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1891

Freitag den 11, December

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®Be Lmromm-Aureimr des In- und ÄulteaM ti^cote Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeT«.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 9. December 1891.

Betr.: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler in 1892.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

sm die «rotzh. Bürgermeistereien de- «reifes.

Wir sehen Ihrem Berichte darüber entgegen, wieviel Scheine Sie voraussichtlich im Jahre 1892 für zur Bedeckung kommende Stuten nöthig haben werden.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Christian Steuerwald von Gießen wurde als Feldschütz für die Gemarkung Gießen ernannt, verpflichtet And heute in seinen Dienst eingewiesen.

Gießen, am 9. December 1891.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth.

Lehrer-Conferenz

des Conferenz - Bezirks Gießen

Mittwoch den 16. December, Borm. IO Uhr

in Gießen.

Lieder: 138, 216.

Gießen, den 9. December 1891.

Büchner, Schulrath.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 9. December. Wegen des Ablebens Seiner Majestät des Kaisers Dom Pedro II. von Brasilien ist auf Allerhöchsten Beseht eine Hoftrauer vom Heutigen bis zum 22. l. Mts. einschließlich angeordnet worden.

Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den Möbelsabrikant Ringshausen aus Nidda.

nn. Darmstadt, 9. December. Hessischer Landtag. In der heutigen Sitzung zweiter Kammer kommt zu­nächst eine Interpellation des Abg. Pennrich über die Verlegung der Schulstunden der Fortbildungsschulen zur Kenntniß des Hauses. Hieraus findet die Wahl des Sonder­ausschusses zur Berichterstattung über die Vorlage der Re­gierung, Revision der Verwaltungsgesetze, die Kosten der Landarmenpflege, Bildung der Kreisschul-Commissionen in Stadtkreisen rc. statt. In diese Commission werden gewählt die Abgg. Arnold, Haas, Hirsch, Jöckel, Möllinger, Graf Oriola, Weber, Reinhardt und Schade. Eine Rückäußerung erster Kammer wegen Neuregelung der Gehaltsverhältnisse der Hilssgerichtsschreiber wird zurückgestellt. Die Vor­lage der Großh. Regierung aus widerrufliche Anstellung der Aufseher im Arbeitshause zu Dieburg nach zurückgelegter ein­jähriger Probezeit ivird einstimmig genehmigt, desgleichen eine solche aus Bewilligung eines Betrags von 1287 Mk. für die Herstellung von Holzpflaster vor dem Regierungs­gebäude zu Mainz. Für die Errichtung einer unter Lei­tung Großh. Centralstelle für die Gewerbe stehenden Fach­schule für Elfenbeinschnitzerei, Holzbitdhauerei und verwandte Gewerbe fordert die Großh. Regierung einen jährlichen Betrag von 8500 Mk. für die Jahre 1892/94. Die Kammer bewilligt einstimmig die geforderte Summe. Ein Antrag des Abg. Weber auf Erhöhung des Staats­zuschusses zu den Kosten der Handelskammer in Offenbach wird vorerst und bis zur Neuaufstellung des Budgets für erledigt erklärt. Lebhafte Debatten entspinnen fich bei dem Antrag der Abgg. Haas und v. Rabenau auf gesetz­liche Regelung des Vieheinstellungswesens in Hessen. Die beiden Antragsteller erläutern in eingehender Weise die Miß­stände, wie sie dermalen in Hessen beim Vieheinstellungswesen bestehen und die wucherischen Bestrebungen Einzelner, um den kleinen Bauer geradezu auszuplündern. Nach einer Mit­theilung des Großh. Staatsministers sind seitens der Re­gierung bedeutende Erhebungen nach dieser Richtung hin gemacht worden, allein auf Grund dieser Erhebungen konnten eigentliche Mißstände nicht ermittelt werden. Abg. Ullrich glaubt, daß die Art, wie die Regierung diese Erhebungen an­gestellt habe, nicht die richtige gewesen sei. Hätte sie bei dem kleinen Bauer selbst statt bei den Kreisämtern diese

Erhebungen gemacht, dann hätte sie erfahren, wie es auf dem Lande aussehe und wie der Wucher des Großcapitals seine Blüthen treibe. Staatsminister Finger erklärt, die Regierung werde in möglichst wirksamer Weise und mit größter Sorgfalt diese Sache verfolgen und wenn nöthig, thalkräftig eingreisen, zu bedauern bleibe es aber immerhin, daß gewisse bäuerliche Kreise sich bewuchern ließen aus fal­schem Stolz vor der Benutzung der Creditkassen. Hiernach wird der Antrag des Ausschusses, Großh. Regierung zu er­suchen, das Vieheinstellungswesen wie in Elsaß-Lothringen zu regeln, einstimmig angenommen. Das Gesuch der Pfand­meister um Erhöhung der Beitreibungsgebühren sowie derHaupt- steueramtsrendanten um Verwandlung des widerruflichen Ge­haltes in definitiven wird für erledigt erklärt. Eine Vor­lage der Großh. Staatsregierung, den Gesetzentwurf auf Ablösung der Wasserfallzinsen sowie auf Aushebung der be­sonderen Staatsrentenablösungs-Schuldenverwaltung betreffend, wird einstimmig genehmigt. Ebenso wird der Antrag des Abg. Lautz uud Genossen auf Erbauung einer Bahn von Darmstadt nach RoßdorfGroß-ZimmernGroß-Umstadt Aschaffenburg der Großh. Regierung zur Prüfung und Er­wägung des Projects anheimgegeben. Desgleichen dasjenige eines Comitös zum Bau einer Bahn durch das untere Müm­lingthal HöchstLandesgrenze. Der Antrag des Abg. Muth auf Weiterführung der Bahn Nieder-GemündenHom­berg bis zur Landesgrenze wird abgelehnt, ebenso das Gesuch des mitteldeutschen Bauernvereins wegen Erlasses der Grund­steuer für 1891. Hiermit ist die Sitzung beendigt. Morgen früh werden die Jagdgesetze berathen.

Berlin, 9. December. Der Kaiser beabsichtigt, am kommenden Sonntag sich kurze Zeit in Schwerin auf­zuhalten. Der hohe Herr gedenkt daselbst der Großherzogin- Mutter Alexandrine von Mecklenburg, der Schwester weiland Kaiser Wilhelms I., einen Besuch abzustatten und einer Opern-Vorstellung im Hoftheater beizuwohnen/

Allgemeiner Annahme nach wird die Debatte im Reichstage über die Handelsverträge bis mit Sonnabend währen. Ob sie alsdann an eine besondere Commission verwiesen werden oder ob der Reichstag be- beschließt, die zweite Lesung ebenfalls gleich im Plenum vor­zunehmen, ist zur Stunde noch ungewiß, da die Meinungen

«feuilUton

Aus Umwegen.

Novelle von F. Stöckert.

(Nachdruck verboten.)

In der Familie des Professors Welten herrschte große -Verstimmung. Ilse, die älteste von fünf Geschwistern, sollte sich verloben und wollte nicht.

Sie erklärte soeben, und zwar mindestens zum zwan­zigsten Male seit vorgestern, an welchem Tage der Brief des von ihr verschmähten Freiers angelangt war, daß sie mit ihren zwanzig Jahren Rechte des Herzens habe, die sie nicht opfern wolle, nur um eine Versorgung zu haben. Ein Mann, der eine derartige Verbindung, wie sie da in dem Briese schwarz aus weiß zu lesen sei, eingehen könne und wolle, sei ihr von vornherein verächtlich.

Aber, liebes Kind," erwiderte die Frau Professor aus diesen letzten Redeerguß ihrer ältesten Tochter.Erich Rode hat doch nur aus Pietät für seinen verstorbenen Vater den Antrag gemacht und die daraus bezüglichen Papiere geschickt und einen romantischen Hintergrund hätte die Verlobung doch auf jeden Fall, da doch nur die Jngendneigung des alten Majors zu mir die Veranlassung der ganzen Ge­schichte ist."

Die Frau Professor war etwas roth geworden bei diesen letzten Worten. Ihr Gemahl aber unterbrach sie ziemlich barsch: ,

Ach was, romantischer Hintergrund oder nicht, das ist meines Erachtens ganz Nebensache! Wir haben drei Töchter, und wenn sich für eine Aussicht aus eine Heirath bietet, so wäre es doch geradezu Tollheit, dieselbe zurückzuweifen einer albernen Mädchenlaune wegen! Zwingen will ich Dich natür­lich nicht," wandte er sich jetzt an seine Tochter,aber ich stelle Dir die Wahl, entweder Du gibst Deine Zusage oder Du nimmst am ersten Juli eine Stelle an als Gesell­schafterin, Stütze der Hausfrau, Bonne, oder wie dergleichen angenehme Versorgungen sich sonst nennen mögen. Natürlich wirst Du Dich dann Dein Leben lang in der Welt so herum­stoßen lassen, denn einen Heirathsantrag wirst Du schwerlich noch einmal bekommen. Du bist nicht reich, nicht schön, ich

wüßte wirklich nicht, warum ein Mann Deine Hand be­gehren sollte!"

Der Professor, ein großer, schlanker Mann mit sehr energischen Gesichtszügen, schaute finsteren Blickes aus seine zierliche, braunäugige Tochter.

Diese ließ fich aber durchaus nicht verblüffen. Sie warf den kleinen Kops trotzig zurück.Gut, dann nehme ich eine Stelle an!" erwiderte sie schnippisch.Mich heirathen lassen nur aus Pietät für einen tobten alten Mann, der zu­fällig mein Pathe gewesen und meine Mutter einst geliebt hat, das thue ich nie und nimmer!"

Nun, dann wäre ja die Sache abgemacht!" rief der Professor in Hellem Zorne.Ich werde heute noch an Erich Rode schreiben und Ihr mögt hier die Tagesblätter stu- diren, der Stelle wegen für unseren liebenswürdigen Trotz­kopf !"

Mit dröhnenden Schritten verließ er das Zimmer, den beiden Damen ein Packet Zeitungen hinschleudernd. Seine Gattin blickte ihm seufzend nach.

Wenn Du es nur nicht noch einmal bereust, Ilse," sagte sie dann.Aus Liebe werden jetzt, in unserer mate­riellen Zeit, die wenigsten Ehen geschloffen, und hier war doch immer noch der romantische Hintergrund."

Die gute Frau Professor gefiel sich ungemein in diesem Ausdruck, und daß der verstorbene alte Major ihrer nicht vergessen, blieb doch immer sehr schmeichelhaft für sie.

Was nützt mir der romantische Hintergrund!" rief Ilse,wenn der Sohn des alten romantischen Herrn so prosaisch und materiell wie möglich ist! Wie unzart von ihm, so gleich mit seinem Antrag ins Haus zu fallen. Konnte die Sache nicht anders eingeleitet werden, daß wir uns vielleicht, ohne uns zu kennen, am dritten Ort erst einmal gesehen hätten?"

Vielleicht könnte ihm der Vater diesen Vorschlag noch machen!" meinte die Frau Professor nachdenklich.Ob ich einmal mit ihm darüber rede? Freilich, wenn er so zornig ist, dann läßt sich nicht gut mit ihm etwas be- sprechen."

Um Gotteswillen, fang nicht noch einmal zum Vater von der Geschichte an; er war so zornig wie ein Berserker. Sei froh, daß die Sache abgemacht ist; den Absagebrief, den der Vater gewiß in seiner kurzen, bündigen Weise abfaßt, den

gönne ich übrigens diesem Freiersmann von ganzem Herzen. Ich für meinen Theil ziehe in die weite Welt und

Wer weiß, wo in der Ferne Das Glück mir auch noch blüht V

Die Strophen vor sich hinträllernd, griff Ilse nach den Zeitungen, sich in die verschiedenen Annoncen derselben vertiefend.

Die Frau Professor schaute seufzend auf ihr leicht­herziges Töchterchen, das so vertrauensvoll in die Zukunft blickte, als wandelten die armen Mädchen in dieser Welt alle auf Rosen.

* 4- *

Aus den Plänen Ihres verstorbenen Herrn Vaters kann leider nichts werden, sie scheitern an dem Trotzkopfe meiner ältesten Tochter Ilse. Danken Sie Gott, daß Sie besagten Trotzkops nicht zum Weibe bekommen; nicht Jeder ist ein Shakespeare und vermag der Widerspanstigen Zähmung in Scene zu setzen." So lautete der Absagebrief des Professors Welten, den Erich Rode, indem er langsam seinen Mokka schlürfte, heute an einem köstlichen Junimorgen, halb belustigt, halb ärgerlich, zum wiederholten Male durchstudirte. War es denn glaublich? Er, Erich Rode, der viel begehrte, verwöhnte junge Doctor, erhielt hiermit einen Korb? Und zwar von einem Professorentöchterchen, Namens Ilse!

Wirklich eine köstliche Geschichte!" ries er, indem er den Brief auf den Tisch warf.Ich kam mir so erhaben vor, ein wahres Muster von Tugenden und Pietät, als ich so den Wünschen meines verstorbenen Vaters nachkam. ES scheint, man ist immer pietätvoller gegen die Todten als gegen die Lebenden. Fräulein Ilse beweist das wenigstens, sie scheint wenig Pietät gegen ihren gestrengen Herrn Vater zu haben. Freilich, ich hätte die Sache auch etwas klüger ansangen und das Terrain erst ein wenig recognosciren können. Aber das sind so die bequemen Junggesellenmanieren, nur um alles in der Welt keine Anstrengnngen, keine Cour- machereien aus Bällen und Landpartien; im Grunde ge­schieht es mir ganz recht, daß die kleine Widerspänstige mich mit einem Korbe bedacht!"

(Fortsetzung folgt.)