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1891
Freitag den 11. September
Nr. 211
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
vierkfltichriger AS-«ae»e«tsPreisi 2 Mark 2d Pfg. m» Oringerlohn.
Durch die Post bezsI« 2 Mark 50 Pftz.
Redaction, ExpedM« und Druckerei:
Kchatßratze 311.1
Feralprecher 51,
Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.
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Aintlichev Therl,
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Ausschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat August 1891 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer JL 18.30, Heu 5.80, Stroh 4.70.
Gießen, den 10. September 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Auf Ersuchen des Vollzugs - Commiffärs für die Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach wird die nachstehende Bekanntmachung hiermit zur Kenntniß etwaiger Jn- tereffenten gebracht.
Gießen, den 9. September 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
Gnauth.
Bekanntmachung,
Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach betr.
Die Arbeiten des 2. Abschnittes des ersten Feldbereinigungsbezirks zu Steinbach, nämlich die durch die Besitzstandsaufnahme erwachsenen Bonitirungskarten, Besitzstandsverzeichnisse, Gütergeschoffe, Zusammenstellung der Gütergeschosse , die hierzu erforderlich gewesenen Berechnungen, sowie das Protocollbuch liegen in der Zeit vom 12. bis einschließlich 25. September l. I. auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Steinbach zur Einsicht der Betheiligten offen.
Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten findet Samstag den 26. September l. I., Nachmittags von 2J/2 bis 5 Uhr in dem Rathhaus zu Steinbach statt.
Ich lade zu diesem Termin die Betheiligten unter dem Hinweis darauf, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschlossen sind.
Gießen, am 2. September 1891.
Der Vollzugs-Commiffär: Nebel, Amtmann.
Nächsten Samstag den 12. d. M. bleiben die Geschäftsräume des Großh. Hauptsteueramts wegen der Feier des Geburtstages Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs den ganzen Tag über geschloffen.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 9. September. Aus Kassel, 8. September, wird der „Darmst. Ztg." gemeldet: Seine Königliche Hoheit der Großherzog begaben sich heute früh 6 Uhr 51 Minuten mit der Bahn nach Walburg, stiegen dort gegen 9 Uhr zu Pferd und folgten der Marschcolonne der 21. Division, die gegen den markirten Feind (West-Division) über Holstein-Hopfelde-Glimmerode vorging. Die Avantgarde der Division (Ost - Division) trat bei Glimmerode, gegen 10 Uhr Vormittags in der Flanke angegriffen, in lebhaftes Gefecht mit der südöstlich von Lichtenau und südlich von Walburg in der Richtung aus Glimmerode vorgegangenen Avantgarde der West-Division. — Nach und nach griff aus beiden Seiten das Gros der Division ein nnd es entwickelte sich ein anderthalbstündiges Gefecht. — Nach der Kritik des com- mandirenden Generals des 11. Armeecorps schloß sich auf einem Plateau südlich von Walburg ein einmaliger Parademarsch der Infanterie-Regimenter der 21. Division in Regi- ments-Colonnen an, das Ulanenregiment,Nr. 6 in Escadrons- sront im Trabe und ebenso des Feld - Artillerie - Regiments Nr. 27 in Batteriefront im Trabe. Den Parademarsch nahmen Seine Königliche Hoheit der Großherzog ab. Aller- höchstderselbe fuhr hieraus mit der Bahn von Lichtenau nach Station Bettenhausen und von da mit Wagen nach dem Hotel „König von Preußen" zurück, woselbst die Ankunft um 2x/4 Uhr Nachmittags erfolgte.
Berlin, 9. September. In Mainz sind in der letzten Zeit mehrere Excesse vonMilitärs vorgekommen. Der bekannteste dieser Excesse ist die Mißhandlung des Architecten Heyl. Seitdem sind noch andere ähnliche vorgekommen, die allerdings, da die Excedenten nicht Offiziere, sondern Gemeine waren, nicht so viel Aufsehen erregt haben. Der Gouverneur der Festung, General der Infanterie v. Reibnitz, hat, in der richtigen Empfindung, daß solche Vorfälle das gute Verhältniß zwischen Bürgerschaft und Militär trüben müssen, einen Anlaß, der sich ihm dieser Tage bot (es war das Jubiläum der Mainzer Jndustriehalle) dazu benutzt, zum Frieden zu reden. Der Sinn seiner Rede war nach der „Franks. Ztg." der: Er fühle sich heute, wie bei früheren Anlässen, in den Kreisen der Bürgerschaft äußerst wohl. Die schönen Reden von einigem Bürgersinn, von Förderung der Wohlfahrt der Städte u. s. w. seien auch ihm aus der Seele
gesprochen. Er bitte die Stände des Nährstandes, auch ihn in ihre Mitte aufzunehmen als Kamerad und Sohn des Volkes. Wenn in einer großen Garnison einmal „Extravaganzen" vorkämen, so möge man dies nicht als Gefühle eines ganzen Standes, sondern als Ausschreitungen einer „durch Wein und die liebe Weiblichkeit erregten Natur" ansehen. An die Presse habe er insbesondere den Wunsch, „Mücken nicht zu Elephanten" werden zu lassen. Er sage, wenn es auch auf Widerspruch stoße, „es sei patriotischer, Wunden zuzudecken, als aufzureißen". Der Einigkeit aller Klassen des deutschen Volkes gelte sein Hoch.
Berlin, 9. September. Nach einer Meldung der „Pol. Corresp." aus Athen wird die schon wiederholt aufgetauchte Nachricht von der bevorstehenden Verlobung des Groß- ftirsten-Thronfolgers Nikolaus von Rußland mit der Prinzessin Maria von Griechenland nunmehr auch in gut unterrichteten Kreisen als den Thatsachen entsprechend betrachtet und die Kundmachung der Verlobung für die allernächste Zeit erwartet. Als äußerliches Anzeichen derselben wird unter Anderem auch der Umstand angesehen, daß anläßlich der Rückkehr des Thronfolgers von seiner Weltreise außer der Familie des Czaren von anderen Anverwandten nur Prinzessin Maria zu seinem Empfange erschienen war.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrespondmz-Bureau.
Mecheln, 9. September. Die auf dem katholischen Congreß gebildeten einzelnen Sectionen hielten heute Vormittag ihre Sitzungen ab. Canonikus Winterer (Elsaß) und d'Hulst (Frankreich) sprachen anläßlich der Berathung des Artikels, betreffend die Bildung antirevolutionärer Verbindungen, sich sehr entschieden gegen den Socialismus aus, den sie als atheistisch bezeichneten. Nachmittags sprach Abbe Schoepmann (Holland) über die Nützlichkeit des Corpo- rationswesens, Gras Derspehen über den unbedingten Gehorsam gegenüber der Encyclica des Papstes und über die Nothwendigkeit der Arbeiterschutzgesetzgebung. Winterer und Fischer wurden durch Acclamation zu Ehren-Vicepräsidenten gewählt.
Palermo, 9. September. Seit dem heutigen Tage striken hier die Fiaker kutsch er.
Paris, 9. September. Jules Grevy, von 1879 bis 1. December 1887 Präsident der französischen Republik, ist gestorben.
Paris, 9. September. Expräsident Grevy litt bereits seit vier Tagen an Lungenentzündung. Der Tod erfolgte Morgens 7 Uhr in Mont-sous-Vaudrey. General
FeaMeton.
Gestorben — verdorben.
Von H. Ren«.
(Nachdruck verboten.)
Hochbeladene Erntewagen führen ihn herein, den goldenen'Segen des Feldes. In azurner Bläue lacht der heitere Himmel hernieder, doch die Stirn des jungen Gutsherrn, der auf der Freitreppe seines Hauses steht, umwölkt sich immer mehr. Weiß er doch, daß das alte Stammgut der Familie ihm verloren ist, daß ihm so zu sagen kein Ziegel auf dem Dache, kein Halm auf den Feldern eigentlich gehört.
Draußen klappern die Wagen, lustig knallen die Peitschen, die Knechte rufen einander polnische Flüche zu, während die Mägde, nach einem Handkuß für den gnädigen Herrn, heimlich kichernd in die offenen Scheunenthore huschen.
Trüben Auges blickt er den langen, pappelgesäumten Weg, der im Hofthore mündet, entlang. Wenn man im nächsten Jahre die Ernte einbringt, wo wird er dann sein? Wem wird der greise Hofmeier dann die bebänderte, flitter- geschmückte Krone reichen? Seufzend schiebt er den leichten Strohhut auf das wellige Blondhaar zurück und tritt aus der Sonnengluth in die kühle dämmerige Schloßhalle.
„Nun, Alte!" ,
Das schlanke Mädchen, welches eben in einem riesigen Tragkorb allerlei frisches Gemüse zum Verkaufe zierlich geordnet, erhebt sich von ihren Knieen. Sie ist ebenso hochgewachsen und so blond wie der Bruder, dem sie auffallend ähnlich sieht. .
Ihr zartes, lilienhastes Aeußere im Vergleich zu der einfachen Kleidung und der ländlichen Wirthschaftsarbeit, mit der sie sich .beschäftigt, hat ihr den Namen „verwunschene Prinzessin" eingetragen. Und wie eine Prinzessin steht sie
auch da in der düsteren Halle mit dem altersgrauen Schnitzwerk und den zahlreichen Jagdtrophäen.
„Nun, Alte," beginnt er wieder beklommen, „Du weißt, es ist heute Samstag, da muß ich den fremden Arbeitern den Wochenlohn zahlen. Hast Du etwas in der Kasse?"
Sie schüttelte traurig den Kopf.
„Nichts. Jetzt im Hochsommer, wo so Viele verreist sind, erziele ich für mein Gemüse nur ganz niedrige Preise und aus die monatliche Milchpacht müssen wir noch volle zehn Tage warten. Aber dem Joses, wenn er jetzt gleich mit den neuen Kartoffeln zur Stadt fährt, will ich meine goldene Kette mitgeben - er mag sie dort verkaufen. Ich brauche sie ja doch nicht."
„Natürlich nicht," lachte er bitter auf. „Ist doch die Uhr, die dazu gehörte, nun schon lange fort. Ich glaube, Du wirst mich auch bald überzeugen, daß Du keine Schuhe mehr brauchst- hier auf dem Lande kann man ja ganz gut barfuß gehen."
Leise lehnte sie ihren blonden Kopf an seine Schulter. „Und Du, Hubert, hast Du vielleicht es besser?"
„Das ist etwas anderes, Wanda. Ich bin ein Mann, der als Bruder doch für Dich sorgen müßte. Anstatt für Dich zu schaffen, lasse ich Dich arbeiten wie eine Magd. Damals, als wir, um der Familienehre willen, Dir wehe thun mußten, gelobte ich mir, Dir alles tausendfach zu ersetzen. Und was habe ich gehalten?"
„Schweige," sagte sie hart. „Das ist vorüber, abgethan für immer."
Sie war wieder zur Erde geglitten und machte sich mit der Fertigstellung des Korbes zu schaffen.
Ein seltsam finsterer Zug lag auf ihrem schönen Gesicht, aus dem jeder Blutstropfen gewichen.
Mit verschränkten Armen an der offenen Glasthüre lehnend, beobachtete er sie. Wo waren doch jene Zeiten, wo er, ein flotter, junger Husarenoffizier, sich glücklich geschätzt,
die schöne Schwester in die Welt einzuführen, sie den staunenden Regimentskameraden zu zeigen. Damals lebten die stolzen, sorglosen Großeltern noch, die es mit ihrer echt feudalen Gesinnung nicht zu vereinbaren sanden, strenge Rechnung zu halten. Weite Reisen, Gastfreundschaft im großartigen Stil, Dienerschaft, die nicht zu übersehen war, waren an der Tagesordnung, und als die alten Herrschaften dann mit standesgemäßem Trauergang in der Familiengruft beigesetzt, fanden die Enkelkinder an Stelle der erwarteten Reichthümer ein verwahrlostes Gur, zerrüttete Geldverhältniffe. Was half es, daß er den Abschied nahm, seinen kostspieligen Jnspector entließ und Wanda vor Tagesgrauen aufstand und in Keller und Stall selbst nachsah! Sie waren die ländliche Arbeit nicht gewohnt und obgleich er sich auf dem Felde fast den Sonnenstich holte und Wandas Lilienfinger hart und schwielig wurden, kamen sie doch aus keinen grünen Zweig, trieben unaufhaltsam dem Abgrunde zu.
Wanda ist mit ihrem Korbe fertig, sie trägt ihn selbst, da alles, was starke Arme im Hause hat, bei der Feldarbeit hilft, auf den Wagen, übergibt dem alten Joses eine kleine Schachtel und geht dann in die Küche, die Abendmahlzeit zu rüsten.
„Ach, du lieber Himmel, Panuchna, gnädiges Fräulein," empfängt sie die alte Hanka, die schon bei den Geschwistern als Kinderwärterin gedient und nun als Köchin, Beschließerin und Kammerjungfer in einer Person sungirt. „Was würde nur die selige Frau Baronin sagen, wenn sie wüßte, daß unser Goldkind selbst die Kartoffeln für die Leute schält! Und die schöne Kette, die der Herr Großvater aus Wien mit- gebracht, ist nun auch fort."
„Wenn der Joses nicht reinen Mund hält, werde ich fortan selbst in die Stadt gehen müssen," sagte die Baronesse stolz.
„Schelten Sie nicht den Josef. Wir alle möchten ja unser Herzblut für Sie und den jungen Herrn hingeben. Und


