Dienstag den 10. November
(Siebener Anzeiger.
Beilage zu Rr. 262.-1891
Feuilleton.
Sie und ihr Vierteisvetler.
Erzählung von I. Bonnet.
(1. Fortsetzung.)
Sie kamen mit dem Vetter schnell in Zug. Er und seine Geschwister genossen eine gewisse Berühmtheit im Verwandtenkreise. Da war er selbst als „Robert, mein Geliebter", Bruder Max als „Max Piccolomini", Schwester Thekla als „Thekla, eine Geisterstimme", und Bruder Walter als „Walter von der Vogelweide".
Und „Robert, mein Geliebter", wisperte es, indem die Mädchenköpse sich zusammensteckten.
Ottilie, als die Fernstehende, die ihn nicht einmal aus der Beschreibung anderer kannte, und die Menschen, ehe sie mit ihnen verkehrte, sich erst auf ihr Wesen ansah, widmete dem „Viertelsvetter" eine stille Aufmerksamkeit. Er schien ein bescheidener, strebsamer und tüchtiger Mensch zu sein, eher ernst als heiter, dem aber der Schalk gelegentlich einen ziemlich weiten Spielraum abgewann. Sein Aeußeres war nicht minder einnehmend. Das Glas vor den Augen machte ihn vielleicht älter, als er war. Kurz, ihre Beobachtungen schienen alles in allem genommen ein günstiges Ergebniß zu haben. Allmählich war er ihr wie den andern kein Fremder mehr. Als man in Trebbin ausstieg, dünkte allen Theilen, als seien sie wer weiß wie lange miteinander bekannt.
Vor dem Bahnhofe hielt ein Leiterwagen, der sonst die goldgelben Garben einbringen half und aus dessen deckenbelegten Strohsäcken für viele fröhliche Menschenkinder Platz war. Friedrich bestellte, die Peitsche stramm am Ohre, Grüße vom Herrn Amtmann und der Frau Amtmann und die jungen Herrschaften möchten entschuldigen, daß es blos ein Austwagen sei, in dem sie abgeholt würden. Die Arbeit dränge, der Herr Amtmann könne für mehrere Wagen die Pferde nicht entbehren.
„Aber gerade fo ist es ja am allerschönsten," rief Ottilie begeistert, „es sitzt sich wunderhübsch auf solchem ländlichen Wagen, und wir bleiben alle zusammen!"
Robert zeigte seine Turnkünste, indem er mit geschicktem Schwünge sich über die Wagenleiter schwang, die Mädchen kletterten mit Friedrichs Hilfe, der auch die Sachen unterbrachte, etwas umständlich nach. Mit lustigem Peitschenknall ging es fort, rasselnd tanzte der Austwagen mit seiner seltenen Ladung über das rumpelige Steinpflaster der kleinen
Stadt. Der Brückenzoll ward erlegt, wobei die Erheberin, den Mund wie bei einer unverhofften Süßigkeit spitzend, von jedem Gesichte amtlich Kenntniß nahm. Wenn sie in der Lage war, ein Kaffeekränzchen zu veranstalten, hatte sie recht hübschen Unterhaltungsstoff; wenn nicht, so konnte sie wenigstens der Neugier der Nachbarinnen einigermaßen Rechnung tragen.
Die Luft war still und schwül, fleißige Menschen schafften im Sonnenbrände die Nachmaht herein. Wohlgeruch entströmte den Feldern und harziger Kieferndust erfüllte den Waldweg. Wohlig athmeten die Städter den Hauch der reinen Natur. Mochte immerhin der schwere Wagen durch märkischen Sand mahlen und mehr als eine Staubwolke auswirbeln, sie hätten nicht gezürnt, wenn die Fahrt viel länger gewährt hätte. Die ländlichen Bilder und die sprudelnde Laune ließen Zeit und Ungemach vergessen. Es war zu schön aus Onkels Austwagen.
Da kam schon der Weinberg, eine in alten Zeiten mit Wein, jetzt mit dunklen Fichten bestandene Anhöhe, und dort oben tauchte zwischen ernstem Grün das zerfallene Gemäuer der uralten Kapelle auf, von der Else als die Gelehrte unter den Genossinnen und als die Aelteste — sie zählte volle achtzehn Jahre — Näheres und ganz Seltsames zu berichten wußte.
In rascher Fahrt ging es durch die Kirschenallee, der Weg bog, dicht am See, um ein paar Kathen herum, dann fuhr mau an der Rampe des alten Schlößchens vorüber und nun rechts auf den Hof, um, während das zahlreiche Hühner- und Putenvolk lärmend auseinanderflatterte, vor dem epheuumsponnenen Amtshause zu halten.
Mit ihren gütigen Gesichtern, die ohne viel Worte das beste Willkomm für alle Gäste waren, traten der Onkel, eine behaglich-vornehme Gestalt, und die nicht minder ansehnliche, lebhafte Tante mit ihren blitzenden Augen aus der Hausthür. In beiden war die warmherzige deutsche Gastlichkeit in einer Weise verkörpert, daß Blankensee den jüngeren Familiengliedern wie eine Art Paradies erschien.
Nun stürmte auch die kleine Bande, die der Lieutenant in seine Grüße eingeschlossen hatte, herbei, Hans und Paul und Else und Käthe, die trotz ihrer Altersverschiedenheit das Gemeinsame hatten, daß sie sich vor Freude über jeden neuen Besuch zuerst versteckten, um dann, wie aus der Pistole geschossen, auf dem Platze zu erscheinen.
„Du warst wohl Hahn im Korbe unter all den Mädels?" fragte Onkel Ferdinand schmunzelnd den Neffen.
Robert gab, Stirn und Schultern hochztehend, die Frage
weiter in einem so komischen Blick auf die Cousinen, daß alle belustigt auflachten.
„Sie müssen beichten, wie Sie's uns gemacht haben, als der Viertelsvetter herauskam," riefen sie eifrig.
//Na, Kinder, hier laßt mir das steife Sie weg, bei uns nennt sich alles, was verwandt ist, du," sagte Tante Charlotte. „Rasch gebt Euch mal erst einen herzhaften Kuß, damit die Verwandtschaft auf die rechten Füße gestellt sei. Robert, mein Geliebter, mache die Runde ohne 'Ziererei."
Jede der Cousinen hielt hübsch stille, nahm und er- theilte das feierliche Zeichen der Blutsverwandtschaft. Vor Ottilie blieb Robert als Viertelsvetter zagend stehen. Sie machte keine Miene, ihm entgegenzukommen. Ihre leicht- gekräuselten Lippen und das trotzige Näschen sagten: „Ich lasse mich nicht küssen," und diese Herbheit kleidete sie doppelt reizend, die ausblühende Siebzehnjährige.
Robert schwenkte ab, während Tante Charlotte bemerkte : „Na, bedenkt Euch, Ihr beiden, auf dem Lande gilt die Verwandtschaft mehr als in der Stadt. Aber das bitt ich mir aus, hier wird nicht gesietzt," und die Arme um ihrer Zwei legend, zog sie die lieben Gäste ins Haus.
Erst ging ein wenig Geplauder vor sich, dann wurde Toilette gemacht, und zwar drüben im alten Schloß, dessen einer Flügel zur Behausung der Herren, der andere zu der der Damen diente.
Hierauf ein Imbiß an wohlbesetztem ländlichen Tische, und alles so einladend, daß Robert um ein Haar den Merkzettel der Tante vergaß, wie unterwegs im Coupe die drückende Hitze.
„Ach, siehst Du, schreib auch alles, was es gibt, ganz genau auf, damit ich ein vollständiges Bild habe," hatte sie rührend gebeten.
Ihm wurde siedeheiß, als ihm einfiel, was er auf sich genommen hatte.
Es blieb indessen vorläufig keine Zeit, alle die schönen Sachen, die so herrlich schmeckten, aufzuschreiben.
„Kinder, morgen kommt Einquartierung, diesmal nur für einen Tag," sagte Tante Charlotte. „Da brauchen wir sechs Sträuße mindestens, denn jeder der Herren muß einen auf sein Zimmer haben, und ein überzähliger ist auch nicht vom Uebel. Sorgt mir dafür. Hernach mögt ihr nach Herzenslust durch Wald und Heide streifen, eine Kahnfahrt unternehmen, int Parke wandeln, oder thun, wonach sonst Euer Verlangen steht."
(Fortsetzung folgt.)
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Bekanntmachung.
Der Voranschlag der Gemeinde Saasen für 1892/93 liegt vom 11. November l. I. ab auf unserem Geschäftszimmer acht Tagelang zur Einsicht und Entgegennahme von Einwendungen offen.
Saasens am 9. November 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Saasen.
Schmitt. 9941
Der Voranschlag der Gemeinde Reiskirchen für 1892/93 liegt vom 11. bis 19. November 1891 acht Tage lang auf unterzeichneter Bürgermeisterei zur Einsicht der Betheiligten offen.
Reiskirchen, am 8. November 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Reiskirchen ________________________Jünger. _________________9946
Der Voranschlag der Gemeinde Hattenrod für 1892/93 liegt vom 10. d. M. acht Tage lang auf der hiesigen Bürgermeisterei zur Einsicht der Betheiligten offen.
Hattenrod, den 7. November 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Hattenrod.
____________Mengel._______________ 9940
Vorkehrungen
gegen das Einfrieren der Wasserleitungen.
Unter Hinweis auf die Bestimmungen über Anlage der Hauswaffer- leitungen zu Gießen, machen wir darauf aufmerksam, daß, um bei eintretender Kälte dem Einfrieren der Hauswasserleitungen vorzubeugen, es erforderlich ist, die Hauswasserleitungen des Abends für die Dauer der Nacht mittelst des Hauptabsperrhahnes abzuschließen und mittelst des Entleerungshähnchens und obersten Zapfventils zu entleeren.
Das diesbezügliche Verfahren haben wir s. Z. allen Wasserabnehmern in einer gedruckten Anleitung mitgetheilt, welche auch wiederholt veröffentlicht wurde. Erforderlichenfalls sind wir zu weiterer desfallsiger Auskunfts- ertheilung bereit.
Die Wassermesser sind während des Winters mit Stroh, Säcken, Filz oder ähnlichen Schutzmitteln gegen Kälte sorgfältig zu umkleiden, auch namentlich die betr. Kellerfenster geschlossen zu halten.
Durch diese Vorkehrungen wird dem Wasserabnehmer die Lieferung des Wassers möglichst gewährleistet, dem Hausbesitzer aber werden Beschädigungen an Leitung und Gebäude fern gehalten. — Wir empfehlen daher vorstehende Vorsichtsmaßregeln allen Betheiligten zur ganz besonderen Beachtung.
Noch besonders machen wir darauf aufmerksam, daß es nicht in das Bereich unserer geschäftlichen Obliegenheiten gehört, Reparaturen und Aufthauen von Hauswasserleitungen — soweit dieselben vom Waffermesser ab innerhalb des Hauses liegen — vo7< rehmen. Derartige Herstellungen werden am schnellsten von den;- gen Installations-Geschäften besorgt, welche die betr. Hanswasfer- leitungen s. Z ansgeführt haben.
Gießen, 6. November 1891.
Städtisches Gas- und Wasserwerk Gießen.
Otto Bergen. 9871
Der Voranschlag der Gemeinde Grünberg für 1892/93 liegt vom 10. b. M. an acht Tage auf hiesigem Bürgermeisterei-Bureau zur Einsicht der Betheiligten offen.
Grünberg, den 7. November 1891.
Großherzogliche Bürgermeisterei Grünberg.
Pracht. 9944
Dienstag den 8. Derember,
Nachmittags 2i/i Uhr, soll auf dem hiesigen Ottsgericht das dem Installateur Otto Schaum zu Wandsbeck zustehende Dritttheil an Flur 17 Nr. 1493/10 - 132 lUMtr. Grabgarten in der Schepveneck, Flur 17 Nr. 149a’/10 — 463 lUMtt. Hof- raitbe daselbst, Flur 17 9tr. 149a9/ie — 8/10 mMtr. Hof- raum daselbst,
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öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, 27. October 1891.
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