Rr. 267. Zweites Blatt. Sonntag den 15. November
1891
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rlnrtlichev Theil.
Bekanntmachung.
Montag, den 23. November 1891, Nachmittags 2 Uhr, wird in dem Englischen Hof (bei Herrn Christian Wagner) zu Grünberg eine Generalversammlung des landwirthschast- lichen Bezirksvereins Gießen abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirksvereins und der landwirthschaftlichen Ortsvereine, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung:
1. Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger zu Alsfeld, über: „Die rationelle Bewirthschaftung des Bauerngutes."
2. Vortrag des Herrn Kreisveterinärarztes Gerhard zu Grünberg, über: „Zucht und Pflege des Rindviehes mit besonderer Berücksichtigung der Zuchtbullen."
Gießen, den 9. November 1891.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Regierungsrath.
totales mtö provinzielles.
Gießen, 14. November 1891.
— Sitzung Großherzogl. Handelskammer vom 10. November 1891. Anwesend waren die Herren: Koch, Scheel, Heichelheim, Hornberger, Katz, Kraatz und Wort- mann. Die Neuwahl der Vertreter bei den Königl. Preuß. Bezirks-Eisenbahn-Räthen Köln, Frankfurt a. M. und Hannover ergab Wiederwahl der seitherigen Mitglieder: Herr F. C. B. Koch als Mitglied jener Körperschaft und Herr A. Katz als stellvertretendes Mitglied. — Bei der Ergänzungswahl Großherzogl. Handelskammer pro 1892 scheiden aus (sind aber wieder wählbar) die Herren S. Hei
chelheim, C. Klingspor und R. Scheel. Das Nähere besagen die Publicationen. — Die Handelskammer Mann- heim befürwortet eine durch das Reich oder die Einzelstaaten einheitlich zu organisirende Saatenstands-Berichterstattung und begründet die Vortheile einer solchen Statistik in eingehender Weise. Die Handelskammer beschließt, diese Bestrebung zu unterstützen. — Der Vorsitzende berichtet über die am 4. November stattgefundene Gesammtsitzung des Bezirks- Eisenbahnraths Köln. Dieser Körperschaft war von Seiner Excellenz dem Herrn Minister Thielen ein Antrag der Handelskammer Bielefeld — die Aushebung der Auslands-Tarife für Steinkohlen betreffend — zur gutachtlichen Aeußerung überwiesen worden. Dieser Gegenstand war nicht auf der Tagesordnung vorgesehen, doch ward die Dringlichkeit beschlossen, der Antrag dem Ausschuß überwiesen. Es soll dieserhalb eine Gesammtsitzung am 21. December l. I. stattfinden. Unser Vertreter präcisirte dort den Standpunkt unserer Kammer, welche zuerst (und zwar im Jahre 1889) die Aufhebung der Exporttarife beim Herrn Minister Maybach beantragt habe — leider ohne Erfolg. Inzwischen seien die Zustände noch bektagenswerther für den inländischen Con- sum, namentlich die minder bemittelten Volksklaffen geworden und auch die Hochofen-Industrie leide seit dem niedrigen Roheisenpreis sehr unter den Preisbildungen der Kohlen- Syndicate, sodaß aus jenem Lager jetzt eine wirksame Unterstützung in unserem Sinne zu erwarten sei. Die Kammer beschloß, aus's Neue selbständig vorzugehen, sowohl beim Königl. Preußischen Herrn Minister, wie auch bei Großh. Ministerium und die hessischen Handelskammern zu gleichem Vorgehen auszufordern. — Seitens der Handels- und Gewerbekammer in Wien geht uns eine Mittheilung, betr. Bestimmungen für die Neuregistrirung und Erneuerung der Registrirung von gewerblichen und Handelsmarken zu, was wir Interessenten mit dem Anfügen zur Kenntniß bringen, daß qu. Bestimmungen bei uns eingesehen werden können.
— Der Getreidemarkt. Der europäische Getreidemarkt zeigt seit Wochen eine characteristische Signatur. Treten einige auf die Preissteigerung wirkenden Momente ein, so schnellen die Preise für Roggen, Weizen und Hafer per Tonne sofort um 2 bis 3 Mark in die Höhe. Alsbald zeigt es sich aber, daß sich zu den erhöhten Preisen nicht viel Kauflustige finden und das Geschäft verstaut wieder, weil
eben die Preise an sich schon sehr hoch sind, und alle großen Händler und Mühlenbesitzer mit einem Preisabsall in Folge der großen Zufuhr amerikanischen Getreides rechnen. Gegen die Vorwoche ist in Folge des Preisdruckes in Amerika sogar ein kleiner Rückgang der Preise für Weizen, Roggen und Hafer von 1 bis li/2 Mark per Tonne eingetreten. Nachrichten aus Petersburg wollen nun aber wissen, daß in Folge des großen Nothstandes in Rußland dort wahrscheinlich auch noch ein Ausfuhrverbot für Weizen und Hülsenfrüchte erlassen werden dürste, ein Umstand, welcher natürlich wieder steigernd auf die Getreidepreise wirken würde.
△ Aus Oberheffeu, 12. November. Für die landwirthschaftlichen, kleineren Brennereien in unserer Provinz (Großbrennereien gibt es bei uns nicht) ist ein Bundesrathsbeschluß, der kürzlich gefaßt wurde, von Wichtigkeit. Der Mais (das Welschkorn) gehört zu den Getreidearten. Wer Getreide brennt und zur Hefebereitung übergeht, kann bei der nächsten Neucontingenttrung um ein Achtel — 121/2 Procent vermindert werden. Nun sind aber die Kartoffeln in den letzten Wochen so im Preise gestiegen, daß der Doppelcentner, wie ihn der Acker gibt, d. h. nicht ausgelesen, mit 6 Mk. und darüber bezahlt wird. Jeder Land- wirth kann sich daraus berechnen, daß er besser thut, die Kartoffeln zu verkaufen, anstatt den Aufwand für Brennmaterial, Arbeitslohn, Gerstenmalz und Steuer zu machen, um den Branntwein aus den Kartoffeln zu ziehen. Doch kommt das warme Futter, welches dem Vieh so zuträglich und gesund ist, sehr in Betracht und nur ungern missen es die Landwirthe. Sie können es erreichen, wenn sie Mais brennen, denn dieser ist billiger als die diesjährigen Kartoffeln; er gibt einen etwas rauheren Branntwein, aber daneben ein vortreffliches Viehsutter. Allerdings gehört er zu den Getreidearten, aber wer ihn brennt, ohne daß er zur Hefenbereitung übergeht, dem wird das Kontingent in der nächsten Neucontingentirung nicht vermindert. Es ergibt sich daraus, daß den Brennern das Verarbeiten von Mais empfohlen werden kann. Der preußische Finanzminister hat in einer Verfügung an die Steuerbehörden ausgesprochen, daß die kleinen landwirthschaftlichen Brennereien, welche sonst nur Kartoffeln verarbeiten, für das Betriebsjahr 1891/92 befugt sein sollen, ohne besondere Genehmigung der Steuerbehörden zum Verarbeiten des Maises in beliebigem Umfange überzugehen. Bei uns wird das auch eintreten,
Ferrilletsn.
Sie «nd ihr Viertelsvetter.
Erzählung von I. Bonnet.
(6. Fortsetzung.)
Da hörte sie einen Schritt in ihrer Nähe. Wahrscheinlich Lieutenant Hecht!
Bevor sie ihre Thränen vollends getrocknet hatte, stand der Vater vor ihr.
„Aber, Kind," sagte er mißgestimmt, „was soll das? Alles fragt fiach Dir, Hecht ist verzweifelt, was muß man von Dir denken? Bist Du unwohl?"
„Nein, Papa!"
„Nun, ich bitte Dich!"
„Lieber, guter, bester Papa!" schmeichelte sie, ihn zu sich niederziehend.
„Liebling, was hast Du in aller Welt? Wir haben wirklich keine Zeit. Komm!"
„Erft antworte mir, bitte, bitte, allerbester Papa! Weß° halb erscheint Herr Emling nickt unter unseren Gästen? Ich bin ihm so viel Dank schuldig!"
„Das ist ja alles ganz gut, liebes Kind, jedoch, in der Thal, er paßt wirklich nicht in unsere Kreise."
„Ah, er ist nicht nur hier gewesen, Ihr habt ihn sogar kennen gelernt?" rief Ottilie aufspringend.
„Wenn er es war, ich glaube, hm, ja- Mama sprach mir von dem jungen Menschen. Du ließest ja nicht nach, und da hat sie ihn angenommen, als er kam, und . •"
„Und?" rief Ottilie.
„Mama sagt, er mag ja ganz nett und tüchtig sein in seiner Weise, jedoch, liebes Kind, wir gehören uns wirklich nicht allein, wir sind gehalten, Rücksichten zu nehmen, meine Stellung, unser Haus ... Es geht nicht, mein Kind. Du weißt, Mama hat ein treffendes Urtheil. Genug, es geht nicht."
„Papa!"
„Liebes Kind, ich werde zusehen, daß ich dem jungen Mensa-en nützen kann, wir wollen ernstlich bestrebt sein, uns
■ ihm in anderer Weise dankbar zu erweisen. Sei gewiß, ich / thue es. Wir sprechen noch darüber. Jetzt aber komm und bedenke Deine Pflicht als Tochter des Hauses."
Er legte ihre Hand unter seinen Arm und zog sie mit i sich fort.
Erst tief in der Nacht war das Haus von Gästen leer. , Ein Frösteln überlief Ottiliens Glieder, die weiten Räume ‘ wie ausgestorben zu sehen. Was hatte man schließlich von i all dem rauschenden Leben, wenn Leere innen und außen 1 zurückblieb? Im vergangenen Jahre war ihr dieser Ge- ? danke, dieses Gefühl nie gekommen, jetzt aber peinigte es sie. ; Jedes Familienglied zog sich todmüde zurück. Man schlief > bis in den Tag hinein. Der folgende Abend brachte neue , gesellschaftliche Pflichten, neue Erschöpfung, und so fort. Eins \ gehörte dem andern nicht, man gehörte allen und keinem, ä Es war eine ewige Erhitzung der Sinne, weiter nichts. Zum j eigenen Ausleben kam keins.
Was wohl Robert dazu sagen würde? dachte Ottilie. i Ob der Vater nicht im Recht war mit der Behauptung, er ] passe nicht in diesen Kreis? Vielleicht war es gut, daß er J nicht hineingezogen worden war. Wer weiß, ob er sich darin j wohl gefühlt hätte? Und wenn nicht, sie hätte es nicht er- ! leben mögen, daß ein tadelnder Blick von ihm sie streifte, ] so oft sie selbstvergessen dem Rausche des Augenblickes sich \ ergab.
Mit solchen Gedanken entkleidete sie sich, erleichterten und \ beschwerten Herzens zugleich.
„Wie er wohl lebt und was er wohl treibt den ganzen I Tag und den späten Abend," dachte sie, sich zur Ruhe legend.
„Getrennt wie beide Welten ist unser beider Ziel," seufzte es in ihr auf, und dann fielen ihr die müden Augen zu und sie träumte, er und sie stunden fern voneinander auf den entgegengesetzten Ufern des Blankensees, bis er auf ein- ! mal einen Kahn löste, hineinsprang und sie herüberholte, wo- l zu der Onkel, die Tante und alle die Cousinen zunächst der kleinen Schaar lebhaft Beifall klatsckten.
Ob Robert in derselben Nackt Aehnliches träumte? So viel steht fest, mit offenen, wie mit geschlossenen Augen träumte er oftmals von dem lieblichen Mädchenbilde, das ihm so nahe gewesen und nun so fern geschieden war. Nach ihr
blickte er aus, wenn er durch den vornehmen Westen Berlins ging, und sie meinte er zu sehen, wenn ein Wagen mit einer Dame an ihm vorüberrollte.
Die eiserne Pflicht trieb ihn vorwärts auf sein Ziel zu. Aber noch eins! War es Ehrgeiz oder was sonst, die Erinnerung an sie beflügelte seinen Geist, seine Kraft und seine Arbeit. Ottilie sollte wenigstens hören, daß er, wenn die Jahre ihren Staub über die schönen Blankenseer Erinnerungen gestreut hatten, ein ganzer Mann geworden war, dessen sie sich nicht zu schämen brauchte.
Eines Tages erhielt er eine Vorladung vor den Decan der juristischen Facultät, dem er durch eine vorzügliche Stipendiumsarbeit bekannt war.
Der Decan freute sich, ihm mittheilen zu können, daß für seine nächste Zukunft gesorgt sei. Ein hoher Gönner habe ihm aus einer Stiftung die hübsche Summe von dreitausend Mark für die nächsten drei Jahre erwirkt.
Robert wurde vor Glück über und über roth. Hatte doch seine Zukunft nebelgrau vor ihm gelegen, während jetzt durch dieses seltsame Begebniß alle seine Sorge mit einem Schlage beseitigt war.
Plötzlich aber brachte er aus einem dunklen Triebe die Frage über die Lippen, wem er solch unverhofftes Glück zu verdanken habe.
„Mein lieber Herr Emling," entgegnete der Geheimrath v. Bader, „das sollte eigentlich auf sich beruhen. Jndeß ehre ich Ihren Wunsch, den unbekannten Wohlthäter, der übrigens ausdrücklich auf jede Aeußerung des Dankes verzichtet, zu erfahren. Es ist kein Geringerer, als der Präsident Rehmer, Excellenz Nehmer, zu dessen Familie Sie ja wohl in entfernter Beziehung stehen."
Robert war bleich geworden.
„Herr Geheimrath," sagte er, „das Wohlwollen des Herrn Präsidenten verkenne ich nicht. Aber es gibt Bedürftigere als ich. Glücklicherweise befinde ich mich in einer Lage, die es mir leicht macht, die Annahme der Unterstützung mit Dank abzulehnen."
(Fortsetzung folgt.)


