Ausgabe 
11.8.1891
 
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Dienstag den 11. August

1891

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Der

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«scheint täglich, ett Ausnahme de» Montags.

Die Gießener

»erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegt.

ichener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

BiertAtShriger A»a««emnüs»reis, 2 Mark 20 Pfg. n» Vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pf,.

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-ch»tstr«te Mr.ih Arrnsprccher 61.

Amts- und Anzeigeblatt für den TLreis Gieren.

Annahme »on Anzeigen zu der Nachmittag» für dm sstgendm Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Bezirk Eifa-Heidelbach-Kirtorf-Breidenbach-Eifa, also die Gegend um Alsfeld, für die Zeit vom 1. bis 5. September.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslaude» nehm« Anzeigen für dmGießener Anzeiger" entgc$«.

Anrtlicher Thsil.

Bekanntmachung,

die Herbstübungen der Großh. 25. Division betreffend.

Die zur möglichsten Verhütung von Flurschäden und Vorbeugung von Unglücksfällen bei den bevorstehenden Herbst­übungen von der Großh. Hess. 25. Division anher mit- getheilten Maßnahmen bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß. Die Großh. Bürgermeistereien der betreffenden Gemeinden wollen dies noch in ortsüblicher Weise alsbald bekannt machen.

Gießen, am 9. August 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V. Jost.

1. Die reifen Feldfrüchte sind, soweit ohne Schaden möglich, vorher abzuernten und nach der Aberntung möglichst bald einzufahren.

2. Die zu schonenden Grundstücke sind zu bezeichnen und zwar: a. die von dem Betreten durch die Truppen überhaupt ausgeschlossenen Gärten, Parkanlagen, Holzschonungen Pflanzgärten, soweit dieselben nicht als solche abgezäunt oder von weither für Jedermann deutlich erkennbar sind wie z. B. junge Pflanzungen vermittelst hochstehender Tafeln und Aufschrift auf denselben;

b. die vorzugsweise zu schonenden Felder (Raps, Flachs, Samenklee, Samenrüben, Erbsen u. s. w.) mittelst etwa 2 Meter hohen Strohwiepen.

3. Bei Kartoffeln, minderwerthigen Rüben, Sturzacker u. s.w. bedarf es der Bezeichnung mit Wiepen nicht. Das unter­schiedlose Bestecken aller Felder mit Warnungszeichen würde den Truppen nur das Erkennen der minderwerthigen Felder erschweren.

4. Die Flurschützen, Feldhüter ic. werden anzuweisen sein, im Verein mit den Gendarmerie-Patrouillen dahin zu wirken, daß durch Zuschauer kein Schaden entsteht und daß die Schuldigen festgestellt werden.

5. Die steilen Ränder von Steinbrüchen, Lehm- oder Kies­gruben sind zu kennzeichnen oder mit Geländern zu ver­sehen, die Brückendecken in Stand zu setzen, so daß das Durchtreten von Pferden und Einbrechen von Fahrzeugen verhütet wird. Sensen, Pflüge und Eggen sind von den Manöverseldern zu entfernen.

Für die Gefechtsübungen und Manöver sind in Aussicht genommen: Die Umgegend von Annerod und Steinbach, östlich Gietzen, und das Gelände Lauterbach- Frischborn-Sickendorf-Rimlos-Lauterbach für die Zeit vom 11. bis 26. August; die Gegend um Grünberg, Rieder-Gemünden und Homberg, sowie um Landenhausen, Lauterbach, Reuters vom 27. bis 31. August und der

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Juli 1891 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;

Hafer 18.30, Heu JL 5.60, Stroh JL 4.70.

Gießen, den 8. August 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 8. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog wohnten heute Vormittag auf dem Artillerie- Schießplatze bei Griesheim der Besichtigung des 1. Bataillons 1. Großh. Jnfanterie(Leibgarde)-Regiments Nr. 115 und dem Exerciren des 1. Großh. Dragoner-Regiments (Garde-Drag.- Regiments) Nr. 23 bei und nahmen bei dieser Gelegenheit die Meldung des zu letzterem als etatsmäßiger Stabsossizier versetzten Majors v. Wedell entgegen.

Darmstadt, 8. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute n. A. den Pros. Dr. Fuhr von Gießen.

Berlin, 8. August. Kaiser Wilhelm hat seine an den mannigfachsten Eindrücken so reiche jüngste Nordlands- sahrt beendigt und'weilt der erlauchte Monarch zur Stunde wieder auf heimathlichem Boden, in Kiel. In genannter Stadt gedenkt der Kaiser bis Ende nächster Woche Aufenthalt zu nehmen, ja, es heißt, derselbe würde unter Umständen noch weiter ausgedehnt werden, so daß der hohe Herr viel­leicht auch nicht die aus den 22. August anberaumte Herbst­parade über das Gardecorps abnehmen wird. Als Grund für diese veränderten Dispositionen wird die Notwendigkeit für den Kaiser, fern bei dem Unfall auf derHohenzollern" verletztes rechtes Knie thunlichst zu schonen, bezeichnet. Jeden­falls darf es aber als sicher gelten, daß der Monarch den großen Manövern in Oesterreich und in Bayern beiwohnen wird, und schon, um für die Strapazen bei denselben besser gerüstet zu sein, wird er vorher alles vermeiden, was eine unnöthige Anstrengung des verletzten Kniees bewirken könnte. Das Allgemeinbefinden des Kaisers ist fortgesetzt ein äußerst befriedigendes.

In verschiedenen Blättern finden sich bereits Aus­blicke aus die nächsten parlamentarischen Sessionen im Reiche und in Preußen, welche Betrachtungen auf

Rechnung der jetzt in der inneren deutschen Politik herrschenden hochsommerlichen Stille zu setzen sind. Wenn indessen hierbei als Tag des Wiederzusammentritts des Reichstages mit einer gewissen Bestimmtheit der 10. November angegeben wird, so muß dem gegenüber betont werden, daß von maßgebender Berliner Seite in dieser Beziehung noch durchaus keine Ent­scheidung getroffen worden ist. Allerdings währt die gegen­wärtige Sommervertagung des Reichsparlaments formell bis zum 10. November, ob dasselbe aber auch wirklich an ge­nanntem Tage wieder zusammentritt, dürfte ganz vom Stande der parlamentarischen Vorarbeiten abhängen. Was den preußischen Landtag anbelangt, so nennt man als Tag seiner Eröffnung den 15. Januar 1892, welche Meldung von ver­schiedenen Seiten als zutreffend bezeichnet wird. Ueber den Arbeitsstoff der beiden Parlamente in ihren bevorstehenden Wintersessionen werden in der Tagespresse ebenfalls schon mancherlei Erörterungen angestellt, dte man indessen aus sich beruhen lassen kann, denn sie haben zur Zeit doch nicht den geringsten practischen Werth.

Berlin, 8. August. Der Redacteur desVorwärts", Baake, wurde wegen eines zum Klassenhaß aufreizenden Gedichtes, welches in der Nummer desVorwärts" vom 3. Mai ds. Js. enthalten war, zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt.

Bochum, 8. August. Der Ober-Ingenieur Steiger vom Bochumer Verein wurde heute in der Nähe des Werkes mit einer Schußwunde tobt aufgefunden. Neben ihm lag das Gewehr. Ob Selbstmord oder Unvorsichtigkeit vorliegt, ist noch nicht festgestellt.

München, 8. August. Der Astronomentag wählte für die nächsten vier Jahre zum ersten Schriftführer Pro­fessor Seeliger (München), zum zweiten Schriftführer Dr. Leh- mann-Filhes (Berlin), zu Ausschußmitgliedern Tisseraud (Paris), Backhuyzen (Leyden) und Auwers (Berlin). Als bis zum Schluß der nächsten Versammlung fungirender Vor­stand wurde Gylden (Stockholm) wiedergewählt, welcher den Statuten gemäß Backhuyzen zum Stellvertreter bestimmte. Nach­mittags findet die Schlußsitzung statt, Abends das im Hotel Bayerischer Hof" veranstaltete offizielle Festdiner.

Kiel, 8. August. Seine Majestät der Kaiser ist an Bord derHohenzollern", welche dem Schlosse gegenüber vor Anker ging, Nachmittags 51ll Uhr hier eingetroffen. Dte Prinzeß Wilhelm" legte an der Boje zwischen demBussard" und derHohenzollern" an. Seine Majestät der Kaiser, Allerhöchstwelcher an Bord derHohenzollern" blieb, nahm dort den Besuch Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Heinrich entgegen.

Tilsit, 8. August. Reichstagsstichwahl. Es sind gezählt: für v. Reibnitz (dfr.) 10,986 und für Weiß (con- servativ) 8467 Stimmen. Ersterer ist sonach gewählt.

Feuilleton.

Bei Kundry.

Ein Bild aus den Bayreuther Festspieltagen.

(Schluß.)

Man sröhnte ihr in ziemlich rücksichtslosem Egoismus. Mit dem Hunger eines Gralritters, der mehrere Jahre hin­durch gefastet, verzehren hier die Bayreuthwaller Alles, was Bayreuth an Schöpsen und Ochsen hervorbringt: und das soll nicht wenig sein. Ich selbst habe viele Ochsen gesehen . . . Trotz der vielen, ganz gewöhnlichen Wagnerianer, welche zahlen und anbeten und der ungewöhnlichen, welche nicht zahlen und auch anbeten, Pflegt sich hier bei Angermann der ganze Künstlerchor zu versammeln. Dort die Capellmeister: jenes echt germanische Gesicht, von einem rothblonden Wotans­bart umrahmt, gehört dem genialen Hans Richter, dem Diri­genten derMeistersinger" an- Levi, der Parsisaldirigent, und Mottl, der Mann desTristan", gratuliren ihm eben zu dem Witz, über den man allgemein lachte. Richter wurde nämlich so sehr mit völlig aussichtslosen Bitten um Freikarten bestürmt, daß er, um die Plagegeister, die Mos- quitos der Festspiele, los zu werden, aus seinem Hute einen Zettel anbrachte mit den trostlosen Worten:Habe keine Freikarten!" Mit größtem Ernste schritt er, diesen Zettel aus dem Hut, durch die Straßen der Stadt- so war er be­hütet vor allen Zudringlichen. In zwanglosen Gruppen sitzen * die Orcheftermusiker in der Nähe ihrer Capellmeister. Es ist merkwürdig, welche rückwirkende Kraft das Instrument eines Musikers auf den Character auszuüben pflegt- so find

die Clarinettenbläser gewöhnlich weiche, gute Menschen, etwas sentimental angehaucht, mit einem lyrischen Schmelz über­zogen- die Oboebläser dagegen spitz, stechend sarkastisch. Die Fagottisten lieben wieder ein gemüthliches Dämmerleben: halb melancholisch, halb humoristisch, einen leisen Witz durch die Zähne brummend, dabei ernst und trocken. Die Flötisten wollen immer oben auf sein, die Posaunisten haben alle einen guten Zug, die Trompeter sind gewöhnlich aufgeblasen, wofür sie die Componisten verantwortlich machen wollen, die Pauker haben nicht selten etwasSchwerfelliges" an sich und die Tubabläser leiden an unauslöschlichem Durst und wollen auch die Componisten dafür verantwortlich machen. Gargantua und Pantagruel! Alles das kann man bei Angermann treff­lich beobachten.

In einem Nebenzimmer thront der Olymp in seiner ganzen Herrlichkeit: alle die Solisten, die Sänger und Sängerinnen des Festspiels vereinigen sich hier unter dem Zeichen des Volksthümlichen, bestaunt, bewundert und geliebt vom profanum vulgus. Da im Festspielhause die Sitte des Hervorrufens einzelner Künstler mit Recht verpönt ist in Gesammtkunstwerk haben alle Mitwirkenden die gleiche Be­deutung, die gleiche Wichtigkeit da der Vorhang, wenn er sich einmal über dem scenischen Bilde geschlossen hat, durch keinerlei Kraftausbrüche der Begeisterung und des Enthu­siasmus wieder sich öffnen läßt, so ist es natürlich, daß das Publikum einen gewissen Cultus mit seinen Lieblingen treibt, gegen den man um so weniger Einspruch erheben kann, als er einen durchaus platonischen Character an sich trägt und höchstens die Veranlassung wird zu einem außerordentlich schwunghaften Geschäft mit Photographien, Albums u. s. w. Es ist in der That unglaublich, welche colossalen Mengen

von Photographieen Bayreuth verbraucht. Nach einer ober­flächlichen Schätzung dürften täglich mehrere tausend Bilder verkauft werden- auch die Photographen sind deßhalb Wag­nerianer geworden.

Das Treiben bei Angermann dauert bis gegen 2 Uhr Morgens: die Kundryhöhle hat sich allmählich geleert, das Brausen schwächt sich wieder mehr zu einem Einzelgesang irgend eines lustigen Zechers ab. Unter den Oleanderbäumen und den für ein Herbarium reifen Fichten des Gartens sitzt noch irgend ein Einsamer- melancholisch steigt der blaue Rauch einer gräulichen Cigarre in das Geäste und das mattbeleuchtete, knisternd trockene Blätterwerk empor- die Heimchen zirpen, von fernher tönt der Ruf eines Nachtvogels. Eine unsäglich friedliche Stimmung, ein weiches moll umfängt die Seelen . . . Ambrosische Nacht umgibt uns.

Schweigsam und unbeweglich saßen wir - ein jeder glaubte in dem andern eines jener alten steinernen Bilder aus grauer Vorzeit zu sehen, von denen die Sage erzählt, daß sie in mitternächtiger Stunde mit heimlichem Geisterleben sich er­füllen. Tiefe, grandiose Stille. Aus den Straßen hin und wieder Rufe, merkwürdig verklingendes Lachen später, nach Hause irrender Zecher ...£), ihr Götter . . . Selbst Kundry ist müde geworden und setzt den Gästen, die etwa noch durstig sein sollten, ein entsetzliches Gebräu vor- der Rest ist: Schweigen. Nach diesertrüben" Erfahrung geht man endlich nach Hause, durchwandert finstere Straßen, die vom Worte des sterbenden GoetheMehr Licht" leider nicht einen Schimmer besitzen, und legt sich mit dem Vorsatz zu Bette, vom Parsifal zu träumen, zu trau--