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1891

Donnerstag den 14. Mai

Nr. 110

Kießener Anzeiger

Kenerat-MnzAger

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Die Gießener M«»itte«ötLlter «erden dem Anzeiger L^chentlich dreimal beigelegt.

Der

Hieße«« Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Amts- und Anzeigeblatt für den Alveir Gieren.

Aavabwe von Anzeige« zu der Nachmittags für den I Alle Annonem-Bureaux deS In- und Auslandes nehm«

f^gen^nTa^erscheinendn^Numme^biS^orm^^^Uhr^^^^^^^^l^^l^^^Ä^^^^^s?^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgcge«.

Anrtlichev Theil.

Betr.: Das Vorkommen der Trichinose im Großherzogthum Hessen; hier Schutzmaßregeln gegen dieselbe.

Warrmrrg.

Vereinzelt werden fast alljährlich in denjenigen hessischen Städten, in welchen, wenn auch nur facultativ, die mikro- scopische Fleischschau geübt wird, nicht allein in eingeführten, sondern auch in hier zu Lande gezüchteten und gemästeten Schweinen Trichinen aufgefunden. Es konnte deshalb auch nicht fehlen, daß in verschiedenen Jahren Trichinoseerkrankungen beobachtet wurden, die zwar meist gutartig waren, deren letzte jedoch auch einen Todesfall herbeigesührt hat. Die hierbei gemachten Erfahrungen haben fast durchweg ergeben, daß die Erkrankten entweder rohes oder nicht vollständig gar gekochtes oder nicht völlig durchgebratenes Fleisch zu sich genommen batten. Trichinoseerkrankungen sind aber auch an anderen Orten gesehen worden, wo eine anscheinend gut organisirte und gewissenhafte obligatorische Trichinenschau die Unschädlich­keit des Fleisches hätte verbürgen sollen, sei es nun, daß das schädliche Fleisch aus Orten, wo entweder gar keine oder eine nur ungenügende Fleischschau bestand, eingebracht, oder mit Umgehung der bestehenden Vorschriften gar nicht oder nur mangelhaft untersucht wurde.

Es muß aus diesen Gründen, zumal im Großherzogthum die der allgemeinen Einführung der obligatorischen Trichinen­schau bezw. der Ausdehnung der ordnungsmäßigen Fleischschau auf die Trichinen entgegenstehenden Hinderniffe noch nicht be­seitigt find, vor dem Genuß rohen Schweinefleisches nachdrück­lichst gewarnt und in Erinnerung gebracht werden, daß nur völliges Garkochen oder Durchbraten der Fleischstücke, sowie auch aller anderen Fleischzubereitungen, besonders der ver­schiedenen Wurstsorten, geeignet ist, die etwa vorhandenen Trichinen abzutödten und die Genießenden vor Gesundheits­schädigungen zu bewahren. Handelt es sich um größere Fleisch­stücke, wie Schinken oder Kammbraten, dann wird das Ein­bringen der Siedhitze in die tiefer gelegenen Fleischschichten, was an der grauen Verfärbung derselben zu erkennen ist, nur durch das Anbringen tiefer, nicht zu weit von einander ent­fernter Einschnitte in das Fleisch erreicht werden können. Wie mangelhaftes Kochen und Braten, so schützt auch leichtes Ein­salzen und schwaches Anräuchern des Fleisches nicht gegen die Einwanderung lebender Trichinen, während starkes Salzen und -längeres Räuchern und Trocknen der Fleischwaaren eine ge­wisse Sicherheit zu bieten vermag.

Gießen, 11. Mai 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

i Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen

i an die GroHh. Bürgermeistereien des Bezirk-.

Mit Rücksicht auf die verspätete Zustellung der Steuer­zettel ist die allgemeine Frist zur Vorbringung von Reclama- tionen dieses Jahr im Steuerbezirk Gießen bis zu Ende Juni erstreckt worden.

Wir ersuchen Sie um alsbaldige ortsübliche Bekannt­machung.

Gießen, den 12. Mai 1891.

Grobherzogliches Steuer-Commiffariat Gießen. Süfsert.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 12. Mai. Die Kaiserin Friedrich wird am nächsten Freitag Morgen mit Gefolge zum Besuche der Großherzoglichen Familie hier eintreffen und an der Familientasel theilnehmen. In ihrer Begleitung befindet sich ihre Tochter Prinzessin Margarethe. Die Kaiserin reist an demselben Tage wieder zurück.

Ferner wird die Prinzessin Victoria, die älteste Tochter unseres Großherzogs, am 21. Mai, von der Insel | Malta kommend, zum Besuche hier eintreffen. Die Prinzessin wird am selben Abend nach London reisen.

nn. Darmstadt, 12. Mai. Zweite Kammer der r Hessischen Stände. Unter dem Vorsitze*des Präsidenten l Kugler-Offenbach versammelte sich heute die zweite Kammer i der Stände zu einer kurzen Sitzung. Nach Erledigung einer i Reihe geschäftlicher Angelegenheiten trat die Kammer in die Berathung über die Vorstellung der Stadt Friedberg, Zurück­erstattung der für einen Zeichenlehrer an der Realschule und dem mit derselben verbundenen Progymnasium pro 1891 zur Verfügung gestellten 1800 Mk. Der Ausschuß beantragt, das Gesuch zu genehmigen und beschließt das Haus dem­gemäß. Ein Gesuch der Wittwe des Gensdarmen Lipp von Wimpfen a. B. um Aufbesserung ihres Wittwengehalts wird abgelehnt. Ebenso das Gesuch des geschäftsjühreuden Ausschusses des Hessischen Landeslehrer-Vereins wegen Unter­stützung erkrankter Schulverwalter auf Staatskosten. Zu dem Antrag des Abgeordneten v. Rabenau und Genossen auf Neuregulirung der Beamtengehalte, resp. Wiederherstellung der fixen Etats beantragt der Ausschuß, die Sache zur Zeit für erledigt zu erklären, da Seitens Großherzoglicher Regierung in aller Kürze dem Hause das Beamtengesetz zu­gehen werde. Diesem Anträge schließt sich die Kammer ein­stimmig an. Eine Reihe Gesuche von Beamten der Ober­hessischen Bahnen, der Taubstummenlehrer zu Friedberg und Bensheim, der Hauptsteueramtscontroleure und Revisions­beamten, sowie der Steueraufseher, der Unterbeamten der Badeanstalt zu Bad Nauheim um Gehaltserhöhung und der

Großh. Forstmeister und Oberförster um Gleichstellung mit denjenigen der Großh. Amtsrichter wird ebenfalls aus den oben angegebenen Gründen für erledigt erklärt. Ebenso eine Eingabe der Handelskammern zu Mainz, Bingen und Gießen, die Besteuerung des Weins von Privaten betr. Auch die Eingabe der Bürgermeistereien Worms und Lampertheim, die Erbauung einer festen Brücke über den Rhein bei Worms betreffend, wird für erledigt erklärt. Morgen früh 9 Uhr Sitzung.

Neueste Nachrichten.

WolfiS telegraphisches Torresponbmz-Bureau.

Berlin, 12. Mai. Das Herrenhaus genehmigte nach langer lebhafter Debatte den Einkommensteuertarif in der Fassung des Abgeordnetenhauses mit 123 gegen 41 Stimmen, ebenso die Resolution, welche sich gegen das System der Progressivsteuer bei Fortführung der Steuerreform aus­spricht und eine verschiedene Besteuerung des fundirten und unfundirten Einkommens fordert. Schließlich wird das ganze Gesetz in Schlußabstimmung mit großer Mehrheit an­genommen.

Berlin, 12. Mai. Abgeordnetenhaus. Der Gesetz­entwurf, betreffend die Verlegung der Buß- und Bettage, wird einer Commission von 14 Mitgliedern überwiesen. Der Cultusminister hatte erklärt, alle evangelischen kirchlichen Be­hörden Norddeutschlands seien einverstanden und die staats­rechtliche Zulässigkeit der Vorlage sei zweifellos. Der Rest der Vorlage wird den Beschlüssen der Commission gemäß ge* nehmigt. Nächste Sitzung am 26. Mai.

Potsdam, 12. Mai. Der Kaiser traf um 8 Uhr früh an der Wildparkftation ein, wo er von der Kaiserin und den ältesten Prinzen empfangen wurde.

Köln, 12. Mai. DieVolkszeitung" dementirt die Meldung der Blätter, wonach die Ernennung Deutscher und österreichischer Cardinäle unmittelbar bevorstehe. Eine Encyclika über den Socialismus wird im Laufe des Mai erscheinen.

Karlsruhe, 12. Mai. Das Befinden der seit drei Wochen an Venenentzündung erkrankten Prinzessin Elisabeth verschlimmert sich. Seit einigen Tagen traten hochgradiges Fieber und Ausdehnung der Entzündung ein.

Metz, 12. Mai. Den bisherigen Ermittelungen zufolge ist der Ermordung des Oberstlieutenants Prager ein Mensch dringend verdächtig, welcher früher im 33. Artillerie- Regiment gedient und als Osfiziersdiener im Hause gewohnt hatte, im October 1890 aber desertirt war.

Wien, 12. Mai. Im Budgetausschuß erklärte der Regierungsvertreter, die Steigerung des Notenumlaufs sei nicht befremdend in Folge des zunehmenden Bedarfs von Circulationsmitteln. Die Regierung sei bedacht, eine uu-

Ferrillston.

Was der alte ^adjtfdjiffrr erzählte.

Von Friedrich Meister.

(Fortsetzung.)

Je mehr der Schoner stampfte und schlingerte, desto heiterer klang ihr Lachen. Wissen Sie, daß man aus dem Lachen eines Menschen zuweilen auf sein Inneres schließen kann? Nicht wahr? Nun, je öfter ich jenes silberne Lachen hörte, desto fester kam ich zu der Ueberzeugung, daß die Dame trotz ihrer Schönheit und trotz ihrer wundervollen Augen doch nur ein kaltes Herz haben müsse.

Wir begegneten vielen Fahrzeugen, Seglern wie Dampfern, die alle mit günstigem Winde dem Canal zuliefen. Nach und «ach räumte der Wind, es klarte aus, die Sonne kam wieder hervor und wir konnten endlich wieder Cours steuern. Herrn Reinholds Unruhe verschwand und bald promenirte er wieder so heiter wie zu Anfang der Reise mit seiner Dame das Achterdeck auf und nieder.

Mit jeder Meile, die wir vorwärts kommen, wirds schwieriger für ihn," hörte ich ihn sagen.Und bann, denke Loch, diese weite, weite Wasserwüste."

Damit stand er still und beschrieb mit dem ausgestreckten Arme einen Kreis.

Harschkamp," rief er mir gleich daraus zu,wie weit ist der Horizont von uns entfernt?"

Von unserem Standpunkte aus sieben bis acht See- jueilen/ antwortete ich.

Und auf welche Entfernung kann ein Schiff wie diese Fortuna" wohl gesehen werden, Herr Capitän?" fragte die Dame mit liebenswürdigstem Lächeln.

Ich schaute zum Flaggenknopf empor wir führten Stengen von anständiger Länge und dann antwortete ich:

,/Auf ungefähr zwölf Meilen. Ganz genau ists nicht zu bestimmen."

Das Paar setzte seinen Spaziergang fort, ich hörte aber noch, wie Herr Reinhold sagte:

Was sind zwölf Seemeilen in dieser unermeßlichen Weite!"

Die Dame ließ ein frisches, perlendes Lachen hören, als ob man ihr eine große Freude gemacht hätte.

Der Tag war wunderschön, so recht das Wetter für eine Vergnügungsyacht. DieFortuna" lief nicht mehr als fünf Knoten.

Gegen vier Uhr Nachmittags zeigte sich am westlichen Horizont ein röthlicher, nebliger Schein, der eine Zunahme des Windes verkündete. Am Horizont auf Steuerbord war der Rauch eines Dampfers in Sicht gekommen. Ich achtete weiter nicht daraus, weil ein Rauch auf See heutzutage etwas ganz Gewöhnliches ist. Wenn ich aber gelegentlich dennoch hinsah, bann bemerkte ich, baß der Dampfer eine tüchtige Fahrt machte. Dreiviertel Stunden nach seinem ersten Jnsicht- kommen lag er bereits dwars ab von uns und zeigte schon die ganze Länge seines Schornsteins über dem Horizont,- allem Anscheine nach steuerte er etwas östlicher als wir. Ich be­trachtete ihn durch das Glas er führte Gaffelschoner- Takelung, der Schornstein war gelb, der Rumps noch nicht sichtbar.

Das ist entweder eine Dampfyacht ober ein kleines Kanonenboot," sagte ich zu Herrn Reinhold, der mit der Dame auf der Bank an der Campanje saß.

Er sprang auf und nahm mir das Glas aus der Hand. Während er das fremde Fahrzeug ftubirte, machte sich der Wind auf. Die blaue See erhob sich hohl und der Schoner

legte sich auf die Seite, bis sein Deck so abschüssig war- wie ein Dach.

Plötzlich, als ob er uns jetzt erst wahrzenommen hätte, änderte der Dampfer seinen Cours um drei oder vier Striche und nunmehr kam sein Rumpf schnell über die Seelinie herauf. Er stellte sich als ein langes, niedriges Fahrzeug von ungefähr hundertundfünfzig Tonnen dar. Er kam heran wie ein Pfeil, der Rauch quoll schwarz und fett aus seinem gelben Schornstein, er nahm die Seen wie ein Rennpferd und mitunter schien es, als ob die Schraube ihn aus dem Wasser herausschnellen wollte.

Die Dame beobachtete ihn ganz gleichgiltig, Herr Rein­hold aber war bleich geworden. Er gab mir das Glas zurück.

Sehen Sie ihn noch einmal genau an, ob Sie ihn kennen, Harschkamp," sagte er.

Ich that, wie mir geheißen war.

Es ist ein schweres Stück, diese Dampfer zu unter­scheiden, ehe man ihre Namen gelesen hat," erwiderte ich. Der da scheint mir dieVioletta" des Aschen Generat- consuls in ** zu sein" hier nannte ich den Badeort, von dem wir ausgegangen warenwenigstens gleicht er ihm wie ein Ei dem andern. Das Volk an Bord ist ja wohl unsinnig ! Wie können sie das Fahrzeug so jagen! Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das Ding demnächst auffliegt."

Ich hatte beim Auffrischen der Brise die kleineren Segel bergen lassen unb ich wußte nicht, ob ich meinen Ohren trauen sollte, als Herr Reinhold mir jetzt befahl, die ganze Leinwand wieder setzen zu lassen, während ich schon daran gedacht hatte, auch noch das Marssegel zu reffen.

Ich wußte, was der Schoner vertragen konnte, und da ich für das Wohl des Fahrzeuges verantwortlich war.