Neffen, Nichten oder Enkeln zu erregen vermag, sobald er ihnen die Taschen mit Früchten füllt, wer die oft an Strategie grenzende Verschlagenheit Hu ermeffen weiß, die von Seiten loser Buben unter Hintansetzung jeder Rücksicht aus ihre Höschen entfaltet wird, wenn es gilt, einen erfolgreichen Streifzug in fremde Gärten zu unternehmen, der wird sich sagen müssen, daß in dem Worte Obst ein schönes Stück Jugendpoesie enthalten ist. Und wer schon beobachtet, mit welchem Behagen bejahrte Menschen, besonders das stärkere Geschlecht, den Hohenastheimer (genannt „Eppelwein") schlürfen, der wird bestätigen, daß das Alter der Vorliebe für Obst keinen Abbruch zu thun vermag. Ja, es ist nicht zu viel behauptet, daß selbst das so viel angefeindete Körbchen Gnade vor den Augen vieler, vieler Liebesleute findet, sofern es nur hübsch mit Früchten angefüllt ist. Und welche Poesie in den Worten Apfelkuchen und Zwetschenkuchen liegt, weiß jede Hausfrau. — Die in Steins Garten versammelten Früchte sind zwar, obwohl sie nicht von Wespen benagt, die schlechtesten nicht, aber sie gehören während ihres beschaulichen Aufenthalts in Gießen fast ausnahmslos zu den „verbotenen Früchten". Obwohl alle zum Anbeißen einladen, schützt sie ein dem Beschauer alle paar Schritte zu Gesicht geführtes „Nichts a n r ü h r e n" bis auf Weiteres davor. „Zur Verloosung angekauft", „Verkäuflich", „Verkauft", das sind ungefähr die wiederkehrenden Aufschriften, die der Beschauer nicht aus den Augen verliert, ein Schild mit der Aufschrift: „Bitte, greisen Sie zu" aber ist mit dem besten Willen nicht zu finden — schade, denn es hätte den Besuch der Ausstellung in's Unendliche steigern können. Wie es in Anbetracht der Jahreszeit nicht anders zu erwarten, besteht die Mehrheit des Ausgestellten aus Aepseln und Birnen, und wenn es auch an recht niedlichen Dingerchen davon nicht fehlt, so suchen doch beide Obstsorten sich den Rang abzulaufen im Dickethun. Wahre Riesen ihres Geschlechts machen sich auf ihren Papiertellern breit und geben zu allerhand Betrachtungen Anlaß, die sich gewiß nicht zuletzt zu stillen und offenen Wünschen, etwas davon zu besitzen, versteigen. Der König unseres heimath- lichen Obstbaues ist unzweifelhaft der Apfel. Er erscheint in so vielen Arten aus der Ausstellung, daß man fast glauben möchte, seine Sortenzahl sei unermeßlich. Thatsächlich sind bis jetzt ca. 2000 beschriebene Sorten bekannt, während seine Schwester, die Birne, ziemlich dieselbe Sortenzahl aufweist. Doch nun zur Ausstellung selbst.
Heute Vormittag 11 Uhr hatte sich eine größere Anzahl Interessenten, die Mitglieder des Gesammt-Ausschusses, die Vertreter der Regierung, des Kreises und der Stadt, besonders geladene Gäste u. s. w. in Steins Garten eingefunden, um der Eröffnung der ersten Oberhessischen Obstausstellung beizuwohnen.
Der Vorsitzende des Local-Comites, Herr Oberbürgermeister Gnauth, begrüßte, nachdem sich die Erschienenen vor dem Saaleiugange versammelt, die Versammlung mit einer Ansprache. Die Stadt Gießen habe mit Befriedigung vernommen, daß die erste Oberhessische Obstausstellung in unserer Stadt stattfinden solle. Unter Unterstützung der Aussteller und Techniker sei die Stadt ihrer Aufgabe gerecht geworden. Er rufe daher Allen, die zur Förderung des Werkes beigetragen, Namens der Atadt ein herzliches Willkommen entgegen. Er begrüße die Wahl der Stadt Gießen für die Ausstellung als Bestätigung der Meinung von der Gemeinsamkeit der Interessen von Stadt und Land in unserer Provinz. Die Förderung des Obstbaues diene der Erschließung eines wichtigen Zweiges der landwirthschaftlichen Pflege, der Erfolg könne nicht ausbleiben. In der Mitarbeit als Aussteller werde jeder zum Mitarbeiter des Obstbau-Vereins. Herr Oberbürgermeister Gnauth übergab hierauf dem Vorsitzenden des Oberhessischen Obstbau- Vereins, Herr Kreisrath Dr. Braden von Friedberg, die Ausstellung mit dem Wunsche, daß sie zum Wohle und zur Förderung des Obstbaues, sowie zu einer erfolgreichen Obst- verwerthung in unserer Provinz beitragen möge. — Herr Kreisrath Dr. Braden pflichtete diesem Wunsche des Herrn Oberbürgermeisters bei und begrüßte Namens des Oberhessischen Obstbau-Vereins die Erschienenen. Der Verein sei 1889 mit kleinen Anfängen, von Friedberg ausgehend, gegründet worden. Dank der Thätigkeit des anwesenden Herrn Dr. v. Peter habe der Verein einen erfreulichen Aufschwung genommen und in Herrn Landwirthschastslehrer Reichelt habe der Verein einen Mann gesunden, der wie geschaffen für die Verfolgung der Zwecke des Vereins sei. Der Verein habe jetzt über 2000 Mitglieder, aber die Mitgliederzahl sei damit noch nicht abgeschlossen, denn das Ziel des Vereins sei ein schönes; der Obstbau sei etwas Ideales im Betriebe der Landwirthschaft, er solle deshalb nach allen Richtungen hin gefördert werden. Aber nicht nur dem Obstbau gälten die Zwecke des Vereins, derselbe sorge auch dafür, daß die Obstverwerthung nicht planlos geschehe. Die Ausstellung werde hoffentlich beweisen, daß man in Oberhessen nicht planlos arbeite, wie vielleicht in anderen in Beziehung aus den Obstbau bevorzugteren Gegenden angenommen werde. Hoffentlich werde die Ausstellung der guten Sache des Obstbaues in der Provinz recht förderlich sein. Den Bestrebungen des Vereins bringe die Großh. Staatsregierung ihr volles Interesse entgegen, das beweise u. A. die Anwesenheit des Vertreters der oberen landwirthschaftlichen Behörde, des Herrn Reg.-Rath Nover. Leider sei der Ehrenpräsident der Ausstellung, Herr Graf Friedrich von Solms-Laubach, Erlaucht, verhindert, der Eröffnung beizuwohnen. Er begrüße den Vertreter der Provinz, Herrn Provinzialdirector Frhr. v. G a g e r n, und Herrn Oberbürgermeister Gnauth, den Vertreter der Prov.-Hauptstadt Gießen, in welcher sich der Oberh. Obstbau- Verein mit seiner Ausstellung die ersten Sporen verdienen wolle. Der Ausschuß, unter thätiger Mitwirkung der einzelnen Commissionen, habe keine Mühe gescheut, um die Ausstellung, wie sie sich präsentire, zu Stande zu bringen. Er bringe der Staatsregierung, an deren Spitze unserem allverehrten Landesvater, besonderen Dank entgegen. Das Herz unseres
Landesfürsten sei offen wie sein Blick, ihm verdankten wir die Initiative und die Förderung in den Bestrebungen des Obstbau-Vereins. Wir könnten deshalb nichts Besseres thun, als unserem Großherzog unsere Huldigung darzubringen und fordere er hiermit die Versammlung auf, mit ihm einzustimmen in den Rus: „Se. Königliche Hoheit unser Großherzog Ludwig lebe hoch!" Herr Kreisrath Dr. Braden erklärte, nachdem das Hoch verklungen, die Ausstellung für eröffnet. — Herr Landwirthschastslehrer Reich elt machte hieraus Mittheilungen über die für Preisbewerbung von Seiten des Preisgerichts wie des Vereinsvorstandes zu Grunde zu legenden Gesichtspunkte. Das Bild der heutigen Ausstellung sei ein anderes wie vor zehn Jahren- früher kam es den Land- wirthen darauf an, möglichst große Mengen Früchte zu ziehen, heute komme es daraus an, ihnen zu zeigen, wie die Früchte am besten verwerthet werden könnten, ohne daß die Pomo- logie in ihren besonderen Liebhabereien gestört werde. Die Ausstellung umfasse fünf Abtheilungen: Obstverwerthung, Obstsortimente, Obstbäume, Gerüche und Gegenstände zur Belehrung im Obstbau. Was die Obstbäume betreffe, so rathe er den Producenten, ihre Bäume nicht selbst zu ziehen, sondern solche aus guten Baumschulen zu beziehen. Bei Erwähnung der ausgestellten Maschinen begrüßt Herr Reichelt das Erscheinen eines süddeutschen Concarrenten einer seither fast ausschließlich das Monopol für Oberhessen besitzenden Fabrik gegenüber. Herr Reichelt übernahm nunmehr in Fortsetzung seines Referates die Führung durch die einzelnen Abtheilungen der Ausstellung.
Tritt man durch den an der Kopfseite des Saales befindlichen Eingang, so fällt sofort das aus allerhand Beerenfrüchten und Blumen zusammengestellte, das Gießener Sradt- wappen darstellende Beet (eine Schöpfung des Herrn Earl Becker) aus, während die auf der Bühne befindliche geschmackvoll geordnete Pflanzendecoration, inmitten deren die Büsten Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs und des Kaisers Wilhelm I. und Friedrich III. angebracht sind, von Herrn C. Berger gestellt wurde. Auch die Zugänge nach den Seiten sind durch Pflanzen geschmackvoll abgegrenzt. Das linksseitige Arrangement gehört Herrn Gärtner Ehr. Pfeiffer, das rechtseitige Herrn Gärtner Wilh. Gerhard. Die die Büste des Kaisers Wilhelm II. umgebende Decoration des linksseitigen großen Buffets wurde von Herrn Gärtner Louis Becker, die an der Gallerie befestigte Obst- guirlande von Herrn Carl Becker gefertigt. Die mit dem Obstbau so eng verwandte Gärtnerei, die sich in den hier beschriebenen Arrangements der Gießener Firmen darstellt, darf in Anbetracht der Jahreszeit stolz aus das hier Gebotene sein, wie denn überhaupt die gesammte Decorations-Commission (Vorsitzender Herr Carl Reiber) ihr Können in schönstem Lichte zeigt. (Nebenbei sei verrathen, daß sich rechts vom Eingang, ziemlich verborgen hinter Pflanzengruppen, ein Buffet des Herrn Stein befindet, an welchem der Besucher vor, nach oder während der Besichtigung eine gewiß willkommene Stärkung zu sich nehmen kann, sofern er nicht vorzieht, in einem der Nebensäle sich zu erfrischen.) Den eigentlichen Saal nehmen in seiner ganzen geräumigen Ausdehnung die Ausstellungstische ein. Terassen- förmige Ausbauten aus den Tischen erleichtern die Uebersicht über das Ausgestellte ungemein. Angenehm unterbrochen werden die langen Tellerreihen durch eine große Anzahl Aussätze, Obstbestecke, Fruchtschalen und sonstige Gegenstände der Silber- und Alfenidebranche, in deren Vorführung sich die Herren H. Zimmer hier und Hainburg (Friedberg) theilen. Die im Vordergründe der Bühne aufgestellte, die gestifteten werthvollen Ehrenpreise wirksam umgebende Gruppe von verschiedenen Arten Topfpflanzen stellten die Herren Gärtner Friedr. Georg und W. Moser, während das rechts aus der Bühne befindliche mit dem Stadtwappen geschmückte Blumen - Arrangement von Herrn Wilh. Wipper herrührt. In hübschen Papiertellern, einer neben dem andern, sind die Erzeugnisse einer Obstcultur ausgestellt, auf die unsere Provinz mit Recht stolz sein darf. Hier vereinigen sich, einladend dem Auge des Beschauers dargeboten, die herrlichsten, verschiedenartigsten Obstsorten. Staunen wird Derjenige, welchem das Gebiet des Obstbaues bisher fremd, über die Mannigfaltigkeit und Schönheit der ausgestellten Früchte. Die Aussteller all dieser Herrlichkeit zu bezeichnen, geht nicht in den Rahmen dieses Berichts, es genügt zu constatiren, daß Private wie Gemeinden ihr bestes gethan haben. Während die Mitte des Saales vorwiegend die Schätze an Tafelobst birgt, ist der Seiten- theil des Ausstellunglocales dem Handelsobst in großen Partien, wie in Postkistchen und Körbchen, Vorbehalten. Auch diese Ausstellungsgruppe interessirt gleichviel durch ihre Mannigfaltigkeit wie die Masse des Gebotenen. Hier sind auch die Erzeugnisse des pomologischen Instituts in Friedberg untergebracht, die ob ihrer Schönheit und Reichhaltigkeit in hohem Maße das Interesse der Besucher fesseln werden. Die den Seitensaal vom Hauptsaal trennenden Säulen sind mit Etageren umgeben, auf welchen in zierlichen Flaschen, Töpfen, Büchsen und Gläsern, sein etiquettirt Alles ausgestellt ist, was sich aus den Gartenfrüchten herstellen läßt: Conservirte Früchte, Gelee, Dörrobst, Honig, Beerenweine, Aepselwein usw. Hier zeigt sich, bis zu welchem Grade der Vollkommenheit die Obstverwerthung gesteigert werden kann und wie wichtig in volkswirthschaftlicher Beziehung es ist, den Segen guter Obstjahre für lange Zeiten zu sichern. Ein großes Glas Birnhonig aus dem Jahre 1857 darf wohl als Veteran der ausgestellten Producte gelten. Zwei im Saale ausgestellte Etageren enthalten je eine reiche Auswahl von auf den Obstbau bezüglichen Zeitschriften und Büchern, ausgestellt von der Ferber'schen Universitäts-Buchhandlung und E. T r e n k m a n n in Gießen. — Das ganze Arrangement, nach vorzüglich ausgedachten Plänen des Herrn Landwirthschasts- lehrers K. Reichelt aus Friedberg unter sachkündiger Mithülfe des Herrn Obstbautechnikers Metz-Friedberg getroffen, macht dem Unternehmen alle Ehre.
Verläßt man durch den südlichen Ausgang den Saal, so gelangt man an einer Gruppe von Gemüse und Erdgewächsen vorbei nach den im Garten befindlichen Ausstellungsgegenständen, die hauptsächlich der Obstverwerthung, der Obstbaumpflege, im Großen und Ganzen der Gartencultur dienen. Ob st pressen verschiedener Größe haben ausgestellt die Firma PH. Maysarth L Co. in Frankfurt a. M. (die Firma hat auch einen Obstdörrapparat, Pflüge und Gartenspritzen ausgestellt) und die Firma Ferd. Kleemann & Sohn in Obertürkheim (Württemberg). Die Pressen dieser Firma, in ca. 15 Größen, worunter eine fahrbare, sind, was Construction und Arbeit anbelangt, in Oberhessen vollständig neu. — Leitern für die Zwecke des Gartenbaues wie für die Hauswirthschast haben ausgestellt die Firmen C. Blasberg & Co. in Düsseldorf (Filiale Frankfurt a. M.), Schmitt in Erfurt (letztere Firma auch Stangenscheeren und Grabgeräthe), PH. Wirth in Langsdorff. — E. Lawatzeck in Berlin hat Rosenscheeren, Blumenspritzen, Wetzstähle, Ge- treideloupen und Küchenwerkzeuge ausgestellt, Carl Sch äs er rn Friedberg Werkzeuge für den Obstbau, Gartenscheren, Baumkratzer rc., Gebr. Dittmar in Heilbronn Garten- geräthe, Leonhard Ott in Colmar Stahlwaaren aller Art für den Gartenbau, Carl F a n s e l in Cannstatt Porzellan- und Zinkschilder für Obstbaumschulen, Adam Perron in Vilbel Baumkratzer und sonstige Instrumente, Otto Sch aas in Gießen Baumwachs, Raupenleim u. s. w.
Die weiter im Garten befindliche Abtheilung: „O b st- b äume" enthält eine reiche Auswahl von Zwergbäumen und Hochstämmen aller Sorten, fix und fertig verpflanzt und der Wirklichkeit entsprechend arrangirt. Aussteller sind: Gebr. Siesmayer (Vilbel), Goos LKoenemann (Nieder- Wallus), die Fürstl. Obstbaumschule in Lich, Gebrüder Schultheis in Steinfurt und Andere. — Emil Heidt in Friedberg stellt eiserne Gartenspaliere aus.
Möge die der Kürze der Zeit wegen hier nur oberflächlich beschriebene Ausstellung durch recht zahlreichen Besuch die verdiente Würdigung finden. Hermann Elle.
Cocales unö provinzielles,
Gießen, 15. October.
— Neues Theater. Nachdem Donnerstag den 15. October das ausgezeichnete Lustspiel Blumenthals „Das zweite Gesicht" die erste Wiederholung erlebte, geht Freitag den 16. October wieder ein lustiger Schwank über die Bretter und zwar „Citronen" von Julius Rosen. Wir empfehlen dies heitere Stück auf das Wärmste.
mell. Theater. Die Dienstagsaufführung im „Neuen Theater" können wir schlankweg mit der Censur „recht gut" versehen. „Ein Lustspiel", Lustspiel in 4 Acten von Roderich Benedix, ist zwar kein Lustspiel, aber ein namentlich in den späteren Acten überaus amüsanter Schwank, dessen Komik erfreulicher Weise nicht wie bei den meisten modernen Lustspielen aus den äußerlichen Widersprächen und Absurditäten in den einzelnen Situationen hervorgeht, sondern zum guten Theil gut gezeichnete komische Charactere zum Ausgangspunkte hat. Gespielt wurde unter der Regie des Herrn Ernst durchweg flott und mit guter Laune. Als Protagonisten nennen wir Herrn Adolf Peickner, welcher in der umfangreichen Rolle des lehrhaften Junggesellen Bergheim eine sehr hübsche Characterstudie lieferte, deren Wirkung nur selten durch gewisse unschöne Angewohnheiten des Darstellers beim Sprechen beeinträchtigt wurde. Gut characterisirt war ingleichen der verknöcherte Hagestolz Brömser von Herrn Ernst, nur daß der gemüthlich-gutmüthige Ton, der dem Darsteller besonders geläufig zu sein scheint, noch völliger von einer mehr derb polternden Manier hätte verdrängt sein müssen. Recht glücklich war sodann auch Herr Stegemann, der durch eine vortheilhafte Maske und ein chevalereskes Auftreten zumal die Herzen der Damen zu gewinnen schien. Seine Sprachweise muß immer noch an Pathos verlieren, um in dem Rahmen leichtlebiger Lustspiele nicht stilwidrig zn erscheinen. In seiner kleinen Rolle als Tümpel schoß Herr Reiners wieder einmal den Vogel ab. Die Damen standen mit Ausnahme von Frau Annr Reiners, die eine sehr niedliche Agnes war, und Fräulein Hüner (Franziska) einigermaßen hinter dem stärkeren Geschlecht zurück. Namentlich zeigte das sonst so bühnensichere Fräulein Busch (Ernestine) besonders bei ihrer Erzählung im 2. Act, die sie überhastete und halb verschluckte, eine die Wirkung ihrer übrigens mit Geschick durchgeführten Aufgabe beeinträchtigende nervöse Aufregung. Das Gleiche gilt von Frl. Lindemanns Spiel im 1. Acte. Im Allgemeinen möchten wir noch wünschen, daß die Entrees der einzelnen Darsteller präciser erfolgen und in Zukunft nicht jeder unglückliche Monologisirende noch nach Schluß feines Monologs eine Zeit lang „Situation zu sprechen" hat, bis sein Erlöser erscheint.
— Dramatische Vorträge. Der erste Vortrag des Herrn Oscar Zack fand vor sehr zahlreicher und gewählter Versammlung am Mittwoch Abend statt und brachte das schon früher einmal hier von oben Genanntem recitirte Drama „Uriel Acosta" von Gutzkow. Herr Zack lieferte einen umfassenden Beweis seines Könnens auf dem Gebiete der dramatischen Ausgestaltung und wußte aus der einen Seite durch treffende Characterzeichnung zu fesseln und auf der anderen Seite durch tiefempfundene Gefühlssprache zu erwärmen.
— Wie aus Darmstadt berichtet wird, ist gestern Morgen 5 Uhr der im vorigen Jahre wegen Beihilfe an der Ermordung seines Vaters zu 12 Jahren Gefängniß verurtheilte Schuhmacher Kretschmar (Stiesbruder des am 16. Juni 1890 in Gießen Hingerichteten Gg. Häuser) von Bobenhausen in Gemeinschaft eines anderen Gefangenen Namens Carl Dörr aus Angersbach aus dem Gefängniß ausgebrochen. Die gefährlichen Individuen sind mit Schustermessern bewaffnet und tragen Gesängnißkleidung.


