Nr. 287
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Mittwoch den 9. December
1891
Kießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
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Amt»- und Anzeigeblatt für den ILrei» Gieren.
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Amtlichem Cheil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Wilhelm Gern mecker und Johannes Schwarz
am 1. December l. I. als Schutzmänner verpflichtet und in den Dienst eingewiesen worden sind.
Gießen, den 7. December 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. December. In diesen Tagen gelangen die zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Italien, der Schweiz und Belgien vereinbarten Handels- und Tarifverträge zur Vorlegung an die Parlamente, soweit dies inzwischen nicht schon geschehen sein sollte. Eine Gefährdung der Verträge steht wohl in keinem der betreffenden Parlamente zu besürchten, und wenn auch die extremen Schutzzollpolitiker in denselben die neuen Verträge heftig befehden werden, so kann deren Schicksal trotzdem schon jetzt als gesichert betrachtet werden, sie dürften überall mit großer Mehrheit zur Annahme gelangen. Längst ist ja die grundsätzliche Bedeutung dieser gemeinsamen zoll- und handelspolitischen Action der genannten Staaten klar, denn die jetzt zwischen ihnen abgeschlossenen Verträge stellen den Bruch mit dem System der gegenseitigen zollpolitischen Absperrung der Völker dar, welches seit dem Ausgang der siebziger Jahre fast überall in der civilisirten Welt zum Siege gelangt ist. Die Umkehr von diesem System, zu welcher sich nunmehr die Staaten Mitteleuropas entschlossen haben, wird sicherlich den beteiligten Völkern nur zum Segen gereichen und daß die Anregung zu einem solchen bedeutsamen Schritte von der deutschen Regierung ausgegangen ist, kann uns Deutsche nur mit Genugthuung erfüllen. — Was die parlamentarische Behandlung der neuen Verträge speciell im deutschen Reichstage anbelangt, so bestehen hierüber zwischen den Fractionen nicht
unerhebliche Meinungsverschiedenheiten. Das Centrum und die freisinnige Partei sind für Erledigung der handelspolitischen Vorlagen ohne vorherige Commissionsberathung, wie dies auch den Wünschen der Regierung entsprechen würde. Die Con- servativen und die Nationalliberalen dagegen fordern com- missarische Berathung der Verträge, deren tiefgehende Bedeutung hervorhebend, während die Gegner sich darauf berufen, daß der Reichstag an dem Inhalt der Verträge selbst nichts zu andern vermöge und daß deshalb ihre nähere Erörterung in einer Commission überflüssig sei. Sollte sich für diese Anschauung eine Mehrheit zusammenfinden, so stünde die Erledigung der Handelsverträge im Reichstage noch vor Beginn der Weihnachtsferien allerdings zu erwarten.
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Henefte Nachrichten.
W?lssS reli-grayhtscheS Lorrespoudenz Bureau.
Bremen, 7. December. In den Gebäuden der Actien- gesellschast „Bremer Oelfabriken" brach um 11 Uhr Nachts durch einen erhitzten Elevator Feuer aus. Die Fabriken wurden vollständig eingeäschert. Die Fabrikarbeiter retteten mit Mühe das Leben. Die umstehenden Gebäude der Actien- gesellschast Weser und der Petroleumraffinerie Korff wurden durch die Anstrengungen der Feuerwehr gerettet. Der Brand dauert fort.
Wien, 7. December. Die gestern unterzeichneten Handelsverträge laufen bis zum 31. December 1903 mit einjähriger Kündigungsfrist.
Paris, 7. December. Carnot sandte den Obersten Chamoin an die Unglücksstätte von St. Etienne. Der Minister Ayes Guyot reift dorthin morgen ab. Es heißt, ein Aufseher habe bezüglich des Ventilators einen salschen Befehl gegeben.
St. Etienne, 7. December. Die weiteren Arbeiten zur Auffindung der Verunglückten im Schacht bieten Schwierigkeiten dar. Man glaubt, daß die Zahl der Getödteten 73 betrage. Die Katastrophe ist dem Stillstand des Ventilators zuzuschreiben.
Petersburg, 7. December. Ein kaiserlicher Erlaß ordnet die Veranstaltung einer Lotterie zum Besten der No th- leid end en in den Mißwachs-Gegenden an. Die Lotterie
soll 1,200,000 Loose im Betrage von sechs Millionen SRv< cl umfassen.
Rom, 7. December. Rudini legte der Kammer dcn Gesetzentwurf vor, worin die Regierung die Genehmigung der Handelsverträge mit Oesterreich-Ungarn und Deutschland nachsucht.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 7. December. Der „Reichsanzeiger" publicirt den österreichisch-italienisch- und belgischen Handelsvertrag. Die Giltigkeitsdauer währt vom 1. Februar 1892 bis zum 31. December 1903. Die Verträge sind sämmtlich Meistbegünstigungs-Verträge. Die wichtigsten Sätze des österreichischen Vertrages für die Einfuhr nach Deutschland betragen: Weizen und Roggen 350 Mk., Hafer 280 Mk., Buchweizen 200 Mk., Hülsensrüchte 150 Mk. Andere Getreidearten 100 Mk. Grobe Eisenwaaren 600 Mk., abgeschliffene, verkupferte rc. 1000 Mk., feine 2400 Mk. Flachs, Hanf, roh, geröstet ober gehechelt, und Wergabsälle frei. Pferde 2000 Mk., bis zu zwei Jahren 1000 Mk., Füllen, der Mutter folgend, frei. Stiere, Kühe 900 Mk., Ochsen 2550 Mk., Jungvieh 500 Mk., Kälber 100 Mk., Schweine 500 Mk., Schafvieh 100 Mk., Lämmer 50 Mk. Wolle frei. Garne, roh, einfach, 800 Mk, doublirt 1000 Mk. Bauholz, Nutzholz, roh, 20 Mk., grobe Brettchen undDrechsler- toaaren 300 Mk., hölzerne Möbel und Möbelbestandtheile 1000 Mk., feinere Holzwaaren 3000 Mk.
Berlin, 7. December. Der Bundesrath hat den Handelsverträgen nach einstündiger Berathung zu- gestimmt.
Wien, 8. December. Abgeordnetenhaus. In der Abendsitzung überreichte der Handelsminister die Handelsverträge, hinzufügend, der Schweizer Vertrag werde ebenfalls bald fertig. Das Streben der Monarchie fei die Anbahnung freundschaftlicher Handelsbeziehungen nach Osten. Sie, Verträge sollen stabile Verhältnisse herbeiführen. — Mittwoch erfolgt die Wahl des Tarif-Ausschusses, zum Obmann ist Pole Bilinski bestimmt.
Petersburg, 7. December. Auf Anordnung des Ministers der öffentlichen Wegebauten macht das Bahndepartement bekannt, daß die auf den russischen Bahnen zur Verwendung
Ferrilletsn.
Der lirbe Gott zieht durch den Wsid.
Von P. K. Rosegger.
'(Schluß.)
Sogleich erfaßte das Weib die Kerze und eilte, zu öffnen.
Ein fremder Knabe stand vor ihr. Ein seltsamer Knabe: er hatte eine leuchtende Brust, die Kleider waren voll Schnee, die Locken voll Eis, die großen Augen voll Wasser. Vor Frost zitterte er und bat um Obdach.
„Ist denn kein Mensch bei Dir?" rief das Weib. „Bist Du allein? So komm, so komm nur!" Und sie fächelte den Schnee von seinen Kleidern, aber die Brust blieb leuchtend ; sie trocknete seine Augen, da glänzten sie wie Karfunkel.
„Du liebes Christkind," lispelte das Mädchen, „da setz Dich zum Ofen und wärme Dich."
Und immer wieder fragte das Weib, wo er herkäme, wer er wäre? Sie faltete dabei die Hände.
„Ich bin Theobald Gallheim," antwortete endlich der Knabe'. „Ich bin ausgeritteu- da sind Waldhühner auf; geflogen, das Pferd ist scheu geworden und hat mich ab- geworsen. Ich bin herumgegangen, bis es finster geworden ist. Dann ist der Wind und der Schnee gekommen und ich habe gar nichts mehr gehört und gesehen und bin gefallen. Bin doch wieder weitergegangen und dann habe ich das Licht gesehen. Läßt mich liegen in Eurem Hause und thut mir nichts Böses. Mein Vater wird schon kommen!"
Das Fieber schüttelte ihn, als er das sprach. Das Weib hatte Mühe, ihm die Schuhe von den Füßen zu bringen, sie waren schier angefroren. Der Knabe ächzte vor Schmerz- die Pecherin legte ihm kaltes Grubenkraut auf Hände und Füß»-, bann brachte sie eine warme Suppe und führte den Lössel selbst zu seinem Munde.
Das Magdale schlich spähend um den Knaben herum, schaute seine zarten Locken und seine frischen Wangen an und feine glänzende Brust und seine Augen. „Du armes Christkind, ist es doch richtig wahr, daß Du so viel Kalte leiden mußt!"
Das Weib trug von allen drei Betten, die in der Stube
standen, die Kissen zusammen und baute damit auf der Ofenbank dem kleinen Gaste ein Lager. Theobald legte sich hin und schloß bald die Augen.
Dem geängstigten Weibe war leichter ums Herz geworden. Ihr war dieser Knabe, der in der Christnacht hilflos zu ihr gekommen, ein gutes Vorbedeuten. Das Magdale, das gar nicht schlafen wollte, zerstreute sie mit etlichen jener alten Weihnachtslieder, die so reich an Gemüth und Humor sind. Und das eine, vom „Häuserl im Dörfer!", mußte sie wiederholen:
„Ach, wie friert das göttlich Kind,
Wie geht nicht aus und ein der Wind —
Es liegt auf Heu und Stroh.
Et, wenn ich nur das Häuserl hält',
Das dort unt' im Dörfer! steht, Wie wär ich doch so froh!
Ich nähm die Mutter mit dem Kind,
Thals führen in mein Häuserl geschwind!"
Dabei unterbrach sich die Sängerin und horchte auf den Athem des Schlummernden- und das Magdale faß daneben und faltete die kleinen Hände.
Gellender Waldhornschall schlug an die Wände der Hütte. Dem Weibe blieb der Ton in der Kehle stecken. Draußen knisterten schwere Tritte, die Thür ging auf, über und über beschneite Männer traten herein, unter ihnen eine stattliche Fran.
Die Pecherin that einen flehenden Blick auf die Eintretenden, legte den Finger auf den Mund und wies auf den schlafenden Knaben. Kaum aber erblickte diesen die eintretende Frau, als sie mit einem Freudenschrei auf den Schläfer zustürzte. Der Knabe fuhr empor und blickte um sich. Und als er in dieser düsteren Hütte sich und seine Mutter sah, da zuckten seine rothen Lippen.
Sogleich wurde auf dem Schollberge ein großes Feuer angezündet- hoch empor und weithin durchdrang der Schein die Nebel und das Schneegestöber. Gallheim, der reiche Mann, hatte wohl in seinem Leben einen so glückseligen Christbaum nicht gesehen, als diese Feuersäule war, die ihm verkündete, daß sein Kind lebe.
Er ist gesunden!
So kamen sie nun alle hier zusammen und noch nie hatte das kleine Haus im Walde so viele und so fröhliche Gäste gesehen als in dieser Nacht.
Dem reichen Manne barst schier das Herz. Da sah er seinen Sohn so liebevoll gehalten von der Familie dessen, " den er heute--
Er dachte es nicht aus. Den schnellsten Reiter sandte er nach dem Herrenhause, um die eiserne Thüre zu öffnen.
Sie waren alle noch beisammen, als der Lenz in einem vornehmen Wagen, bespannt mit zwei Rappen, ange- ; fahren kam.
Zur Stunde ging schon der Morgen auf.
„So geht es nicht allzu selten auf dieser Welt," sagte Gallheim in tiefem Ernst zum Pecher. „Die Macht in der i Hand eines leidenschaftlichen Menschen ist wie das Messer i in der Hand eines Kindes. Lenz, ich habe Dir Unrecht ge- ; than! Hier sehe ich Dein Weib, Dein Kind, denen Du das \ Christbänmchen haft aufstellen wollen. Verzeiht mir! Ver- j zeiht mir alle drei! Ich will es gut zu machen trachten.
Er sprach dem Pecher die Meierstelle im großen gelber» i Hose zu.
Der Lenz war wortkarg. Er schüttelte den struppigen I Kopf: der Felberhof wäre ihm zu groß.
„Zu groß?" lachten die Leute, „das sollte ein Maunz' Teufel, wie Ihr einer seid, niemalen sagen. Manch Anderer ' wäre froh, könnte er feine Familie ohne Sorgen wachsen i lassen, wie der Will'."
„Mag nicht fort von da," sagte der Lenz tonlos, „wollt • mir lieber das Pechhacken wieder erlaubt fein."
„Das Pechhacken, Lenz, das thut Euch schlecht und den { Bäumen nicht gut," versetzte Gallheim. „Aber die Försters- ftelle wird frei, und zu Christbäumen für Eure Nachkommenschaft haltet von heute an dreißig Joch Waldgrund als Euer Eigen. Dann, Hackbretter, wollen wir wieder gut fein."
//Ich bin nicht bös," sagte der Lenz, „ich wollt den Herrn nur gebeten haben, daß ers hier vor meinem Weib und vor meinem Kind laut thät sagen, daß ich nicht schuldiger Weis' eingesperrt worden bin."
Gallheim faßte mit beiden Händen des Anderen Rechte und rief: „Lenz, Ihr seid ein braver Mann!"
Und so ist das Christkind doch noch in die Hütte der Pechersleute gekommen.


