Ausgabe 
9.10.1891
 
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Nr. 235

Freitag den 9. October

1891

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Amtlicher Thsil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat September 1891 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:

Hafer JL 15.60, Heu JL 5.80, Stroh JL 4.20.

Gießen, den 7. October 1891.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betr. Bläschenausschlag zu Winnerod.

Nachdem laut Mittheilung Großherzogl. Kreisveterinär­amts Grünberg vom 4. l. M. die fragliche Seuche als er­loschen zu betrachten ist, heben wir die durch unsere Ver­fügung vom 25. Juli l. I. angeordneten Sperrmaßregeln wieder auf.

Gießen, den 6. October 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betr. den Oberhessischen Obstbauverein.

In Folge der Erweiterung des bisherigen Wetterauer zum Oberhrssischen Obstbauoereiu ist für den Vereinsbezirk (Kreis) Gießen die Neuwahl eines Vorsitzenden und dessen Stellvertreters erforderlich geworden. Zur Vornahme dieser Wahl lade ich die Mitglieder des Obstbauvereins aus dem Kreis Gießen zu einer Generalversammlung auf Sonntag -en IS. Oktober l. I, Nachmittags präcis 23/4 in Steins Garten zu Gießen ergebenst ein.

Gießen, den 7. October 1891.

Der bisherige Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen. Nebel, Amtmann.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 7. October. Seine Königliche Hoheit der .Großherzog empfingen heute u. A. den Director der Oberhessischen Eisenbahnen, Geheimerath Altvater von Gießen, den Gymnasiallehrer Dr. Widmann aus Büdingen,

den Gemeindeeinnehmer Weimer aus Nidda, den Rendanten Hehl von Bad Nauheim, den Proseffor Dr. Sievers aus Gießen.

Berlin, 7. October. Die Rückkehr des Zaren und seiner Familie aus Rußland nach Fredensborg hat erklärlicher Weise den Gerüchten über einen bevorstehenden officiellen Besuch des russischen Kaiserpaares am Berliner Hose neue Nahrung gegeben. Aber es steht in dieser Hinsicht durchaus noch nichts fest, wenn es schon wahr sein mag, daß zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg vertrauliche Vor­erörterungen über diesen Besuch stattfinden. Jedenfalls hängt die Verwirklichung desselben wesentlich davon mit ab, welchen Weg der Zar zu seiner abermaligen Heimfahrt von Dänemark benutzen wird. Wählt er wiederum den Landweg, so erfordert es schon die höfische Etikette, ganz abgesehen von politischen Rücksichten, daß er am Berliner Hose vorspricht. Wenn indeß der Zar diesmal die Heimreise zur See wählt, so er­scheint natürlich ein solcher Besuch ausgeschlossen. Doch dürste die schon weit vorgerückte Jahreszeit den russischen Herrscher bestimmen, wiederum auf dem Landwege heim­zukehren, so daß allerdings sein Erscheinen am deutschen Kaiserhose wahrscheinlich ist.

Die Wiedergestattung der Einfuhr amerikanischer Schweine und amerikanischer Schweineproducte nach Deutsch­land scheint den Vorläufer weiterer Handels erleichterungen zwischen Deutschland und Nordamerika zu bilden. Wenigstens sollen, wie eine Newyorker Meldung besagt, be­zügliche Unterhandlungen im Gange sein- hoffentlich hat man sich deutscherseits vergewissert, daß Nordamerika für seinen Theil zu Milderungen der Mac Kinley-Bill gegenüber Deutschland bereit ist. ________

Neueste Nachrichten.

WolftS telegraphisches Torrespondevz-Bureiur.

Berlin, 7. October. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser verlieh dem Berliner Professor W e i e r st r a ß, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, die große goldene Medaille für Wissenschaft.

Berlin, 7. October. Der Kaiser begibt sich morgen früh zu der Beisetzungsseierlichkeit nach Stuttgart und trifft daselbst Abends 9 Uhr ein.

Berlin, 7. October. DerReichsanzeiger" publicirt die Anordnung einer vierwöchentlichen Hoftrauer für den König von Württemberg und bringt einen weiteren Nachruf, worin es heißt: Mit dem Württemberger Königs­haus und dem Lande vereinigen sich in aufrichtiger Trauer und Theilnahme Se. Majestät der Kaiser und König und das ganze deutsche Vaterland an der Bahre des Dahin­

geschiedenen, der durch den Tod von jahrelangem, aber in Ergebung getragenem Leiden erlöst wurde. DerReichs- anzeiger" erinnert an die Stuttgarter Kaiserrede am 25. Juni 1889 und schließt:An dem Leid des Württemberger Landes nehmen Theil der Kaiser, die deutschen Fürsten und Stämme mit aufrichtiger Trauer im Herzen, aber auch mit dem Wunsch, Gott möge auch ferner das Könighaus und das Land in Schutz nehmen, daß aus der gemeinsamen Trauer der deutschen Fürsten und Stämme das Gefühl der Solidarität neue Kraft und Stärkung gewinne und daß Württemberg wie zu seinem König Wilhelm II. und seinem Hause, so auch zu Kaiser und Reich in Tagen der Freude wie des Leides fest, furchtlos und treu bis in fernste Jahrhunderte halten möge."

Stuttgart, 7. October. DerStaatsanzeiger für Würt­temberg" veröffentlicht folgendes Telegramm Sr. Majestät des Kaisers an Se. Majestät den König Wilhelm:

Tief erschüttert durch die Todesnachricht, beeile Ich Mich, Dir, Deiner Gemahlin und Deinem gesammten Volke Meine aufrichtigste Theilnahme auszudrücken. Einer der Mit­stifter des Deutschen Reiches und Mitgenosse Meines theuren Großvaters ist dahin. Ich komme persönlich, Meinen Antheil an der Trauer Württembergs zu bethätigen. Mögest Du in Deinem neuen Amt mit Gottes Beistand für Dein Volk und Unser deutsches Vaterland ein Segen sein. Meiner wärmsten Freundschaft und innigsten Zuneigung bist Du allezeit sicher.

Wilhelm."

Die Antwort des Königs lautet:

Die Worte, welche Du an Mich gerichtet hast, haben Meinem schwer gebeugten Herzen unendlich wohlgethan. Ich bin Mir der großen Verantwortung, welche Gott Mir auf- erlegt hat, bewußt und hoffe, Mein Amt mit seiner Hülse zum Wohl des gemeinsamen deutschen Vaterlandes wie Meines Landes auszufüllen. Ich fühle Mich gestärkt durch die wohl­wollenden Gesinnungen, welche Du Mir wie immer so auch jetzt kundgiebst. Aus tiefster Ueberzeugung stehe Ich, wie seit Jahren, als Glied der preußischen Armee zu dieser, jetzt als deutscher Regent fest und treu zu Kaiser und Reich.

Wilhelm."

Stuttgart, 7. October. Die Beisetzung des ver- storbenen König Karl erfolgt Freitag. Donnerstag Nachmittag wird die Leiche drei Stunden im Marmorsaale des Residenzschlosses ausgestellt. Freitag um 10 Uhr findet ein Trauergottesdienst im Marmorsaale statt, alsdann be- giebt sich der Leichenconduct vom Residenzschloß zur Schloß­capelle, woselbst um 11V2 Uhr abermals Gottesdienst abge­halten wird. Hieraus erfolgt die Einsenkung des Sarges in die Gruft.

Feuilleton.

Seltsamkeiten berühmter Mxpschen.

Von Aug. Scheibe.

(Schluß.)

Einige der bedeutendsten Männer haben sich vor dem Donner gefürchtet. Cäsar fiel bei einem Gewitter in Krämpfe und Thomas von Aquino sah jedem auf- riehenden Wetter voll Angst und Furcht entgegen.

Lamothe le Bayer, der Erzieher Ludwigs XIV., welchen der stärkste Donner ungerührt ließ, vermochte da­gegen nicht den leisesten Ton eines musikalischen Instruments zu ertragen. Roger Bacon, der Erfinder der Ver­größerungsgläser, fiel bei Mondfinsternissen in Ohnmacht.

Herr von Larochejacquelin, der Held der Vent>ee, welcher in der ersten Ansprache an seine Landsleute sagte: Wenn ich vorwärts gehe, so folgt mir, weiche ich zurück, so tödtet mich; sterbe ich, so rächt mich," wurde bleich, wenn er ein Eichhörnchen sah, und als man ihn einst besäumte, ein solches Thierchen zu berühren, zitterte er am ganzen Körper. Jacob H. von Schottland wurde beim Anblick eines bloßen Degens ohnmächtig- der Herzog von Epernon beim Sehen eines Häschens.- Erasmus, der wackere Streiter für das Licht, bekam Anfälle von Fieber beim Geruch von Fischen, gegen welche er einen unüber­windlichen Abscheu hatte. Moritz von Sachsen, der tapfere Sohn der Gräfin Aurora von Königsmark, empfand eine solche Antipathie gegen Katzen, daß er sofort die Flucht ergriff, wenn sich eines dieser Thiere im Zimmer befand. Gustav Adolf und der Marschall Turenne schau­derten beim Anblick einer Spinne. Tucho de Brahe konnte weder einen Fuchs noch einen Hasen sehen, ohne zu zittern. Karl Johann, König von Schweden, em­

pfand einen tiefen Widerwillen gegen Hunde. Wallen­stein hörte das Krähen eines Hahnes niemals ohne Schau­dern. Dem berühmten Gelehrten Scaliger erregte Brunnenkreffe ein heftiges Zittern der Glieder. Der Denker und Dialectiker Peter Bayle wurde bei dem Ge­räusch, welches das aus einem Hahne hervordringende Master verursachte, ohnmächtig.

Frau von Stael, die Meisterin der Conversatton, hatte, wenn sie sprach, stets einen Zweig, eine Blume oder eine kleine Papierrolle in der Hand, die sie zwischen den Fingern drehte. Fehlte ihr ein derartiger Gegenstand, so riß der Faden des Gesprächs und die sonst sprudelnde Quelle des Geistes stockte. Der Astronom Laplace spielte während des Arbeitens mit einem Zwirnknäuel, welchen sein Diener ihm immer zur rechten Zeit in die Hände gab. Auch Neander bedurfte, um bei seinen Vorträgen in den Hörsälen der Universität den Fluß der Rede herzustellen, eines Spielzeugs für seine Hände. Bei ihm war es ein Federkiel, den er zwischen den Fingern drehte und zerrupfte, während er das Pult, an dem er stand und auf das er sich mit beiden Armen auflehnte, in schaukelnde Bewegung setzte, so daß es bald rückwärts auf den Sprecher, bald vorwärts auf die Zuhörer zu stürzen drohte.

Kant hatte, während er an der Universität vortrug, die Gewohnheit, seine Brille auf einen gewissen Gegenstand zu richten, und eine Zeitlang war dies die Stelle am Rock eines seiner Zuhörer, an welcher ein Knopf fehlte. Eines Tages hatte der Student den fehlenden Knopf annähen lassen. Kant begann seinen Vortrag und richtete seine Blicke nach der gewohnten Stelle, an welcher er zu seiner Be­stürzung jetzt einen Knopf entdeckte. Der Umstand brachte ihn vollständig außer Fassung und er hatte an diesem Tage Mühe, seinen Vortrag ohne Unterbrechung zu Ende zu bringen.

König Wilhelm DI. von Preußen hatte sich be­

kanntlich an das Knarren eines Brunnens gewöhnt, das er von seinem Zimmer aus von früh bis Abends hörte. Die Pumpe wurde eines Tages ausgebessert und that nun ihre Schuldigkeit, ohne jene abscheulichen Töne hervorzubringen. Der König vermißte das gewohnte Geräusch sofort und war über das Ausbleiben so tief verstimmt, daß er nicht zu arbeiten vermochte. Es mußte alles aufgeboten werden, um das bekannte, dem König zur Sammlung der Gedanken nöthige Knarren wieder herzustellen.

Als Voltaire an seiner TragödieCatilina" schrieb, hüllte er sich, um die Begeisterung zu steigern, in einen Schleier, spazierte damit in dem Garten seines Landsitzes Ferney umher und declamirte seine Verse. Sein Gärtner konnte sich, als er ihn einst so heftig gestikulirend umher­gehen sah, eines lauten Auflachens nicht erwehren und wurde dafür auf der Stelle seines Dienstes entlassen.

Zu den wunderlichsten Menschen gehörte der französische Componist und Capellmeister Lully. Hörte er bei der Aufführung seiner Compositionen auch nur einen falschen Ton, so kannte sein Zorn keine Grenzen. Es kam mehr als einmal vor, daß er dem unglücklichen Musiker das In­strument aus der Hand riß und es ihm auf dem Rücken zerschlug. Diesem aufbrausenden Zorne Pflegte übrigens schnell die Reue zu folgen. Gewöhnlich nahm Lully den mißhandelten Musiker nach Vollendung des Stückes mit nach Hause, behielt ihn zu Tische und ersetzte ihm das zerbrochene Instrument so reichlich, daß vielleicht dann und wann ein armer Teufel in Versuchung gerieth, Lully zu solcher Gewalt- thätigkeit zu reizen.

Von Richelieu erzählt man, daß er sich zuweilen eingebildet habe, ein Pferd zu sein, und daß er dann wiehernd und mit den Beinen ausschlagend im Zimmer um-- hergesprungen sei.