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1891
Donnerstag den 13. August
Nr. 186
Amts- ttnd Anzeigeblatt füt den Arris Gieren.
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süW3«er
chratisöeikage: Gießener Aamikienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgehe».
L«oah«e »ou Anzeige« zu der Nachmittag- für dm folgmdm Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Nedactioo. Expedtti« und Druckerei:
-ch»tstratze Kr.A
Kerufprecher 6L
Bieneltähriger A-o»«e«e«t»Pr<t»l 2 Marl 20 Pfg. mC Bringerloh«.
Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pf,.
*ft Gießmer N«Mttte«ßtL1tsr werden dem Anzeiger Vgchmttich dreimal detgelegt.
Der
Kietze«« erfchmtt täglich, mtt Ausnahme deS
Montags.
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
Anrtlichev Thsrl»
Gießen, am 8. August 1891.
Betr.: Die Holz- rc. Versteigerungen in den Domanial- waldungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Bezugnahme auf unsere Verfügung vom 9. Mai 1890 — Amtsblatt Nr. 3 — benachrichtigen wir Sie, daß Formularien zu den in rubr. Angelegenheit zu führenden Creditbüchern von der Formularien-Handlung Wilhelm Klee zu Gießen bezogen werden können.
_____________________I. V.: Jost._____________________
Bekanntmachung,
die Schafräude zu Burkhardsfelden betreffend.
Unter den Schafen der Gemarkung Burkhardsfelden ist die Räude ausgebrochen. Es wird deshalb die Sperre über diese Gemarkung verfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und ist in jedem einzelnen Fall, in welchem dieselbe erfolgen soll, unsere Erlaubniß einzuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeord- neten Schutzmaßregeln unterliegen den gesetzlichen Strafen.
Gießen, am 12. August 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Bekanntmachung,
die Schasräude zu Reinhardshain betreffend.
Nachdem unter den Schafen zu Reinhardshain der Ausbruch der Räude festgestellt worden ist, haben wir die Sperre über diese Gemarkung verfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Genehmigung. Zuwiderhandlungen unterliegen der gesetzlichen Strafe.
Gießen, den 12. August 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Anfragen über dienstliche Verhältnisse werden in der Privatwohnung des Bezirks - Commandeurs nicht mehr angenommen, dagegen an Wochentagen von früh 8 bis Abends
6 Uhr, Sonntags am Vormittag im Dienstgebäude, Seltersweg Nr. 55, beantwortet.
Großherzogliches Bezirks-Commando.
Caspary,
Oberstlieutenant z. D. und Bezirks-Commandeur.
Die europäische Lage.
Nach den bedeutsamen Vorgängen zwischen Frankreich und Rußland muß man wiederholt die Frage aufwerfen, ob denn seit den russifch-sranzösischen Verbrüderungssesten in Kronstadt, Petersburg und Moskau sich die Lage Europas geändert hat und ob vor allen Dingen die Wahrscheinlichkeit eines Kriegsausbruchs zwischen Rußland und Frankreich aus der einen und Deutschland, Oesterreich und Italien aus der andern Seite uns näher gerückt ist. Nach den Kundgebungen, welche von Petersburg und Paris aus über das russisch- französische Verhältniß in die Welt gesandt wurden, handelt es sich bei Rußland wie bei Frankreich nur um einen Ver- theidigungsbund gegenüber etwaigen Kriegsabsichten des Dreibundes. Da nun aber der Dreibund ausgesprochener Maßen nur die Aufrechterhaltung des Friedens bezweckt, so kann die Existenz desselben an sich keinen Vertheidigungsbund Rußlands und Frankreichs nöthig machen. Man wird daher gut thun, wenn man allen Kundgebungen Frankreichs und Rußlands über ihr Verhältniß und die Absichten, welche sie verfolgen, nur einen formellen Werth beimißt und sich im Uebrigen an die Thatsachen hält, welche die gegenwärtige europäische Constellation sammt dem Dreibunde hervorgerufen haben. Der Dreibund ist nicht schlechthin deshalb entstanden, um den europäischen Frieden im Allgemeinen zu wahren und eine Art Friedensmission zu vollführen, sondern dieser Staatenbund wurde deshalb geschaffen, weil es Deutschland, Oesterreich und Italien klar wurde, daß in Frankreich wie in Rußland mächtige Bestrebungen vorhanden waren, die Landkarte Europas am Rhein, an der unteren Donau und am Bosporus zu corrigiren und vor allen Dingen den Frankfurter und den Berliner Vertrag zu zerreißen. Dadurch mußte sich die größte Gefahr für Deutschland, Oesterreich und Italien ergeben, denn keine der drei genannten Mächte könnte als Großmacht weiter existiren, wenn im französischen und russischen Sinne der Frankfurter und Berliner Vertrag geändert werden sollte. Der Dreibund ist also entstanden in weiser Erwägung gemeinsamer Jnteressenvertheidigung, also aus politischer Nothlage. Dabei hat aber der Dreibund keine feindliche Spitze gegen irgend einen Staat, sondern er würde dieselbe erst erhalten, wenn Rußland und Frankreich Krieg ansangen
würden. Ganz anders liegen die Dinge bei dem wahrscheinlichen Bündnisse Frankreichs und Rußlands, die vom Dreibunde nicht bedroht werden, also keinen Vertheidigungsbund, sondern einen Angriffsbund schließen müßten, wenn die Alliance einen plausibel« Zweck haben sollte.
Indessen kann man deshalb noch nicht gerade sagen, daß Rußland und Frankreich direct auf einen Krieg ausgehen, sondern die Existenz und Festigkeit des Dreibundes kann in Paris und Petersburg unbehagliche Stimmung Hervorrufen, die französische wie russische Regierung könnte, wenn auch ohne wirkliche Gründe, befürchten, daß eines schönen Tages die Staatsmänner und Generäle der Dreibundstaaten zu dem Resultate kommen, daß es besser sei, zur Vertheidigung des wankend gewordenen Friedens und zur Beruhigung Europas zu einem Angriffskriege überzugehen, anstatt in ewigem Rüsten seine Kräfte zu verzehren. Dieser Gedankengang wäre bei den Gegnern des Dreibundes nicht so unwahrscheinlich. Besser ist dadurch die europäische Lage natürlich nicht geworden, aber auch nicht gerade kritischer, als sie bereits seit mehreren Jahren ist. Die gewaltigen Heere in allen Lagern sind eben immer noch die reellste Friedensbürgschaft.
Deutsches Reich.
Berlin, 11. August. Der Kaiser widmet sich auch während seines jetzigen Aufenthalts in Kiel mit regem Interesse der Erledigung der lausenden Regierungsgeschäfte. U. A. hielt der zu diesem Zwecke in Kiel eingetroffene Reichskanzler v. Caprivi dem Monarchen am Montag an Bord der „Hohenzollern" einen längeren Vortrag, bei welchem es sich vermuthlich auch um eine Darlegung der neuesten Vorgänge in der auswärtigen Politik, speciell der französisch-russischen Verbrüderungsfeste, gehandelt haben dürfte. Der Kaiser wird während seines gesummten Aufenthaltes in Kiel an Bord der „Hohenzollern" verbleiben, da die Verletzung, welche sich der hohe Herr am Knie zugezogen hat, noch Schonung geboten erscheinen läßt, ohne daß die Verletzung selbst irgendwie besorgnißerregend wäre. Seit Sonntag weilt auch die Kaiserin in Kiel an der Seite ihres erlauchten Gemahls- vermuthlich werden beide Majestäten gemeinsam nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurückkehren. Als wahrscheinlichen Zeitpunkt dieser Rückkehr bezeichnen Berliner Meldungen jetzt den 17. oder 18. August.
— Der Entwurf des neuen Gesetzes zur Bekämpfung der Trunksucht soll dem Kaiser zur Genehmigung nächstens vorgelegt und alsdann im Bundesrathe eingebrachr werden. Es wird auf baldige Veröffentlichung des Entwurfs gehofft,
Feuilleton.
Eine unheimliche Requisition.
Humoreske aus dem letzten Kriege.
Von Leo Sonntag.
„Na, wenn das nicht der schönste Wald ist, in dem jemals eine liebenswürdige Franctireurbande einer Abtheilung „Prussiens" die Kehle zugeschnürt hat, dann will ich nie in meinem Leben wieder eine gesunde Erbswurst im Feldkessel haben," brummte unser Vicefeldwebel Scheibeler und warf mißtrauische Blicke in das dichte Gestrüpp zu beiden Seiten des Weges.
„Ja," erwiderte halblaut Sergeant Bornemann, „ich hätte meinestheils auch nichts dagegen einzuwenden, wenn wir ihn erst glücklich wieder im Rücken hätten, denn wenn sie uns hier ungeschoren durchlassen, dann muß die Bande -plötzlich von einer dummen Menschenfreundlichkeit befallen sein, die ich an ihr zu beobachten noch keine Gelegenheit gehabt habe."
Die Befürchtungen der beiden, wenige Schritte vor unserem ersten Wagen hermarschirenden Unteroffiziere hatten allerdings ihre Berechtigung, denn schon eine gute Stunde lang marschirten wir auf ziemlich schmalem Wege durch einen Wald hindurch, zwischen dessen nicht sehr dichtstehenden Bäumen rin wildes, beinahe undurchdringliches Unterholz wucherte. Zum Ueberfluß schnitt der Weg stellenweise durch wellenartige flache Hügel hindurch und die auf solche Weise gebildeten Defilven boten die denkbar günstigste Gelegenheit zu einem feindlichen Ueberfall.
Wir hatten kurz vor Mittag den Befehl erhalten, mit vier Wagen und einer Bedeckung von 46 Mann Infanterie unter dem Commando unseres Lieutenants v. Marwitz ein stark zwei Stunden von dem durch deutsche Truppen besetzt gehaltenen Rayon entfernt liegendes großes Hofgut mit einem Requisitionsbesuche zu bedenken. Zu diesem Zwecke hatten
wir den bereits geschilderten Wald zu passiven, wozu wir nach unseren Generalstabskarten ungefähr anderthalb Stunden nöthig hatten. War es nun an dem tiefen Sande des Waldweges gelegen, durch den wir uns nur mühsam hindurcharbeiten konnten, oder hatte sich unser Detachementssührer in der Entfernung verrechnet, kurz, es waren bereits mehr wie anderthalb Stunden verstrichen, der Wald wurde immer dichter und wir schienen weiter von dessen Lissiöre entfernt als je zuvor. Kein Wunder daher, daß die Stimmung unserer Leute immer trüber wurde, daß die müden Pferde vor unseren Wagen immer bedenklicher die Köpfe hängen ließen und mehr wie einmal energisch aufgemuntert werden mußten, um die plumpen, elsässischen Bauernfuhrwerke weiter durch den knietiefen Sand zu schleppen. So war penn abermals eine Viertelstunde vergangen und die gerade in den Weg hineinbrennende Septembersonne hatte bei Thier und Menschen eine solche Erschöpfung hervorgerufen, daß eine kurze Rast von wenigen Minuten unbedingt erforderlich wurde.
Während wir Uebrigen mit Ausnahme einiger vorgeschobenen Sicherheitsposten im Schatten der nächsten Waldbäume Erfrischung suchten und unsere armen Pferde sich miß- muthig der lästigen Fliegen zu erwehren suchten, war Lieutenant von Marwitz auf feinem unermüdlichen Berberhengst vorausgeritten. Schon nach wenigen Augenblicken erschien er jedoch wieder in einer Krümmung des Weges, uns eifrig zum Aufbruch winkend, und rasch waren wir wieder neben dem Wagen und den stampfenden und schlagenden Pferden.
„Alle Hagel!" knurrte unser Vicefeldwebel Scheibeler, in seinem Civilverhältniß Forstmann, beim Anblick der Schwärme von Fliegen, welche die Gespanne umschwirrten, „der Wald muß ja einen ungemein starken Wildstand haben, und doch habe ich außer von einigen Stücken Rindvieh aber auch nicht die geringste Spur in dieser allerliebsten Streusandbüchse entdecken können."
„Oder wir befinden uns in der Nähe von großen Vieh- heerden," ergänzte der Sergeant, indem er als ältester Nach
komme eines großen Wetterauer Landwirths fein respectables Riechorgan sachverständig in die sonnendurchglühte Atmosphäre reckte. Jndeß hatten wir keine Zeit, uns über die Wahrscheinlichkeit der beiden Behauptungen klar zu werden, denn kaum hatten wir die Wegebiegung erreicht, in welcher unser Offizier hielt und mittels seines Fernstechers das Vorterrain beobachtete, so ermahnte uns dieser auch schon mit gedämpfter Stimme zur größten Eile und Ruhe, denn nur einige hundert Schritte vor uns mündete der Weg auf eine rings von Wald umschlossene, weitgedehnte, wellige Flur aus. Und inmitten der sonnenflimmernden Felder und Wiesen, höchstens eine Viertelstunde von uns entfernt, lag die umfangreiche Ferme Choiffy, das Ziel unserer Requisition.
Mit frischer Energie und so rasch es nur immer möglich war, rückte unfere Abtheilung, eine Section mit dem Sergeanten Bornemann weit vorgeschoben, aus das Gehöfte zu. Noch aber hatten wir die Hälfte des Weges nicht hinter uns, da richtete sich unser Lieutenant plötzlich im Sattel auf und deutete nach der jenseitigen Waldlisiöre hinüber.
„Schockfchwernoth noch einmal! Die haben gut aufgepaßt. Da gehen sie hin und wie lange wirds dauern, dann haben wir so 'ne ganze verdammte Schwefelbande von Franctireurs auf dem Halse" — und richtig, auf der entgegengesetzten Seite des Hofes wurden soeben zwei blcm- blousige Bauern sichtbar, die bisher durch die Gebäude gegen unsere Blicke gedeckt gewesen und jetzt in eiligem Laufe über eine der Terrainwellen hinüber nach zwei verschiedenen Stellen dem Walde zustrebten.;
„Na, bann haben wir ja wohl auch die tröstliche Aussicht, daß der Hof bis unter das Dach voll von dem liebenswürdigen Ungeziefer sitzt, und wenn wir uns hier mit ihnen, herumbeißen, bann kommt die andere Gesellschaft hinter uns aus dem Walde heraus. Das kann mit der Zeit noch 'ne recht gemüthliche Situation werden," meinte der Vicefeldwebel.
„Dann also 'rinn in den Hof und haben wir den crft4


