecken vermagst, als es mir zu Theil geworden ist.
Ich war, wie Dir wohl bekannt, in meinen Leidenschaften der wankelmüthigste Mensch- jetzt kenne ich nur mehr die eine Passion, meiner Risa eine Freude zu bereiten. Wenn ich nur immer das Rechte träfe! Bei Ninette war das freilich leichter zu erreichen. Die brauchte ich nur zu fragen: „Was willst Du?" Und sie antwortete an einem Tage: „Eine Loge in die Oper," am zweiten Tage „Ein Perlen- eollier", am dritten, wenn ich so unvorsichtig gewesen wäre, nochmals zu fragen, hätte sie wohl geantwortet: „Ein Haus auf der Ringstraße." Das geht bei Risa nicht. Wenn ich sie frage: „Was willst Du?" schaut sie mich mit ihren lieben süßen Kinderaugen an und haucht: „Was Du willst!" Und ich sage selbstverständlich darauf wieder: „Was Du willst." Das gibt zwar ein ganz hübsches Frage- und Antwortspiel, aber ein Resultat fördert es nimmer zu Tage. Wie war es nur in Salzburg, der ersten Station unserer Hochzeitsreise? Da forschten und sondirten wir gegenseitig so lange, bis wir nach drei Tagen abreisten, ohne von diesem reizenden Erdenwinkel viel mehr als das Hotel Europe und die Bahnhofshalle gesehen zu haben.
Ueber diese Kinderkrankheiten einer zärtlichen Ehe bin ich, seitdem ich den Schlüssel zu den Wünschen meines Lieblings gesunden habe, glücklich hinaus. Ich habe mich nämlich mit ihrem Stubenmädchen in Verbindung gesetzt. Nimm Dein Faunlächeln, das ich im Geiste schon vor mir sehe, nur rasch zurück, alter Bursche, denn mit dieser Donna hat es nicht die mindeste Gefahr. Ganz abgesehen davon, daß sie eine Warze auf der Nase und eine schiefe Schulter besitzt — zwei Details, welche mich zu aller Zeit abgeschreckt hätten — kaun^ich Dir nur wiederholen, daß mich jetzt eine Venus, die nicht Risa heißt, kalt ließe. Nein, besagte Kammerjungfer, die meine Schwiegermama ihrem Töchterchen in die neue Wirtschaft mitgegeßen, hat für mich nur den einen Werth, daß sie die Gewohnheiten Risas von Jugend auf kennt, und ich muß es ihr nachrühmen, daß sie nur mit sichtlichem Widerstreben mir gegenüber die Verrätherin spielt. Ich bin der braven Person dafür von Herzen dankbar, denn ohne sie wäre mir der ungeschriebene Wunschzettel meiner kleinen Frau wohl immer sremd geblieben.
Potz Teufel auch, wie hätte ich denn zum Beispiel ohne fremde Beihilfe den Gedanken fassen können, daß meine Riesa an einem so jammervollen Ort, an dem uns der Zufall auf der Durchreise geworfen, so lange Gefallen finden würde? So weit das Auge blickt, nicht ein Hügel, geschweige denn ein Berg — die erbärmlichste Sandwüste, in der sich außer einigen Bedauernswerten, die der Schwefelkur obliegen, nie- ; mand freiwillig länger als von der Ankunft bis zum Ab- 1 gange seines Zuges aufhält. Und da muß ich des guten
Zweckes halber noch Comödie spielen und thun, als ob ich diesem Neste, das Gott in seinem Zorn geschaffen, täglich einen neuen Reiz abgewinnen würde! Trotz langjähriger Ue- bung im Flunkern komme ich bei diesem Spiel manchmal in Gefahr, aus der Rolle zu fallen. Und glaubst Du etwa, daß das die einzige Schwindelei ist, die ich im Dienste der Liebe verübe? O nein! Die Stubenkatze hat mir nämlich noch eine merkwürdige Passion Risas anvertraut — die Kurmusik. So pilgere ich denn heldenmütig, mein junges Weib am Arme, Morgens, Mittags und Abends zur Kurmusik. Freund, in der Erzählung erscheint das federleicht- aber wenn Du nur einmal den Produktionen der hiesigen Capelle gelauscht hättest, würdest Du meiner Opferfähigkeit Achtung zollen. Man hat unlängst eine Erfindung gemacht, das Antiphon, welches, in die Ohren gesteckt, unempfindlich gegen jeden Ton machen soll — vielleicht versuche ich es einmal damit.
Dein
Bruno.
* *
(Im Vorzimmer.)
„Pst, pst! Ist die Luft rein?"
„Gewiß. Sie haben beide eben erst die Feder aus der Hand gelegt und beginnen jetzt wieder einmal, sich zu herzen und zu küssen. Wenn sie damit anfangen, hören sie so bald nicht auf."
„Womit sollen sich denn die Armen an diesem langweiligen Orte die Zeit vertreiben, einem Orte, an welchem sie von uns nur festgehalten werden, weil — weil der Herr Peter mit dem Fräulein Lisette im Hotel eine Liebschaft an- gezettelt hat?"
„Oho, Sie abgefeimte Heuchlerin, nur deßhalb? Nicht vielleicht auch ein wenig deßhalb, weil das Fräulein Anna ein Auge auf den dummen Franz in demselben Hotel geworfen hat?"
„Ist aber auch ein lieber Mensch!"
„Das ist Geschmacksache. Aber wir dürfen jetzt nicht die Zeit mit unnützem Geschwätze verlieren - wir haben noch Lisette und Franz für den Abend zu uns gebeten. Die Herrschaft muß sofort spazieren geschickt werden."
„Bei diesem Wetter?"
„Ha, ha, es wird mir doch ein Leichtes sein, der verliebten Närrin einzureden', daß das Herumbnmmeln bei strömendem Regen auch zu den Passionen des Herrn gehört! Uebrigens wenn Sie ein so mitleidiges Herz haben, brauchen Sie anstatt dessen die Herrschaft ja nur eine Stunde früher ins Concert zu schicken. Die Coneerte gehören ja zu Ihrem Departement. Ich will inzwischen dafür sorgen, daß unsere Gäste ein anständiges Essen bekommen. Die Gnädige muß wieder zu einem Krautstrudel, dem Leibgerichte meiner Lisette, angeeifert werden."
„Und was bekommt mein Franz?"
„Ich bin kein Knauser. Da werde ich der Gnädigen wieder ein Paprika-Gulyas als Lieblingsspeise des Herrn einreden. Dafür schwärmt ja Ihr Franz."
„O sehr! Ich fürchte nur eines, daß die gute Herrschaft sich noch einmal an dem ungewohnten Speifezeittel den Magen verderben wird. Es ist auch zu abscheulich von uns, wie wir diese Armen, die so blindlings unseren Rathschlägen folgen, hinter's Licht führen. Sie glauben gar nicht, was für Vorwürfe ich mir manchmal mache — machen Sie sich denn gar keine?"
„Ich! Nicht die geringsten! Im Gegentheile. In der heiligen Schrift steht: „Äug' um Äug', Zahn um Zahn. Hätte mein Herr sich während feiner Junggesellentage mehr bei mir eingeschmeichelt, könnte er es jetzt besser haben. Ich kann es noch immer nicht verwinden, daß ich bei den feinen Soupers, welche er seinen Freunden zu geben pflegte, stets bis zum frühen Morgen mit meinem gemeinen Schwips hinten stehen mußte, während sie vorne den noblen Champagner- rausch hatten. Jetzt soll er einmal leben, wie es mir bequem erscheint. Die Stunde der Vergeltung ist gekommen!"
Landwirthschastliche Winke und Rathschlage.
Beiträge zur landwirthfchaftlichen Buchführung und HauSwirthfchaft.
△ AuS Oderhefsen, Mitte April.
Die Seele einer jeden Verwaltung, mag sie dem Staate, der Stadt, der Gemeinde oder einer Handelsgesellschaft, dem Fabrikanten, Gemerbtretbenden, Großkaufmann oder Kleinverkäufer, dem Handwerker oder Landwirthe gelten, ist und bleibt eine regelrechte Buch« und Rechnungsführung. Die Geschichte zeigt an erschreckenden De.spielen, daß die blühendsten, reichsten Länder nicht blos an Sittenverderbntß, Ueppigkeit und Schwelgerei, sondern zum großen
Theile an schlechter Verwaltung, an Mangel einer guten Buch« und Rechnungsführung zu Grunde gingen.
Wenn kein Buch geführt, keine Rechnung gestellt werden muß, dann werden die 23.amten und Dimer lässig in Dienst und Pflicht. Wenn Aufsicht und Controle fehlen, überwuchern die schlimmen menschlichen Eigenschaften bald die bessern; Eigennutz, Geldgier, Diebstahl, Unterschlagung kommen auf die Tagesordnung und bald ist das Gemeinwesen am Rande des Abgrundes
Was hat Spanien, dem nach der Entdeckung Amerikas und nach Auffindung des Seeweges nach Ostindien Schiffe voll Gold und Silber zukamen, so jämmerlich heruntergebracht? Nicht bloß die inneren und äußeren Kämpfe, sondern ebenso sehr der Mangel
einer sorgfältigen Controle, einer ehrlichen, redlichen Buch- und Rechnungsführung. Wie sah es in Italien aus? Was liest man von Neapel? Was berichten die Zeitungen von den südamerikanischen Republiken? Von Rußland und der Türkei?
Sehen wir uns in der Nabe um! Wenn ein Kaufmann, ein Gewerbtreibender, ein Landwtrth in Rückgang kommt oder gar zu Grunde geht, wo hat es — neben vielem Anderen — gewöhnlich auch gefehlt? An citttr tüchtigen, klaren Buch« rnrd Rechnungsführung.
Um unteren heutigen Bericht recht eindringlich zu gestalten, haben nur die Folgen einer mangelhaften, fchlechten Rechnungsführung durch Hinweise aus große und tu ine Verhältnisse


