Mr. 136. Dienstag den 16. Juni 1891
----- » -in»« —r*""1'" -■• - n-,,.... .....~.-.-T^rl-rlr(lnT|^.rj rrj ■- - Irm-im iliu i .n«.. luimiiu
Drr
Aöcheser K«z^sr w^tint täglich, 8* äuintüjtm M RoitttigÄ.
Ai« Kte-«ner
dem Anznz-i
-LiÄtz«stlich fcdgrfegt
ießener Anzeitzer
Kenerat-Unzeiger.
2 Mart 20 Pf,. «K Bringerloh».
Durch die Post bezs^
2 Mark 50 Pf,.
Nedactron, und Druckerei:
Y-r»^»r-ch«r 51.
Amts, uttb Anzeigeblatt für den Itww Giefzen.
Se»«p.hMt »08 Lazeiges zu dec SitLHÄÜNazS für de« fsLtzevd«? Laz erfcheiuendm Nummer bis Ävrm. 10 Uhr.
?L*xiöoac<k^3ureau? M In. und SuttmadeZ aetzrve« eigen für den „Gießener Lnzeiger" mtgeg«L
2lmtlid?€r Thsil.
Nr. 17 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr- 1955.) Freundschafts-, Handels- und Schifffahrts- Iertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Türkei. Vom 26. August 1890.
Gießen, 15. Juni 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Groß- herzogthums betr.
Der Oberhessische Bienenzüchterverein beabsichtigt, in Verbindung mit der am 20. Juli d. I. zu Hungen stattfindenden 31. Wanderversammlung eine Verloosung von Bienenvölkern, Bienenproducten und Utensilien zu veranstalten.
Großh. Mnisterium des Innern und der Justiz hat durch Entschließung vom 5. I. M. die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung er- theilt, daß nicht mehr als 2500 Loose ä 50 Pfg. ausgegeben werden dürfen und mindestens 62% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind, zugleich auch den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet.
ES wird dieses hierdurch zur öffentlichen Kenntniß ge* bracht.
Gießen, den 11. Juni 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen- v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend die Feldbereinigung in Saasen.
Die Pläne und Verhandlungen über die neue Zu- theilung der Wiesen in Flur VIII und X der Gemarkung Saasen (die Wiesen vor und hinter den Weiden, im Luderholz, die kleinen Feldwiesen und die Teichwiesen) liegen vom 5. bis 19. Juni l. I. auf der Bürgermeisterei Saasen zur Einsicht der Bethelligten offen. Verhandlungs- tagfahrt findet daselbst
SamStag den 20. Juni l.
von Vormittags 8—12 Uhr statt.
Fsriilleton.
In brr Sshars.
Nach dem Tagebuche eines französischen Reisenden.
(Nachdruck verboten.)
„Leb wohl, Franke*)", sagte der Scheik Ben Sala, welcher mir vom südlichsten Grenzpunkte Marokkos bis Derim im Gebiete des Tuareg das Geleite gegeben hatte, als er sich im letzteren Orte von mir verabschiedete, „möge Allah Dich aus Deinen ferneren Fahrten schützen! Du bist zwar nur ein verfluchter Giaur, aber Ben Sala hat in Dir einen tapferen Mann kennen gelernt, der selbst vor dem Herrn der Wüste (Löwe) nicht zitterte, darum wünscht Ben Sala, daß der Pfad seines fränkischen Freundes immer hell und rein sein möge!"
Ich verzog bei diesem Gemisch von Grobheit und Schmeichelei in den Worten des Scheiks keine Miene, sondern erwiderte dieselben höchst ernsthaft mit einigen tönenden Phrasen, wie sie nun einmal die Umgangssormen im Orient erheischen. Dann aber ertönte die Stimme des Scheiks Ali Mansur, des Führers der kleinen Carawane, mit welcher ich nach der etwa zwanzig Tagereisen entfernten Oase von Benäh zu reisen beabsichtigte, zum Aufbruche mahnend, und ich kletterte „an Bord" meines Kameels, von hier aus Ben Sala mit der Hand einen letzten Gruß sendend. Jetzt gab Ali Mansur das Zeichen zum Aufbruch und unter dem Geschrei der braunen Einwohner von Derim, sowie dem Krachen der Abschiedsschüsse aus den langen Flinten Ben Salas und seiner Begleiter setzte sich unser Zug in Bewegung.
Der erste Reisetag verging in ziemlich eintöniger Weise und ebenso der folgende und bot sich für mich nicht viel Bemerkenswerthes dar. Nur machte ich schon damals die Beobachtung, welche ich auch auf meinen weiteren Fahrten durch die Wüste bestätigt fand, daß die landläufigen Vor-
*) Franken nennt man im Orient vielfach die Europäer ohne Rücksicht auf ihre Nationalität.
Spätestens in dieser Tagfahrt sind alle auf" die neue Zuthellung bezüglichen Anträge bei Meidung späterer Nichtberücksichtigung voczubringen.
Weiter wird den Betheiligten nochmals Gelegenheit gegeben, in dieser Tagsahrt auch etwaige Wünsche bezüglich der Zutheilung des Restes der Gemarkung, welche Zuthellung im Herbste dieses Jahres erfolgen soll, vorzubringen.
Die Ueberweisung der genannten Wiesen zur einstwelligen Benutzung, jedoch vorbehälllich etwaiger später noch nothwendig werdenden Aenderungen, soll
Gam-tag den 27. Juni L I., Nachmittags 1 Uhr an Ort und Stelle erfolgen.
Darmstadt, den 25. Mai 1891.
Der Vollzugscommissär:
Nover
Regierungsrath.
Deutsches Reich.
Berlin, 13. Juni. Das Abgeordnetenhaus berieth heute die Vorlage, betreffend das Wildschadengesetz, in der Fassung, wie es vom Herrenhause zurückgelangt war. In der Generaldebatte bezeichnete der Minister für Landwirth- schaft, v. Heyden, die Fassung des Gesetzes durch das Herrenhaus als eine Verbesserung gegenüber den bestehenden Zuständen. Heber die Compromißanträge habe sich die Regierung noch nicht schlüssig gemacht. Mit der Regreßpflicht würde das Gesetz die Zustimmung der Staatsregierung jedenfalls nicht finden. In der Einzelberathung nahm das Haus § 1 (Ersatzpflicht für Schäden, den Schwarz-, Roth-, Damwild :c. auf und an Grundstücken angerichtet) nach wenig erheblicher Debatte an. § 2 wurde in der Herrenhaus-Fassung mit einem Zusatz angenommen, welcher die öffentliche Auslegung der Gemeindepachtverträge betrifft. § 4 (Bestreitung des Schadenersatzes) wurde gestrichen. Bei der Abstimmung über den Antrag Brandenburg auf Einfügung eines neuen Paragraphen, betreffend die Bildung von Wildschadenverbänden, stellte sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses heraus.
Berlin, 13. Juni. In der heutigen Herrenhaussitzung wurde die Landgemeindeordnung in der Fassung des Abgeordnetenhauses, welche von Caprivi nachdrücklichst befürwortet war, mit 99 gegen 38 Stimmen angenommen. Montag Sperrgeldervorlage.
ftellungen über den Sandcharacter der Sahara vielfach irrige sind. Denn dieselbe ist keineswegs überall — die Oasen natürlich von selbst ausgenommen — mit einer Lage von Sand bedeckt, wie man wohl häufig annimmt, ein großer Theil des Saharabodens besteht vielmehr aus festem Felsgrunde oder auch aus dünnem zersetztem Gestein. Allerdings wechseln mit solchen Strecken auch wieder sandige Flächen ab, in .denen man tagelang reisen kann, ohne daß sich das monotone Sandbild irgendwie verändert, und namentlich in den Niederungen der Sahara lagert der Sand oft in ganz gewaltigen Massen.
Am dritten Tage unseres Wüstenmarsches zeigte der Himmel plötzlich ein verändertes Aussehen. Das tiefe, satte Blau war verschwunden und hatte einer eigenthümlich fahlen Färbung Platz gemacht, während sich hinter uns rothgraue Wolkenmaffen zusammenballten, die sich dann aber rasch ausbreiteten, so daß die Sonnenstrahlen kaum mehr durch diese Nebelschleier durchzudringen vermochten. Dabei machte sich eine zunehmende Schwüle und Dicke der Luft bemerklich und erschwerte das Athmen nicht wenig, nur blieb die Luft selbst noch immer ruhig, doch wohnte dieser Ruhe etwas Unheimliches inne. Ali Mansur hatte inzwischen scharf den westlichen Theil des Himmelsgewölbes gemustert, sagte dann nur das eine Wort „Harmattan!" und trieb den kleinen Zug zur größten Eile an. Mir war aus der kleinen Bemerkung unseres Führers hinlänglich klar geworden, daß uns einer jener furchtbaren Wüstenstürme bevorstände, die oft tagelang dauern und in ihren letzten Wirkungen sogar bis zum mittleren Europa reichen. Auch den Thieren sagte ihr Jnstinct, daß sich etwas Schreckliches, Außergewöhnliches in der Natur vorbereite, denn sie wurden immer unruhiger und drängten sich zusammen, gleichsam als glaubten sie, durch ihr Zusammenstehen der herannahenden Gefahr die Spitze bieten zu können. Ich hielt mich mit meinem Thiere dicht an unseren Führer, der jetzt von der bisherigen Wegroute abbog und die Richtung nach einer seitwärts sich erhebenden Felsengruppe einschlug, die wir gnade noch erreichten, als der Wüstensturm in voller Kraft einhertobte.
Berlin, 13. Juni. Der „Reichsanzeiger" publicirt nach überschlägiger Berechnung das Ergeb« iß der vorjährigen Ernte Deutschlands. Danach betrug das Ernteergebniß beim Weizen etwa 2,839,000, beim Roggen etwa 5,877,000, bei Kartoffeln etwa 23,320,000 Tons. Nach dem Durchschnitt der zehn Vorjahre bezifferte sich der Ertrag beim Weizen auf etwa 2,479,000, beim Roggen auf etwa 5,702,000, bei Kartoffeln auf 23,884,000 Tons ä 1000 Kilogramm.
Berlin, 13. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Zeitungsmeldung über die deutsch- belgischen Ver- handlungsprojecte für Combinationen und bezweifelt, daß denselben amtliche belgische Quellen zu Grunde liegen.
Köln, 13. Juni. Bei der sehr großen Nachfrage nach Kohlen hat, wie die „Köln. Volksztg." meldet, das Bergamt Saarbrücken angeordnet, daß Vertragskohlen einstweilen von Händlern außerhalb des Zollgebietes nicht ausgeführt werden dürfen.
Lingen, 13. Juni. Nach der amtlichen Feststellung des Ergebnisses der Reichstags-Ersatzwahl im 3. Wahlkreise der Provinz Hannover (Meppen-Bentheim-Lingen) sind im Ganzen 16,545 Stimmen abgegeben worden- von diesen erhielt Amtsgerichtsrath Brandenburg-Bersenbrück (Centrum) 16,382, Tölk e-Dortmund (Soc.Dem.) 59 Stimmen. Der Erstere ist somit gewählt.
Würzburg, 12. Juni. Der Gynäkologe Hofrath Prof. Scanzoni von Lichtenfels ist heute Vormittag in Zinneberg gestorben.
Bremen, 13. Juni. Rettungsstation Koppalin telegraphirt: Am 13. Juni von dem hier gestrandeten Schuner Riborg, Capitän Holm, 4 Personen gerettet durch den Raketenapparat der Station Koppalin.
Bremen, 13. Juni. Die Rettungsstation Leba telegra- phirt: Am 13. Juni von dem in der Nähe von Leba gestrandeten deutschen Schooner „Arche", Capitan Hansen, vier Personen gerettet durch den Raketenapparat der Station Leba.
Bremen, 13.Juni. GegenüberanderweitigenMittheilungen, nach welchen der „Norddeutsche Lloyd" die Zwischendeck- preise ermäßigt haben sollte, wird von bestunterrichteter Seite versichert, daß der „Norddeutsche Lloyd" bis zur Stunde keine Preisherabsetzung vorgenommen habe, wenngleich derselbe durch die Verhältnisse gezwungen werden dürfte, in kurzer Zeit den anderen Gesellschaften zu folgen.
Bremen, 13. Juni. Nach einer telegraphischen Meldung der Rettungsstation Neufahrwafser wurden heute drei Personen von einem in höchster Seenoth befindlichen
Der Scheik hatte mit scharfem Blick die einzige Stelle erspäht, die uns auf viele Meilen in der Runde wenigstens bis zu einem gewissen Grade Schutz vor dem losbrechendew gräulichen Unwetter zu gewähren vermochte. Die Felsen- gruppe bildete in ihrem vorderen Theile durch die hier über- hängenden Wände eine Art Höhle und da dieselbe nach Osten lag, so bot sie uns gegen das von Westen heranfegende Unwetter allerdings einen nicht zu verachtenden Unterschlupf. Wir stiegen von den Kameelen, die sich platt niederlegten und den Kopf möglichst tief in den sandigen Boden einbohrten, während wir Menschen uns hinter den Leibern der Thiere wie hinter einem Schußwalle zusammendrängten, jeder ein feuchtes Tuch vor Mund und Nase pressend. Zu Statten kam uns außerdem, daß sich in einer Entfernung von etwa 20 Schritt von der Höhle dichtes Tamariskengesträuch hinzog, welches nicht unwesentlich dazu beitrug, den Ansturm der nunmehr wie toll durcheinander wirbelnden Sandmassen abzuschwächen.
War das ein Höllenconeert rings umher! In allen Tonarten heulte der Wüstensturm, während die von ihm mit furchtbarer Kraft durch die Luft gewirbelten Sandtromben ein ganz besonderes, eigenartiges Geräusch erzeugten, welches prickelnd auf die ohnehin schon gewaltig erregten Nerven einwirkte. Dabei machte die anfängliche fahle Färbung der Wolken mehr und mehr dunklen Tinten Platz, bis sich endlich tiefe Dämmerung aus die ganze Umgebung herabsenkte und hierdurch das Toben der entfesselten Elemente nur noch furchtbarer machte. So mochte der Orkan etwa eine Stunde gewüthet haben, als er plötzlich nachließ und bald vollständig erstarb, während sich zugleich der Himmel allmählich wieder aufhellte. Diese verhältnißmäßig so kurze Dauer eines Saharasturmes kommt indessen nur selten vor, gewöhnlich währt er einige Stunden lang, ja, ich selber habe später im östlichen Theile der Sahara einen Sturm erlebt, dev mit nur kurzen Unterbrechungen zwei Tage mit kaum verminderter Kraft einhertobtt.
(Fortsetzung folgt.)


