Mission über umstehende Erklärung des Herrn Oberbürgermeisters berathen und darüber folgenden Protokoll-Auszug der Stadtverordneten-Sitzung unterbreitet:
Es wird Kenntnis; von der Erklärung des Herrn Oberbürgermeisters genommen. Die Commission beschließt einstimmig, mit Rücksicht auf den Gegenstand nnd den neuerlichen Verlauf dieser Angelegenheit dieselbe für dringlich zu erklären und daher in die sofortige Berathung einzutreten. Die Berathung ergibt, das; die Commission die Ansicht ihres Borsihenden theilt, cs sei durch die gestrigen zum Thcil mit knappster Mehrheit gefaßten Beschlüsse der Stadtvcrordneten-Vcrsammlung eine für die angestrebte Reform unseres Octroiwesens brauchbare Grundlage nicht gegeben und cs sci daher nutzlos, auf dieser Grundlage nun im Einzelnen weiter zu arbeiten. Die Commission bedauert lebhaft, daß die von ihr in jahrelanger Arbeit gewonnene Auffassung von der Roth- wendigkeit einer Vereinfachung und dem Gemeindewohle dienlicheren Gestaltung unseres Octroiwesens durch das Plenum der Stadtverord- ucteu-Vcrsammlung nicht gcthcilt und hierdurch ein segensreicher Fortschritt unserer städtischen Verwaltung auf unabsehbare Zeit gehemmt wird. Sie ist aber nach Lage der Sache genöthigt, zu beschließen und beantragt hiermit einstimmig:
Stadtverordneten Versammlung wolle von weiterer Reformarbeit in Bezug auf das städtische Octroiwesen nunmehr absehen."
Herr Oberbürgermeister Gnauth verlas zunächst eine Zuschrift der Fleischerinnung, in welcher sie gegen den vor 8 Tagen gesüßten Beschluß, das Octroi für Schlachtvieh (Ochsen) auf 8 Mk. zu erhöhen, Protest erhebt. Das Fleischergewerbe sei in der Stadt durch Abgaben aller Art, wie Schlachtgebühr, Fleischbeschau u. s. w., mit über 60 000 Mk. belastet, dabei seien die Fleischpreise hier niedriger, als in einer Anzahl Städte ohne Octroi. Die Bäcker verzichteten gern auf das ihnen durch Octroibefreiung der Backwaaren gebotene Geschenk. Die Stadtverordneten möchten deshalb den vor 8 Tagen gefaßten Beschluß ausheben, und die Octroisätze bei Umrechnung der Gulden- in die Markwährung nach unten abrunden. Schließlich wird in dem Schreiben betont, daß auch die Metzger sich freuen würden, wenn baldigst das Octroi auf alle Artikel ausgehoben würde.
Neber den Antrag der vereinigten Commission entsteht eine längere Debatte. Herr Sch op buch bittet, eine Reform des Octrois für später auszuheben, da zu einer solchen jetzt die finanziellen Verhältnisse der Stadt nicht günstig seien/ auch liege z. Z. keine Veranlassung zu einer Aenderung in der Erhebung und Controle vor/ wenn eine Aenderung in dieser Hinsicht nöthig werde, so könne man wieder daraus zurückkvmmen. Namentlich solle man vermeiden, einen Artikel zu Ungunsten eines anderen zu belasten. — Herr Wallenfels würde, falls der Beschluß betr. die Befreiung der Backwaaren, nicht aufrecht erhalten würde, einen Antrag auf gänzliche Aushebung des Octrois stellen/ er bemerkt aus den Einwand des Herrn Schopbach, womit dann der Aüssall ausgeglichen werden solle: dies könne durch Erhöhung der Com- munalumlagen geschehen. — Herr Dr. Thaer hält die Frage einer Octroireform durch die Stadtverordneten-Versammlung für eine practische/ wissenschaftlich habe sie zwei Seiten, über welche hier nicht entschieden werden könne. Man solle an dem festhalten, was man habe, und es nicht aus eine ungewisse Zukunft hin ausgeben. Was den Commissionsantrag betreffe, so empfehle er, Weiterarbeit an der Reform unseres Octroiwesens. Für sofortige Wiederaufnahme der Arbeit könne er sich nicht aussprechen, denn dafür seien die Gemüther zu erregt/ der Frage der Octroiregelung lasse sich vielleicht später durch nichtosficielle Besprechungen näher treten. Herr Dr. Thaer stellt schließlich den Antrag, anstatt „ . . . auf das städtische Octroiwesen nunmehr absehen" zu setzen „vorläufig absehen". — Herr Hornberger bezeichnet die Ausführungen des Herrn Dr. Thaer als ihm sympathisch, bemerkt aber, daß der Weg, auf welchem Ersatz für den Wegfall des Octrois aus Backwaaren gefunden werden könne, bezeichnet worden sei. — Herr Oberbürgermeister Gnauth glaubt nicht, daß, nachdem eine Hälfte der Stadtverordneten für eine Reform im Sinne des Commissionsantrags und Beseitigung der Thorcontrole gestimmt, die andere für Beibehaltung des bestehenden Octroiregle- ments mit seinen Mängeln, eine Verständigung in der von Herrn Dr. Thaer angeregten Weise zu Stande komme, sie lasse sich mathematisch nicht erreichen, sondern nur durch Preisgabe der bei der Abstimmung vorhanden gewesenen Grundsätze aus der einen oder anderen Seite. Er werde an Großh. Krcisamt und an Großh. Ministerium der Sachlage entsprechend berichten, die Octroiresorm ad acta legen und dieselbe nur hervorholen, wenn ein Beschluß der Versammlung ein Näherherantreten wieder fordere. Für diesen Fall bitte er aber, practische Vorschläge zur Octroireform zu machen. — Herr Petri tritt dem Vorschlag des
Herrn Dr. Thaer auf spätere Berathung bei. — Herr Scheel verspricht sich für später nichts Ersprießliches, nachdem mit Ziffern die Gründe belegt worden, die für eine Reform des Octroiwesens im Sinne des Commissionsantrags und Beschlusses der letzten Stadtverordneten-Versammlung sprechen. Die Abstimmung ergab mit 10 gegen 7 Stimmen Annahme des Antrags: „Die Stadtverordneten-Versammlung wolle von weiterer Reformarbeit in Bezug auf das städtische Octroiwesen nunmehr a b s e h e n".
Um die Dienstverhältnisse der Gemeindebeamten in einer deren Verwendung und Besoldung, Pensio- nirung, Wittwen- und Waisen-Versorgung den Staatsbeamten gleichenden Weise zu regeln, sind den Stadtverordneten diesbezügliche Satzungen unterbreitet worden. Danach sind als Gemeindebeamten der Stadt Gießen zu betrachten diejenigen Personen, welche mit der Absicht dauernder und ausschließlicher Verwendung zu Dienstleistungen im Interesse der Stadt durch den Bürgermeister angestellt sind und aus städtischen Mitteln, gleichgültig, ob mittelbar oder unmittelbar, einen festen Gehalt beziehen. Die Dienststellen der Gemeindebeamten sind in 8 Klaffen eingetheilt, sie zerfallen in solche, welche auf Widerruf und in solche, welche definitiv besetzt werden. Definitiv angestellte Gemeindebeamte können nach zurückgelegter fünfjähriger Dienstzeit, sofern Entlassung nicht aus besonders näher bezeichneten Ursachen erfolgt, nur gegen Gewährung eines Ruhegehalts entlassen werden, widerruflich angestellte nach zurückgelegter zehnjähriger Dienstzeit ebenfalls nur gegen Gewährung eines Ruhegehalts. Beim Ableben definitiv angestellter Gemeindebeamten findet das Gesetz, betr. die Sterbequartale der Civilbeamten, für die Hinterbliebenen sämmtlicher Gemeindebeamten das Gesetz, betr. das Civil- diener-Wittwen-Jnstitut, sinnentsprechende Anwendung. Die in 17 Paragraphen gefaßten Satzungen werden genehmigt.
vermischte».
* Das Volksz'ählungs. Formular der Kaiserin Eugenie. Die einstige Gemahlin Napoleon III. hat soeben eine zweimonatliche Reise durch das südliche Frankreich, Italien und Dalmatien beendet. Am Cap Martin hielt sie sich zur Zeit der Volkszählung aus und wurde genöthigt, ein Formular auszufüllen. Folgendes sind die Angaben, die sie gemacht hat: „Gräfin von Pierrefonds (Marie-Eugenie) — 64 Jahre — geboren in Granada (Spanien) — Naturalisirte Französin — Wittwe — Auf der Durchreise." — Arme Frau, die eigentlich nie in ihrem Leben anders war, als „auf der Durchreise!"
* Aus der guten alten Zeit. Der Bürgerwehr- Hauptmann hat seine Truppen lange in der Sonnengluth exerzieren lassen. Nach dem Commando „Rührt Euch!" entsteht ein Gemurmel in der Front. Plötzlich tritt der Schneidermeister Phips vor und sagt: „Herr Hauptmann, wenn Sie aber jetzt nich usfhöre, uns zu kujonire, da kündige mer Ihne de Hypothek."
* Bestrafte Neugier. Das „Franks. Jntelligenzblatt" berichtet: Eine im Ostende wohnende Frau hat die Gewohnheit, alle an ihrer Vorplatzthiire vorbeikommenden, in die höheren Etagen steigenden Personen auszusragen und insbesondere darauf zu sehen, was solche etwa im Hause abzugeben haben. Da alle Beschwerden an der Neugierde der Frau scheiterten, so beschloß irgend Jemand, der von der Sache wußte, eine Radicalcur vorzunehmen. Als nämlich am Dienstag ein Mädchen mit einer Tortenschachtel die Treppe hinaufging, rief die betreffende Frau das Mädchen heran und sagte, es sei oben Niemand zu Hause, sie wolle die Schachtel später abgeben. Diese wurde ihr auch überreicht und kaum war das Mädchen außer Sicht, so wurde auch schon die Schachtel geöffnet, aus welcher zum Entsetzen der neugierigen Frau eine Anzahl Mäuse heraussprang und nach allen Richtungen in der Wohnung verschwand.
Landwirthschastliche Umschau.
A AuS Oberheffen, Mitte Juni.
Der Landwirth ist mit seinen Arbeiten an einem Punkte angelangt, von dem es sich lohnt, Um* und Rückschau zu halten. Auch ein Vorblick wird nichts schaden, denn das lausende Jahr ist ein solches, bei dem man sich auf allerhand gefaßt machen kann. Sorgfältiges Abwägen auf Grund der vorhandenen Thatsachen hat sich noch stets als nützlich bewährt.
Eins nder hatte in Folge einer kleinen Reise Gelegenheit, auch in den südlichen Provinzen unseres Landes Einiges zu sehen, weshalb auch darüber einige Bemerkungen folgen sollen. Zuvörderst steht fest, daß — wie früher des Oefteren darauf hingewiesen — der excesstve Wttterungscharacter des 1891er Jahres
noch nicht verschwunden ist. Wir hatten rauhes, kaltes Wetter bis zum 30. April und sprangen mit einem Male in den Frühling hinein.
Die erste Maihülste bis zum 15. incl. brachte ein wunderbar schönes Frühltngswetter, ähnlich wie wir es in den beiden vorhergegangenen Jahren 1890 und 1889 erlebten. Alle drei Jahre zeichneten sich durch rauhe frostige Vorfrühlinge aus, um sich dann durch herrliche Maimonate zu reoanchiren. Die Verspätungen im Pflanzenleben und -weben wurden meistens sehr rasch eingeholt und bis zum Juni sogar überholt. Der diesjährige Mai zeigte aber doch noch einmal eine tückische Seite und er bewahrheitete, nachdem die Eisheiligen ohne Schaden anzuftiften vorüber gegangen waren, den alten Spruch:
„Sind die drei „aze" :i:) glücklich vorbei Hofft man auf lieblichen, wonnigen Mai: Indessen zeigt Johann von Nepomuken **) Zuweilen noch frostige Tucken und Mucken."
Vom 16. Mai, Pfingstsamstag, trat rauhes Wetter ein, das sich so verschlechterte, daß am 2. Pfingstfeiertage in ganz Mitteleuropa ein förmlicher Schneesturm losbrach, wie er nm diese Zeit factisch seit Menschengedenken nicht erlebt worden ist. Das rauhe Wetter hielt 12 Tage an, erst am 28. Mai wurde es besser und von da an sind wir fast mit einem Sprunge in den Sommer hinein- gerathen, wie wir Ende April vom Winter in den Frühling gerieten.
Die Befürchtungen r der KLlterückschlag Hütte großen Schaden angerichtet, bewiesen sich als nicht zulreffend; kleinere Schäden haben sich seitdem völlig vernarbt. Aber entschiedenen Nutzen hat der 12tägtge Stillstand dadurch gebracht, daß er die ungewöhnlich rasch vorandrängende Entwickelung verlangsamte, daß sich die Halme der Getreidearten stärken und kräftigen konnten und daß Lagerfrucht nicht so leicht vorkommen wird.
Jnzlvischen rückte die Obstbanrnblüthe voran. Wir haben in den drei Jahren 1889, 1890 und 1891 herrliche Obstbaumblüthen gehabt; die diesjährige gab den früheren nichts heraus. Wie die Aussichten bis jetzt stehen, dürsen wir wieder aus reichlichen Obstertrag rechnen und dadurch werden bereits viele Ausfälle in Betreff der Winterfrüchte ausgeglichen. Darum wird an dieser Stelle immer und immer wieder darauf hingewtesen: Pflanzt Obstbäume, Ihr Landwirthe! Pflanzt wetterfeste Sorten, errichtet ein zweites Stockwerk auf Eurem Grund und Boden, es giebt nichts Besseres und Sichereres als den Obstbau.
Wir wenden uns zu dem Stande der Futtergewüchse. Daß Kleeäcker und Wiesen durch den langen Frost Schaden erlitten, ist zweifellos; die schützende Schneedecke fehlte. Monatelang konnte der Frost ungehindert in die Erde dringen und diese gefror meterttef. Hierdurch gingen eingemiethete Kartoffeln, Zuckerrüben und Dickwurzel zu Grunde, mehr als in dem viel kälteren Winter 1879/80, dem die schützende Schneedecke nicht mangelte. Aber eine Freude ist es, zu sehen, wie sich dies Alles nach und nach durch das schöne Gedeihen in Wiese, Garten und Feld wieder anSgleicht. Die Kartoffelpreise sind daher wieder in raschem Sinken begriffen und die Kartoffeln werden darum auch als Ersatz für fehlende sonstige Futterstoffe verwandt.
Die Kartoffeln find überall gleichrnüßig aufgegangen und sehen sehr schön aus; man ist nut dem Hacken beschäftigt; in warmen Lagen wird bereits gehäufelt. Die Znckerrüben versprechen ebenfalls gute Erträge. Das Setzen der Dickwurzel hat begonnen; da hie und da ein leichter Regen fällt, ist das Anwachsen nicht blos dieser, sondern aller Pflanzen, die versetzt werden müssen, sehr begünstigt.
In Betreff der Wiefenerträge ist zu bemerken, daß sich hier wahrscheinlich bedeutende Verschiedenheiten zeigen werden, je nachdem die Grasnarbe durch den Frost gelitten hat, oder nicht. Es darf aber betont werden, daß der Graswuchs seit Anfang dieses Monats sehr erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Aehnllch ist es mit den Wintergetreidearten: Roggen und Weizen. Die Lücken, die es hier gibt, werden aber durch Gerste nnd Hafer wahrscheinlich vollständig ausgeglichen, denn die Sornmergetreidearlen versprechen eine volle Ernte. Wir haben die Sommerfrüchte lange nicht so schön gesehen, wie eben jetzt.
Daß das Ungeziefer in Folge der kühlen Witterung zuruck- gehalten und auch vielfach dezimirt worden ist, geht schon daraus hervor, daß sich das Geschmeiß nickt so häufig bemerkbar macht, als in früheren Jahren um dieselbe Zeit. In Bezug auf den Frostspanner, den Obstwürger in höchster Protenz, hat Ihre Zeitung in Nr. 123 vom 31. Mat I. I. eine sachverständige 2li bett aus Oberhessen gebracht, deren Ausführungen wir vollständig betstimmen. Man muß abwarten, ob das gefräßige Insekt seine verderbliche Wirkung äußert. Da die Blüthe rasch verlanfen ist, darf auf ein gutes Resultat gehofft werden
Nun noch ein kleiner Vorblick. Wie die Sachen in der ersten Juniwoche standen, braucht sick der Landwirth in unserem Lande durchaus nicht vor der Zukunft zu fürchten. Wir sind auch, wie Einsender in verschiedenen Gegenden des Landes durch Umfrage erfuhr, mit unseren Vorrätheu keineswegs so aufgebrannt, wie es von anderen Gegenden geschildert wird. Dazu kommt, daß sich die Gemüsearten der jetzigen Jahreszeit: Salat, Spinat, Spargel, Erbsen, Gelbrüben u. A. m. geltend machen, weil sie bei dem prächtigen Wetter rasch gedeihen
*) Die drei „aze" sind Pankraz, Servaz, Bonifaz, 12., 13., 14. Mai.
** ) Johann von Nepomuk ist 16. Mal.__
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