können sie die sogenannten Schnittweine gar nicht verwenden; es wird eine Concurrenz für diese kleinen Winzer aus der Einfuhr entstehen, dte eine große Unzufriedenheit namentlich unter den Bewohnern der Retchslande Hervorrufen wird, wo solche Unzufriedenheit zu vermeiden sehr nöthtg wäre. Das Geschäft für Schnittwetne wi.d den Franzosen zufallen und dte Folge wird sein, daß eine so allgemeine Vermischung der verschiedenen Wetnsorten eintrttt, daß die bei uns sonst übliche Declaration jetzt gar nicht mehr möglich ist. Das Umgehen mit den Schnittweinen ist den kleinen Winzern nicht geläufig, die großen Weinbauer haben dazu ihre Küfer; man kann auch nicht so leicht aus saurem Moselwein einen trinkbaren Rothwein durch Verwendung von Schntttwein Herstellen, dazu gehören andere Proceduren. Die kleinen Winzer haben Anspruch auf Schutz gegen die ausländische Concurrenz; aber das Gewicht, welches dte Italiener auf den Traubenzoll legen, beweist, daß sie auf ein großes Geschäft mit ihren Trauben rechnen. Das ist ein folgenschwerer Schritt und ich werde zu meinem Bedauern genöthigt sein, gegen die Verträge zu stimmen.
Abg. Dr. Bürklin (ntl.) äußert sich wesentlich im Sinne des Abg. Dr. Buhl und schließt sich dem Vorredner namentlich tn dem Punkte an, daß der kleine Winzer den italienischen Schnittwein zur Veredelung seiner Producte nicht wird verwenden können.
Abg. Win ter er (Els.) fürchtet, daß die Production des Kunstweines in ganz bedenklicher Weise in Folge der Einführung fremder Trauben und Schnittweine zunehmen wird. Alle Einwendungen gegen diesen Zoll sind ja zur Zeit ohne jede Aussicht auf Erfolg. Aber hoffentlich werde die Regierung nun insofern den kleinen Winzern entgegenkommen, daß sie energische Maßnahmen gegen Weinverfälschungen ergreift durch ein die Interessen der kleinen Winzer berücksichtigendes Wein-Gesetz.
Abg. Lender (Centr.) verlangt als unerläßliche Bedingung zur Hebung des deutschen Weinbaues den Declarationszwang. Es müsse jeder angeben, welches Gewächs er als Producent herstelle und jeder Consument müsse wissen, was er trinke. Der badische Wein sei immer noch besser, als das, was wir an Wein in Berlin zu trinken bekommen. Wer die Verträge zu Stande bringen will, der darf aber auf Dinge von solcher untergeordneter Bedeutung kein zu großes Gewicht legen, selbst dann nicht, wenn ihm von Seiten der Wähler gedroht wird, man werde ihn nicht wieder wählen, wenn er für die Verträge stimmt. Commissionsberathungen hätten auch zu Nichts genützt; diese Forderung der Conservatioen hätte keinen Zweck. Hoffentlich wird den Verträgen eine Aera wirthschaftlichen Aufschwungs und dauernden Völkerfriedens folgen, deshalb stimme er für die Verträge trotz einzelner Bedenken.
Slaatssecretär Dr. v. Boetticher bezeichnet als Zweck des Wein-Gesetz-Entwurfes die Fälschung des Weins zu strafen, die bisher von dem Nahrungsmtttelgesetz nicht gefaßt werden konnte.
Abg. Graf v. Mirbach (dcons.) weist Lenders Angriff gegen die Eonservativen zurück. Ob die Erwartungen und die wohlthättgen Folgen der Verträge eintreten werden, das werden wir ja später sehen.
Abg. Dr. Bamberger (bfr.) steht in Bezug auf den Weinzoll auf dem Boden des Abg. Buhl. Wenn man den Schutzzoll für Wein anerkenne, was er (Redner) nie aethan habe, dann kann man für die Traubenzollermäßigung allerdings nicht eintreten. Im Uebrigen sei für den heimischen Wein auch noch immer der nöthtge Durst vorhanden gewesen. Dem Wein-Gesetz auf der von dem Staatssecretär angedeuteten Basis hofft Redner zuftimmen zu können.
Abg. Simonis (Els.) bittet die Regierung, nach Möglichkeit darauf Bedacht zu nehmen, daß die schweren Schädigungen, welche die kleinen Winzer in Folge der Zollherabsetzung treffen werden, durch andere geeignete Maßregeln möglichst ausgeglichen werden.
Abg. M enger (cons.) motioirt mit feinen Bedenken gegen die Wirkung des Weinzolles seine ablehnende Haltung gegenüber den Vertragen.
Abg. Schnaidt (Volksp.) hält es nöthig, einen Ausgleich für die kleinen Weinbauer in Württemberg herbeizuführen; nötigenfalls werde man einen Antrag in diesem Sinne in der württembergischen Kammer stellen müssen.
Abg. Hickel (Soc.) erklärt sich für die Zollermäßigung und für die Verträge.
Im weiteren Verlauf der Debatte traten die Abgeordneten Graf Arnim (Rp.), Clemm (ntl.), v. Kardorff (Rp.) gegen die Ermäßigung des Papier-Zolles auf. Broemel (dfr.) und Staats- secretär Dr. v. Boetticher erwidern, daß die Papier-Industrie bei uns hauptsächlich Export-Industrie sei, der eine Ermäßigung des Zolles in anderen Staaten, wie sie von Oesterreich zugestanden wird, doch nur erwünscht sein könnte.
Abg. Graf Mirbach (dcons.) bekämpft die Herabsetzung des Schweine-Zolles.
Die Abgg. Graf Hatzfeldt (Rp.) und Bamberger (dfr.) treten für die Herabsetzung ein, ebenso Abg. Stadthagen (Soc.)
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antisemit) bittet, die Petitionen durch die jetzt zu fassenden Beschlüsse noch nicht für erledigt zu erklären, da der Petitionssturm gegen die Verträge noch weiter anwachsen werde und derselbe heute noch nicht zu übersehen sei.
Damit schließt die Debatte über die Tarife und Art. 3 des österreichischen Vertrages. In namentlicher Abstimmung werden die Wein- und Trauben-Zölle mit 200 gegen 66 Stimmen angenommen,
standen in ihren Augen und von ganzem Herzen dankte sie dem lieben Gott, daß er sie in diesen glücklichen Familienkreis heute geführt.
Dem jungen Paare, das da so strahlend nebeneinander stand, wollte sie, so gelobte sie sich, eine treue, mütterliche Freundin bleiben, und die Frau Professor, die ja noch zwei Töchter zu versorgen hatte, würde es ihr gewiß gern überlassen, für Ilse die Ausstattung zu besorgen.
„Nun aber ein Wort im Vertrauen, lieber Rode," sagte der Professor, nachdem der erste Weihnachtsjubel verklungen, seinen Schwiegersohn in eine Ecke ziehend. „(Sagen Sie, wie haben Sie es ermöglicht, mein starrköpfiges Mädel zu bekehren? Ilse sagt: „Wir haben uns zufällig kennen ge- lernr und da fand sich alles." Diese Erklärung genügt mir selbstverständlich nicht. Sie müssen ganz besondere Mittel angewandt haben, den Eigensinn in eine, wie es scheint, ganz liebenswürdige, hingebende Braut zu verwandeln."
„Wir sind eben Sonntagskinder, meine Braut und ich," erwiderte der junge Mann lächelnd, „die da nicht auf der Alltagsstraße gewöhnlicher Menschen wandeln, sondern auf besonderen Pfaden, wo die blauen Blumen blühen und duften, wo die Herzen einem aufgehen in Liebe und Sehnsucht, und wo zwei sich auf solchen Pfaden begegnen, nun, da gibt es kein Entrinnen, da müssen sie sich finden und zusammen weitergehen und sich lieben, lieben!"
Der Professor sah kopfschüttelnd in das schöne, erregte Gesicht seines Schwiegersohnes, diese Erklärung genügte ihm nun erst gar nicht. Seine Gattin aber, die leise hinzugetreten, schien eher ein Verständniß dafür zu haben.
„Ich habe es ja von Anfang an gesagt," flüsterte sie mit leisem Erröthen, „die Geschichte hatte einen so romantischen Hintergrund, sie mußte schließlich auch romantisch enden."
weiter werden angenommen die übrigen Positionen des Tarifs und der Art. 3 des österreichischen Vertrages, welcher den Tarif enthält. Hierauf vertagt sich das Haus.
Nächste Sitzung Donnerstag 11 Uhr: Fortsetzung der Berathung.
Schluß 6V, Uhr.
Aerneste
trltgradhi'cheS Corrtivanbenz« Hurra'.:
Berlin, 16. December. Das deutsche „Colonialblatt" publieirt einen Erlaß des Reichskanzlers, betreffend die Verleihung des Rechts zum Bau und Betriebe der Eisenbahn Tango-Horogwe an eine Eisenbahngesellschaft für Deutsch- Ostasrika. — Das Blatt theilt ferner den Ausweis der Zolleinnahmen von Deutsch Ostafrika mit, wonach diese für April, Mai, Juni 87,664 Rupien höher sind, als nach der Schätzung angenommen wurde. Die Gesammteinnahme vom 1. Januar bis 30. September beträgt 947,821 Mk. — Dr. Peters durchzog den letzteingegangenen Nachrichten zufolge die Massaisteppe über den Dschalasee, an dessen Ufern er die deutsche Flagge hisste, nach Taweta und traf am 3. SDctober wieder an der Kilimandscharostation ein.
Bayreuth, 16. December. Reichstagswahl. Die bis jetzt vorliegenden Ziffern machen die Wahl des Nationalliberalen Casselmann unzweifelhaft.
Madrid, 17. December. Nach der Ankunft des Prinzen Albrecht von Preußen begab sich Canovas in Uniform mit dem Bande des Rothen Adlerordens zum Prinzen, um ihn zu begrüßen. Der Prinz beabsichtigt, am Freitag nach dem Escurial zu gehen, um einen Kranz auf das Grabmal des Königs Alphons niederzulegen.
Deoeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 16. December. Der „Vossischen Zeitung" wird aus Leipzig gemeldet, die Anstellung von Schulärzten sei dort beschlossen.
Berlin, 16. December. Die socialdemokratische Partei wird nach der Annahme der Handelsverträge im Reichstage einen Antrag auf Suspension der Getreidezölle einbringen.
Berlin, 16. December. Abgeordneter v. Helldors, der Führer des regierungsfreundlichen Flügels der Con- servativen, wurde vom Kaiser empfangen und zur Früh- stückstasel gezogen. Er begleitete den Kaiser hieraus im Salonwagen non Potsdam nach Berlin.
Wien, 16. December. Zufolge aus Rußland hierher gelangter Meldungen nimmt der Hungertyphus im Gouvernement Kasan zu.
Potsdam, 17. December. Prinzessin Friedrich Leopold wurde heute Nacht von einem Prinzen entbunden.
Madrid, 17. December. Die Königin-Regentin verlieh dem Prinzen Albrecht von Preußen den Orden des goldenen Vließes.
CocaUs ttnö provinzielles,
Gießen, 17. December 1891.
— Neues Theater. Die Vorbereitungen zu „Hamlet", letztes Gastspiel des Herrn GeorgHacker aus Darmstadt, sind bereits in vollem Gange. Herr Hacker, welcher zur vorletzten Hauptprobe am Sonnabend schon hier eintrifft, wird die Leitung des großen Dramas selbst übernehmen. Wir wollen daher nicht unterlassen, auf diesen besonderen Kunstgenuß ganz speziell aufmerksam zu machen.
— Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 16. December 1891. Zur Verhandlung kam die Strafsache gegen Hermann Rausch von Friedberg wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolg. (Erster Staatsanwalt Joeckel als Beamter der Staatsanwaltschaft- Rechtsanwalt Windecker als Vertheidiger- Hermann Wißler, Georg Conrad Fritz, Ludwig Schadeck II., Otto Ludwig Hein, Heinrich Kaspar, Philipp Winter I., Johann Heinrich Block I., Georg Anton Rompf VIII., Andreas Keller, Karl Ludwig Junker, Balthasar Schwalb, Nicolaus Metz IV. als Geschworene.) Der 18jährige Commis Hermann Rausch ist beschuldigt, daß er am Abend des 18. October 1891 in der Schmidt'schen Wirth- schaft zu Friedberg den Lorenz Weinböruer von da vorsätzlich körperlich mißhandelt habe und hierdurch der Tod Wein- börners verursacht worden sei. Die heutige Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Lorenz Weinbörner von Fried berg, ein daselbst allgemein bekannter Trunkenbold, pflegte in seiner Trunkenheit verschiedene Wirthschaften aufzusuchen und die anwesenden Gäste zu belustigen. Da kam er auch am Abend des 18. October l. I. in die Schmidt'sche Wirth- schast, ließ sich hier ein halbes Glas geben und wurde verschiedenen Gästen gegenüber zudringlich. Hermann Rausch erlaubte sich Anfangs mit dem betrunkenen Weinbörner verschiedene Scherze, indem er ihm ein Zeitungsblatt auf dem Rücken anheftete und ihn schwärzte. Weinbörner wurde hierüber unwillig und den Gästen so unbequem, daß er mehrfach aufgefordert wurde, sich zu entfernen. Rausch sagte zu seinem Freunde Georg Kautz von Friedberg, sie wollten ihn Hinausthun. Auch forderte die Ehefrau des Gastwirths Schmidt den Weinbörner auf, das Local zu verlassen, indem sie zugleich die Thüre öffnete. Kautz hatte Weinbörner am Arme gefaßt und ihn zum Weggehen aufgefordert. Weinbörner stand, mit dem Rücken der geöffneten Thüre zugekehrt, in der Wirthsstube, einen oder zwei Schritte von der Thüre entfernt, und gab jetzt Rausch dem Weinbörner plötzlich einen Stoß, daß er rücklings durch die geöffnete Thüre wider die Wand des Hausflurs, wie gegen den Pfosten der nach dem Hose führenden Thüre fiel und mit dem Hinterkopf in den Hof stürzte. Weinbörner blieb alsbald bewußtlos liegen. Da man annahm, Weinbörner verstelle sich, ließ man ihn noch eine Zeit in seiner Lage, brachte ihn aber nachher auf die Straße vor das Hofthor und ließ den Polizeidiener Fourier rufen. Dieser verbrachte ihn, da er ihn für betrunken hielt, in die Wachtstnbe, wo er ihn am anderen
Morgen entließ. Bei seinem Weggänge taumelte Weinbörner, klagte mehrere Tage über starkes Kopfweh, bis er am Vormittage des 22. October l. I. verstarb. Die am 23. October l. I- stattgehabte gerichtliche Leichenöffnung ergab, daß Weinbörner in Folge eines Schädelbruchs gestorben sei. — Die Geschworenen konnten sich auf Grund der Beweisaufnahme nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugen, sprachen deshalb das „Nichtschuldig" aus, worauf Freisprechung des Letzteren erfolgte.
— Zu den Schülervergehen. Durch auswärtige Zeitungen wurde in den letzten Tagen das Gerücht verbreitet, daß sich auch „höhere Tochter" unserer Stadt an den bekannten Schülervergehen betheiligt hätten. Nachdem diese grundlosen Gerüchte in den betreffenden Blättern eine schnelle Berichtigung erfahren haben, freuen wir uns mittheilen zu können, daß kein Grund vorlag, von Seiten des Gerichts oder der Schule gegen irgend eine Schülerin der höheren Mädchenschule eine Untersuchung einzuleiten.
— Durch Verfügung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wurden die seitherigen Vorsitzenden der Kammern für Handelssachen und die seitherigen Stellvertreter der Vorsitzenden auch für die Geschäftsjahre 1892, 1893 und 1894 bestellt, und zwar:
1) zu Vorsitzenden der Kammern für Handelssachen:
am Landgericht der Provinz Starkenburg der Großh. Landgerichtsrath Jost,
am Landgericht der Provinz Oberhessen der Großh. Landgerichtsrath Hofmann,
am Landgericht der Provinz Rheinhessen der Großh. Landgerichtsrath Förch-
2) zu Stellvertretern dieser Vorsitzenden:
am Landgericht der Provinz Starkenburg der Großh. Landgerichtsrath Dr. Gilmcr,
am Landgericht der Provinz Oberhessen der Großh. Landgerichtsrath Holzapfel,
am Landgericht der Provinz Rheinhessen der Großh. Landgerichtsrath Thaler.
— Von der Schule. An sämrntliche evangelischen Lehrer und Lehrerinnen des Landes wurde eine neue Bearbeitung der „Anleitung zur Ertheilung des evangelischen Religionsunterrichts" vertheilt.
* Wieseck, 17. December. Am Sonntag Abend kam es hier zwischen einigen Burschen zu einer Schlägerei, tn welcher leider das Messer eine verhängnißvolle Rolle spielte. Fünf der Streitenden wurden verwundet, davon einer so schwer, daß er gestern Abend seinen Verletzungen erlegen ist.
+ Lich, 16. December. Nächsten Samstag, den 19. d. M., Nachmittags 3 Uhr, findet im „Holl. Hof" dahier eine Versammlung des hiesigen Bezirkslehrervereins statt. Auf der Tagesordnung stehen folgende Gegenstände: 1) Rembrandt als Erzieher, Referent: Herr Lehrer Leidich in Langsdorf- 2) Darwin, dessen Leben und Bestrebungen, Referent: Herr Lehrer Eisfeller in Steinbach. Außerdem werden noch verschiedene weitere berufliche Angelegenheiten zur Besprechung kommen.
FandnmthschaMchk Rückblicke auf das Jahr 1891.
A A«S Oberhefse«, Mitte December.
Ein herrlicher September konnte manches verbessern, was die vorangegangenen Monate versäumt hatten. Die hochgelegenen Gebirgsorte des Vogelsberges bargen in diesem Monate erst ihre schöne Ernte. Das Obst, welches auch in der Ebene noch weit zurück war, gedieh zusehends unter den warmen, belebenden Sonnenstrahlen. Es hatte sich schon vorher Kartoffelkrankhett gezeigt; sie kam zum Stillstände und die gefunden Knollen gediehen noch zu schönen, mehlreichen Producten, wenn auch nicht ganz so, wie in trockenen Jahren. Futterstoffe aller Arten: Dickwurzeln, weiße und gelbe Rüben, Gemüse und Kraut ist in genügender Menge gewachsen. Im März und April sah es scheu aus; Ende September waren Speicher, Keller, Kisten und Kasten wohlgefüllt.
Der October war schön wie sein Vorgänger. Dte Bestellung der Herbstsaaten, reichlich um einen Monat gegen frühere Jahrgänge verspätet, konnte vorgenommen werden und bald erschienen die jungen Triebe, von schönem, warmen Wetter begünstigt, auf den Furchen. Mit Anspannung aller Kräfte arbeitete der Bauer von früh Morgens bis in die dunkle Nacht, denn man konnte nicht wissen, ob ein frühzeitiger Winter, welcher von vielen Seiten prophezeit wurde, dm Mühen ein jähes Ende bereiten würde. In der Nacht zum 29. October fiel ein starker Reif und es wurde acht Tage lang recht empfindlich kalt.
Doch der November, obgleich er in der ersten Woche bis zu 7 0 mit seiner Temperatur herabgtng, brachte wieder gelindes Wetter mit leichtem Regen untermischt. Wer mit säen, eggen, Dungfahrm noch nicht fertig war, konnte es leicht nachholen und was jetzt noch für den Landwirth im Felde zu thun übrig bleibt, das ist von keiner Bedeutung mehr.
Wir konnten also dem December mit Ruhe entgegensehm. Fragen wir uns nun einmal: Welches waren die Befürchtungen im April bei der öde«, kalten Witterung, oder im Juli und August bei dem «naufhörlicheu Regen? Dagegen halte man, waS in Keller, Scheuer und Speicher aufgehäuft ist. Die umgeackerten Roggenfelde', haben mehr an Geiste, Kartoffeln und Hafer gebracht, als die Kornöcker getragen hätten, folglich sind doppelte Säefrucht und doppelte Saatarbetten reichlich vergütet. Alle diejenigen Böden, die leicht warm und thätig sind, haben sehr gute Ernten gemacht. Wir lesen in den Zeitungen, daß im Ried, an der Bergstraße, in Rheinhessen mitunter ganz colossale Erntm erzielt wurden. Dort ist die Ernte auf manchen Stückm werthvoller, als der Grund und Boden, worauf sie wuchs.
Es existirt eine Bauernregel, welche faßt: Wenn es geräth im Sand, gibts Theuerung im Land. Das bestätigt sich auch für das Jahr 1891. Unser engeres Vaterland braucht sich aber nicht zu beklagen, wir Haven im Gegentheile alle Ursache, mit dem Jahre sehr zufrieden zu sein. Wo die Kartoffeln weniger gut ausgefallen sind, hat es Ersatz durch Gemüse und Obst gegeben. Heu, Stroh und Futter aller Art gab es tn Menge, alle landwirthschaftlichen Produkte haben sehr gute Preise. Mit der Schweinezucht geht es rückwärts und das nicht mit Unrecht, weil die Preise zuletzt übertrieben waren. Der kluge, erfahrene Landwirth hat die paar Jahre mit den exorbitanten Schweinepretfen geschickt benutzt, hat sich ein Stück Geld während jener Zett verdient und kann darum auch zusehen, wenn es eine Zeit lang magerer hergeht.
Auf die gegenwärtigen Zeitläufte «Nb Zeitverhültuiffe müssen wir aber vom Standpunkt des Landwirthes auch noch einen Blick werfen.
Es ist eine böse Zett, hört man überall klagen Was wird daS alte Jahrhundert tn seinem letzten Jahrzehnt noch brln^en'^


