1891
Sonntag den 11. Oktober
fit. 237. Zweites Blatt
ichener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Itedf Gieren.
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Feuilleton
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traut! Sie nahm sich vor, die Polizei aus ihn aufmerksam zu machen.
Auch die Kundschaft, die Herr Knatter zu bedienen hatte,
•enalaie eee Anzeigen zu der Nachmittag» für Uce fttgend«. Lag crftheinenden Nummer biL Vor«. 10 Uhr.
Was alles an der Börse Preise macht.
In der letzten Zeit sind in Berlin mehrfach Banken durch ihre Angestellten um graste Summen bestahlen worden. Noch mehr Diebereien sind vertuscht worden. Ein Blatt, das der Börse sehr freundlich gesinnt ist, schreibt über diese. Vorfälle:
„Man wird sich nicht zu wundern brauchen, wenn die Zahl der Bankveruntreuungen noch weiter anwächst. Denn dieselben sind die Folgen eines weit verbreiteten Systems der Speculation der Bankbeamten. Wer die Gehälter dieser Leute kennt und Gelegenheit hat, einen Blick in das Leben derselben zu thun, der kann sich oft nur staunend fragen, wie es möglich sei, Einnahmen und Ausgaben in lieberem- stimmung zu erhalten. Die Speculation an der Börse hat seit Jahren alles gedeckt, sie war durchweg erfolgreich, denn die Curse stiegen unausgesetzt. So lange dies der Fall war, brauchten die speculirenden Beamten auch nicht zu Unredlichkeiten ihre Zuflucht zu nehmen, und diejenigen, welche den Umschwung rechtzeitig begriffen und sich „gedreht" haben, können heute noch stolz einhergehen. Andere aber haben den eingetretenen Rückschlag für eine vorübergehende Abschwächung gehalten, sie haben ihre Haussespeculation fortgesetzt, angesichts der eingetretenen Verluste wohl gar vergrößert, die Verpflichtungen wachsen bald über die eigene Leistungsfähigkeit hinaus, und in der Hoffnung aus eine glückliche Wendung erfolgte der erste Griff in die fremde Kaffe — zunächst in der Absicht des Ersatzes in kürzester Frist'. Aber die günstigen Erwartungen schlagen wiederum fehl, und nachdem man sich doch verloren fühlt, erblickt man die einzige Möglichkeit der Rettung in der Fortsetzung und Vergrößerung der Speculation, natürlich mittels ferneren Diebstahls. Vielleicht hat diese unehrliche Speculation einen erheblichen Antheil an dem erstaunlichen Umfang des Börsengeschäfts, wie dasselbe im Ergebniß der Umsatzsteuer bis in die neueste Zeit in die Erscheinung getreten ist."
Weiter sagt das Blatt, daß „viele Bankgeschäfte den Haupterwerb daran haben, daß sie die Börsengeschäfte für ihre eigenen Angestellten besorgen".
Das sind recht nette Enthüllungen, aber sür viele Bewohner von Berlin, Frankfurt und anderer großen Plätze sind sie nicht neu. Viele Bankcommis führen einen höchst ausschweifenden Lebenswandel, das Geld dazu wird an der Börse „verdient". Und zwar, so sagt das börsenfreundliche Blatt, sind diese Speculationen so bedeutend, daß sie einen
8ringtr(o$? ' Durch die Post begcyf? 2 Mark 50 Pf»
Reboction, LxpettNn; mtb Druckerei:
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Bekanntmachung, betr. das Einhalten der Tauben zur Saatzeit.
Die Besitzer von Tauben werden aufgefordert, während ! der Saatzeit — vom 15. October bis 15. November — ihre j Tauben in den Schlägen einzuhalten. Uebertretungen dieser Vorschrift müssen nach Art. 79 des Feldstrafgesetzes zur An- ' zeige und Bestrafung gebracht werden.
Gießen, den 12. October 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Gnauth.
Seitdem ist er besoldeter Regisseur der vorstädtischen Dilettanten-Bühne, an welcher wir ihn kennen gelernt haben. Er berichtete uns, daß sein früherer Meister eines Abends zu einer Vorstellung erschienen sei, Skandal gemacht und von den empörten Kunstenthusiasten furchtbare Prügel bekommen habe. „Das war," so schloß er seine Erzählung, „der unbegreifliche Finger der rachekundigen Nemesis . . ,
* Die Millionäre des Berliner Waarenhandels. In Berlin existiren 25 Mitglieder des Waarenhandels, deren Vermögen auf 2 bis 5 Millionen Mark geschätzt wird. Man zählt deren 18, deren Vermögen die Höhe von 5 bis 10 Millionen Mark erreicht. Es können 10 Mitglieder des Waarenhandels namhaft gemacht werden, die auf 10 bis 20 Millionen Mark geschätzt werden. Außerdem finden wir hier mindestens 300 Firmen, welche 1 bis 2 Millionen Mark im Vermögen besitzen. Es handelt sich hierbei, so schreibt der „Confectionär", nicht um ererbte Vermögen, sondern um selbst geschaffene Reichthümer in den letzten zwanzig Jahren. Seitdem Berlin Reichshauptstadt geworden, ist es der Mittelpunkt des Handels des ganzen Reichs geworden. Berlin ist eine Handelsstadt ersten Ranges, welche jetzt 348 Millionäre ausweist, die dem hiesigen Waarenhandel angehören.
* My honse is my castle. In London, so erzählt der Figaro, amüsirt man sich über einen kleinen scherzhaften Borfall, der kürzlich dem Admiral Clan-William passirte. Derselbe stand in sehr wenig salonmäßiger Toilette vor seinem Hause am Belgravia-Square und rauchte. Da tritt ein Polizeman auf ihn zu und fragt: „Was haben Sie hier zu suchen? Gehören Sie etwa zum Hause?" — „Nein," erwiderte der Admiral gleichmüthig, „aber das Haus gehört mir." Der Polizeman soll darauf hin sein Verhör eingestellt haben.
* Was der Mensch alles auf dem Herzes haben kann. Schlachter (einer Köchin ein Stück Ochsenfleisch überreichend): „So, Fräulein Jette. Und was haben Sie noch aus Ihrem zarten Herzen?" — Jette: „Ein halbes Pfund Schmeer."
barbiert hatte.
Eines Nachmittags kam ein junger Mann in das Barbiergeschäft, und Knatter, der gerade die Kosinsky-Scene studirt hatte, redete ihn im Geiste seiner Rolle an:
„Wie ist Dein Name?"
„Lehmann," gab der junge Mensch sehr verwundert zur Antwort: „ich möchte mich rasiren lassen."
„So?" rief Knatter, noch immer in der Rolle des Karl Moor. „Weißt Du auch, daß Du ein unbesonnener Knabe bist und über den großen Schritt Deines Lebens weggaukelst, wie ein unbesonnenes Mädchen . . . Hier wirst Du nicht Bälle werfen oder Kegelkugeln, wie Du Dir einbildest . . ."
In diesem Augenblick trat der Prinzipal des Herrn Knatter in den Laden, es kam zu eiuer Auseinandersetzung und das Ende derselben war, daß Herr Knatter auf die Straße geworfen wurde — ein Opfer der Kunst.
Bekanntmachung.
den Nachlaß des Schleifers Heinrich Schnell aus Duisburg betreffend.
Der Schleifer HeinrichSchnell, angeblich aus Duisburg, welcher im deutsch-französischen Kriege als Felddiacon thätig gewesen ist, ist am 9. December 1886 in Asuncion in Paraguay mit Hinterlassung von Vermögen ohne bekannte Erben verstorben. Derselbe hatte wahrscheinlich sein eheliches Domicil bis 1871 in Gießen oder doch in der Provinz Oberhessen. Es werden alle diejenigen Personen, welche Erb- ansprüche an den Nachlaß geltend machen wollen, hiermit aufgefordert, sich binnen vier Wochen nach Erscheinen dieser Aufforderung auf Großh. Kreisamt Gießen mit den erforderlichen Nachweisen über ihre Verwandtschaft mit dem p. Schnell versehen, zu melden.
Gießen, den 8. October 1891.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betr. die Verloosung zu Gunsten der Erbauung einer Turnhalle in Bad-Nauheim.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die Verlegung des Verloosungstermins der von dem Turnverein zu Bad-Nauheim unternommenen Verloosung auf den 15. December d. I. genehmigt.
Gießen, den 9. October 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
war über sein verändertes Wesen erstaunt.
„Schönes Wetter heute, Herr Knatter," sagte ein Rentier, den er täglich zu rasiren hatte, „sehr schönes Wetter."
„O ja," entgegnete der junge Mann, dem sogleich eine Stelle aus den Räubern einfiel, „diese Welt ist so schön. Und ich bin häßlich auf dieser schönen Welt ... ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde . . ."
„Aber was ist Ihnen, Herr Knatter, was fehlt Ihnen eigentlich?"
„Meine UnschuldMeine Unschuld!" fuhr Knatter fort, sich stören zu lassen. „Die ganze Welt ist eine Fa- . . . ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert den Reihen der Reinen . . . umlagert von Mördern — von Nattern umzischt . . . mitten in den Blumen der glücklichen Welt ein heulender Abbadama . . ."
„Aber um Gotteswillen . . ."
„Ja, ein heulender Abbadama," rief Knatter nochmals, indem er den Seifenschaum weit von sich spritzte und fort eilte, ohne daran zu denken, daß er den Kunden erst halb
Gwss vom Liebhaber-Thester.
Die Zahl der Berliner Liebhaber-Theater hat im Laufe der Jahre eine refpectable Höhe erreicht — eine Thatfaqe, hie uns den erfreulichen Beweis liefert, daß das Volk m unserer materiellen Zeit den Sinn für die Birch-Pfeiffer'sche Poesie noch nicht verloren hat. Wir haben letzthin m einem Saale der Schönhauser Vorstadt „Hinko, den ^reiknecht gesehen und uns an den Leistungen der wackeren Darsteller weidlich ergötzt. Es waren junge Kaufleute, Handwerker und Mädchen aus dem kleinen Bürgerstandc, die da opfer= muthig im Schweiße ihres Angesichtes arbeiteten und sich durch ihre Thätigkeit offenbar sehr befriedigt suhlten. Auch ein früherer Barbiergehülfe war dabei Herr Knatter, den wir nach der Vorstellung noch naher kennen lernten. Wir erfuhren da, mit welchen Schwierigkeiten es verknüpft ist, ,n das Interesse der Kunst einzudrmgen.
Herr Knatter hatte seine schauspieleriichen Studien mit der Rolle des Karl Moor aus den „Räubern begonnen. Seine Wirthin, eine alte Wäscherin, deren Stube von der seinen nur durch eine dünne Wand getrennt war, schüttelte sich vor Grauen, als sie in einer stillen Nacht ihren Miether brullen^hort^n, , Heuchlerische Schlangenbrut!
Ihre Augen sind Wasser! Ihre Lippen sind Erz! Kusse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen nnd Leoparden füttern ihre Jungen, und er, er . - •"
„Mein Gott," sagte die alte Frau, „was dem armen Menschen nur passirt sein mag!"
Und dann hörte sie weiter, wie Herr Knatter raste.
Ja, ich will Euer Hauptmann sein . . ■ Räuber und M^der . . . Glück zu dem Meister unter^ Euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet . .
Die Alte zitterte vor Schreck und Entsetzen. Wer hatte dem hageren jungen Menschen solche Schlechtigkeiten zuge-
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Arntlrcyrv Theil.
Gießen, 9. October 1891.
Betr.: Den Termin für die Einsendung der Gemeinde- rechnungen pro 1890/91.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Die mit der Erledigung unserer Verfügung vom 9. Juli d. Is. — Anzeiger Nr. 158 — noch im Rückstände befindlichen Bürgermeistereien werden hieran mit Frist von fünf Tagen erinnert.
v. Gagern. _________
Gießen, 9. October 1891.
Betr.: Die Aufstellung der Voranschläge für die Gemeinden des Kreises Gießen pro 1892/93.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Bei Ausstellung der rubr. Voranschläge machen wir Sie noch darauf aufmerksam, daß die Beiträge der waldbefitzen- den Gemeinden zur Oberförstersbesoldung nunmehr nach Maßgabe der Bekanntmachung Großh. Ministeriums des ^nnern und der Justiz vom 11. September 1891 — Beilage Nr. 26 des Großh. Regierungsblattes — vorzusehen find.
Die hiernach erhöhten Beiträge kommen bereits für das Jahr 1891/92 zur Erhebung.
v. Gagern.
Gießen, am 8. Oclober 1891.
Betr.: Ausführung der allgemeinen Bauordnung; hier die Gebühren der Bezirksbauausseher und Sachverständigen für Prüfung genehmigungspflichtiger Bauten.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grosth. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung der Verzeichnisse rubr. Betreffs für das Quartal von April bis Juni 1891 noch im Rückstände sind, erinnern wir an die Vorlage derselben binnen acht Tagen.
v. Gagern.


