Ausgabe 
17.10.1891
 
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Nr. 242

Samstag den 17. October

1891

V«r CHtttwr Ml*« n-ch«uU täglich, fct «u-nahm» des Montags

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Gießener Anzeiger

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Anrtli^ev Theil.

Bekanntmachung,

betr. die Nothschlachtung kranker Thiere.

Mit Rücksicht auf einen vor wenigen Tagen in Gießen vorgekommenen Fall von Vergiftung, der mit Sicherheit auf den Genuß von Milch zurückulführen ist, welche von einer erkrankten Kuh stammt, wird, da die betreffende Kuh mög­licherweise geschlachtet werden soll, deren Fleisch aber im höchsten Grad gesundheitsgefährlich ist, die Bestimmung der Fleischbeschauordnung hierdurch eingeschärft, wonach bei Noth- schlachtungen jedesmal ein approbirter Thierarzt zuzuziehen ist, durch besten Spruch allein das Fleisch des betreffenden Thieres für genießbar erklärt werden kann.

Gießen, den 15. October 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gagern.__________________

Gießen, am 15. October 1891.

Bekanntmachung.

Um unbegründeter Aufregung und Befürchtungen vor­zubeugen, welche hervorzurufen mehrere kürzlich in hiesiger Stadt in Folge Milchgenusses entstandene, zum Theil leider recht schwere Erkrankungen geeignet sind, bringt man zur Kenntniß, daß Ermittlungen bezüglich der Quelle, aus welcher die Milch eines offenbar einzelnen erkrankten Thieres stammte, im Gange sind.

Eintretenden Falles wird später Weiteres bekannt ge­geben werden. Vorerst muß man sich darauf beschränken, die Bevölkerung eindringlich auf die allbekannte Gesundheits­regel hinzuweisen, nur Milch nach vorheriger Abkochung zu genießen. Die fragliche Milch, welche einen bestimmten Krankheitserreger enthielt, würde ganz ohne allen Nachtheil genoffen worden sein, wenn sie vorher selbst nur bis nahe dem Siedepunkt erhitzt worden wäre.

Großh. Kreisgesundheitsamt Gießen.

Bekanntmachung.

Auf Verfügung Großherzoglichen Kreisamts bringen wir Nachstehendes zur allgemeinen Kenntniß:

Der sogenannte Frostnachtspanner richtet an den Obst­bäumen (insbesondere an Aepfel-, Kirschen- und Mirabellen- Bäumen) den größten Schaden an. In der Zeit von Mitte October bis December entschlüpft der Frostnachtspanner seiner Puppe und klettert der weibliche Schmetterling an den Stäm­men der Obstbäume empor, um in den Knospen seine Eier abzulegen, welchen im nächsten Frühjahre kleine Näupchen entschlüpfen, die sofort an den Blüthen zu fressen anfangen und alle Bemühungen zu ihrer Vernichtung zu Schanden machen.

Es ist deshalb von Wichtigkeit, den Schmetterlingen den Zutritt zu den Zweigen und Knospen zu erwehren, was am gründlichsten durch Anlegung von sogenannten Kleberingen (Klebegürteln) erreicht wird. Zur Herstellung von Klebe­ringen ist Brumataleim oder auch folgende Masse geeignet: 5 Kgr. Rüböl und 1 Kgr. Schweinefett, tüchtig gekocht; 1 Kgr. dicker Terpentin und die gleiche Menge Kolophonium für sich zusammengeschmolzen und dann unter steißigem Um­rühren der ersten Mischung zugesetzt. Die so erhaltene sehr klebrige Masse wird auf 10 Ctm. breite Papierstreifen, welche fest um die Bäume zu binden sind, ausgetragen und muß, falls sie nach einigen Monaten zu zähe geworden ist, erneuert werden.

Wir fordern hiermit die Baumbesitzer zur Vertilgung des Frostnachtspanners durch Anlegung von Kleberingen unter dem Anfügen auf, daß der Stadtgärtner und das Feldschutz- Personal zur Ertheilung jeder gewünschten Auskunft angewie­sen sind.

Gießen, den 15. October 1891.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth.

Zur Getreidefrage.

Noch immer wird der deutsche Getreidemarkt mehr oder weniger durch die Hausse-Speculation an der Berliner Börse beherrscht, wie erst wiederum die Vorgänge der jüngsten Zeit beweisen. In voriger Woche waren die Getreidepreise an der Berliner Börse nicht unbeträchtlich zurückgegangen, in­zwischen sind sie aber plötzlich wieder in die Höhe geschnellt, zum Theil sogar noch über den Stand der Getreidepreise bei Eintritt des momentanen Preisrückganges hinaus. Woher

diese auffällige Erscheinung? Man wird sie unzweifelhaft darauf zurückzuführen haben, daß die Haussepartei sich an­gesichts des Monatswechsels in Geldverlegenheiten befand, was naturgemäß ein starkes Sinken der bislang von der Hauffe-Speculation mit allen Mitteln auf einer künstlichen Höhe behaupteten Getreidepreise zur Folge hatte. Sobald aberUltimo" wieder überwunden war, begannen die Ge- treide-Speculanten ihr altes Spiel auss Neue und es scheint fast, als ob sie entschlossen seien, angesichts der ihnen andern­falls drohenden schweren Verluste die Getreidepreise noch so lange wie nur möglich auf ihrem jetzigen Stande zu erhalten.

Ob die Speculation diesen ihren Entschluß zur fort­dauernden Benachtheiligung weiter Bevölkerungskreise wirk­lich noch längere Zeit aufrecht zu erhalten vermögen wird, möchte denn doch zu bezweifeln sein. Es ist gar keine Frage, daß die wilde Getreide-Speculation mehr noch wie schon bislang sich lediglich auf künstliche Mittel zur Auf­rechterhaltung der von ihr gewünschten Preise angewiesen sieht, denn mit den thatsächlichen Verhältnissen stehen die Getreidepreise auch in ihrer jetzigen Gestalt noch immer in entschiedenem Widerspruch. Als die Steigerung der Getreide­preise im Frühjahre begann und consequent anhielt, da waren für diese Erscheinung wenigstens einigermaßen erklärliche Gründe vorhanden. Der Stand unserer Wintersaaten schien ein höchst ungünstiger zu sein, die mißlichen Witterungs­verhältnisse des letzten Sommers kamen hinzu, dann tauchten die Nachrichten über die in Rußland zu erwartende Miß­ernte auf und schließlich bot auch die lebhafte Agitation gegen die Kornzölle den Getreidesteigerern einen willkommenen Vorwand für ihre Action, die mit dem Erlaß des russischen Roggenausfuhrverbots ihren Gipfelpunkt erreichte. Seitdem hat sich aber das Bild in der Getreidefrage derart geändert, daß sich die Speculation mehr und mehr ihrer fadenscheinigen Gründe für ihr Treiben beraubt sieht. Es hat sich zunächst herausgestellt, daß die Nachrichten über die Mißernte in Rußland im Allgemeinen bedeutend übertrieben waren, und was unsere eigene Ernte anbelangt, so steht jetzt fest, daß der Fehlbetrag derselben im Vergleich zur vorjährigen Ernte etwa 2V4 Millionen bis 2J/2 Millionen ^Doppelcentner be­trägt, also durchaus kein so außerordentliches Manco dar­stellt. Außerdem aber ist die Getreideernte im südöstlichen Europa, in Britisch-Jndien und Australien und besonders in Nordamerika eine derartig günstige, daß durch sie der Mangel an Brodfrüchten auf dem westeuropäischen und speciell auf dem deutschen Getreidemarkte mehr als genügend gedeckt werden kann.

Wenn nun trotzdem die Getreidepreise und dementsprechend auch die Brodpreise bei uns noch immer einen Standpunkt behaupten, der dem höchsten Stand derselben im Frühsommer nicht viel nachgibt, so ist es klar, daß hierbei verwerfliche Börsenmanöver fortgesetzt einwirken. Nur wagehalsigste, alle thatsächlichen Verhältnisse ignorirende Speculation kann es bewirken, daß die Getreidepreise in Deutschland auch jetzt auf einer offenbar unnatürlichen Höhe stehen, aber es ist jeden­falls nur eine Frage der nächsten Zeit, wie lange die künst­lichen Mittel der Getreidespeculanten noch vorhalten werden. Der große Preisrückschlag an der Berliner Börse von voriger Woche beweist zur Genüge, daß die Sache der Getreide­speculanten auf faulen Füßen steht und hoffentlich ist der Tag nahe, der einem solchen schmählichen Treiben, unter welchem die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung zu leiden hat, ein gründliches Ende bereitet.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. October. Das Kaiserpaar gedenkt an diesem Samstag Nachmittag von seinem Aufenthalte im Jagd­schloß Hubertusstock nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurückzukehren. Am Sonntag, als dem Geburtstage des hochseligen Kaisers Friedrich, werden die Kaiser!. Majestäten nebst den zur Zeit in Berlin und Potsdam anwesenden fürst­lichen Herrschaften der feierlichen Einweihung des Mausoleums in der Potsdamer Friedenskirche beiwohnen.

Die abgelaufene Wochi hat in den inneren deutschen Angelegenheiten mit den am 13. October vollzogenen Er­neuerungswahlen zum sächsischen Landtage und dem am 14. October erfolgten Zusammentritt des social­demokratischen Parteitages in Erfurt zwei be- merkenswerthe Ereignisse gezeitigt. 'Was zunächst die Land­tagswahlen in Sachsen anbelangt, so sind bei denselben, so weit sich die Ergebnisse übersehen lassen, gewählt worden 12 Conservative, 6 Nationalliberale, 4 Fortschrittler und 7 Socialdemokraten,' außerdem hat in Dresden-Altstadt eine

Stichwahl zwischen dem conservativen und dem socialdemo­kratischen Candidaten stattzufinden, die voraussichtlich zu Gunsten des ersteren ausfallen wird. Im Großen und Ganzen werden durch diesen Wahlausgang die Parteiverhält- nisse in der sächsischen Abgeordnetenkammer nicht sonderlich verändert, immerhin weist er aber durch die socialdemokratischen Wahlerfolge einen sehr characteristischen Zug auf. Denn die Socialdemokraten haben nicht nur ihre vier zur Erneuerung gestandenen Landtagsmandate, diejenigen für Leipzig-Land, Chemnitz-Land, Zwickau-Land und Dresden IV., schlankweg behauptet, sondern auch drei neue Wahlkreise erobert, die beiden Dresdener Landkreise und Tharandt-Döhlen, so daß die socialdemokratische Fraction in der neuen Stammet künf­tig 11 Mitglieder zählen wird, gegen 69 Abgeordnete der bürgerlichen Parteien. Die Aushebung des Socialisten- gesetzes und die Segnungen der socialpolitischen Gesetzgebung haben also in dem industriellen Sachsen nicht vermocht, die socialdemokratische Bewegung einzudämmen und jedenfalls wird die Socialdemokratie im übrigen Deutschland aus den Erfolgen derGenossen" in Sachsen auch für sich neue An­regung und frische Kraft schöpfen.

Die in voriger Woche wiedereröffneten Arbeiten des Bundesrathes schreiten nur langsam vorwärts, be­sonders verzögern sich die Vorberathungen des Etats. Dieser langsame Gang der Geschäfte in genannter Körperschaft wirkt natürlich auf den Reichstag zurück, so daß von einer Fort­setzung der Reichstagsverhandlungen am 10. November kaum noch die Rede sein kann, es wird vielmehr wohl beim 17. November als Tag der Wiedereröffnung des Reichstags sein Bewenden haben müssen. Uebrigens wird die Nach­richt , der Entwurf des Trunksuchtsgesetzes sei bereits in Bundesrathskreisen auf Bedenken und Widerspruch gestoßen, jetzt wieder dementirt, mit dem Bemerken, daß vom Bundes- rathe keine irgendwie erhebliche Veränderungen an dem Ent­würfe zu erwarten seien. Dann könnte die Vorlage aller­dings dem Reichstage bald nach seinem Wiederzusammentritte zugehen, sicherlich wird sie aber hier eine Kritik erfahren, welche der ungünstigen Aufnahme des Trunksuchtsgesetz-Ent­wurfes seitens der öffentlichen Meinung völlig entsprechen dürfte.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphische- Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 15. October. Der deutsche Gesandte in Washington, Gras Arco-Valley, der vorgestern in die Bergmann'sche Klinik behufs einer Operation eingetreten war, ist vergangene Nacht gestorben.

Straßburg, 15. October. DieStraßb. Post" ver­öffentlicht ein Schreiben des Reichstagöabgeordneten H o e f f e l, eines eingeborenen elsässer Arztes, ansässig in Buchsweiler, der mittheilt, daß nach der Veröffentlichung Bonghis, die seinen politischen Anschauungen völlig widerspreche, er die Theilnahme an dem Friedenscongresse abgelehnt habe. Bonghi habe von der Stimmung im Elsaß keine Ahnung. Die Zeit habe das Stadium der Versöhnung herbeigeführt. Eine neue Generation ist herangewachsen, die von Frankreich nichts mehr wisse. Von den Alten habe sich die große Mehrzahl mit den bestehenden Verhältnissen ehrlich abgefunden.

Wien, 15. October. DerMagyar Hirlag" bringt Mittheilungen über angebliche Veränderungen, welche in dem deutsch-österreichischen Bündnißvertrage durch den Beitritt Italiens bewirkt feien, ferner von einem angeblichen Schutz- und Trutzbündniffe Oesterreich-Ungarns einerseits und Rumäniens und Bulgariens andererseits, sowie von einer Convention zwischen Italien und England bezüglich der Sicherung ihrer Interessen in Afrika. DiePolit Corr." erklärt demgegenüber, von vollkommen competenter Seite er­mächtigt zu fein, zu versichern, daß alle in diesen Mittheil­ungen enthaltenen Daten allgemeiner wie specieller Natur durchaus erfunden seien.

Rom, 15. October. Auf der zur Provinz Trapani ge­hörenden Insel Pantelleria fanden gestern Nachmittag von 5x/2 Uhr bis heute früh zwischen 5 und 6 Uhr über zehn unterirdische Erdstöße, darunter einige ziemlich heftige statt. Die Einwohner verließen ihre Häuser und übernachteten im Freien.

Rom, 15 October. Bei der heutigen Gerichtsverhand­lung gegen Cipriani und Genossen gab es bemerkens- werthe Zwischenfälle. Noch vor dem Eintritt des Gerichts­hofes verlangten die Angeklagten die Entfernung des wich­tigen Belastungszeugen Avellone. Während des Aufrufs der Zeugen und der Vertheidiger unterhielten sich die Angeklagten laut miteinander. Wegen beifälliger Aeußerungen der Zu­hörer bei den Antworten Caprianis, sowie wegen großer