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Zweites Blatt. Sonntag den 13. December
1891
Gießener Anzeiger
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Zollaussall vielleicht nur den Betrag von etwa 27 Millionen erreichen wird. Da aber, wie sich jetzt ergibt, die vorläufige Einnqhmeveranschlagung für 1892/93 hinter den wirklichen Einnahmen im Vorjahre um rund 27 Millionen zurückbleibt, so könnte selbst ein Zollausfall im Betrage von 27 Millionen in der Hauptsache nur den Effect haben, daß sich in dem Etatsjahre 1892/93 keine Überschüsse ergeben würden. Dieses sehr günstige Resultat in siscalischer Hinsicht beruht zum guten Theil auf dem Umstande, daß die deutsche Regierung mit der denkbar größten Behutsamkeit zu Werke gegangen ist. Mit den neuen Tarifen ist man noch nicht einmal wieder auf denjenigen „gemäßigt-schutzzöllnerischen" Standpunkt angekommen, den man erst vor vier Jahren verlassen hat. Beispielsweise betrugen die Brodzölle bis 1887 nur 3 Mk., nicht 3.50 Mk. pro Doppelcentner. Infolgedessen erheben sich in der Presse der Freihändler schon jetzt Stimmen, welche fordern, daß die Regierung von ihrer Befugniß, weitere Zollherabsetzungen autonom vornehmen zu dürfen, alsbald Gebrauch machen solle. Immerhin ist der Grundsatz wieder zur Anerkennung gekommen, daß die Völker bei einer internationalen Arbeitstheilung weit besser fahren, als wenn man sie bei allen wirtschaftlichen Bedürfnissen aus sich selber verweist. — Ein handelspolitisches Uebereinkommen ist auch zwischen Deutschland und Amerika zu Stande gekommen. Deutschland räumt Amerika dieselben Zollermäßigungen ein wie Oesterreich-Ungarn und gestattet unter den bekannten Bedingungen die Einfuhr von amerikanischem Schweinefleisch. Daffir werden Deutschland alle diejenigen Zollvergünstigungen von Seiten Amerikas zu Theil, welche Amerika nach der Mac-Kinley-Bill überhaupt gewähren kann. — Im Reichstag wurde in der verflossenen Woche nach einer lebhaften Discussion über die Stellung der freien Kassen neben den Zwangskaffen die zweite Lesung der Krankenkassen'Novelle beendigt. Außerdem gelangte der Antrag auf Beschränkung der Straflosigkeit der Abgeordneten zur ersten Berathung. Er begegnete fast bei allen Parteien einer abfälligen Kritik.
In Bezug auf das Ausland fassen wir uns diesmal kurz. Die Hoffnungen der brasilianischen Imperialisten sind durch den Tod des Exkaisers Dom Pedro endgiltig vereitelt. — In China ist die Regierung in den Kämpfen mit den Aufständischen Siegerin geblieben.
contrahirenden Staaten Zollminderungen jeder Zeit aus eigener Machtvollkommenheit eintreten lassen. Fernerhin kommen die nunmehr ermäßigten Zollsätze nicht allein im Handelsverkehr mit den obengenannten Vertrag schließenden Mächten in Anwendung, sondern auch allen anderen Staaten gegenüber, mit denen Deutschland im sogenannten Meistbegünstigungsverhältniß steht, d. h. eine Vereinbarung dahin getroffen hat, daß kein Staat in Bezug auf die Behandlung der Einfuhr besser gestellt sein soll als derjenige, welcher die Meistbegünstigung genießt. In einem solchen Verhältniß steht Deutschland zu allen europäischen Staaten mit einziger Ausnahme Rußlands. Indessen wird wahrscheinlich auch an den russischen Grenzen eine Zollermäßigung nach Maßgabe der Handelsverträge zugelassen werden. Worin bestehen nun die Aenderungen des seitherigen Zustandes? Zunächst in Zollherabsetzungen von Seiten Deutschlands. Und zwar sind solche in erster Linie für land- wirthschastliche Producte in Aussicht genommen. Die nunmehr zugestandene Reducirung des Zolles auf Roggen (Korn) und Weizen von 5 Mark pro Zollcentner (ä 100 Kilogramm) aus 3.50 Mark ist von uns an dieser Stelle schon mehrfach vor längerer Zeit signalisirt worden. Eine Erniedrigung des Zolles soll ebenso bei Bau- und Nutzholz, Fleisch, Butter, Eiern,.Pferden, Hopfen, Weintrauben, Wein usw. Platz greifen. Sehr viel weniger erheblich ist die Ermäßigung der Zölle auf Jndustrieerzeugnisse. Von diesen seien hier nur auf- geführt: Glas, Bettfedern, Packpapier, Oele, Mühlsteine, Leder, Leinen, Eisenbahnachsen usw. Die Zollconcessionen, welche demgegenüber von Seiten Oesterreich-Ungarns und Italiens gemacht worden sind, betreffen einen nach Umfang und Werth wesentlich geringeren Export Deutschlands, können daher bei bloßer Abwägung von Leistung und Gegenleistung nicht als gleichwertig bezeichnet werden. Der financielle Effect der Zollherabsetzungen läßt sich im Augenblicke noch nicht vollkommen berechnen. Nimmt man an, daß die Zufuhr aus dem Auslande nicht über den gegenwärtigen Umfang hinausgehen wird, so beträgt der Einnahmeaussall des Reiches im Ganzen etwas mehr als 35 Millionen. In Wahrheit aber wird die Einfuhr einer ganzen Anzahl von Artikeln infolge der Zollermäßigungen mehr oder weniger steigen, so daß von dem einen oder anderen Artikel sogar höhere Zolleinnahmen, als seither erzielt wurden, zu erwarten stehen und dergestalt der
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Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" ertt-rgM.
politische Wochenschau.
Gießen, 12. December 1891.
Schon die ganze vergangene Woche gehörte den Handelsverträgen mit Oesterreich-Ungarn, Italien und,Belgien an, obwohl diese erst am letzten Donnerstag im Reichstage zur ersten Lesuug gelangt sind. Das Wesen der neuen Handelsverträge besteht darin, daß sie zugleich Tarifverträge sind, b. h. daß sie die contrahirenden Staaten verpflichten, bestimmte Artikel entweder ganz zollfrei einzulassen oder wenigstens nicht über einen vereinbarten Maximalzollsatz hinaus zu verzollen. Damit ist eine — wenn auch vorläufig noch nicht ganz entschiedene — Wendung in der deutschen Zoll- und Wirthschaftspolitik gegeben. Indessen werden mit den neuen Verträgen keineswegs Verhältnisse geschaffen, die Deutschland bisher vollkommen fremd gewesen wären. Vielmehr wurde schon einmal im Jahre 1855 ein ziemlich weitgehender Tarifvertrag mit Oesterreich-Ungarn abgeschlossen. Ihm folgte 1862 ein ähnlicher Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Eine neue Vereinbarung mit Oesterreich- Ungarn im Jahre 1865 führte sodann eine allgemeine Erniedrigung der bis dahin zugestandenen Zollsätze herben Dieser jetzige Vertrag wurde schon 1866 durch den Ausbruch des Krieges annullirt, aber 1868 durch einen neuen Tarifvertrag mit Oesterreich-Ungarn ersetzt. Ms Fürst Bismarck wiederum im Jahre 1879 vor die Frage gestellt war, ob er die inzwischen abgelausenen Verträge erneuern oder btc Vertragspolitik abbrechen solle, entschied er sich für das letztere. Mit der Einführung eines durchaus schutzzöllnerischen Tarifs im Jahre 1879/80 begann die Aera der Bismarck'schen Wirtschaftspolitik, die im Jahre 1887 mit der Erhöhung des Brodzolles von 30 auf 50 Mark pro Tonne ihren Gipfelpunkt erreichte. Die neuen Verträge characterisiren sich somit als die ersten Anfänge einer Umkehr der deutschen Regierung zur Freihandelspolitik, wie sie bis 1879 in Deutschland bestanden hat und vom Fürsten Bismarck selber bis etwa zum Jahre 1876 mit großer Energie verfochten worden ist. Fest- aelegt sind die Verträge für die Zeit vom 1. Februar 1892 bis 31. December 1903 insofern, als innerhalb dieses Zeitraumes keinerlei Zsllcrhöhung bei den vertragsmäßig gebundenen Artikeln stattfinden darf. Dagegen können die
-Auf Umwegen.
Novelle von F. Stöckert.
(2. Fortsetzung.)
Auf einer solchen Rheinsahrt war es, wo das launige Schicksal Ilse mit dem von ihr verschmähten Freier zusammen- sührte. Sie befand sich mit Fräulein Berg wie gewöhnlich in heilerer Gesellschaft. Das war ein Lachen und Scherzen oben auf dem Verdeck des Dampfers, ein wahres Raketen- seuer übermüthiger Witze und Neckereien, und die Fröhlichste von Allen war Ilse. Ihr lustiges, sonn-nv-rbranni-s Gesicht sesseltc den jungen Doctor, der verstimmt und gelangweilt diese Rheinfahrt angetreten, ungemein, trotzdem dieses Gesicht durchaus nicht schön war. Die braunen Jugen blitzten zwar sehr keck und übermüthig, aber sie waren nicht mandelförmig, nicht von langen Wimpern beschattet, die Brauen darüber waren nicht besonders schon gezeichnet, sie alickien keinem Bogen des neckischen Liebesgottes. Auch der Mund glich keiner Roscnknospe, aber das Lachen des,clben war so köstlich, s° herzerfrischend, ,o ,°rglos ubermuthig, als wäre das ganze Leben ein Lustspiel, die ganze weite Welt nur ein Paradies, um sich darin zu amusiren.
Erich Rode war entschieden schöner als D,e,emge, d e sein Vater ihm zur Gemahlin bestimmt. Er hatte mandel- förmige Augen, er besaß die schönste griechische Nase, einen k assisch schönen Mund, das Lachen verstand dieser klassische Mund aber lange nicht so gut w,e derienlge unserer fröh- «chen Seldin. So viel wie Ilse Welten heute schon gelacht, lachte Erich Rode in ganzen vier Wochen nicht.
Erlrcme aber ziehen sich bekanntlich an und -amlt war .» -rklärlich daß das heitere Antlitz Ilsens den ernsten iunaen Doctor anzog. Er wußte selbst nicht, wie es gekommen, vielleicht war es nur jenes Naturgesetz, nach welchem -r handelte oder handeln muhte, genug, er stand plötzlich neben ihr und blickte mit ihr hinunter auf die grünen Wellen des 3^.ceit1gonne rear scheiden gegangen, weiße Nebelschleier woatcn und wallten über dem Wasser und die ganze, noch vor wenigen Minuten so heitere Scenerie der Landschaft war jetzt in ein graues, fahles Dämmerlicht getaucht.
Auch Ilse blickte ernster, ihr Lachen war verstummt, vielleicht dachte sie daran, daß alle diese Herrlichkeit des Reisens nun bald ein Ende nehmen und sie in das elterliche Haus zurückkehren würde. Fräulein Berg hatte sie zwar gebeten, vorläufig, vielleicht bis zu Weihnachten, noch bei ihr in der Residenz zu bleiben, aber dann sollte das alte Leben, daß ihr jetzt, nach der langen Reihe schöner Tage, öder denn je erschien/ wieder beginnen, oder sollte sie sich von Neuem wieder um eine Stelle bemühen? Dieser Gedanke war geradezu haarsträubend, ein Seufzer drängte sich aus einmal von den Lippen, die so viel gelacht hatten.
Erich Rode hörte den Seufzer und dieser gab ihm Veranlassung zu einer nicht gerade sehr geistreichen Anrede.
„Wie, diese lachenden Lippen verstehen auch zu seufzen?"
Mit diesen Worten trat er näher. Ilse blickte mit einem sehr indignirten Blick zu ihm auf und das schöne Antlitz Erich Rodes schien auch nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen, in ihren Augen waren nämlich alle schönen Männer Gecken.
„Was gehen Sie meine Lippen an, ob sie lachen oder seufzen?" erwiderte sie schnippisch.
Erich Rode wurde roth. Er ärgerte sich selbst darüber, aber Zorn und Verlegenheit trieb die verräterische Blutwelle in sein Gesicht.
Er mußte sich selbst gestehen, daß seine Anrede nicht gerade gut gewählt war, aber großer Gott, er kannte so viel Daumen, schöne und junge, die selig waren, wenn er sie überhaupt nur einer Anrede würdigte- seinen Geist hatte er noch nie sehr angestrengt in der Unterhaltung mit jungen Damen. , . „ r
„Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein," sagte er letzt ein wenig verlegen, „aber ich war wirklich srappirt, als ich Sie so ernst, so feierlich auf die Wogen des Rheins herunterblicken sah." .
„So, Sie waren srappirt?" erwiderte Ilse in einem unsagbar ironischen Tone und schaute den Doctor an, als wäre er ein schüchterner Primaner, dem man sein linkisches Benehmen im Umgänge mit Damen mitleidig verzieh.
Dieser ärgerte sich gewaltig, dabei wußte er nicht das Geringste zu antworten, zornig biß er sich auf die Lippen. Eine solche Behandlung war ihm denn doch in seinem ganzen Leben noch nicht widerfahren. In diesem für unseren Helden
so überaus interessanten Moment landete der Dampfer, ein schrilles Klingeln ertönte, die Menschen strömten an ihm vorüber. Neben Ilse tauchte eine ältere Dame auf mit einem lustigen, großen, rothen Gesicht, das von einem riesigen Strohhut beschattet wurde. Er war alles groß, stattlich und- imponirend an ihr, auch der Klemmer, den sie jetzt aus die Nase setzte, um sich Erich Rode anzuschauen. Dieser sah noch ein schelmisches Aufleuchten in den braunen Augen der jungen Dame neben ihm, hörte noch, daß dieselbe von der alten Dame „liebe Ilse" angeredet wurde, dann waren sie beide seinen Blicken entschwundeü.
„Ilse," murmelte er, „Ilse? Mein Gott, heißen denn alle capriciösen, schnippischen jungen Damen heutzutage Ilse?" Diese Ilse war wohl auch im Stande, ihm, Erich Rode, einen Korb zu geben, und sie hatte .ihn gesehen in seiner ganzen Schöne, während die andere ihn nicht kannte, nichts wußte von seinem klassisch schönen Profil, seinen mandelförmigen, feurigen Augen. — Unter solchen Gedanken begab er sich auch nach der Landungsbrücke - eifrig strebte er vorwärts, als er den Riesenhut wieder auftauchen sah aus der sich drängenden und schiebenden Menge- er drängte und schob mit, als gelte es sein Seelenheil, dem Hute wieder näherzukommen. Seine Liebesmüh lohnte sich, nach wenigen Minuten' war er dicht hinter den beiden Damen.
„Das war ja ein sehr schöner Mann, der da neben Ihnen stand, liebe Ilse," ließ sich jetzt unter dem großen Hute eine tiefe, dröhnende Stimme vernehmen.
Erich Rode spitze die Ohren.
„Ein eingebildeter Geck war es, wie alle schönen Männer!" ertönte da Ilsens helle Stimme. „Er näherte sich mir mit einer so siegesgewissen, überlegenen Miene, als müßte mein Herz ihm sofort zu Füßen fallen- ich habe ihn aber gehörig ablaufen lassen."
„Ja, das haft Du," murmelte Erich Rode ingrimmig und schlug einen Seitenweg ein.
Nein, nun war er fertig mit den schnippischen Ilsens. Er wollte auch keinen Versuch mehr machen, die andere kennen zu lernen, und gab seinen Plan, auf seiner Rückreise die Heimathstadt derselben auszusuchen, jetzt, als eine ganz lächerliche Idee, aus.
(Fortsetzung folgt.)


