1891
Mr. 135 Drittes Blatt. Sonntag den 14. Juni
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Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
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Amtlicher Lheil.
Bekanntmachung, betr. die Ausführung des Gesetzes über die Unterbringung verwahrloster Kinder, vom 11. Juni 1887, hier das Pflegegeld in den Erziehungsanstalten.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an Vie Grotzh. Bürgermeistereien -es Kreises.
Die nachstehende Verfügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz theilen wir Ihnen zur Kenntniß- nahme mit.
Gießen, 11. Juni 1891. v. G ag ern.
pp. an die Vorstände der evangelischen Rettungshäuser zu Arnsburg, Hühnlein und Jugenheim und der Eziehungs- anstalt zu Gräsenhausen.
Auf die Eingabe vom 2f* l. I. erwidern wir Ihnen, daß wir bei der beabsichtigten Erhöhung des Pflegegeldes für die aus Grund des rubricirten Gesetzes in Ihren Anstalten unterzubringenden Kinder auf 280 Mk. jährlich nichts zu erinnern finden und eventuell keinen Anstand nehmen werden, gemäß Artikel 10 des citirten Gesetzes die Hälfte der fraglichen Pflegegeldbeträge, bezw. gemäß Art. 11 des Gesetzes die ganzen Beträge, aus die Staatskasse zu über; nehmen. ________________
Gießen, 11. Juni 1891.
Betr. die Vertilgung der Blutlaus.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 21. April d. I. (Kreisblatt Nr. 93) noch nicht entsprochen haben, werden an Erledigung mit Frist von 5 Tagen erinnert. ___________v. Gag ern.
Bekanntmachung,
betr. die Maul- und Klauenseuche zu Birklar.
Nachdem innerhalb eines Monats nach Aushebung der Sperrmaßregeln in der Gemarkung Birklar kein neuer Fall der Maul- und Klauenseuche constatirt worden ist, haben wir die Großh. Bürgermeisterei Birklar wieder zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen ermächtigt.
Gießen, den 11. Juni 1891.
Großherzogl. Kreisamt Gießen, v. Gagern.
CotaUs rrnd ptotHttjicHef.
Gießen, 13. Juni 1891.
— Sitzung der Stadtverordneten vom 11. Juni. (Schluß.) Nachdem in voriger Sitzung mit 11 gegen 10 Stimmen be- ■ schloffen worden, an dem vor drei Jahren gefaßten Beschluß, j nach welchem das Octroi auf Mehl und Backwaareu ausgehoben ! werden soll, festzuhalten, hat Herr Oberbürgermeister Gnauth, j durch dessen Stimme zu Gunsten der Aufhebung des Octrois . auf die genannten Artikel entschieden worden, der vereinigten ] Finanz- und juristischen Commission folgende Erklärung unter- , breitet:
„Der vor drei Jahren gefaßte Beschluß der Stadtverordnetcn- ' Versammlung, das Octroi für Mehl und Backwaareu, wie für Brenn- ; Holz und Braunkohlen aufzuheben, war einerseits auf Entlastung der . am schwersten zu entbehrenden Verbrauchsgegenstände, anderseits auf ; möglichste Vereinfachung der Octroicontrole und Erhebung gerichtet.
Nachdem der damals beschlossenen Abwälzung des zu ersetzenden i Octrois auf Wein und Branntwein unüberwindliche gesetzliche Hinder- i nisse sich entgegen gestellt, bin ich mit der Mehrheit der vereinigten i juristischen und Finanzcommission eingetreten für Ersatz des Octroi- ! ausfalls durch eine wesentliche Erhöhung der in Gießen unverhältniß- i mäßig niedrigen Octroisätzc für Bier und eine kleine Erhöhung des i Octrois für Ochsen, unter Freigabe der in kleineren Mengen (von weni- \ ger als 5 kg) eingeführten Fleischwaaren und des Wildprets bezw. ; wenigstens des kleineren Wildprets, wie der Hasen. Beides in der Hoff- ■ nung, mit solcher Einschränkung der octroipstichtigen Gegenstände zu- j gleich zu ermöglichen die vollständige Aufhebung unserer für den Con- i sumenten ebenso lästigen, wie für die räumliche Entwickelung unserer \ Stadt nicht mehr ausreichenden und darum zu kleinen Defraudationen i geradezu verleitenden Octroi-Erhebung bezw. Anmeldung an den vier f Thoren der Altstadt.
Der gestrige, nur mit meinem Stichentscheid gefaßte Beschluß der \ Stadtverordneten-Vcrsammlung, festzuhalten an der vor 3 Jahren be- j schlossenen Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren, wie die ) danach — entgegen den Commissionsanträgen — beschlossene Heranzieh- ung jeder Einfuhr von Fleischwaaren, wie der Hasen (und beinahe auch t der Gänse) zum Octroi haben mir gezeigt, daß die derzeitige Mehrheit der aus der directen Wahl unserer Bevölkerung hervorgegangenen Stadtverordneten weder die Aufhebung des Octrois für Mehl und Backwaaren bezw. dessen Uebertragung auf andere leichter zu entbehrende Verbrauchs- gegenftände, noch die erstrebte Vereinfachung der Octroi-Erhebung und । Controlc, noch auch eine verminderte Belästigung unserer Consumenten | wünscht; während anderseits heute für mich eine wirkliche Reform > unserer Octroiverhältniffe zum Bessern ohne Beseitigung unserer jetzigen । Thorcontrole ebenso undenkbar ist, wie eine Fassung des künftigen Reg- i lements, welche etwa — unter Beibehaltung des gestern beschlossenen Tarifs — auch noch die Zahl der Anmelde- bezw. Erhebestellen gegen bisher verringern wollte.
Da ich nicht gesonnen bin, die vorliegende immerhin recht einschneidende Acnderung unserer Octroiverhältnisse auch nach Wegfall der erhofften Vereinfachungen — und am Ende gar nur mit der entscheidenden Stimme des Bürgermeisters — durchzuführen, so erkläre ich zu diesen Acten, daß ich gegen jedes zur Durchführung des gestern beschlossenen Octroitarifs erforderliche Octroi- reglement stimmen werde, und gebe der vereinigten juristischen und Finanzcommission anheim, bei der Stadtverordneten-Vcrsammlung zu beantragen, von einer Aenderung unserer bestehenden Octroiverhältniffe auf Grund des gestern beschlossenen Tarifs abzusehen, es vielmehr zu
belassen bei dem zur Zeit bestehenden Octroireglcmcnt sammt Tarif (mit allen seinen Mängeln)."
Darauf haben die Herren Stadtverordneten Adami, Heyligenstaedt, Keller, Petri, Dr. Ploch, Schmall, Schopbach, Dr. Thaer und Vogt folgendes Schreiben, zu welchem sachlich Herr Schiele sein Einverständniß erklärt, an die Stadt- verordneten-Versammlung gerichtet:
Auf die in rubricirtem Betreff seitens des Herrn Oberbürgermeisters abgegebene Erklärung vom 5. Juni erlauben wir uns Folgendes crgebenst zu erwidern: Wir begrüßen den Entschluß des Herrn Oberbürgermeisters: „in einer so tief eingreifenden Acnderung der Octroi- verhältnissc nicht durch seine entscheidende Stimme die letzte Verantwortung auf sich nehmen zu wollen", weil wir nach wie vor der Ansicht sind, daß die Interessen aller Betheiligten gleichmäßig berücksichtigt werden müssen und nicht eine Klasse der Gewerbetreibenden vor der anderen bevorzugt beziehungsweise benachtheiligt werden darf. Der in fragt. Sache gefaßte jüngste Beschluß, an der vor drei Jahren beschlossenen Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren fcstzuhalten, ist in Wirklichkeit nur mit Hilfe der ausschlaggebenden Stimme des Herrn Oberbürgermeisters zu Stande gekommen, sonst standen 10 gegen 10 Stimmen, und somit vereinigte sich die ganz gleiche Stimmenzahl auch dahin, die Abgabe auf gedachte Artikel bestehen zu lassen. Gegenüber dem Umstande, daß alle Stadtverordneten aus der directen Wahl der Bevölkerung hervorgegangen sind, und daß der Herr Oberbürgermeister durch seinen jüngsten Entschluß kund gibt, daß er bei der vorhandenen Stimmengleichheit den Ausschlag nicht geben wolle, dürfen wir wohl hervorhcben, daß unsere Meinung zum mindesten ebenso der Stimmung der Bevölkerung Ausdruck gibt, wie diejenige der anderen Hälfte der Stadtverord- neten-Versammlung, nur, daß für unsere Ansicht noch der in den letzten Tagen besonders hervorgetrctene Umstand spricht, daß die beabsichtigte Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren und die gleichzeitige Belastung anderer ebenso wichtigen und durchaus nicht leichter zu entbehrenden Verbrauchsgegenstände in der Bürgerschaft sehr unsympathisch ausgenommen worden ist. Damit, daß wir einer nach unserer Ansicht ungerechten Vertheilung der Octroilasten nicht das Wort reden, widerstreben wir der Vereinfachung der Octroi-Erhebung und Controle nicht, und ebensowenig wünschen wir eine vermehrte Belästigung der Consumenten wie beispielsweise in Darmstadt. Unser Wunsch geht nur dahin, daß die neuen Octroi-Verhältnisse auf einer gerechten Grundlage sich aufbauen möchten. Indem wir auf die Verhandlungen und den Antrag der vereinigten juristischen und Finanz-Commission vom 5. Juni übergehen, bestreiten wir entschieden, daß unsere Abstimmung zu Gunsten der Beibehaltung des Octrois auf Mehl und Backwaaren eine für die Reform unseres Octroiwesens brauchbare Grundlage nicht abgeben würde, und ebenso verwahren wir uns gegen die schließliche Insinuation jener Commission, daß wir durch unser, von der Ansicht der Commission abweichendes Urtheil einen angeblich segensreichen Fortschritt hemmen wollen. Wir Protestiren gegen solche Folgerungen aus unserer ebenfalls wohlerwogenen Ansicht. Nachdem nun die Vorschläge der vereinigten juristischen und Finanzcommissum mehr Stimmen nicht gesunden haben, als auch unsere Meinung gefunden hat, erachten wir es für angezeigt, einer neuen Commission, die sich aus Mitgliedern der verschiedenen in der Stadtverordneten-Versammlung vertretenen Branchen und Berufsarten zusammensetzen soll, — die nochmalige Berathung der Octroifrage anheimzugeben. Wir zweifeln dann nicht, daß unter Mitwirkung aller dazu berufenen Factoren eine glückliche Lösung und praktische Reform der Octroifrage herbeigeführt werden kann, wozu wir mitzuwirken bereit sind.
In ihrer Sitzung vom 5. Juni hat die vereinigte Com-
Feuilleton.
Der Kuß.
Erzählung von I. Piorkowska.
(Schluß.)
„Vermuthlich ist er irgend einer holden Schönen treu geblieben, die ihn seiner Zeit mit ihrer besonderen Gunst beehrt hat," bemerkte ein junger Mann, der seit ein paar Minuten hinzugetreten war und der Unterhaltung zugehört hatte.
„So ist es in der That," versetzte Ensbach mit einer Verbeugung, indem er sich von dem kleinen Kreise abwandte und zu Anderen trat, dieselben zu begrüßen.
„Kind, Du scheinst ja ordentlich böse über Ensbachs Ansichten zu sein," meinte Martha zu Rosi, „Du hast vor Aerger ganz hochrothe Backen bekommen."
Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie den wahren Grund dieser Hochrothen Backen hätte ahnen können?!
* * *
Während der nächsten drei Wochen war Ensbach ein säst täglicher Gast in Tante Maries Hause,- trotzdem aber war er und Rosi noch kaum aus freundschaftlicheren Fuß gekommen wie am ersten Abend ihres Wiedersehens. Meist nahm ihn Martha mit ihrem lebhaften, coketten Wesen in Anspruch; nur selten unterhielt er sich speziell mit Rosi, die bald über ihre eigene Thorheit lächelte, daß sie hatte glauben können, er hatte jener kleinen, romantischen Scene, die aus sie einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, auch nur nach einer Stunde noch gedacht!
Es stimmte sie fast traurig, wenn sie dachte, daß all die süßen Gedanken, die sich bei ihr an jene Stunde knüpften, nur Luftschlösser gewesen waren; nur ein Gefühl der De
mütigung beschlich sie, wenn sie jene Gedanken mit der kalten Höflichkeit, die er ihr gegenüber stets zeigte, in Beziehung brachte.
Wie thöricht auch von ihr, dem einfachen, schüchternen Mädchen, sich einzubilden, daß sie ihm auch nur das geringste Jntereffe einflößen könnte, ihm, von dem Martha erklärte, sie sei ernstlich in ihn verliebt, der überall der Löwe des Tages war, der von den jungen Damen allgemein bewundert und von den Herren seiner ungesuchten Eroberungen halber vielfach beneidet wurde.
Eines Abends hatte sich wieder ein kleiner Kreis Freunde in Tante Maries Hause versammelt. Die Gesellschaft saß heiter plaudernd aus der Terrasse, als Herr v. Ensbach bemerkte, dies werde wohl für längere Zeit der letzte frohe Abend sein, den er hier verlebe, er werde am nächsten Morgen nach H . . . . abreisen müssen, um ehestens nach Jahresfrist einmal wiederkehren zu können.
Wie ein Stich durchzuckte es Rosi bei dieser Mittheilung; erst jetzt bei der nahenden Trennung empfand sie, was er ihr war, und fast erschreckte sie über ihre eigenen Gefühle. Kaum Herr über sich selbst, benutzte sie die erste Gelegenheit, aufzustehen und sich in das Zimmer zurückzuziehen, wo sie auf das Sopha sank und ihr Gesicht in den Händen vergrub.
Bei der Dunkelheit und ihrer Aufregung gewahrte sie nicht, daß Jemand ihr nach wenigen Minuten in das Zimmer gefolgt war und sich neben ihr niederließ.
Es war Ensbach.
„Rosi," hob er an, „ich reise morgen Mittag ab und werde Sie so bald nicht Wiedersehen."
Sie zuckte leicht zusammen, erwiderte aber nichts.
„Rosi," fuhr er fort, „ich habe doch wohl Berechtigung, mir einen Abschiedskuß auszubitten?"
Jetzt hob sie den Kops und bei dem schwachen Licht
schein, der von der Lampe, die draußen aus der Terrasse stand, durch die Thür hereinfiel, entging ihr nicht der halb muthwillige Ausdruck in seinen Augen.
„Die Berechtigung, welche das Versprechen eines Kindes Ihnen gibt, allerdings," entgegnete sie, etwas gekränkt durch den leichtfertigen Ton, in welchem er zu ihr sprach.
Was galt es ihm, ihr Lebewohl zu sagen, und wie schwer ward ihr das Abschiedswort.
„An Jahren waren Sie freilich noch ein Kind, Rosi," sprach er, „aber Ihr Herz war, glaube ich, schon gereifter. Wissen Sie, Kind," fuhr er mit ernstem Lächeln fort, „daß Sie damals, als Sie mich im Dunkeln in der Hausthüre küßten, eine Eroberung an mir gemacht haben?"
Ein fast spöttischer Zug legte sich um ihre Lippen.
„Ich nahm jenen Kuß mit mir," fuhr er fort, „ich bewahrte ihn mir als liebe Erinnerung, die ich um alles in der Welt nicht hätte missen mögen; denn sie erfüllte mich mit einer süßen Hoffnung, von welcher mein ganzes Lebensglück abhing. Es hat keine Frau seitdem meine Lippen berührt, denn ich sagte mir, so lange kein anderer Kuß ihn verdrängt, bleibt mir der Ihrige. — Rost, verstehen Sie mich?"
Dabei hob er ihren Kopf, daß sie zu ihm aufblicken mußte. Ihre Augen waren voll Thränen, doch ihre Lippen versuchten zu lächeln.
„Ich bitte Sie jetzt um den versprochenen Kuß," sprach er weiter, „doch bedenken Sie wohl, wollen Sie ihn mir geben, so ist es Ihr ganzes Ich, das ich dabei mitnehme."
Er mußte wohl ihrer Antwort, ihrer Liebe zu ihm sicher sein, denn seinen Arm um ihre Taille legend, sah er ihr vertrauensvoll in die treuen blauen Augen. Dunkle Röthe ergoß sich über ihre Züge, doch ohne Zögern gab sie ihm den versprochenen Kuß.


