1891
«r. 14
Samstag den 17. Januar
Da
O»<te«r JUqeiflit erjchant täglich.
»tt liuBnitnnt des Msvtaß-.
Dir Eichener
Wftbm dem Av-eiger NöchrMtich dreimal VeigeleGt.
Gießener Anzeiger
Henerat-Anzeiger.
BNrteliädrrger -5a»«eme«1s»rei» 3 2 Mark 20 Pfg. ndi Brivgerlohv.
Durch dir Paß bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, 6yptbitis» vnd Druckern: rch»tßrat<Ar.H, Fer»tz»recher 5L
Amts- und Anzeigedlatt für den Neeir Giefzen.
chraiisßeikage: chießmer Kamitienötätter
3)
Amtlicher TheiL
4)
5)
6)
Annahme eon Anzeigen zu der Nachmittags für de« f^ltzrnd« Lag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
A8e Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes ae^u» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger« entgegen.
die Vorlage Großherzogl. Ministeriums der Finanzen, betreffend unentgeltliche Abtretung von in der Gemarkung Nierstein gelegenen entbehrlichen Landes- Eigenthum an die Gemeinde Nierstein-
die Vorlage Großherzogl. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Abtretung eines zum Landes- eigenthum gehörigen Geländestreifens am alten Oeco- nomatsgebäude zu Gießen betreffend-
die in Kap. 137 Tit. 1 des Hauptvoranschlags für die Finanzperiode 1891/94 angesorderte Summe von 250,000 Mk. für Erweiterung des Güterbahnhofs Darmstadt der Main-Neckar-Elsenbahn-
den Antrag der Abgeordneten Haas und Metz (Darmstadt) aus Abänderung des Art. 14 des Gesetzes vom 14. Januar 1887, das Dammbauwesen und das Wasserrecht in den Gebieten des Rheins, Mains, Neckars und des schiffbaren Theiles der Lahn betr.
IV. Wahl des landständischen Mitgliedes der Staats- schulden-Tilgungs-Commission, dessen Stellvertreters, des Eon- troleurs und dessen Vertreters.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 15. Januar. Für die dritte Sitzung der Zweiten Kammer der Stände am Dienstag den 20. Januar, Vormittags 9l/g Uhr, ist folgende Tagesordnung frstgestellt:
I. Neue Einläuse.
II. Berichtsanzeigen.
III. Berathung über:
1) . die stattgehabten Wahlen von Landtagsabgeordneten -
2) die Vorlage Großherzogl. Ministeriums - der Finanzen, betreffend die Ertheilung der verfassungsmäßigen Zustimmung zur Veräußerung der zum Großherzog- lichen Landeseigenthum gehörigen Parzelle Flur IX. Nr. 2347/io Gemarkung Ginsheim-
Elsaß-Lothringen sind entschiedene Gegner der ZoLaushebung. Ach bitte Sie, die Anträge mit großer Mehrheit abzulehnen; ich denke, eS mutz Ihnen lieb sein, wenn der westliche TheU deS Reiches auch zufrieden ist. (Beifall.) _ , r „ . .
Abg. v. Komterow Skt (Pole) erklärt sich ebenfalls gegen rede Ermäßigung der Zölle und schlicht sich im Wesentlichen den Ausführungen seines Vorredners an.
' 9 Abg. Dillinger (Volksp.) bestreitet die Richtigkeit der gestern von dem »bg. 1). Hornstein ausgestellten Behauptungen über die m Süddeutschland herrschende Stimmung. Sogar das badische Ministerium habe sich für eine Aufhebung der Viehsperre beim BundeS- rath verwendet. Wir können eine weitere Bevorzugung deS Groß- grundbesitzeS nicht dulden, weil wtt sonst die Besürchtunghervorrus-n würdm, alS hätten wir cs auf einen Verrath an der Mehrheit der Bevölkerung abgesehen. (Zustimmung links.)
Abg. Graf v. Hoensbroech (Ctr.) polemifirt mit dem Abg. Brömel, dessen gestrige Ausführungen er als unzutreffend und der practtschen Erfahrung entbehrend bezeichnet. Aus ^r Zusammm- stellung statistischen Materials zieht der Redner den Schluß, daß die Brodpreise völlig unabhängig von den Zöllen S^dUeben sind. Das Gleiche gelte von den Fleisch- und Vtehzöllen. Die Aushebung der RÖHe würde einen gewaltigen Sturm im ganzen Lande erttfeffelv. Auf dem Lande haben die Anttagsteller keine Anhänger. Die Anträge bezwecken, ein ländliches Proletariat zu schaffen, dann wollen Sie (zur Linken) Ihren Samen ausstreuen; das ist das Ziel der Anträge, alles Andere ist Lug und Trug. In dem Aufrufe der socialdemo- kratischen Partei an die ländlichen Arbeiter ertönt die Sprache der Schlange im Paradiese. (Zustimmung und Lachen.) In diesem Sinne bitte ich Sie, die Anträge abzulehnen.
Abg. Dr. Barth (5fr.): Der französische schutzzöllnerische Liberalismus ist von dem unseren wett verschieden. Woher kamen denn die 8000 Mk. Mehreinnahme einer kleinm Gemeinde, von der Herr Zorn v. Bulach erzählte? Glaubt der Herr wtrNtch noch, datz die Vereinigten Staaten von Amerika diese 8000 Mk. bezahlt haben Unser Antrag ist nicht gestellt, um von heute zu morgen eine Mehrheit zu gewinnen, er enthält ein Rcformprogramm, das tut Jahre hinaus vorretcht. Es weht doch heute schon ein ganz anderer Wind, als vor einem Jahre. Wollen Sie es denn etwa wagen, dm österreichischen Handelsvertrag in Frage zu stellen? (Rufe: wohl!) Dann wäre es nach einer Auflösung des Reichstages vorüber mit Ihrer Majorität. Sie unterscheiden nie den Bebauer des Landes von dem Besitzer des Landes. An den Zöllen hat nur der Besitzer ein Interesse, der Bebauer aber nicht; die Zölle steigern den Werth deS Grund und Bodens, das ist von dem Vertreter der Regierung selbst anerkannt. Daß das Ausland die Zölle bezahlt, glaubt heute kein Mensch mehr. Das ganze Schutzzollsystem bringt nur Dorthes für den Capitalbesitz und bietet dem SocialismuS zum Angriff günstige Blößen; deshalb ist die schutzzöllnerische Capitaltstmpolittk selbstmörderisch und es ist erfreulich, daß die Regierung in diesem Punkte gegenwärtig mehr Verständniß zeigt, alS früher unter dem Fürsten Bismarck. ,r „ „ . _. ,
Abg. v. Kardorsf (Rchsp.): Es beweist auffallenden Mangel an GeschtchtSkenntniß bet dem Abg. Barth, wenn er die heutige liberale Partei in Frankreich mit der alten bourbonistischen liberalm Partei verwechselt; beide habm nichts gemein. Die Angriffe gegm den Fürsten Bismarck sind dem Abg. Richter zur Lebensgewohnhett geworden. (Sehr richtig! rechts.) Bet der großen Mehrheit US Volkes sinder er mit diesen Angriffen keinen Anlaß. Diese Angriffe gegm dm Fürsten Bismarck gleichen dem Verhaltm gewiffn Thterc dem tobten Löwen gegenüber. (Sehr richtig und Lachen.) Die Zoll- ermäßtgung auf Getreide Oesterreich gegenüber würde vollständig dm Character einer Ausfuhrprämie für österreichisches Getreide habm. I Ich halte mich nicht berechtigt, für eine Herabsetzung der Zolle z«
Bekanntmachung.
Die ordentliche Sitzung deS Kreistags des Kreise« vietzen findet
Saar-tag den 24. Januar 1891,
Vormittags 10 Uhr,
in dem Regierungsgebäude dahier mit folgender Tagesordnung statt:
1) Neuwahl der zweiKöreommifsionen des Kreises für drei Jahre (Art. 6 des Gesetzes vom 26. Dcto6er|1887).
Der Körcommisfion Gießen gehörten in den letzten drei Jahren an als Mitglieder: Rentner Rudolf Süngerich in Gießen'-, Bürgermeister Bopp in Bellersheim; als Stellvertreter: Bürgermeister Köhler in Langsdorf, Heinrich Velten III. in Großen-Linden;
der Körcommifsion Grünberg: als Mitglieder: Bürgermeister Faulstich inWeitershain, MüllerErnst t immer in Lauter; als Stellvertreter: Administrator ermann in Winnerod, Oeconom Jean Wolf in Billingen.
2) Ergänzungswahlen für die Musterungs- und Aushebungs- Eommissionen zur Beschaffung der Mobilmachungspferde (S 14 und 24 des Reglements vorn 16. November 1886).
3) Vorlage der Kreiskafferechnung pro 1889/90; hierzu Bericht des Kreisausschuffes über die Verwaltung und den Stand der Kreisoerbands-Angelegenheiten; Genehmigung der vorgekommene« Creditüberschreitungen zu Lasten der nachgewiesenen DeckungSmittel.
4) Festsetzung des Kreiskaffe-Voranschlags für 1891/92. Gießen, den 15. Januar 1891.
Der Vorsitzende des Kreistages de» Kreises Gießen.
v Gagern.
Verrtßche* Reichstag.
44. Plenarsitzung. Donnerstag. 15. Aanuar 1891, 1 Uhr.
In Erledigung der Tagesordnung wird zunächst, gemäß dem Anträge der Geschäftsordnungscommtssion, die Genehmigung zur strafrechtlichen Verfolgung des Abg. Joest (Soc.) wegm Beamten- beletdtgung für die Dauer der Session nicht erthetlt.
Sodann wird die Berathung der Anträge Auer (Soc.) und Richter (dfr.) betr. die Aufhebung resp. Ermäßigung der Lebms- mittelM^e ^Aesetzt.^^ ycferfct über die zu dieser Materie ein- gegangeiien^ettti«!e^ildlib) hm Antrag Auer zu einseitig, stellt sich aber auf dm Boden des Antrages Richter (allmähliche Aufhebung der Lebmsmittelzvlle und Steuerreform.) Die Korn-olle kommen nur dem Großgrundbesitzer zu Gute und begünstigen da» weitere Anwachsm der großen Landgüter, waS nicht zu wünschen sei. Infolge der Zölle ist unser deutscher Weizen und unsere deutsche Gerste von den Märkten deS Auslandes verdrängt und unsere einheimische Gerste wird von unseren einheimischen Brauern als minder- werthig behandelt. Den Abg. Richter nimmt Redner in Schutz gegen die gestrigen Vorwürfe v. Helldorffs; nicht Fürst BiSmarck, sondern die Hohmzollern und das deutsche Volk sind die Begründer des Deutschen Reiches gewesen. Redner empfiehlt die Berweisung der Anträge an eine Commission.
Abg. Zorn v. Bulach (cons.) bittet an dm Zöllen gar nichts zu ändern. Als die Enquete über die Getreidezölle ftattfanb, haben die kleinm Grundbesitzer in Elsaß-Lothringen noch höhere Zölle alS die heute geltenden verlangt. Auch heute noch verlangt der Kleinbauer in Sübbeutschland ben Zollschutz sehr bringmb. In Frankreich wirb gerade von ben liberalen Parteien der kleine Grundbesitz bevorzugt; heute müssen wir Elsaß-Lothringer es erfahren, daß die liberalen Parteien in Deutschland gegen ben Kleingrunbbesitz eingenommen sind. Selbst bei kleinen Gemeinden, die im Ganzen nur 2000 Doppelcmtner Getreide produciren, beträgt heute btt Mehr- einnahme 8000 Mk., die Keinem wehe thut. Auch die Müller in
Vro>og.1
tThalia tritt auf:)
te Zeit ist groß! zu edlem Ringen Versammelt sich der Völker Bund, Der Nebel fällt, die Geister zwingen
An's licht der Dinge tiefsten Grund, Und unerhörte Thaten klingen U)ie Wunder um das Erdenrund:
Nennt es kein stolzes Ueberheben,
Die Zeit ist groß, die wir erleben!
Was soll die Kunst in solchen Tagen, Dünkt sie euch nicht ein fremder Gast? Soll sie die zagen Schritte wagen L)erab von ihrem k)ochpalast Und Tröstung und Erquickung tragen Zn des Jahrhunderts fieberhaft? Soll sie dem Niedren und Gemeinen Zn frevlem Spiele sich vereinen?
Die ihr begeisterungsfroh erschienen. Gönnt mir ein freies IDort voraus: Denn les' ich recht in euren INienen, So sprecht ihr's selber herrlich aus, Ts soll die Üunst dem Höchsten dienen! Hell tön' es durch das weite Haus, t)em Höchsten nur, dem Edlen, Reinen Soll ihre Strahlenkrone scheinen!
•) tnit brr freundlichen Lrlaubniß des ^erm Verfassers bringen wir N* tDortfan) Ibts Prologes, mit dem gestern Abend die erste Vorstellung des Thealer.veretn» erSKuetz --«de. D. SA
Zur guten Zeit in diesem Saale Erscheint euch heut' Thaliens Spiel, verlangt nicht, daß ich eitel prahle 2Tut leerem Wort, heischt nicht zu viel, Doch wißt, dem höchsten Zdeale Der hehren Kunst weih' ich mein Ziel Und in dem Streben nach Vollendung Erkenn' ich meine schöne Sendung.
Froh' künd' ich es, in diese Hallen, Rief mich ein würdiger Entschluß, Zch fühle mich verwandt euch allen Und biet' euch den willkommengruß! So laßt euch meine Kunst gefallen, Schafft sie euch heiteren Genuß, Kenn' ich kein schöneres Begehren Als bald zu euch zurückzukehren!
Unter d e r Erde.
Novelle von Zoö v. Neuß
(Schluß.)
Näher kommend, hörte er auch die bekannten dumpfen Schlage der arbeitenden Kohlenhäuer. Jetzt erweitert sich der Gang zu einem weiten Raum, die Decke bildet Schiefergestein, welches sich schwer auf die vielen, in einer Entfernung von fünf zu fünf Schritten angebrachten Holzstützen auflehnt.
An der Hinterwand thürmte sich ein riesiger Kohlenberg auf, von welchem die zu fteiwilliger Nachtschicht angefahrenen
Schipper uud Handlanger den in den Raum geschobenen Wagen beluden. Darunter befand sich auch Annaö Bruder Fritz. Oben auf dem drei bis vier Meter ansteigenden Kohlengerüst aber stand Häuer Harras, die Spitzhacke in der Hand. Mächtig schlug die schwielenvolle Hand gegen das Äohlengestein, donnernd rollt es in kleineren und größeren Stücken zu feinen Füßen herab. Im Schein der angehängten, ruhig brennenden Grubenlampen erblickt Hermann Wildhagen jetzt auch von den Kameraden einen nach dem andern. Den Oberkörper völlig entblößt, von Schweiß triefend und von dem hauptsächlich durch das Einschippen erzeugten Kohlenstaub befchwärzt, arbeiteten sie hier ahnungslos und frohen Muthes.
„Glück auf!" ruft er ihnen aus hochbeklemmter Brust entgegen, und niemals wohl hat er das schöne, hoffnungsfreudige Wort erregter, aber auch dankbarer ausgesprochen.
„Was soll das? Bist Du toll, Wildhagen?" antwortet ihm Trinas Schatz. „WaS willst Du hier bei nachtschlafender Zeit?"
„Gibts schlagende Wetter?" „Was führt Dich hierher?" „Ruhig, laßt ihn zu Worte kommen?" So klingt es bunt durcheinander.
Hermann Wildhagen berichtet kurz und bündig und so ruhig, als ihm seine Erregung gestattet, von seinem Besuche bei dem sterbenden, reuevollen Kameraden und was ihm die Schwester anvertraut. Es gibt ein wildes Erschrecken, em buntes Durcheinanderrennen, eiligste Flucht.
Es fehlten noch ungefähr zwei Stunden an der vollständigen sechsstündigen Nachtschicht, als der Riesenfahrstuhl, der jedesmal fünf übereinander stehende Kohlenwagen zum Tageslicht befördern konnte, mit sämmtlichen geretteten Berg-


