der Naturalverpflegung der Truppen enthalte, was infolge der gesteigerten Lebensmittelpreise nöthig sei- ferner enthalte derselbe eine erste Rate für Helgoland.
Berlin, 11. November. Nach den „Berl. Pol. Nachr." soll bei Controle der Einnahmen und Ausgaben im Schutzgebiete der Rechnungshof mitwirken.
Berlin, 10. November. Die „Post" meldet aus Rom, die Curie soll entschlossen sein, für das nächste Conclave einen ausländischen Ort zu wählen, wahrscheinlich in Spanien.
Bremen, 10. November. Die Blättermeldung, das Pro- ject der Vereinigung verschiedener transatlantischer Dampferlinien zu einem Pool sei gescheitert, ist, wie die Weserzeitung authentisch erfährt, unrichtig. Die Verhandlungen dauern noch fort.
Wien, 11. November. Im Parlamente erklärte Welsersheimb, die Förderung der Sprachkenntnisse werde womöglich berücksichtigt, aber die Sonderung der Nationalitäten wäre das Ende der gemeinsamen Armee. Diese kenne keine Landesgrenzen, sie schirme alle Länder und Völker, sie sei das Bollwerk gegen die Extreme der Parteileidenschaften.
kscales tittö provinzielles.
Gießen, 11. November 1891.
— Nach dem Bericht Großh. Handelskammer für 1889/90 läßt sich über den Gang des Geschäftes in der Rauchtabakfabrikation besonders Erfreuliches wenig berichten. Wenn es auch gelungen ist, dem durch das Steuergesetz vom Jahre 1879 hervorgerufenen ganz bedeutenden Minderconsum einigermaßen Schranken zu setzen und das Geschäft in manchen Absatzgebieten wieder mehr zu beleben, so konnte diese Besserung doch nur mit großen Opfern und mit Anspannung aller Kräfte erreicht werden. Von einem lohnenden Verdienste kann kaum mehr die Rede sein. Stets wachsende Betriebskosten und Arbeitslöhne, besonders auch die dem Arbeitgeber durch die Arbeiter-Schutzgesetze zugewiesenen beträchtlichen Lasten, machen sich bei dem heutigen Umsatz und reducirten Verdienst schwer fühlbar. Die Preise der in der Tabakfabrikation vorzugsweise zur Verwendung kommenden überseeischen Tabake sind mit wenigen Ausnahmen infolge ungünstiger Ernteergebnisse ganz bedeutend, oft auf das Doppelte, gestiegen und dabei herrscht thatsächlich Mangel «an feinen edlen Rohtabaken. Durch den verminderten Consum von Rauchtabaken im Allgemeinen werden die Fabrikanten gezwungen, zur Erhaltung ihres Absatzes ganz besondere Anstrengungen zu machen, wodurch die Concurrenz nach allen Seiten hin immer fühlbarer wird. — Die bedeutende Entwertung der in der heimischen Cigarrenindustrie gewonnenen Tabaksrippen hat statt zu Gunsten der Rauchtabaksfabrikation eher zu deren Nachtheil gewirkt, da viele kleinere Cigarrenfabrikanten, um ihre zu hohem Zollsatz versteuerten Rippen etwas besser zu verwerthen, diese geschnitten als Rauchtabak in den Handel bringen. Dadurch wird aber geradezu eine Abnahme im Pfeifenrauchen herbeigesührt, weil die Verwendung dieser Rippen, welche den Consumenten durch ihren billigen Preis zu kaufen animiren, für die Pfeife doch begrenzt ist und der Raucher der Pfeife lieber entsagt, wenn seinen Ansprüchen auf einen preiswerten guten Tabak von dem Verkäufer nicht Rechnung getragen wird. Aus eine durchgreifende Hebung des Geschäftes und Vermehrung des Verbrauchs in Pfeifentabaken ist auch in Zukunft kaum zu rechnen, wenn 'Nicht durch eine Verminderung des Eingangzolles auf die, wenigstens in Mittel- und Süddeutschland zur Fabrikation unentbehrlichen Virginy-Rippen, welche heute gleich den feinsten Cigarrentabaken mit 85 Mk. per 100 Kilo verzollt werden müssen, eine wesentliche Veränderung in den Preisen für gute billige Sachen erreicht werden kann. Die Kautabakfabrikation ist andauernd gut beschäftigt und für den Artikel stets vermehrter Begehr, doch ist auch hier das Geschäft, weil es nicht gelingt, die Preise auf eine, ^den Roh- productpreisen und den heutigen Unkosten entsprechende Höhe zu bringen, ein wenig lohnendes.
— Neues Theater. Ebenso wie Sudermanns „Sodoms Ende" unter den sog. oberen Zehntausend viel Staub auswirbelte, ebenso müßte eigentlich Wildenbruchs „Haubenlerche", welche heute hier zum viertenmale über die Bretter ging, unter den unteren Zehntausend, insbesondere in socialdemokratischen Kreisen, Entrüstung Hervorrufen, denn der Dichter beweist an der Hand äußerst lebenswahrer Bilder in obigem Schauspiel, daß die erträumte, erwünschte und immer noch erhoffte „Gleichheit und Brüderlichkeit" unmöglich ist und stets ein frommer Wunsch bleiben wird, selbst wenn es dereinst solche Idealisten geben sollte, wie der in der „Haubenlerche" characterisirte Fabrikbesitzer August Langenthal. Dieser, ein reicher Fabrikbesitzer, ist von dem idealen Bestreben Erfüllt, seine niedriger gestellten Mitmenschen auf dasselbe Lebensniveau zu ziehen, auf dem er steht. Er sucht auch durch die That sein Ideal zu verwirklichen, behandelt seine Arbeiter wie seinesgleichen re., hat aber dabei eins vergessen, nämlich — das schöne Geschlecht. — Unter seinen Fabrikmädchen zeichnet sich Lenchen, die Tochter einer gelähmten Fabrikarbeiterswittwe, durch ein schönes Aeußere und ihr fröhliches Wesen aus. Diese trifft Hermann, der Bruder des Fabrikbesitzers, welcher, der vollständige Gegensatz zu seinem Bruder, näch durchschwärmter Nacht eines schönen Morgens in Ermangelung eines Hausschlüffels per Zaun- dillet in seine Behausung kommt, gerade beim Aufräumen, schäkert mit ihr und tauft sie infolge ihres munteren und fröhlichen Wesens „Haubenlerche". Hermann, erst 19 Jahre alt, steht unter der Vormundschaft seines Bruders und lebt Infolge seiner realistischen Lebensanschauung, die er auch durch dementsprechenden Lebenswandel bewährt, mit demselben fortwährend im Zwist. Julianne, die Cousine beider, hier die stellvertretende Hausfrau — Langenthal ist noch unverhei- rathet — sucht zwischen beiden zu vermitteln. Langenthal verliebt sich schließlich in Lenchen und verlobt sich regelrecht
mit ihr. Lenchen aber hatte ihr Herz längst dem Paul Hefeld, dem ersten Büttgesellen der Fabrik, geschenkt, und aus Ehrfurcht gegen Langenthal, sowie aus kindlicher Liebe zu ihrer Mutter, der dann sicher eine heilbringende Kur zu Gute kommen könnte, ihre wahre Liebe nicht einzugestehen gewagt. Dieser Zustand der Verlobung des armen Fabrikmädchens mit dem reichen Fabrikherrn fördert nun einerseits die traurigsten, andererseits die drolligsten ©eenen zu Tage. Das arme Fabrikmädchen fühlt sich in der luxuriösen Behausung und unbekannten Lebensweise namenlos unglücklich, während sich ihr Onkel Schmalebach, Lumpenfactor in der Fabrik, ein eingefleischter Socialdemokrat, im Hinblick aus das infolge der Heirath seiner Nichte wohl zweifellos eintretende Avancement zum „Compagnon" in dieser Lage sehr mollig fühlt. Unter der Maske des Retters aus dieser für Lenchen fürchterlichen Lage beabsichtigte nun Hermann, dem Ideal seines Bruders aus wenig wählerische Art und Weise zu schaden. Beinahe wäre ihm sein Plan gelungen, da fällt Lenchen noch zur rechten Zeit die Binde von den Augen und die nun hereinbrechende Katastrophe löst alles in allgemeines Wohlgefallen auf. — Die Darstellung dieses Schauspiels zeigte ein fein durchdachtes, bis in die kleinsten Einzelheiten (so z. B. den Berliner Dialect, bezügl. dessen keiner von den betreffenden Darstellern selbst in der höchsten Extase aus dem „Concept" fiel) durchgesührtes Spiel. Daß die Regie in bewährten Händen ruht, zeigte auch diesmal die richtige Vertheilung der Rollen, insbesondere der beiden schwierigsten, der „Haubenlerche" (Frau Anni Reiners) und Hermanns (Herrn Georg Stegemann). Beide Rollen erfordern noch in höherem Grade wie die des Fabrikbesitzers Langenthal (Herr Adolph Peickner) Routine im Minenspiel und Sicherheit in der Darstellung, was Frau Reiners und Herr Stegemann besonders in der Ver- sührungsscene zu beweisen Gelegenheit hatten. Nicht minder gut spielte Herr Peickner den Idealisten, während Herr Paul Ernst in der Darstellung des stets unzufriedenen, aber in seiner Art drolligen Ale Schwalefeld (in seiner Eigenschaft als Lumpenfactor, Socialdemokrat und Compagnon „in spe“) in seinem Element war. Auch die übrigen Rollen wurden sehr exact durchgeführt. — Wir haben Gelegenheit gehabt, die „Haubenlerche" auf den bedeutendsten Bühnen von namhaften Künstlern aufgeführt zu sehen, müssen jedoch anerkennen, daß die gestrige Darstellung keinen merklichen Unterschied vor jenen wahrnehmen ließ. Angesichts der Anstrengung der Direction, stets „Neues" zu bieten, ist der schwache Zuspruch allerdings sehr zu bedauern. Vielleicht versucht es die Direction mit „Altem", z. B. allwöchentlichen Classikervorstellungen zu ermäßigten Preisen, die in dem an Bildungsstätten so reichen Gießen sicher großen Zuspruch haben würden.
— Neues Theater. Donnerstag, den 12. November, geht auf einen allseitig ausgesprochenen Wunsch das reizende Lustspiel von Roderich Benedix: „Ein Lustspiel" noch einmal in Scene. Das Stück hatte bei der ersten Aufführung im Monat October sich eines so ungetheilten Beifalls zu erfreuen, daß man sich gradezu wundern mußte, dies ausgezeichnete Werk vom Spielplan verbannt zu wissen., Um so angenehmer wird es diejenigen Theaterbesucher berühren, welche das lustige Stück noch nicht gesehen haben, daß sich Herr Director Reiners, trotz des damaligen schlechten Besuches, nicht abschrecken läßt, den Wünschen und Verlangen des Publikums auf das pünktlichste nachzukommen.
— Vortrag. Wie bereits gemeldet, wird der schwedische Afrikareisende Theodor West mark am Freitag, den 13. d. Mts., Abends 8 Uhr im „Hotel Einhorn" einen Vortrag halten. Wir geben hiermit das Programm des interessanten Vortrages bekannt: 1) Reise von Bannama nach M'Suata. Ein Krokodil unter meinem Bett. 2) Stanleyscandale. Leopoldville. Ein Boot von einem Flußpferd umgekippt. Der Kongostrom. Romantische Gemälde. 3) Sitten und Gebräuche der Kannibalen in Bangala. Kasten der Eingeborenen. Ihre Palabren. Arbeiten. Familienverhältnisse. Stellung der freien Frau und der Sclavin. Ehe. Vielweiberei. Verkauf der Frau. Tclaven. Haarschmuck und Kleidung der Schwarzen. Falsche Kopszierde. Schmuck. Religion. Krieg. 4) Menschenopfer, Mahlzeiten und Gastereien der Kannibalen. Ein Häuptling, der sieben seiner Frauen verspeist. Begräbniß- feierlichkeiten. Leichentanz. 5) Rückkehr. Wißmann. 6) Die Sclaverei in Afrika. — Interessant dürfte es einstweilen sein, zu erfahren, welch' eigenthümliches Abenteuer dem Forscher in Havre passirte. Dortselbst, wo er in einem großen Hotel, dem Hafen gegenüber, eingekehrt war, wurde er von der Polizei arretirt, unter der Anklage, daß er nicht der Afrikareisende Westmark, sondern der Herzog von Orleans sei, welcher sich so verkleidet habe, um die französische Polizei zu täuschen. Er wurde nicht losgelassen, bis er seine Identität feststellen konnte. — Die „Freib. Ztg." berichtet über den Vortrag, welchen Herr Westmark in Freiburg gehalten hat, Folgendes: Im dichtbesetzten, von Damen und Herren, jungen und alten, gleichmäßig besuchten Kanthaussaale hielt der schwedische Afrikareisende seinen mit Spannung erwarteten Vortrag über seinen fünfjährigen Aufenthalt in Afrika. Die hochinteressanten, wenn auch oft furchtbar grauenhaften Ausführungen erweckten nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Form das größte Interesse, denn in letzterer bekundete sich ein rühmlicher Fleiß und eine außerordentliche Energie. — Nach einer uns zugegangenen Depesche erzielte der Asrikareisende Westmark gestern in Würzburg einen großartigen Erfolg und wird morgen daselbst noch einen neuen Vortrag halten.
E. Nidda, 10. November. Die fünfzigjährige Jubelfeier der hiesigen Handwerkerschule, verbunden mit Einweihung der neu erbauten Handwerkerschule, findet am Sonntag, den 15. November, statt. Sie besteht in Festzug, Weiherede und gemüthlichem Beisammensein im Gambrinus-Saale.
§ Aus dem Kreise Alsfeld, 10. November. Bor einiger Zeit bereisten mehrere gut gekleidete Herren, ihres Geschäftes Schulwandtafel-Lackirer, den Kreis und besuchten die Schulen. Nach ihrer Aussage besaßen sie zu diesem Zweck eigen# präp^irten Lack von seltener Güte und Dauer, der eine fünfjährige Haltbarkeit der Farbe verbürge. Eine Reihe von Zeugnissen seitens vieler Lehrer, in deren Schulen die Herren Lackirer gearbeitet, schien dies zu erhärten. Billig konnte allerdings ein solcher Lack, der jedenfalls patcntirt ist, nicht sein, man verlangte per Quadratsnß einmaligen Anstrichs 30 Pfennige, macht für eine Schultafel gewöhnlicher Größe mit extraer Vergütung für Liniatur in runder Summe sage und schreibe — neun Mark! Der Vorsitzende des Schulvorstandes im Ort dieses Schreibers kannte derartige Forderungen und bot per Tafel nur drei Mark, für welche Summe sie denn auch gemacht wurden. Innerhalb einer knappen Stunde hatte der Mann mit dem berühmten Lack vier Taseln lackirt, macht immerhin einen schönen Verdienst von 12 Mark für diese Zeit aus. Und wie hat sich die Haltbarkeit des gerühmten Lackes bewährt? Schwamm und Hände des Lehrers geben nach jeder Schulstunde etn beredtes Zeugniß von der Vergänglichkeit dieses dauerhaften Wandtafeln- Lacks. Hieraus bie Lehre: im Bedürfnißfalle wende man sich an bekannte Leute und lasse sich nicht beschwindeln.
nn. Darmstadt, 10. November. Vierte evangelische Landessynode. Unter dem Vorsitz des OberlandesgerichtS- raths Heinzerling trat heute die Synode zu einigen Sitzungen zusammen. Nach Bekanntgabe einer Reihe neuer Einläuse und Berichtsanzeigen trat die Synode in die Berathung über die Wahl des geistlichen Abgeordneten und des Stellvertreters im Decanat Oppenheim. Gewählt wurde für den verstorbenen Pfarrer Pauly Oppenheim Herr Decan Völsing in Gimbsheim, als Stellvertreter für den Pfarrer Weigold-Oppettheim Pfarrer Bauer in Waldülversheim. Die Synode erklärt die Wahl für gültig. Für den ebenfalls ausgeschiedenen Professor der Landesuniversität Dr. Thaer-Gießen wurde von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog Professor Siebeck berufen. Hiernach trat die Synode in die Berathung der Vorlage Großh. Ober- consistoriums betr. Leistungsfähigkeit der allgemeinen geistlichen Wittwenkasse. Nach einer kurzen Debatte, in welcher das Kirchenregiment sich befürwortend für die Vorlage aussprach, wurde der Antrag des Ausschusses, dahingehend, die Landessynode möge das Oberconsistorium ermächtigen, vom 1. April 1891 ab bis zum Ablauf der Budgetperiode 1890/95 zu Lasten der Ueberschüsse des Central- kirchenfonds einen um 9382 Mk. höheren Zuschuß, nämlich 36 000 Mk. statt 26 618 Mk. jährlich an die allgemeine geistliche Wittwenkasse auszahlen zu lassen, einstimmig angenommen. Gelegentlich der vorigen Tagung der Landessynode und bei Berathung über das Gesuch der in Gießen wohnhaften Wittwen von evangelischen Geistlichen um Aufbesserung der Wittwenpensionen stellte der Synodale Brand den Antrag, die Organisation und die Verhältnisse der allgemeinen geistlichen Wittwenkasse, insbesondere anderweite Regelung der Verwaltung derselben unter Zuziehung des ersten Ausschusses einer eingehenden Prüfung zu unterwerfen. Das Oberconsistorium ist im Wesentlichen mit der Tendenz des Antrags einverstanden und wird nach Lage der Sache einer Vereinfachung in der angedeuteten Weise näher treten. Es muß aber schon jetzt bemerken, daß für Ausleihung der Capitalien auf hypothekarische Sicherheit in den Provinzen Oberhessen und Rheinhessen dauernd eine Beihülfe nöthig fein werde. Nachdem auch dem Anträge durch eine Herabsetzung der seitherigen Remunerationen der Rechner in Gießen und Alzey Rechnung getragen worden sei, möge derselbe für erledigt erklärt werden. Diesem stimmt die Synode zu. — Der Gesetzentwurf, d ie Sterbequartale der Geistlichen betreffend, wird ohne Debatte in erster Lesung angenommen. — Hiermit werden die Verhandlungen um 11 Uhr geschlossen.
Darmstadt, 10. November. Die „N. H. V." schreiben: Soeben wird uns mitgetheilt, daß gestern in einer mittleren Klasse einer hiesigen Lehranstalt für erforderlich erachtet werden mußte, die Schüler davor zu warnen, in den beiden Wallenstein-Vorstellungen gegen Herrn Hofschauspieler Edward in feindlicher Weise zu demonstriren, indem eine „V e r- schwörung" in dieser Richtung der Direction bekannt geworden sei. Wir glauben, diese für die hiesigen Verhältnisse im höchsten Grade characteristische Notiz hier weiteren Kreisen zur Kenntniß bringen zu sollen.
Aus Starkenburg, 9. November. „Wie es gemacht wird." Die Thatsache, welche Ihnen nachstehend berichtet wird, hat sich kürzlich zugetragen und kann als Beispiel dafür dienen: „Wie es die Stromer heutzutage machen." Ein kräftiger Mensch von kaum 30 Jahren bettelte bei einem Geschäftsmann und dieser offerirte dem Burschen Arbeit für den ganzen Winter, vollständige Kost und Wohnung und täglich 1,25 Mk. bis 1,50 Mk., je nach seiner Leistungsfähigkeit. Der Stromer, welcher ein gemüthlicher Kerl war, lehnte ab, theilte aber dem Arbeitgeber in aufrichtiger Weise mit, wie er sein Metier betreibt. Er erzählte folgendermaßen : Die Stromer theilen sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit, warnen vor unausgiebigen Wegen und Touren, bezeichnen sich die Herbergen, wo sie ihre Papiere ordnen können und erfahren sehr schnell die Namen der Gendarmen und deren Anwesenheit oder Abwesenheit. „Während eines Tages", fuhr der Bursche fort, fechte ich sehr leicht soviel zusammen, als Sie mir geben wollen und noch mehr dazu. Sehen Sie, das habe ich in Ihrem kleinen Orte von etlichen Hundert Einwohnern gesammelt, Kupfer und Nickel, beinahe eine Mark. Nun gehe ich nach X., das ist eine Verpflegungsstation, zwei Stunden von hier; dort wird ordentlich gegessen und weiter spaziert. Unterdessen müßt ihr Bauern euch schinden und plagen. Von Zeit zu Zeit erwirke ich mir bei guten Freunden eine Bescheinigung in meine Papiere, daß ich etliche Tage gearbeitet hätte, weil ich nicht länger als vier Wochen, ohne gearbeit zu haben, reifen darf, sonst


