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Donnerstag den 18. Juni

1891

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Gießener Anzeiger

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AnrLlichev Theil.

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch den Fuhrwerksbesitzern zur Kennt­nis daß sich auf der Kreisstraße LollarDaubringerr vom Donnerstag den 18. Juni ab eine Dampfstraßenwalze in Thätigkeit befindet.

Gießen, 17. Juni 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____________________v. Gagern. _______________

Gießen, am 13. Juni 1891.

Betr.: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung; hier: die Gebühren der Bezirksbauaufseher und Sachverständigen für Prüfung genehmigungspflichtiger Bauten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung der Verzeichniffe rubricirten Betreffs für das Quartal von Januar bis März 1891 noch im Rückstände sind, erinnern wir an die Vorlage binnen 8 Tagen.

__________________v. Gagern._________________

Gießen, den 16. Juni 1891.

Betr.: Die Voranschläge der Landgemeinden des Kreises Gießen für 1891/92.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises.

Die rubricirten Voranschläge werden Ihnen in den nächsten Tagen zugehen. Sie wollen das in Ihren Händen befindliche Concept alsbald mit dem Original gleichstellen und letzteres sodann dem Gemeinde-Einnehmer zustellen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 16. Juni. Die erste Kammer der Stände trat heute zu einer eintägigen Sitzung nochmals zusammen, um über verschiedene Vorlagen Großh. Regierung zu berathen, zunächst über diejenige, den Gesetz-Entwurf, die Ergänzung des Gesetzes vom 27. November 1874 wegen Revision der Bestimmungen über Versetzung der Civilbeamten in den Ruhestand betreffend. Das Haus trat den Beschlüssen zweiter Kammer mit Ausnahme eines Zusatzantrages ein­stimmig bei, verwarf dagegen den Antrag Frank aus Erhöhung der Tagegelder der Ständemitglieder. Bezüglich der Regie­rungsvorlage, die Verwendung des ersparten Betrages von 5274 Mk. zu baulichen Aenderungen im Anatomiegebäude der Landesuniversität zu Gießen, sowie die Verwendung der Ersparnisse beim Neubau des chemischen Laboratoriums und der Directorwohnung zu Gießen zur Vervollständigung der inneren Einrichtung, wird dem Beschlüsse zweiter Kammer beigetreten. Desgleichen wegen Verwendung bewilligter Cre- dite im Betrage von 76,500 Mk. behufs baulicher Her­stellungen an den neuen medicinischen Instituten an der Landes­universität zu Gießen. Die Regierungs-Vorlage, Gesetz-Ent­wurf, die Organisation des Forstschutzes betr., wurde wegen verschiedener Dissense mit zweiter Kammer an den Ausschuß zurückverwiesen. Die Vorstellung der Stadt Friedberg auf Zurückerstattung von 1800 Mk. für einen von ihr bezahlten Zeichenlehrer der Realschule und des Progymnasiums wird einstimmig genehmigt. Dem Gesuche des geschäftssührenden Ausschusses des hessischen Landeslehrer-Vereins wegen Unter­stützung erkrankter Schulverwalter auf Staatskosten wird keine Folge gegeben. Desgleichen den Gesuchen einer großen An­zahl hessischer Staatsbeamten um Regelung ihrer Gehalts­verhältnisse. Bezüglich der Vorstellung der Hilfsgerichts­schreiber und -Aspiranten des Großherzogthums um definitive Anstellung sämmtlicher Hilssgerichtsschreiber und Neuregu- lirung ihrer Gehaltsverhältnisse wurde beschlossen, die Re­gierung zu ersuchen, den Mindestgehalt der Hilfsgerichts­schreiber auf 1200 Mk. festzusetzen, dagegen dem Beschlüsse zweiter Kammer nicht beizutreten, daß deren Anstellung nach fünf Dienstjahren erfolgen soll. §ier sollen die Bestimmungen des in Kürze zu erwartenden Beamtengesetzes maßgebend werden. Für die Herstellung des ehemaligen Regierungs­gebäudes zu Gießen werden 9000 Mk. debattelos bewilligt. Der Regierungsforderung wegen Erbauung eines Hafens bei Oppenheim wird dem Beschlüsse zweiter Kammer entsprechend beigetreten. Für die Erweiterung der Bahnhöfe zu Alsfeld und Stockheim werden inSgesammt 18,200 Mk. bewilligt. Bezüglich der Eingabe auf Erbauung einer festen Brücke bei

Worms trat das Haus den Beschlüssen zweiter Kammer in bejahendem Sinne bei. Die Errichtung einer Verladestelle für Waggonladungen bei der Haltestelle Zeilhard und einer solchen für Personen bei Trais-Horloff, Steinheim und Rod­heim an der oberhessischen Bahn wird genehmigt, letztere mit der Bedingung, daß die Stationirung besonderer Bahnwärter nicht nöthig wird. Entgegen dem Beschluffe zweiter Kammer wird die Eingabe des Bürgervereins zu Kelsterbach wegen Abgabe von Waldstreu aus den Großh. Waldungen nicht ge­nehmigt und dem Beschlüsse zweiter Kammer nicht beigetreten. Zum Schluß wird eine Anzahl Eingaben der Handelskammern zu Mainz, Worms, Gießen, Bingen wegen der Weinsteuer für erledigt erklärt. Hieraus vertagte sich die Kammer auf unbestimmte Zeit.

Berlin, 16. Juni. Im Reichstagsgebäude ist am Mon­tag die Handwerker-Conferenz zur Berathung einer Reihe von Fragen, die für den Handwerkerstand wichtig sind, zusammengetreten. Sämmtliche von der Reichsregierung ein­geladenen Vertreter des Handwerks, zwanzig an Zahl, hatten sich eingesunden. Welches Interesse die Regierung der Hand­werker-Conferenz entgegenträgt, beweist allein schon der Um­stand, daß hierzu nicht weniger als acht Commissare entsendet worden sind. Unterstaatssecretär v. Rottenburg führt den Vorsitz in der Conferenz- deren Verhandlungen sollen einst­weilen geheim gehalten werden.

Die Thätigkeit des Bundesrathes scheint sich diesmal weit in die sommerliche Jahreszeit hinein erstrecken zu sollen. Aus Berlin wird berichtet, der Bundesrath werde sich demnächst mit der Ausführung des vom Reichstage jüngst angenommenen abgeänderten Branntweinsteuergesetzes beschäf­tigen. Die Arbeit sei eine sehr umfangreiche, da eine Codi- fication aller bisher erlassenen Ausführungs - Verordnungen beabsichtigt sei. Es wird versichert, daß die nöthigen Vor­arbeiten im Reichsschatzamte ihrem Abschlüsse bereits nahe seien. Was dagegen die kürzlich durch die Blätter gegangene Meldung anbelangt, wonach der Bundesrath sich demnächst auch schon mit den Ausführungsbestimmungen zum Arbeiter­schutzgesetz beschäftigen werde, so heißt es jetzt, die Angelegen­heit sei noch lange nicht so weit. Vorläufig ruht sie noch tief im Schooße des Reichsamts des Innern und überdies ist es ja bis zum Inkrafttreten des Arbeiterschutzgesetzes noch über neun Monate hin.

Fürst Bismarck leidet zur Zeit wieder am so­genannten Hexenschüsse, welches Nebel sich übrigens bei dem Fürsten früher häufiger einstellte, als in den letzten Jahren. Das Leiden behindert den Altreichskanzler nur in der körper­lichen Bewegung etwas, berührt aber sonst seine Gesundheit in keiner Weise. Ueberhaupt befindet sich Fürst Bismarck im Allgemeinen ganz wohl und denkt er daher zunächst auch nicht daran, Friedrichsruhe zu verlassen und eine Cur in Kissingen zu gebrauchen, wie dies in manchen Blättern be­hauptet worden ist.

Die Eisenbahn - Katastrophe bei Mönchenstein.

Basel, 16. Juni. DerBaseler Ztg." schreibt ein Berichterstatter: Am wunderbarsten war offenbar, daß die auf der zweiten, mitten in die Birs gestürzten Locornotive befindlichen Locornotivsührer und Heizer uvverletzt davon- kamen und sogleich an dem Rettungswerke mithelfen konnten. Der Lokomotivführer, mit dem ich Gelegenheit hatte, zu sprechen, sagte, daß das Gesühl, welches ihn beim Eintreten der Katastrophe erfaßt, nicht zu beschreiben sei, im ersten Augenblick hätten die beiden Maschinisten einander gar nicht erkannt, ja kaum gewußt, was eigentlich vorgehe und wo sie seien, bis die surchtbare Wirklichkeit sie aus der augenblick­lichen geistigen Betäubung herausgerissen habe . . . Sowohl die unversehrt davongekommenen Insassen des Zuges, das Zugpersonal, die herbeieilenden Passanten machten sich an das Rettungswerk, mit wahrem Heroismus arbeiteten da einzelne Bahnbeamte und namentlich auch die im Nu herbei­geeilte Mönchensteiner Feuerwehr; von Mönchenstein her, all- wo gerade die in der Kirche versammelten Sänger die Ge- sammtchöre des eben stattfindenden Bezirksgesangsestes auf­führten, strömte das Volk in schwarzen Massen daher, die Confusion und Verwirrung war grenzenlos, unbeschreiblich. In den Wagentrümmern waren die Unglücklichen lebend zu­sammengepfercht und viele starben den Ertrinkungstod, andere hingen leblos an und in den Trümmern. Ein Wagentrümmer trieb die Birs hinab, auf demselben zwei Damen händeringend um Hülse schreiend, während neben denselben ein Unglück­licher im letzten Todeskampfe mit den Armen nur noch aus dem Wasser ragte. Durch einige beherzte Männer und mit

Hülfe am Ufer Stehender wurden die beiden Damen ge­rettet, eine derselben erlitt außerdem einen Beinbruch und verlor ihren kurz angetrauten Gatten. Während Einsender dieses mit Anderen dem Rettungswerk nach Kräften und Möglichkeit oblag, spielten sich ©eenen ab, die zu beschreiben geradezu unmöglich sind. Ein junger Mensch mit mehreren klaffenden Wunden am Kopse betheiligte sich an den Rettungs­arbeiten dessen Vater und Mutter lagen im vordersten, ganz unter Wasser befindlichen Waggon. Eine gerettete Dame geberdete sich wie wahnsinnig neben ihrem tobten Kinde. Die schwer Verwundeten und Todten lagen umher wie aus einem Schlachtfelde. Die anliegenden Gebäude wurden zu Lazarethen eingerichtet. Weiter wird berichtet: Der Personenwagen erster und zweiter Klasse ist noch nicht gehoben. Mindestens acht Todte befinden sich noch in ihm. Ein Waggon mit italienischen Arbeitern befindet sich desgleichen noch unter Wasser- er ist gedrängt voll. Die Zahl der Todten beträgt im Ganzen bis 150, davon sind 65 geborgen. (DieFrks. Ztg." berichtet, daß nach amtlichen Berichten noch 100 Todte unter den Trümmern liegen. Danach hat die Katastrophe über 200 Todte gefordert.) Schwer verwundet liegen im Spital 41, ebensoviel in Privathäusern. Die Zahl der Leicht­verwundeten ist unermittelt. Neue Regengüsse erschweren die Arbeit. Die Ausräumungsarbeiten an der Unglücksstätte bei Mönchenstein dauerten die ganze Nacht. Bis Vormittags 10 Uhr waren 60 Leichen geborgen. Schwierig ist es, die beiden vordersten, in der Birs liegenden Wagen des Zuges frei zu machen, da große Vorsicht nöthig ist, um die Leichen nicht unkenntlich werden zu lassen. In die Haftpflicht sollen sich außer der Jurabahn, aus die ein Drittel entfallen dürfte, Gotthard-, Central-, Nordost- und Vereinigte Schweizerbahnen theilen.

Basel, 16. Juni. Der aus der Böschung liegende Wagen wurde mittelst zweier Hülfsmafchinen herausgezogen. Seitdem sind noch mehr Leichen sichtbar und wurden bis 12 Uhr 65 Leichen geborgen, davon 7 Leichen unbekannt. Im Spital befinden sich 35 Verwundete, wovon 10 bereits entlassen sind. Die Genietruppen arbeiten sehr eifrig an der Herstellung der Nothbrücke.

Basel, 16. Juni. 60 Leichen sind agnoscirt, 5 uner­kannt. Dieselben werden photographirt und morgen vorläufig aus dem Kirchhose in Mönchenstein beigesetzt werden. Wie amtlich constatirt ist, führte der Zug zwei Locomotiven, einen Packwagen, einen Postwagen und zehn Personenwagen. Die beiden Locomotiven, der Packwagen und vier Personenwagen sind aufeinander in den Fluß gestürzt- ein Waggon zweiter Klasse liegt zusammengedrückt am Boden des Birsbettes. In diesem befinden sich wahrscheinlich auch Fremde. In dem Flußbett der Birs werden noch viele Opser der Katastrophe vermuthet. Um die Räumungsarbeiten zu beschleunigen und die Leichen aus dem Trümmerfelde emporzuheben, ist auf dem Brückenkopf ein Krahn ausgefahren. Der im Steigen begriffene Fluß erschwert die Arbeiten, welche nur mit großer Anstrengung ausgeführt werden können.

Basel, 16. Juni. Die Regierung gab die Absicht einer gemeinsamen Beerdigung der Opfer der Eisenbahnkata­strophe von Mönchenstein auf, da dieselbe mit Rücksicht aus die noch in der Birs liegenden Todten ausgeschlossen ist. Die Beerdigungen beginnen morgen. Die Regierung ordnete eine allgemeine Todtenfeier für nächsten Sonntag sieben Uhr Abends an.

Bern, 16. Juni. Im Nationalrath gedachte der Prä­sident Lachenal des furchtbaren Unglücks, wie gestern der Präsident des Ständerathes.

Ne«efte Nachrichten.

WolffS telegraphisches -Sorrefpcitben^Hccau.

Berlin, 16. Juni. Das Herrenhaus nahm heute zu­nächst den Antrag Woyrsch, betreffend Anrechnung der Mili­tärdienstzeit der Assessoren bei Berechnung der Staatsdienst­zeit derselben an- Minister v. Bötticher erklärte dabei, eine einseitige Bevorzugung der Assessoren sei eine Ungerechtigkeit. Hieraus wurde die Rentengütervorlage unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses und einstimmig ange­nommen. Nächste Sitzung morgen 12 Uhr: Lotterieloos- handel, Eisenbahnvorlage, rheinische Gewerbegerichte.

Berlin, 16. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm heute die Wegeordnung für die Provinz Sachsen in dritter Lesung, sowie das Wildschadengesetz an. Ueber letzteres fin­det morgen die Schlußabstimmung statt. Ueber den münd­lichen Bericht der Budgetcommission, betr. die Resolution über die Vermehrung der Staats-Lotterieloose, geht das Haus zur Tagesordnung über. Bei dem mündlichen Bericht der ver­stärkten Agrarcommission über den Antrag, betr. die Beseiti-