Ausgabe 
16.8.1891
 
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Sonntag den 16. August

1891

Erstes Blatt.

Nr. 189

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

2lints< unb Anzcigeblatt für den Xirci« Gieszen.

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chratisöeikage: chießener AamikisnSkätter.

Alle Annoncen. Bureau? deS In« und Au-lande- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgtgm.

Äcbaction, Lppeditt« und Druckerei:

Kch»kstr«te Mr.L

Fernsprecher 51.

DN Gießener He*tCic*iraü8t »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal d eigelegt.

Der

9*1 tun Anzeiger erscheint täglich, att Ausnahme deS Montags.

Annahme »an Anzeigen zu der Nachmittag- für dm Mgribtn Tag erscheinmden Nummer bi- vorm. 10 Uhr.

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Vierteljähriger AronnementApreiai 2 Mark 20 Pfg. mA Bringerlohn.

Durch die Post bezvgW 2 Mark 60 Pfg.

Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 Messer, 8 Taschentücher, 1 Paar Leder­handschuhe, 1 Vorstecknadel (Turner), 1 Kopsbezug, Geld, 1 Brosche, 1 Korallenkette, 1 Regenschirm, 1 Umhängetuch, 1 Peitsche, 1 Leier von einer Kaffeemühle und 1 silberne Damenuhr.

Zugeflogen: 1 schwarzes Huhn.

Gießen, den 15. August 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

politische Wochenschau.

Gießen, 15. August.

In Folge des am letzten Dienstag in Rußland er- gangenenGetreideausfuhr Verbotes ist das deutsche Reich in eine sehr ernste und Bedenken erregende Lage ge­kommen. Wir haben schon mehrfach an dieser Stelle aus- gesührt, daß Deutschland schon seit einer Reihe von Dezennien durch das sortwährende Wachsthum der Bevölkerung immer mehr außer Stand gesetzt worden ist, seinen Bedarf an Brodkorn durch die eigene Production zu decken und im Augenblick etwa 1416 % des gesammten zur Consumtion nöthigen Getreides mittels ausländischer Zufuhr beschaffen muß. In erster Linie kommt unter diesen Umständen für die deutsche Brodversorgung Rußland in Betracht, das bei weitem den größten Theil des außer dem inländischen Ernteertrag zur Ernährung unseres Volkes nöthigen Getreides liefert und namentlich die Roggeneinfuhr fast vollkommen in Händen hat. Beispielsweise sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Ganzen 3 496000 Doppelcentner Roggen nach Deutschland importirt worden und unter diesen allein aus Rußland 3147 000, das heißt also 90 % der gesammten Einfuhr. Hieraus ergiebt sich, einen wie schweren Schlag das russische Einfuhr­verbot den wirthschastlichen Verhältnissen in Deutschland versetzt, ohne daß auch nur wenigstens die Möglichkeit ernst­haft in Rechnung gezogen werden kann, daß die Nebenländer für Roggenexport im Stande sein werden, Rußland zu er­setzen. Denn einmal steht auch in einem Theil dieser Export­länder wie in Rußland eine Mißernte zu erwarten, und dann ist vor Allem zu berücksichtigen, daß Deutschland nicht der einzige Käufer auf dem Weltmärkte ist und gerade mit den nichtrussischen Getreideexportländern, wie schon aus dem oben Mitgetheilten hervorgeht, von jeher in weniger aus­gebildetem geschäftlichen Verkehr gestanden hat, als die übrigen Staaten, die ausländisches Getreide zukaufen müssen, so daß diese auf ihre alten Geschäftsverbindungen gestützt als Käufer nichtrussischen Roggens dem deutschen Reiche erheblich überlegen sind. Angesichts dieser Thatsachen sind die Roggen­preise geradezu enorm in die Höhe geschnellt und haben neulich mit 226,50 Mark den höchsten Stand erreicht, den Roggenpreise seit 20 Jahren eingenommen haben. Die Zeit ist jetzt gekommen, in der der Consum von theuerem Weizen- b'rot sich in der That noch billiger stellt als derjenige von Roggenbrot. Dieser überaus ernsten Sachlage gegenüber hat sich in politischen Kreisen bereits die feste Erwartung gebildet, daß binnen Kurzem eine Suspension oder Herab­setzung der Zölle von der Regierung beantragt werden wird. Man erinnert sich daran, daß bei der letzten Erhöhung der Getreidezölle (von 30 auf 50 Mark) im Jahre 1887 auf eine Anregung des conservativen Abgeordneten Delbrück hin die Regierung auf das Bündigste erklärte, sie werde alsbald einschreiten, wenn der Roggenpreis einmal bis auf 180 Mark heraufgehen sollte, einen Betrag also, den die gegenwärtigen Preise schon nahezu um 50 Mark, d. h. um den vollen Zoll übertreffen. Auch Organe, die dem im Juni d. I. eingebrachten freisinnigen Antrag auf Zollerleichterungen skeptisch gegenübergestanden haben, wie dieNationalztg.", befürworten nunmehr eine Oeffnung der Grenze. Sogar diePost", die ihrer Zeit eigens zum Zwecke der Empfehlung der Getreidezölle gegründet wurde, meint jetzt, im Augenblick könne auch vom agrarischen Standpunkte aus nichs gegen Getreidezollermäßigungen eingewandt werden. Einige Minister, wie namentlich Herr von Bötticher, haben bekanntlich, seitdem die Frage der Zollsuspension aufgerollt ist, die gleiche An­schauung innerhalb des Ministeriums vertreten. Die Wahl in Tilsit-Niederung hat einen überraschenden Ausgang genommen, indem der freisinnige Candidat Hans v. Reibnitz in dem seit 1884 stets conservativ vertretenen Wahlkreis mit 10894 Simmen gegen 8571 conservative in der Stichwahl gewählt wurde. Das Ergebniß ist vornehmlich

auch darum interessant, weil der Wahlkampf in einem durchaus ländlichen Bezirk stattsand und sich in erster Linie um die Frage der Aufrechterhaltung der Getreidezölle drehte.

In Bezug aus die russisch-französische Verbrüderung dauern die Erörterungen in der Presse fort, obwohl kein neues Material zur Beurtheilung der Sachlage vorliegt. Im Allgemeinen neigt man immer mehr der Meinung zu, daß die spontane Begeisterung der Festtheilnehmer der russischen Regierung förmlich über den Kops gewachsen ist und nichts weniger als einen Ausdruck der in russischen Regierungkreisen herrschenden Anschauungen darstellt. An ein wirkliches Bündniß zwischen Rußland und Frankreich glaubt heut­zutage schon so ziemlich kein Mensch mehr. Im Uebrigen sind Optimisten der Meinung, daß eine russisch-französische Allianz nur aus einem unbegründeten Mißtrauen gegen den Dreibund hätte hervorgehen können und keinerlei aggressive Tendenzen gehabt haben würde, vielmehr als ein zweiter Friedensbund nur zur Festigung und Beruhigung der europäischen Verhältnisse dienlich gewesen wäre. Ausdrücklich bemerken möchten wir in diesem Zusammenhänge, daß bei der Anwesenheit des russischen Großfürsten Alexis in Paris aus Veranlassung der russischen Regierung alle neuen Verbrüderungsseste unter­blieben sind. Der junge König von Serbien ist bei seinem Besuch am russischen Hose wider alles Erwarten schlecht behandelt worden. So hielt es der Zar für an­gemessen, die Zeit der Anwesenheit des Königs zu einem Ausflug nach Finnland zu benutzen. Beim Mittagessen im Winterpalais vertrat nicht einmal ein Großfürst den fehlenden Kaiser. Um so freundlicher ist die Ausnahme, die der serbische König augenblicklich am österreichischen Hofe erfährt.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 14. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben sich gestern Abend 10 Uhr 33 Minuten mit dem Schnellzuge der Ludwigsbahn nach Bamberg be­geben, um daselbst das Königlich Bayerische Infanterie-Regi­ment Nr. 5, dessen Inhaber Seine Königliche Hoheit ist, zu besichtigen und werden heute Abend wieder von dorten zurückkehren. In Begleitung Seiner Königlichen Hoheit be­finden sich Generaladjutant Generalmajor Wernher und Flügel­adjutant Major Frhr. v. Grancy.

Berlin, 13. August. Der freisinnige Berliner A r b e i t e r v e r e i n hat in seiner letzten Versammlung nach einem Vortrage überCapital und Arbeit" folgende Resolution angenommen:Die ungleiche Vertheilung von Arbeit und Genuß ist in keiner Weise eine gerechte und den Anschau­ungen einer moralisch-sittlichen Gesellschaftsordnung ent­sprechende. Sie ist ein Erbtheil aus jener Zeit des Alter­tums, wo ein Theil der Menschheit sich zum Herrscher über den andern aufwarf, und das Sclaventhum schuf- die gegen­wärtige Gesellschaft, gleichviel welcher Regierungsform dieselbe huldigt, ist verpflichtet, diesem Uebelstand abzuhelfen und Einrichtungen zu schaffen, nach welchen es jedem ordentlichen Menschen, ungeachtet der Arbeit, welche er verrichtet, möglich wird, sich die notwendigen Lebensgenüsse zu verschaffen. Die Abschaffung aller indirecten Steuern und Zölle aus Lebens­mittel, die Einführung einer nach oben sich steigernden Ein­kommensteuer, sowie die Beseitigung der stehenden Heere sind als Anfang zur Verwirklichung dieses Zustandes anzustreben. Endlich hält der Verein die Uebersührung des Grund und Bodens aus dem Privat- in den Staats- oder Communal- besitz zur Lösung der sozialen Frage für notwendig."

Nerreste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondmz-Burean.

Berlin, 14. August. Wie derReichsanzeiger" meldet, hat der Arbeitsminister die Bestimmungen über den Buch­handel auf den Eisenbahnstationen, wonach an­stößige, dem guten Geschmack widersprechende Werke fern­zuhalten sind, erneut in, Erinnerung gebracht und die Directionen angewiesen, durch häufige unerwartete Revisionen von der genauen Befolgung dieser Anordnungen sich zu überzeugen.

Kiel, 14. August. Der Kaiser empfing heute den Staatssecretär v. Bötticher an Bord desHohenzollern". Der Kaiser ist bei bestem Wohlsein und beabsichtigt, heute eine größere Seefahrt zu unternehmen.

Kiel, 14. August. Die KaiseryachtHohenzollern", mit dem Kaiserpaare an Bord, ging um 10 Uhr Vormittags in See und kehrt voraussichtlich heute Abend zurück. Die gesammte Manöverflotte wird am 18. d. M. im Kieler Hafen ankern.

Kiel, 14. August. Die Kaiserliche YachtHohenzollern"

traf heute Mittag vor Eckernförde ein und ging unter Borby vor Anker. Der Herzog Friedrich Ferdinand von Glücks­burg begab sich sofort zur Begrüßung der Kaiserin an Bord der Yacht. Um 1 Uhr landete die Kaiserin in Be­gleitung des Herzogs Friedrich Ferdinand und der Gräfin Keller in Borby, von der zahlreich versammelten Menge aus das Enthusiastischste begrüßt, und begab sich in der herzog­lichen Equipage zum Besuche ihrer Schwester, der Herzogin Karoline Mathilde, Gemahlin des Herzogs Friedrich Ferdinand, nach Schloß Grünholz.

Schwerin, 14. August. Gestern ist eine Hebung der Kräfte des Großherzogs nicht eingetreten. Der Appetit liegt stark darnieder. Die nervösen Asthmaansälle kommen häufiger, deren Heftigkeit hat immerhin etwas nachgelassen. In der vergangenen Nacht hatte der Kranke einige Stunden guten Schlaf.

Wien, 14. August. Ein Vergleich der Betriebs­ergebnisse der österreichischen Staatsbahnen im Zeiträume vom 1. Juli 1890 bis Ende Juni 1891 auf Grund des Kreuzer - Zonentarifs mit den Ergebnissen des gleichen Zeitraumes des Vorjahres ergibt eine Zunahme der fahrenden Personen um 9 Millionen und eine Zunahme der Gesammteinnahme um 167,213 fl. Wenn man von dem ausnahmsweise großen Verkehre zur Zeit der Pariser Aus­stellung absieht, ergibt der einjährige Bestand des Kreuzer- Zonentarif eine Zunahme der Reisendenzahl um 43^, der Einnahme um nahezu 3 pCt.

Bern, 14. August. Heute begannen die Festlichkeiten zur Feier des 700jährigen Bestehens Berns. Die Feier, welche vier Tage dauert, umfaßt ein Festspiel, historischen Festzug und Volksfeste. Zahlreiche Gäste aus der ganzen Schweiz und dem Auslande sind hier ein­getroffen.

Bern, 14. August. Der int ernationale geo­graphische Congreß hat seine Verhandlungen beendigt. Es wurde u. A. die Niedersetzung einer Commission zur Aus­arbeitung einer Erdkarte im Maßstabe von 1 : 1,000,000 beschlossen. Ferner einigte man sich über eine Erklärung, daß der Bau einer Bahn nach dem Innern Afrikas in beiy^ Richtung auf den Tschadsee oder den Niger wünsch^nswe'tth sei und man sprach der Schweiz gegenüber d^n Wunsch aus, sie möge die anderen Regierungen einladen, die Fragen wegen eines einheitlichen Meridians, einer Weltzeit und des Nutzens von Stundenzonen in den internationalen Beziehungen und im öffentlichen Leben zu studiren und diese Fragen in einer in Bern abzuhaltenden Conferenz von Delegirten der Staaten zu erledigen suchen. Zum Orte des nächsten in drei bis fünf Jahren stattfindenden Congresses wurde London gewählt, sofern die dortige Geographische Gesellschaft den Congreß übernehmen will.

Petersburg, 14. August. Das Amtsblatt des Ministeriums der Wege und Verkehrsanstalten macht bekannt, daß alle russischen Eisenbahnen telegraphisch angewiesen sind, die für die Verpflegung der Bevölkerung und die Aussaat der Felder bestimmten Getreidetransporte unverzüglich außer­halb der Reihenfolge zu expediren.

Alexandrien, 14. August. Reuter-Meldung. Das eng­lische Geschwader ist heute nach Lemnos abgegangen. Die Zahl der in dem Quarantänelager bei El Tor cam- pirenden Pilger beträgt ungefähr 4000. Vom 8. bis 10. August starben fünf an der Cholera.

Berlin, 15. August. DieNordd. Allg. Ztg." glaubt zu wissen, daß die Regierung nach wie vor mit Entschieden­heit an dem bisherigen Standpunkte bezüglich der Korn­zölle feflhalte- sie sei aber nicht geneigt, Erklärungen darüber abzugeben. ___________

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 15. August. Wie diePoltt. Nachr." mittheilen, liegt es in der Absicht der Regierung, das Porto wesen für Staatsdienstsendungen einer Neuordnung zu unterwerfen. In erster Linie sei die Erneuerung des Versuchs erwogen, mit der Reichspostverwaltung einen Abonnementsvertrag abzu­schließen.

Berlin, 14. August. DieNordd. Allg." weist auf eine Meldung derMünchener Allgemeinen" hin, wonach Oesterreich sich veranlaßt gesehen habe, auszusprechen, es müsse die Erklärungen freundnachbarlicher Gesinnung solange mit Reserve hinnehmen, als das serbische Parteigetriebe nicht mit festerer Hand gezügelt werde. Von einer solchen mit Wohlwollen gepaarten Festigkeit sei zu hoffen, daß der Jschler Besuch, wenn er auch keine politische Absicht verfolge, doch in mehrerer Hinsicht nicht ohne politische Frucht bleiben werde.