Ausgabe 
12.7.1891 Erstes Blatt
 
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Nr. 159. Erstes Blatt Sonntag den 12. Juli 1891

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Anrtlichev Theil.

Gefunden: 4 Armbänder, 1 gehäkelte Tischdecke- 2 Kinderbetttücher, 1 Kinderschuh, 1 Hundehalsband, 1 Schuh, knöpfer, 2 Taschentücher, 1 Schablone, mehrere Postkarten, 1 Haarpfeil und 1 Peitsche.

Zugelaufen: 1 kleiner Pinscherhund.

Gießen, den 11. Juli 1891.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.:

Schliephake, Regierungsassessor.

Aerreste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 10. Juli. DieNordd. Allg. Zeitung" weist aus die gegenwärtige Getreidepreisvertheuerung am hiesigen Weizenmarkte hin und bemerkt, es bereite sich ein kräftiger Widerstand gegen dieseMachinationen" vor. Die ersten hiesigen Firmen bringen außergewöhnlich große Posten Weizen russischer und amerikanischer Provenienz nach Berlin, um dieselben zum Juli-Terminmarkte anzukündigen und abzuliefern. Es sei auch nicht ausgeschlossen, daß dem wüsten Treiben" gewisser Speculanten noch von anderer Seite ein jähes Ende bereitet werde, zumal auch die Haupt- brodsrucht Roggen von rücksichtslosen Preistreibereien nicht verschont bleibe. Dem energischen Widerstande des soliden und loyalen Getreidehandels gegen ungesunde Auswüchse der Speculation sei der beste Erfolg zu wünschen. DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt gegenüber der Blättermeldung von der angeblich endgültigen Aushebung des Paßzwangcs für die aus Elsaß über Basel nach Deutschland Reisenden, von einer den Paßzwang betreffenden allgemeinen Anordnung sei an maßgebender Stelle nichts bekannt.

Dortmund, 10. Juli. Auf der ZechePrinz von Preußen" derHarpenerBergbaugesellschaft ist das Pumpen­ge ft änge gerissen. Der Schaden ist unbedeutend, die Abwässerung erfolgt nach ZecheCaroline", wo genügende Reserve für Wasserhaltung vorhanden ist. In der Kohlen­förderung wird kein Ausfall eintreten.

Mannheim, 10. Juli. Der Rhein und seine Neben­flüsse steigen stark und sind bereits an verschiedenen Stellen über die Ufer getreten. Der Neckar ist mehrfach ausge­treten. Weiteres Steigen in Aussicht.

Hamburg, 10. Juli. Die Düsseldorfer Conserenz der Dampfercompagnieen beseitigte, wie derHamburgische Cor- respondent" zuverlässig erfährt, die Differenzen, welche in

(letzter Zeit einen Tarifkamps heraufbeschwören zu wollen schienen. Die Red-Star-Line trat dem sog. Hamburgischen Cartell bei, das jetzt durch Hinzuziehung der niederländischen Gesellschaft weiter consolidirt wird.

Pofen, 10. Juli. Zur gestrigen Warschauer Meldung, betreffend die Ermordung des Grasen Plater im Blitzzug, wird heute mitgetherlt: Die gerichtliche Section der Leiche ergab Herzschlag als Todesursache. Der Graf stürzte, erlitt mehrere Kopfwunden und wurde in einer großen Blut­lache aufgesunden. Werthobjecte fehlten nicht.

London, 10. Juli. Die ganze City ist bereits anläßlich des Besuches des Deutschen Kaisers in der Guildhall aufs Glänzendste geschmückt. Die Vorbereitungen übertreffen alles in London Gesehene. Guirlanden und Banner, eng­lische und deutsche, mit Inschriften, schmücken die Straßen. Das Militär bildet von Buckingham nach der City Spalier. Der Wagenverkehr ist schon gesperrt. Die Straßen sind voll Neugieriger. Die reichgeschmückten Fenster sind mit Zu­schauern, die von allen Seiten herbeigeströmt, besetzt. An dem Lunch in der Guildhall nehmen auch die Kaiserin, die anwesenden Prinzen und Prinzessinnen, das diplomatische Corps Theil. Heute Morgen hielt der Kaiser eine Revue über die Freiwilligen von Westminster ab.

London, 10. Juli. Das Kaiserpaar wohnte gestern Abend der großen, von der Königin zu Ehren des Kaiser­paares anbesohlenen Concertfeier in der Alberthalle bei. Es erschien um 10 Uhr vor dem Beginne des zweiten Theiles des Concertes. Der Kaiser trug die englische Admirals­uniform. Bei dem Eintritt des Kaisers und der Kaiserin in den Saal erhob sich das Publikum und der Chor intonirte die deutsche und die englische Nationalhymne. Der Saal war von dem distinguirtesten Publikum ül-ersüllt. Anwesend waren der Prinz von Wales, die Herzöge von Edinburgh, Connaught, Clarence und Fife und Prinz Christtan. Der zweite von dem Kaiserpaare angehörte Theil des Concertes bestand aus dem Kaisermarsch von Wagner und Sullivans Goldener Legende". Das Kaiserpaar wurde auf dem Wege zur Albert-Hall vom Publikum enthusiastisch begrüßt.

London, 10. Juli. Während des Kaiserzuges vom Buckingham-Palace nach der Guild-Hall waren aus dem ganzen Wege und in den benachbarten Straßen die Läden geschloffen. Ueberall wurde das Kaiserpaar von der Menschenmenge jubelnd begrüßt. Der Kaiser äußerte nach Ueberreichung der A d r e s s e, er danke bestens der Corporation der City und hoffe, die­selbe werde unter der ruhmreichen Regierung seiner geliebten Großmutter stets gedeihen. Der Lordmayor sagte in dem Toast, den er auf die Königin und sodann auf das

Kaiserpaar ausbrachte, die Stadt London habe ost Gelegen­heit gehabt, auswärtige Herrscher zu bewillkommnen,- der gegenwärtige Anlaß sei aber von einzig dastehendem Interesse, da der kaiserliche Gast ein Enkel der geliebten Königin, ein Sohn der ältesten Tochter derselben sei. Zum Kaiser gewen­det, fuhr der Lordmayor fort:Eure Majestät erwies sich als den würdigen Nachfolger ihres ehrwürdigen Großvaters, des großen Gründers der deutschen Einheit; wir habeü Eurer Majestät merkwürdige körperliche und geistige Thätigkeit, den unermüdlichen Eifer in allem, was die Wohlfahrt des Volkes fördern konnte, mit Bewunderung beobachtet." Der Lord- mayor schloß mit dem Ausdruck des Dankes für den Kaiser­besuch. Se. Majestät der Kaiser dankte daraus mit folgenden Worten:Mylord, empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für das warme Willkommen, welches mir seitens der Bürger dieser alten und edlen Metropole geworden. Ich bitte Eure Herrlichkeit denjenigen, in deren Namen Sie gesprochen, den Ausdruck meiner Gesinnungen gütigst übermitteln zu wollen. In diesem reizenden Lande habe ich mich stets zu Hause gefühlt als Enkel einer Königin, deren Name stets in Er­innerung bleiben wird als ein edler Charakter und einer Dame, die groß ist in der Weisheit ihrer Rathschläge und deren Regierung England dauernde Segnungen verliehen hat. Ueberdies läuft dasselbe Blut in englischen und deutschen Adern. Dem Beispiele meines Großvaters und unvergeßlichen Vaters folgend, werde ich stets, soweit es in meiner Macht liegt, die historische Freundschaft zwischen diesen unseren beiden Nationen bewahren, welche, wie Eure Herrlichkeit erwähnte, man so oft nebeneinander gesehen hat, zum Schutze der Frei­heit und Gerechtigkeit. Ich fühle mich in meiner Aufgabe ermuthigt, wenn ich sehe, daß weise und fähige Männer wie sie hier versammelt sind, dem Ernste und der Ehrlichkeit meiner Absichten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Mein Ziel ist vor Allem die Aufrechterhaltung des Friedens, denn der Frieden allein kann das Vertrauen einflößen, welches für eine gesunde Entwickelung von Wissenschaft, Kunst und Handel erforderlich ist. Nur so lange Friede herrscht, steht es uns frei, ernste Gedanken den großen Problemen zu widmen, deren Lösung mit Billigkeit uüd Gerechtigkeit ich als die hervor­ragendste Ausgabe unserer Zeiten betrachte. Sie dürfen sich daher versichert halten, daß ich sortsahren werde, mein Bestes zu thun, um die guten Beziehungen zwischen Deutschland und anderen Nationen zu erhalten und beständig zu stärken und daß man mich stets bereit finden wird, mich mit Ihnen und denselben zu vereinen in der gemeinsamen Arbeit für den friedlichen Fortschritt, freundschaftlichen Verkehr und die Förderung der Civilisation." Während des Dejeuners

Feuilleton.

Bienchen.

Von Friedrich Meister.

(Fortsetzung.)

Ich gab mir alle Mühe, mir einzureden, daß Jacobine ein berechnendes, selbstsüchtiges und habgieriges Mädchen sei, nur zu dem Zwecke wie ich später eingesehen habe um eine heiß für sie in meinem Herzen aufsteigende Empfindung zu ersticken.

Ich wollte an Bord gehen, wie um mich von ihnen zu verabschieden, und wenn dann die Besucher kurz vor Abgang des Schiffes wieder an Land geschickt wurden, dann erst sollten sie zu ihrem Erstaunen gewahren, daß auch ich zu den Passagieren gehörte.

Dieser kleine Plan aber wurde vereitelt. Noch spät am Abend suchte Carl Petrus mich in meiner Wohnung auf und sogleich bei seinem Eintritt erkannte ich an seinem glück­strahlenden Gesicht, daß alles in Ordnung war.

Wir sind verlobt, alter Junge!" ries er mir zu, indem er mir einen Schlag auf die Schulter gab, der mich that- sächlich schmerzte, denn seine Faust gehörte nicht zu den leichtesten.Und denke Dir, sie hat mich von Anfang an geliebt und sich immer gegrämt, weil ich mit der Sprache nicht herausrückte."

Den Teufel hat sie!" sagte ich, ingrimmig das Meffer in das vor mir liegende Brod stoßend. Ich saß gerade bei meiner frugalen Abendmahlzeit.

Er schaute mich verwundert an, war jedoch so voll von seinem Glück, daß er weiter nicht auf mich achtete, sondern redselig in seinem Berichte sortsuhr. Dabei setzte er sich ohne Umstände neben mein Abendbrod auf die Tischkante, wodurch Las alte, wackelige Möbel in die ernsteste Gefahr kam.

Sieh Dich vor, Carl," warnte ich.Mach mir hier keine Havarie, meine Wirthin geräth sonst außer sich."

Er aber hörte gar nicht darauf.

Um mein Glück vollständig zu machen," fuhr er fort, fehlt nun nichts weiter, als daß Du Deine Anstellung er­hältst und dann mit uns nach Australien kommst."

Jetzt konnte ichs nicht zurückhalten.

Heute früh ist mir meine Ernennung zum Viceconsul des Deutschen Reiches in Adelaide zugestellt worden," er­widerte ich.

Und das sagst Du mir jetzt erst?" rief er in höchstem Erstaunen.

Konnte ich denn früher zu Worte kommen?" entgegnete ich.Seit Wochen hat es nur ein Unterhaltungsthema zwischen uns gegeben, denn diese Biene hat"

Er unterbrach mich.

Hör mal, alter Freund," sagte er,diesen Spitznamen wollen wir jetzt fallen lassen. Meine Braut heißt Jacobine."

Ach was!" rief ich.Bienchen bleibt Bienchen für Jeden, der sie einmal als Bienchen gekannt hat. Allerdings," fügte ich würdevoll hinzu,werde ich ihr ihren neuen Namen nicht vorenthalten, sobald derselbe ihr rechtlich zustehen wird."

Das wird nicht nöthig fein," versetzte Carl lächelnd. Du sollst uns nicht entfremdet werden und daher wie ich das Recht haben, sie nach wie vor Jacobine zu nennen."

Ich dankte ihm in etwas spitzigem Tone und lehnte diese Ehre ab. Ich war in jenem Moment allen Ernstes eifersüchtig.

Nun, wie Du willst," sagte Carl, den Tisch in be­ängstigendster Weise unter sich erkrachen lassend. Ich deutete ihm an, daß sich auch noch Stühle im Zimmer befänden.

Hast recht," versetzte er.Der Tisch scheint nicht mehr tactsest zu sein."

Damit setzte er sich aus meinen Feldstuhl, der sofort unter ihm znsammenbrach, was uns beide zu herzlichem Ge­lächter veranlaßte.

Gerade wie an Bord, wenn der jalte Kasten schlenkert," sagte er.Soll mich wundern, was wir aus der Ausreise für Wetter haben werden. Nun, wie Gott will. Seit dieser Engel sein Leben an das meinige gefesselt hat, soll mir alles recht und willkommen sein."

Nun ist sie gar ein Engel!" spottete ich. Die Eifer­sucht ist doch ein erbärmlich Ding.Bisher galt sie unter uns nur als ein ganz niedliches Stückchen Erbsünde."

Wenn Du mich lieb hast, Freund, dann bringe dies Wort nicht wieder über Deine Lippen," sagte Carl Petrus ernst.Jacobine ist so rein, so makellos . . ."

Zugestanden, Carl!" unterbrach ich ihn.Und von ganzem Herzen. Verzeih mir! Wir waren so daran ge­wöhnt, zuweilen etwas leichtfertig von ihr zu reden . . . Dabei aber sehr ernsthaft an sie zu denken," fügte ich inner­lich hinzu.

Viel zu leichtfertig," nickte er, die Stirn runzelnd, jetzt aber will ich davon nichts mehr hören. Nach wenigen Tagen wird sie Frau Jacobine Petrus sein und wenn jener Wendler mir vorher noch mal vor den Bug kommen sollte"

Stille, Carl, keine Drohungen," sagte ich.Meine Wirthin hat die Gewohnheit, draußen zu horchen, und wenn ich die Thüre aufmache, dann thut sie gerade immer, als wenn sie anklopfen wollte. Außerdem sähe das aus wie Mißtrauen gegen Bienchen, das aber wäre Unrecht, wenn sie auch eine kleine Cokette gewesen ist."

Carl reichte mir die Hand.

Hast recht, Freund, wie immer," entgegnete er.Und nun auf Wiedersehen!"

II.

Wie es endete.

Der Schauplatz war ein anderer geworden.

Der große DampferAlbis", Capitän Petrus, befand sich im Biscaischen Meerbusen. Ich stand auf der Luvseite des Achterdecks, unmittelbar hinter den Kreuzwanten, wo ich