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Nr. 142

Samstag dm 16. Mai

1891

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Gießener Arr-eiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Eine politische Pfingflbetrschtnng.

Denn die christliche Welt eines ihrer schönsten Feste, das liebliche Pfingsten, feiert, wenn Lenzessreude und Früh- lingshoffnungen Millionen von Herzen erfüllen, da kann der ringenden und sorgenden Culrurmenschheit wohl keine größere Genugthuung bereitet werden, als wenn der Weltsriede für gesichert erklärt wird und die politische Lage des Erdtheiles und insbesondere diejenige des Vaterlandes in keinem furcht­baren Widerspruche mit der reinen und edelen Freude des Pfingstfestes steht. Dank einer weisen Fügung der Vorsehung erfreut sich die europäische Culturwelt ja auch des kostbarsten Gutes, welches in der politischen Welt vorhanden ist, des Friedens, und zur Erhöhung der Pfingstsreude glauben wir aussühren zu muffen, daß man auch ferner auf eine friedliche Weiterentwicklung der Dinge, was die absehbare Zukunft anbetrifft, vertrauen kann, denn Großes und Dauer Ver­sprechendes hat in dieser Hinsicht die deutsche, dann aber auch die österreichische und italienische Staatskunst vollbracht und zum Ruhme aller betheiligten Herrscher und Staatsmänner und zur Aufklärung und Beruhigung der Völker muß diese herrliche Thatsache wiederholt der zweifelsüchtigen und wankel- müthigen Welt ins Gedächtniß zurückgerusen werden. Zwar kann kein Herrscher und kein Staatsmann den Frieden un­bedingt verbürgen, weil der Verlauf der Weltereignisse und die Anschläge feindlicher Nachbarn auch von den Mächtigsten der Erde nicht maßgebend beeinflußt werden können, aber was menschliche Voraussicht und der von edler Friedensliebe erfüllte Sinn erhabener Herrscher und ihrer weisen Rath­geber 'n Deutschland, Oesterreich und Italien vermochte, das ist auch geschehen, um in Mitteleuropa ein Bollwerk des Friedens zu errichten, wie die Welt noch kein zweites gesehen hat. Die vereinigte Macht dreier Großmächte wird sich wider die Friedensbrecher wenden und schon ein Blick auf die Starte Europas lehrt, auf welchen Seiten der mitteleuropäische Friedensbund immer mit Ueberlcgenheit seine Macht zur Geltung bringen kann, um für die Erhaltung des Friedens einzutreten. Immer mehr stellt sich aber auch heraus und dringt dementsprechend in das Bewußtsein der betheiligten Völker ein, daß nicht nur die Politik und die geographische Lage den Dreibund stützen, sondern daß im hohen Maße zwischen den verbündeten Staaten eine politische und wirth- schaftliche Interessengemeinschaft besteht, welche ihr Bündniß geradezu fordert. Deutschland, Oesterreich und Italien werden in keiner Weise durch Jnteressencouflicte in ihrem guten Ver­hältnisse beeinflußt und jede dieser Großmächte kann sich in ihrer Sphäre regen und bewegen, ohne der anderen irgend einen Nachtheil zu bereiten, keine braucht auch die Uebermacht der anderen zu fürchten, da der Bund die politische Gleich­berechtigung und die Freiheit der Entschließungen nicht an- tastet. Wie ganz anders müßten sich aber die Verhältnisse für die Bündnißmächte gestalten, wenn es etwa Frankreich und Rußland gelingen sollte, im Westen und Osten Europas die maßgebenden Mächte zu werden? Man weiß aus der Geschichte Frankreichs zum Beispiel sehr gut, was die Franzosen unter politischer Gleichberechtigung verstehen und daß nur eine Reihe von Kriegen wiederum Europa zerfleischen würden, wenn Frankreich wieder zur Vormacht gelangte. Der mittel­europäische Dreibund ist daher nicht nur ein Schutz und Schirm für den Frieden und die gemeinsamen Jntereffen, sondern auch ein Hüter der europäischen Cultur überhaupt.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 14. Mai. Zweite Kammer der Hessischen Stände. Nach Verkündigung einer Anzahl neuer Einläufe und Berichtsanzeigen, sowie mündlicher Berichte debattirt die Kammer über die Wahl eines Sonderausschusses zur Berichterstattung über die Vorlage Großh. Regierung betr. Revision der V er w a l t u n g s q e s e tz e. Nachdem von verschiedenen Seiten die Ansicht zum Ausdruck gebracht wurde, daß der Termin für diese Wahl verfrüht fei, da das Gesetz noch nicht einmal vorliege. Die Abgg. Frank und Osann beantragen Aussetzung dieser Wahl. Mit allen gegen 8 Stimmen beschließt das Haus demgemäß.

Hiernach folgt die Fortsetzung der Berathung über das Forstschutz-Gesetz. Nach allen bis jetzt gehaltenen Reden hat das Gesetz schlechte Aussicht, von der Kammer angenommen zu werden, da man durch dasselbe auf der einen Seite einen birecten Eingriff in die Gemeinderechte durch die Forstbehörde, andererseits eine größere Belastung der Gemeinden herbei- gesührt durch Mehranstellung von Feldschutz-Personal.

Gegen das Gesetz sprachen die Abgg. Frank, Wolz, Metz-Gießen, Osann, Haas, für dasselbe die Abgg. Kuglea, Schröder, Wolfskehl, Metz-Darmstadt.

Nach erfolgter Abstimmung über Art. 1 des Gesetzes wird derselbe mit 15 gegen 18 Stimmen abgelehnt. Aus Wunsch des Ministerialpräsidenten Weber wird sodann über das ganze Gesetz abgestimmt und daffelbe mit 15 gegen 18 Stimmen abgelehnt.

Für bauliche Aenderungen im Anatomie­gebäude der Landesuniversität, sowie beim Neubau des chemischen Laboratoriums und der Director­wohnung und den neuen medicinischen Instituten daselbst werden außer den beim Bau ersparten 23 274 Mk. noch weitere 58000 Mk. angefordert.

Abg. Osann fragt bei der Regierung an, ob mit dieser Nachforderung jetzt endlich einmal ein Abschluß eintrete, damit man sich ein klares Bild über die Kosten der Neubauten zu Gießen machen könne.

Ministerialrath Knorr beantwortet diese Interpellation dahin, daß mit dieser Bewilligung Alles hergestellt werden könne, was noch nothwendig gewesen sei und daß Nachforde­rungen nicht mehr eintreten würden.

Der angeforderte Betrag wird hiernach genehmigt.

Eine Vorlage Großh. Regierung betr. Bewilligung eines Betrages von 18200Mk. zur Erweiterung der Bahn­hofsgeleise auf den Stationen Stockheim und Alsfeld wird, da der Ausschuß die Nothwendigkeit dieser Aufwendungen anerkennt, ohne Debatte genehmigt.

Ein Gesuch der Bürgermeister der Gemeinden Georgen- hausen, Zeilhard und Dilshofen wegen Herstellung einer Verladestelle für Waggonladungen bei Zeil­hard wird für erledigt erklärt, da sich die Hessische Ludwigs- Bahn bereit gefunden hat, die gewünschte Erweiterung zur Ausführung zu bringen.

Auch die von der Regierung geforderte Wohnungs­geldzulage für sechs VrückenwÜrter an der Brücke bei Worms ä 72 Mk. wird ohne Debatte genehmigt.

Ferner wird für die Brückengeld-Erhebungsstelle zu Gernsheim der Betrag von 250 auf 300 Mk. erhöht.

Ein Gesuch des Forstwarten Konrad zu Harreshausen um Gehalts-Erhöhung wird abgelehnt.

Eine längere Discussion ruft eine Eingabe des Land­tagsabgeordneten Ph. Müller (Soc.) an das Präsidium des Hauses hervor, worin er Protest einlegt wegen einer Vorladung vor Großh. Strafkammer, welche unter Androhung der Verhaftung bezw. Vorführung im Falle Ausbleibens in einer gegen ihn schwebenden Strafsache wegen den öffentlichen Frieden gefährdender Aufreizung verschiedener Klaffen der Bevölkerung, als Herausgeber derVolksstimme", gegen ihn erlassen wurde und sich auf feine Immunität als Abgeordneter beruft. Ein gleicher Fall lag im Jahre 1886 mit dem Abg. Wasserburg vor.

Staatsminister Finger kann auch heute noch nicht die volle Immunität eines Abgeordneten wegen eines den Staat und seine Einrichtungen gefährdenden Vergehens anerkennen. Die Regierung will jedoch, bevor sie die angedrohte Ver­haftung oder eine Verhaftung überhaupt ausführt, den Beschluß der Kammer einholen.

Hiermit ist das Haus einverstanden.

Hiernach vertagt sich die Kammer bis zum Herbst d. I.

nn. Darmstadt, 14. Mai. Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Heinrich von Preußen, welche gegen­wärtig zu Besuch der Großherzogl. Familie sich hier befindet, wird am 20. d. Mts. zum Besuch der Kaiserin Friedrich nach Homburg reisen und dort einige Tage der Gast der Kaiserin sein. Hiernach begibt sich die Prinzessin nach Kiel.

Berlin, 14. Mai. Dem Handelsminister Freiherrn v. Berlepsch ist durch die Verleihung des Rothen Adler­ordens erster Klasse mit Eichenlaub von seinem erlauchten Souverän ein bemerkenswerthes Pfingstgeschenk gemacht worden. Allseitig erblickt man in diesem allerhöchsten Huldbeweis ein Zeichen der Anerkennung, welches der Kaiser den Verdiensten des genannten hohen Staatswürdenträgers um das Arbeiter­schutzgesetz hat zu Theil werden lassen. Bekanntlich wurde auch der Staatssecretär im Reichsschatzamte, v. Ma ltzahn, gleichzeitig mit Herrn v. Berlepsch durch eine Ordensdeco- ration ausgezeichnet, durch den Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Klasse, gleichfalls mit Eichenlaub. Es ist indessen noch nicht näher bekannt, was die äußere Veranlassung der Herrn v. Maltzahn zu Theil gewordenen Auszeichnung bildet.

Neueste Nachrichten.

WolfiS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 14. Mai. Das Herrenhaus nahm heute den Rest der Landgemeindeordnung ohne wesentliche Aenderungen an, nur in § 75 (betr. die unbesoldeten Ehrennämter) wurde die Abgeordnetenhaussaffung dahm abgeändert, daß der Ge­

meindevorsteher auf 12 statt auf 6 Jahre gewählt werde« soll,- Minister Herrfurth hatte sich dagegen ausgesprochen. Das Gesetz wurde im Ganzen mit großer Majorität ange­nommen. Die nächste Sitzung ist unbestimmt.

Hannover, 14. Mai. Se. Majestät der Kaiser traf heute Morgen 7 Uhr hier ein und begab sich sofort von de« Bahnhofe aus zu Wagen nach der Vahrenwalder Haide, w« die Besichtigung des Königs-Ulanen-Regiments (1. Hannover­sches Nr. 13) stattfindet.

Hannover, 14. Mai. Nach der Rückkehr von der Be­sichtigung des Königs-Ulanen-Regiments nahm der Kaiser auf dem Waterlooplatze die Parade über die übrige Garnison ab. Nach zweimaligem Parademarsch ritt der Kaiser an der Spitze der Fahnencompagnie zum Schlosse und begab sich von dort kurz vor 12 Uhr nach der Dreifaltigkeitskirche, um der Trauung des Commandeurs des Königs - Ulanen - Regi­ments Oberftlieutenants v. Bülow mit der Gräfin Schulen­burg beizuwohnen.

Hannover, 14. Mai. Se. Majestät der Kaiser wohnte nach der Trauung des Oberstlieutenants v. Bülow mit der Gräfin Schulenburg dem Hochzeitsfrühstück in Kastens Hotel bei und brachte den Trinkspruch aus die Neuvermählten aus. Um 3 Uhr Nachmittags erfolgte die Rückreise Sr. Majestät nach Berlin.

Königsberg i. Pr., 14. Mai. Nach einer offiziellen Mit­theilung verbleibt es bei dem für die Enthüllung des Denk­mals für den Herzog Albrecht anberaumten Termin. Der Kaiser trifft am 19. Mai zur Teilnahme an der Ent- hüllungsfeiev ein.

Wien, 14. Mai. Eine M'ttheilung der japanischen Re­gierung an die hiesige japanische Gesandtschaft aus Tokio vom 14. Mai besagt: Der japanische Prinz Kita Schirobawa brach mit den Hofärzten in Begleitung der Minister deS Aeußeren und des Innern nach Kioto zu dem verwundeten Großfürsten-Thronfolger von Rußland auf. Das Ereigniß hat im japanischen Volke große Besorgniß verursacht und die einheimische Presse drückt einmüthig Bedauern unb Erbitterung über das Attentat aus.

Wien, 14. Mai. DerPolit. Corr." zufolge beschäftigt die Fortdauer der Anarchie in Korfu und in Zante die ernste Aufmerksamkeit mehrerer Eabmete. In Bezug auf die humanitäre Seite der Angelegenheit gilt in der diplomatischen Welt in erster Linie England zur Wortführung berufen, weil die jonischen Inseln ein Geschenk Englands an Griechenland seien. Einige andere Mächte müßten zugleich ihre Staats­angehörigen und Handelsintereffen schützen. Griechenland scheint nunmehr energische Maßnahmen zu ergreifen, von deren Wirksamkeit das weitere Verhalten der Mächte abhängt.

Rom, 14. Mai. In der heutigen Sitzung der Kammer bei der Berathung des Budgets des Aeußeren erklärte Rudini, der Dreibund habe den Zweck, das europäische Gleichgewicht und den Frieden aufrecht zu erhalten. Eine große Nation müsse einer beständigen Richtschnur folgen, da­mit sie die Früchte ihrer Politik genießen könne. Betreffs der Vorgänge von New-Orleans dürfe man deren Bedeutung nicht übertreiben, noch daraus eine Frage der nationalen Würde machen. In der Politik der Handelsverträge bleibe er fest und werde er alles Mögliche aufbieten, um mit den benachbarten Mächten Handelsverträge abzuschließen.

Rom, 14. Mai. Die demnächstige Encyclica des Papstes über die sociale Frage wird den Grundsatz des Collectiveigenthums zurückweifen und betonen, daß die katholische Lehre das vornehmste Element jeder Lösung der socialen Frage bilde. Die Encyclica erinnert an die Grund­sätze des Evangeliums in Bezug auf die Brüderlichkeit der Arbeitgeber und Arbeiter. Die Kirche werde jederzeit das Ihre dazu beitragen, daß diese Grundsätze Anwendung fänden, und sie werde mit allen materiellen und moralischen Mitteln hel­fend eingreifen. Die Mitwirkung des Staates müsse sich auf die Regelung des Privateigenthums, auf die öffentliche Ruhe, auf das moralische und materielle Wohl der Arbeiter er­strecken. Das Ausschreiben behandelt sodann die Fragen der Feiertage, der Ausstände, der Löhne, Arbeitsdauer, Frauen- nnd Kinderarbeit, Kranken- und Unfallversicherung, der Hilfs- genoffenfchaften, sowie der Syndicate und schließt mit dem Lobe für das hierin bereits Geschehene und mit der Auf­forderung an alle Betheiligten zur Pflichterfüllung.

Paris, 14. Mai. Nach Meldungen aus Brest hat gestern 18 Meilen von Quessant entfernt zwischen dem deutschen DampferFriedrich Krupp" und dem englischen Dampfer ^Mentana" ein Zusammenstoß ftattgefunben, in Folge letzterer sofort sank. Die Bemannung wurde gerettet und von dem deutschen Dampfer ausgenommen. Das Wetter war sehr nebelig.

Paris, 14. Mai. Ein Telegramm aus Buenos AyreS