Ausgabe 
11.10.1891 Erstes Blatt
 
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1891

Sonntag den 1L October

Nr. 237 Erstes Blatt.

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Amts« unb Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.

l«ne|mt »en Anzeigen zu der NechmittagZ für dm sigmdm tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 llhr.

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Hratisöeitage: Hießen« Jamikienötätter.

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Zlnrtlicher Theil.

Gefunden: 1 Hundemaulkorb, 2 Kinderschuhe, Pa- I piergelt), 1 Regenschirm, 1 Paar Strümpfe, Theile eines ! Ohrringes und 1 Vorstecknadel.

Gießen, den 10. October 1891.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

politische Wochenschau.

Gießen, 10. October 1891.

Als im August dieses Jahres der Erlaß des russischen Ausfuhrverbotes für Roggen stattfand und im Anschluß an diese auch in die deutschen Volksernährungsverhältnisse tief eingreifende Maßregel von freihändlerischer Seite von Neuem eine lebhafte Agitation zur Beseitigung der Kornzölle entfal­tet wurde, erschien imReichsanzeiger" ein vielbeachteter Artikel, in dem die Ausrechthaltung der Getreidezölle mit dem Hinweis aus die neue Kartoffelernte gerechtfertigt wurde. Es heißt unter Anderem in dem Aussatze, daß für die Frage, ob ein Mangel an Nahrungsstoffen zu besorgen sei, insbesondere das thatsächliche Ergebniß der Kartoffelernte von ausschlaggebender Bedeutung sei. Zur Zeit mangele der An­schauung, daß der künftige Ertrag an Kartoffeln ungünstig ausfallen werde, jede Begründung. Wie nunmehr aber die amtlicheStatistische' Correspondenz" in Ergänzung ihrer entsprechenden Meldung über die voraussichtliche Roggen- und Weizenernte in Preußen mittheilt, haben sich die gehegten Hoffnungen bedauerlicherweise keineswegs als richtig erwiesen. Allerdings übertrifft die Kartoffelernte dieses Jahres die vor­jährige um rund 17 000000 Doppelcentner. Aber diese letztere war im Vergleiche mit den Ergebnissen früherer Jahre so gering, daß auch in diesem Jahre trotz dem erheb­lichen Plus gegenüber dem Vorjahre doch noch nicht einmal die zehnjährige Durchschnittsziffer für die October-Ermitte- lungen betreffs der Kartoffelernte erreicht wird, da die Durch­schnittsernte für die Zeit von 1881 bis 1890 201 754000 Dop­pelcentner betrug, 1891 aber nur 188 302 612 Doppelcentner Kartoffeln aus der Ernte erwartet werden. Dazu gesellen sich dann noch einige Umstände, welche diese an und für sich schon recht unerfreuliche Sachlage noch unerquicklicher gestalten. Zunächst ist in dieser Hinsicht zu berücksichtigen, daß wir bei dem schlechten Ernteausfall des Vorjahres schon mit viel un­bedeutenderen Restbeständen an Kartoffeln in das neue Ernte­jahr eintreten, als es die Regel bildet, sodaß ein erneutes Deficit an Kartoffeln in dieser Campagne um so rascher und deutlicher sich fühlbar machen muß. Hierzu kommt, daß dies­mal der Procentsatz an erkrankten Kartoffeln auf 9,2 geschätzt wird, während er im Vorjahre sich auf nur 7,5 berechnete und in dem Jahrzehnt vorher noch nicht einmal so viel aus­machte. Allerdings hofft dieStatistische Correspondenz", daß die Procentziffer bei anhaltendem guten Erntewetter noch heruntergehen werde. Inzwischen aber ist auch diese Hoff' mmg durch den Umschlag der Witterung zu Schanden ge­worden. Dabei behaupten die fast unerschwinglich hohen Roggenpreise noch immer ihre kaum dagewesene Höhe mit seltener Hartnäckigkeit. Wie wir gegenüber gar zu optimisti­schen Auffassungen von vornherein vorausgesagt haben, war das Fallen der Preise bald nach den letzten Zufuhren aus Rußland nur eine momentane Erscheinung, die durch ein energisches Steigen des Kornwerthes nunmehr wieder voll­kommen paralysirt worden ist. Nach der Berechnung der amtlichen Statistik stellen sich nämlich im Berliner Großhandel die Octoberpreise im Durchschnitt auf 237 Mk.. d. h. also um 57 Mk. (oder den Zollbetrag + 7 Mk.) höher als der­jenige Preis, welchen man im Jahre 1887 als den höchsten zulässigen bei Aufrechterhaltung der Zölle bezeichnet hat^ Noch um 37 Mk. aber gehen die augenblicklichen Preise selbst über diejenige Preishöhe hinaus, welche im Mai dieses Jahrev nach den Aussagen des Ministers von Bötticher die Regierung veranlaßt hatte, Erhebungen über die Zweckmäßigkeit einer Zollsuspension zu veranstalten.

Von Begebenheiten im Auslande übergehen wir das Reich en berger Attentat, welches von unserer Zeitung bereits gebührend gewürdigt worden ist. Eine politische Bedeutung ist ihm ebensowenig zuzuschreiben, wie den unlieb­samen Vorfällen, welche in Rom von französischen Pilgern durch die Beschimpfung des Andenkens König Victor Emanuels hervorgerufen worden sind. Wenn es hier auch zu ausgeprägt franzosenfeindlichen Kundgebungen kam, so waren doch Presse und Regierung in Frankreich klug ge­nug, einzusehen, daß die Schuld an dem für Frankreich recht unangenehmen Zwischenfall bei den französischen Excedenten

zu suchen ist. Man beeilte sich deshalb, auch auf französischer Seite das Vorkommniß möglichst scharf zu verurtheilen und ihm so die politische Spitze abzubrechen. In England ist einer der bedeutendsten englischen Politiker, der langjährige Führer der irischen Partei, Parnell, unvermuthet plötzlich vom Leben geschieden. Im Jahre 1846 geboren, stand er seit 1874 inmitten des politischen Parteigetriebes. Nament­lich feit 1880 war er der unbestrittene Führer feiner Lands­leute in den Kämpfen um die Umwandlung der Pacht in Eigenthum im Wege der Gesetzgebung. Als damals die irische Agitation in bedrohlicher Weise anschwoll, wurde im Jahre 1881 ein Ausnahmegesetz gegen die Irländer geschaffen, das aber, wie alle solche Gesetze, der bekämpften Partei mehr nützte als schadete und eine immer schärfere Verbitterung er­zeugte. Späterhin versuchte man Parnell durch den bekann­ten Hochverrathsproceß zu stürzen, ohne indessen den angestreb­ten Erfolg im Entferntesten zu erreichen. Da sollte ein zweiter Prozeß, den sein ehemaliger Freund, Capitän O'Shea, wegen persönlichen Angelegenheiten gegen ihn anstrengte, seine politische Stellung vollkommen erschüttern. Nach den Ent­hüllungen in diesem Prozesse blieb ihm nur noch ein kleiner Bruchtheil seiner Partei treu. Er mußte sich wohl oder übel vom politischen Leben zurückziehen und ist gestorben, nachdem er schon lange politisch ein todter Mann war.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. October. Laut Ministerial - Erlaß vom 11. d. M. erhalten sämmtliche Arbeiter der deutschen Eisen­bahnen, in Anbetracht der gegenwärtigen Theuerungs- Verhältnisse, pro Tag 10 Pfennige Zulage.

Berlin, 9. October. In Stuttgart hat am Frei­tag Vormittag dasLeichenbegängniß KönigKarlsl. nach dem schon vorher bekannt gegebenen Ceremoniell in würdiger, aber einfacher Weise, entsprechend den letzten Wünschen des hochseligen Monarchen, stattgefunden. Die Leichenfeier wurde durch einen Trauergottesdienst im Mar­morsaale des Residenzschloffes eingeleitet, alsdann bewegte sich der Leichenconduct, den auf beiden Seiten dichtgedrängte, ernstes Schweigen beobachtende Menschenmassen umsäumten, nach der Capelle des alten Schlosses. Im Trauerzuge schritten von fürstlichen Leidtragenden außer dem König Wil­helm und sämmtlichen Prinzen des württembergischen Herrscher­hauses noch der Kaiser, der Großherzog Friedrich und Prinz Wilhelm von Baden, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Ludwig von Bayern, Erzherzog Friedrich von Oester­reich, Großfürst Michael von Rußland, der Herzog von Leuchtenberg und andere Fürstlichkeiten. An der Capelle des alten Schlosses erwarteten die Königin und sämmtliche Prin­zessinnen den Zug. Nach Eintritt der fürstlichen Trauer gäfte in die Capelle fand daselbst abermals Gottesdienst statt, worauf die Einfenkung des Sarges in die Fürsten­gruft und seine Einsegnung erfolgte. An die Beisetzungs­feierlichkeit schloß sich ein Familien - Dejeuner im Residenz­schlosse an, Abends war daselbst größere Tafel. Nach Beendigung derselben reiste Kaiser Wilhelm nach Potsdam zurück.

_ Der Wiederzusammentritt des Reichs­tags erfolgt, gutem Vernehmen nach, erst am 17. No­vember. Eine frühere Einberufung des Hauses ist nicht möglich, weil sich namentlich die Vorarbeiten zum Reichsetat pro 1892/93 noch bedeutend im Rückstände befinden.

Bekanntlich hatte der ehemalige italienische Minister Bonghi an den Chesredacteur desBerliner Tagebl." vor Kurzem ein Schreiben in Sachen des bevor­stehenden internationalen Friedenscongresses in Rom gerichtet. In diesem Schreiben, in welchem Signor Bonghi die Erwartung aussprach, Deutschland werde möglichst viel Vertreter zu den römischen Friedensconferenzen entsenden, waren verschiedene bedenkliche Jrrthümer über die elsaß- lothringischen Angelegenheiten enthalten, infolge dessen der deutschfreisinnige Abgeordnete Rickert jetzt dem genannten italienischen Staarsmanne ein diese Jrrthümer berichtigendes Schreiben hat zugehen lassen. Sehr richtig erklärt Herr Rickert in demselben u. A., daß für Deutschland eine elsaß- lothringischeFrage" überhaupt nicht existire und weist daher auch die Ansicht Bonghis, daß man sich in Deutschland mit den Franzosen darüber streite, wer eigentlich der legitime Besitzer Elsaß - Lothringens sei, als unbegründet entschieden zurück. Weiter berührt auch Herr Rickert die wunderliche Behauptung Bonghis, Deutschland hätte bis jetzt in Elsaß- Lothringen so gut wie gar keine Erfolge errungen, und ver­weist den Italiener zur besseren Information auf den vom altelfässischen Abgeordneten Dr. Petri über feine Unterredung mit dem Correspondenten desGaulois" veröffentlichten

Brief. Im Uebrigen erklärt Herr Rickert in feinem Briese bestimmt, die Deutschen würden nur unter der Bedingung an den Verhandlungen des Friedenscongresses in Rom theil- nehmen, daß auf demselben von Elsaß-Lothringen nicht die Rede sein werde. Ob sich diese Voraussetzung erfüllen wird, steht freilich noch daym.

Neueste Nachrichten.

WolfiS telegraphisches Lorrespondenz«Bureau.

Berlin, 9. October. DerReichsanzeiger" weist erneut auf das strengste Stillschweigen hin, welches über die deutscher­seits schwebenden Handelsvertrags-Verhandlungen von den betheiligten Regierungen verabredetermaßen beobachtet werde. Alle bezüglichen Mittheilungen der Presse entbehrten der sicheren Grundlage und bezweckten häufig nur authen­tische Widerlegungen, um dadurch der Wahrheit näher zu kommen. Es sei selbstverständlich, daß solche vielfach aus der Luft gegriffenen Nachrichten, wie solche neuerdings über Verhandlungen mit Belgien, die Regierung nicht zum Heraus- treten aus der gebotenen Reserve veranlassen könnten.

Wien, 9. October. In einer gestern stattgefundenen, vom Handelsminister angeordneten Berathung über die Frage der Betheiligung Oe st erreichs an Oer Weltausstellung zu Chicago theilte der Vertreter der Regierung nut, letztere wolle als Beitrag des Staates 150,000 Gulden gewähren. Sämmtliche Theilnehmer erklärten die Summe für un­zureichend und stimmten dem Anträge auf Einsetzung einer Regierungscommission zu.

Arras, 9. October. Minister Ribot erklärte gestern bei dem ihm zu Ehren von den Wählern in Air sur la Lys veranstalteten Banket, daß die gegenwärtig von Frankreich wiedererlangte politische Lage der Weisheit des Parlaments und des Landes zu verdanken sei. Frankreich werde heute als Factor im europäischen Gleichgewichr betrachtet. Als­dann erwähnt der Minister noch die französisch - russischen Sympathien.

Mailand, 9. October. In der Nähe von Pavia fand ein Zusammenstoß zweier Güterzüge statt. Acht Waggons wurden zerschmettert. Ein Bremser wurde getödtet.

Liffabon, 9. October. Privatnachrichten zufolge fanden gestern Abend in Rio de Janeiro Ruhestörungen statt, die vom italienischen Theater ausgingen. Die Veran­lassung ist noch unbekannt. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Die Cavallerie gebrauchte die Waffen und unternahm einen Angriff, da in mehreren Straßen Barrikaden errichtet worden waren. Mehrere Personen sollen getödtet, eine Anzahl verwundet sein. Nach den letzten Nach­richten soll die Ruhe wieder hergestellt sein.

Petersburg, 9. October. Nach einer Verfügung des Finanzministers ist auch die Ausfuhr von Oelkuchen verboten.

Depeschen desBureau Herold".

Berlin, 9. October. DerReichsanz." veröffentlicht den Bericht des Lieutenant Tettenborn über den Zusammenstoß der Expedition Zelewski mit den Wahehes. Die Expedition wurde am 17. August, als sie durch den Busch marschirte, überrascht- sie konnte nur zweimal feuern, die Askarisoldaten flohen sofort. Tettenborn und Lieutenant Heydebreck, der Expedition nachkommend, hielten sich auf einer Anhöhe bis zum Abend des 18. August, dann retteten sie sich durch Nachtmärsche. Bei Tettenborn befanden sich Heydebreck, Feldwebel Kay, Unteroffizier Wutzer, 62 Sol­daten und 74 Träger. 4 Offiziere, 6 Unteroffiziere und 250 Soldaten sind geblieben. 250 Gewehre, 3 Kanonen und der Hauptthsil des Gepäcks wurde verloren. Die An­greifer befanden sich in einer Stärke von mindestens 3000, wovon 700 getödtet wurden.

Berlin, 9. October. Die Reichsdruckerei erhöhte freiwillig den Mindest lohn der Buchdruckergehilfen von 25.80 Mk. auf 27 Mk. Die Lohnerhöhung hängt zu­sammen mit den Verhandlungen der Tarifcommission in Leipzig.

Berlin, 10. October. Nach denBerl. Pol. Nachr." wird der nächste preußische Etat die erste Rate für den Bau des neuen Abgeordnetenhauses enthalten.

Leipzig, 9. October. Die Gehilfencommission der Buchdrucker beschloß eine abwartende Stellung, keinen sofortigen Strike. Die Versammlung der 2500 Gehilfen stimmte zu.

Köln, 9. October. Nach derKöln. Ztg." wurde die Abreise der russischen Kaiserfamilie und der griechischen Königsfamilie von Fredensborg auf den 17. October festgesetzt. Der beabsichtigte Besuch des Prinzen von Wales