Freitag den 14. August
Nr. 187
Kießener Anzeiger
Generat-Unzeiger.
Mr Gießener
wtta! dem Anzeiger ^Hchnttlich dreimal beigelegt.
Der
Anzeiger tieschemt täglich, mit Ausnahme des Montags.
1891
ViertAtährtger Asonnementiprei» i 2 Mark 20 Pfg. m» Bringcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Redaktion, LxpediNo« und Druckerei:
AchntstrateUr.K. Fernsprecher 51.
Aints- und Anzeigeblatt für den ALreis Gietzen.
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2lmtlid?er Theil.
Bekanntmachung,
Lie Unterhaltung der Kreisstraßen; hier: den Umbau der Lumdabrücke bei Mendorf betreffend.
Die im Zuge der Kreisstraße Allendorf—Climbach gelegene Lumdabrücke wird wegen Umbaus von Montag -en 17. August l. I. ab bis auf Weiteres für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gießen, am 12. August 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_____________________I. V.: Jost.______________________
Anfragen über dienstliche Verhältniffe werden in der Privatwohnung des Bezirks - Commandeurs nicht mehr angenommen, dagegen an Wochentagen von früh 8 bis Abends 6 Uhr, Sonntags am Vormittag im Dienstgebäude, Seltersweg Nr. 55, beantwortet.
Großherzogliches Bezirks-Commando.
Caspary,
Oberstlieutenant z. D. und Bezirks-Commandeur.
Netteste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Sorrk-spondenz-Bureau.
Berlin, 12. August. Nach dem „Reichsanzeiger" ergibt die durch das Statistische Bureau vorgenommene Ermittelung der E r n t e a u s s i ch t e n für den gesummten Staat an Winterweizen durchschnittlich 91 pCt. Mittelcrnte, an Sommergerste 102 pCt., an Hafer 104 pCt. einer Mittelernte,- an Erbsen 10 pCt., au Kartoffeln 95 pCt., an Winterraps und Rübsen 74 pCt., an Hopfen 90 pCt., an Kleeheu 91 pCt., an Wiesenheu 90 pCt. einer Mittelernte, an Winterroggen 32 pCt. Der „Reichsanzeiger" weist gegenüber den Meldungen der Blätter darauf hin, daß das zu erwartende Er- gebniß der Kartoffelernte von durchschnittlich 95 pCt. einer Mittelernte einen Ausgangszoll auf Kartoffeln nicht rechtfertigen würde, zumal der Export von Kartoffeln aus Deutschland nur geringfügig sei.
Berlin, 12. August. Die „Nordd. Allgem. Ztg." weist gegenüber der Erregung, welche in Folge des russischen Getreide-Ausfuhrverbots an der Börse Platz gegriffen, aus die Thatsache hin, daß der Antheil Rußlands an der Versorgung des Weltmarktes während der letzten zwanzig Jahre außerordentlich schwankte und daß Dank des entwickelten Verkehrswesens der jeweilige Ausfall der russischen Getreide- production von den anderen Productionßländern gedeckt worden sei. Im gegenwärtigen Momente seien die Vereinigten Staaten bereit, Rußland voll zu ersetzen- in der Reserve stehen überdies Indien, Rumänien, Oesterreich-Ungarn und . andere Exportländer. Deutschland könne daher der Ent
wickelung der Verhältnisse ruhig entgegensetzen. Die russische Maßregel treffe sogar Deutschland in einem günstigen Zeitpunkte, da die neue Ernte teilweise bereits eingeheimst oder dieses unmittelbar bevorstehe. Es frage sich außerdem, ob Rußland angesichts der durch den unvermeidlichen Rubelcourssturz bedingten finanziellen Opfer, sowie angesichts der Schädigung seiner ohnehin nothleidenden Landwirthschaft das Ausfuhrverbot ausrechterhalten könne.
Kiel, 12. August. Die Kaiserin stattete heute Mittag der Prinzessin Henritte und der Gemahlin des Professors Esmarch einen Besuch ab. Nachmittags um vier Uhr machte das Kaiserpaar aus der Segelyacht „Meteor" eine Fahrt aus der Föhrde.
Borkum, 12. August. Aus die vom Staatssecretär v. Stephan vom Bord des Kabelschiffes „Faraday" vor Borkum aus Anlaß der glücklich beendeten neuen telegraphischen Verbindung zwischen Deutschland und England an den britischen Generalpostmeister Raikes gerichtete Begrüßungsdepesche traf nach wenigen Minuten folgende Antwort desselben auf dem neuen Kabel ein: „Ew. Excellenz danke ich herzlich für Ihr eben erhaltenes Willkomm-Telegramm und sende warmen Glückwunsch zu der glücklichen Vollendung der neuen Verbindung, welche die deutsche und die britische Nation noch enger verknüpfen und die freundlichen Beziehungen befestigen wird, die zwischen unseren beiden Verwaltungen so glücklich bestehen. Raikes.
Fulda, 12. August. Die Bischofs-Conserenz wurde heute Morgen 8 Uhr wegen der Renovirung der Bonifaciusgruft im hohen Chor des Domes mit einer viertelstündigen Andacht eröffnet. Anwesend sind der Erzbischos von Köln, der Fürstbischof von Breslau, die Bischöfe von Ermland, Culm, Hildesheim, Osnabrück, Münster, Limburg, Trier und Fulda, sowie der Feldprobst Dr. Aßmann. Das erledigte Erzbisthum Posen-Gnesen vertreten der Weihbischof Likowski aus Posen und Capitularvicar Kraus von Gnesen. Paderborn ist vertreten durch den Capitularvicar Stuckmann. Wegen des preußischen Diöcesanantheils sind außerdem anwesend der Erzbischof von Freiburg und der Bischof von Mainz. Den Vorsitz führt der Erzbischof von Köln. Die Conferenz dauert voraussichtlich zwei Tage. Die Berathungs- gegenstände sind unbekannt.
Ischl, 12. August. Der Kaiser besuchte heute Mittag den König von Serbien- letzterer besuchte alsdann die anwesenden Mitglieder des Kaiserhauses, den Oberhofmeister Hohenlohe und den Grasen Kalnoky, welcher seinerseits Ristic und Pasic besuchte. Nach dem Diner machte der Kaiser mit dem König eine Spazierfahrt nach Strobl. Sodann fand eine Rundfahrt auf dem Wolsgangsee und Abends Theatervorstellung statt. — Der König von Serbien verlieh dem Erzherzog Franz Salvator und dem Prinzen Leopold von Bayern den weißen Adlerorden erster Klasse.
Paris, 12. August. Graf d 'Ormesson begab sich heute zum Großfürsten Alexis, um denselben im Aus
trage des Ministerpräsidenten de Freycinet, welcher von Paris abwesend ist, zu begrüßen.
Petersburg, 12. August. Behuss Erleichterung der Lage der Roggen bedürftigen Gouvernements beschloß die Tarif- Commission des Finanzministeriums die Herabsetzung des Transporttarifs aus den russischen Bahnen für Kar- toffeln, die bestimmt sind, Roggen zu ersetzen, und für Mais, der bestimmt ist, den Branntweinbrennereien den Roggen zu ersetzen, um sünszig Procent.
Konstantinopel, 12. August. Infolge des Schrittes des französischen Botschafters Montebello hat die Pforte die Zahlung des Lösegeldes zur Besreiung des von Räubern eingefangenen Franzosen Raymond angeordnet.
Depeschen btS „Bureau Herold".
Bochum, 12. August. Der Vertreter des Depeschen- Bureau „Herold" erfährt, Fusangel trete demnächst seine Gefängnisstrafe an.
Die Obsternte Deutschlands schildert „der practische Rathgeber im Obst- und Gartenbau", welcher zu diesem Zwecke eingehende Erhebungen veranstaltete, wie folgt:
Die Obsternteaussichten sind nicht mehr ganz so günstig, als sie es gleich nach der Blüthe waren. Es wird von vielen Seiten geklagt, daß halbentwickelte Früchte noch massenhast abgesallen sind. Immerhin steht im großen Durchschnitt noch ein verhältnißmäßig guter Obstertrag in Aussicht.
Von Aepseln ist in unserem Hauptobstlande, in Württemberg, nach den vorliegenden Berichten kaum eine Mittelernte zu erwarten. Auch in der für den Obstbau wichtigen Maingegend und in vielen Theilen von Hessen- Naffau ist es nicht wesentlich besser. Baden und Elsaß- Lothringen haben im Durchschnitt eine gute Mittelernte. Bayern (mit Ausnahme der Maingegend), Pfalz und Hessen- Darmstadt eine gute Ernte. Aus der Rheinprovinz und Westfalen lauten die Berichte sehr ungleich, im Durchschnitt nur wenig über Mittel. Ziemlich gut wird die Aepselernte sein in den Thüringer Staaten, in Schlesien, fast gut in Brandenburg und Hannover, gut im Königreich Sachsen und in der Provinz Sachsen. Sämmtliche Küstenländer: Schleswig- Holstein, Mecklenburg, Pommern, Westpreußen (mit der'obst- reichen Weichselniederung), Ostpreußen haben guten und sehr guten Aepfelertrag zu erwarten, mit wenigen Ausnahmen.
Birnen bringen im gesammten Süddeutschland (einschließlich Württemberg) eine gute Mittelernte, nur vereinzelt ist der Ertrag gering. — In Mitteldeutschland ist durchweg eine ziemlich gute Birnenernte in Aussicht. (Frühbirnen tragen häufig sehr gut.) Die nördlichen und nordwestlichen Länder und Provinzen: Hannover, Oldenburg, Schleswig- Holstein und Mecklenburg erwarten wiederum eine recht gute
Feuilleton
Eine unheimliche Requisition.
Humoreske aus dem letzten Kriege. Von Leo Sonntag.
(Schluß.)
„Wo ist Ihr Vieh hingekommen?"
„Alles von unserer Regierung angekauft und schon lange weg — nach Paris."
„Daß Dich, Du verfluchter Lügendeubel!" fiel Sergeant Bornemann ein. „Glauben Sie dem Schuft kein Wort, Herr Lieutenant- das ganze Viehzeug ist erst heute Morgen fortgetrieben worden. Am hinteren Hofthore liegen ganz frische Kuhspuren." . . . „ ,
Mochte dem aber sein, wie ihm wollte, jedenfalls konnten wir gerade den wichtigsten Theil unseres Austrages, einige Stück lebenden Rindviehs zu requiriren, nicht ausführen. Dafür aber fanden wir anderweitige reichliche Vorräthe und bald waren unsere Wagen mit Speck, Wein, Korn für unsere Leute und Hafer und Heu für unsere Pferde schwer beladen. Große Schwierigkeiten bot uns die Auffindung dieser Schätze nicht, denn der Hosbesitzer hatte uns selbst, wenn auch mit Mürrischer Miene, auf die Speicher geführt, uns Säcke zum Einfüllen angewiesen, kurz, keinen Versuch gemacht, uns Hindernisse in den Weg zu legen oder die Ausführung unseres Vorhabens zu verzögern. Wir konnten daher auch mit dem Ausfall unserer Requisition, trotz des Nichtantreffens von
lebendem Vieh, um so mehr zufrieden fein, als wir durch keinen Zwischenfall gestört wurden. Die Felder und die Waldränder waren auf das Sorgfältigste beobachtet worden, allein auch nicht das geringste Anzeichen vom Herannahen eines Feindes war zu entdecken gewesen, nichts Lebendes hatte sich blicken lassen.
Trotzdem wir Anfangs diesem friedlichen Aussehen nicht recht trauten, so schwanden unsere Befürchtungen immer mehr und so glaubte denn auch schließlich Lieutenant v. Marwitz, ungeachtet des Kopsschüttelns des Vicefeldwebels, seinem erschöpften Detachement an den zur Abfahrt bereitstehenden Wagen eine kurze Rast zu einem kräftigen Imbiß aus dem Rothweinkeller des Hofes bewilligen zu dürfen. Nur zu bald aber sollten wir diesen Aufenthalt bereuen, denn er brachte uns eine so aufregende halbe Stunde, wie wir sie in dem ganzen, an Aufregung so reichen Feldzuge je erlebt und die allen Theilnehmern an der Expedition unvergeßlich geblieben ist, trotz ihres fröhlichen Schluffes.
Einige unserer Leute, weniger müde wie die übrigen, hatten die Ruhepause zu einer Hühnerjagd benutzt, um wenigstens einen kleinen Beitrag zur frischen Fleischkost zu erlangen. So waren sie denn bis in die äußerste Ecke des Hofes an ein kleines Gebäude gelangt, dessen Thüre sie verschlossen fanden und an deren Oeffnen bisher noch Niemand gedacht, da kein Grund zu irgend welchem Verdacht vorgelegen hatte. Der Hosbesitzer, der bisher neben dem Offizier gestanden und mit stillem Ingrimm, jedoch mit ziemlichem Gleichmuth das Sportsbedürfniß unserer Leute beobachtet hatte, zeigte plötzlich eine merkwürdige Unruhe, als einer der I Soldaten an der verschlossenen Thür zu rütteln begann und
Anstalten machte, das widerspenstige Schloß mit seinem Seitengewehr „aufzuschließen".
„Mein Herr Offizier," wandte er sich Plötzlich an v. Marwitz, „ich habe Ihnen anstandslos alles ausgeliefert, was Sie zum Unterhalt Ihrer Truppen von einem Feinde Ihres Volkes fordern können. Ich glaube daher auch, Sie bitten zu dürfen, Ihre Leute daran zu hindern, zwecklos Thüren mit Gewalt aufzusprengen."
Unser Detachementssührer, der soeben ausbrechen lassen wollte, war auch schon im Begriff, die Leute abzurusen, als der Viceseldwebel, der keinen Blick von dem Franzosen verwandt hatte, meinte: „Herr Lieutenant, dahinter steckt etwas. Sehen Sie nur, wie ängstlich auf einmal der störrige alte Fuchs geworden ist."
Es entspann sich nun ein kurzer Wortwechsel zwischen dem Offizier und dem Franzosen und als letzterer behauptet, zu dem kleinen Gebäude keinen Schlüssel zu besitzen, da diesen seine Frau, die dort ihre Wäsche ausbewahre, bei ihrer eiligen Flucht vor den heranrückenden „barbares du nord“ mitgenommen habe, so wurde die Thür erbrochen und in dem Raum, der einen großen Backosen enthielt, fast zweihundert ganz frische Laibe Brod, in dem Holzstoß jedoch ein halbes Dutzend Gewehre nebst Patronen entdeckt.
„Für wen ist das viele Brod bestimmt?"
„Für die Armen im nächsten Dorse, die sonst immer aus meinem Hofe arbeiten, jetzt aber verhungern müßten, weil sie nichts verdienen."
„Und wem gehören die Gewehre?"
„Den Forstbeamten der Umgegend, die sie hier versteckt haben, weil sie nicht als Franctireurs von Ihren Leutew


