Nr. 183. Zweites Blatt. Sonntag den 9. August
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Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
die Herbstübungen der Großh. 25. Division betreffend.
Unter Bezugnahme auf unsere gestrige Bekanntmachung bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß ein Exerzieren der Infanterie-Regimenter 115 und 116, sowie der 49. Infanterie-Brigade auf dem zwischen.Gießen und Lollar hierfür bestimmt gewesenen Gelände nicht stattfindet.
Gießen, den 7. August 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___I. V.: Jost.___
Gießen, den 7. August 1891.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Ihnen nicht spezielle Verfügungen zugehen, bleibt es bei der für die Zeit vom 10. bis 26. l. M. für Ihre Gemeinden bestimmten Einquartierung.
______________________I. V.: Jost._____________________
Gießen, den 7. August 1891. Betr.: Die Bezeichnung gleichnamiger Ortsbürger. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie an umgehende Einsendung der von Ihnen zu führenden Verzeichniffe der gleichnamigen Ortseinwohner.
I. V.: Jost.
Obstpastenbereitung.
Nach A. Rhode im Pr. R. f. Obst- und Gartenbau.
Obstpasten sind Täfelchen von getrocknetem Obstmus, welche nach Jahren noch ein natürliches Aussehen haben und aufgelöst ein gut aussehendes, wohlschmeckendes Compot geben. Sie werden dazu klein geschnitten, in Wasser aufgeweicht, zerrührt und ausgekocht. Als Dessert sind sie ebenfalls sehr beliebt.
Nach dem Recept des Herrn Director Goethe in Geisenheim wird das Obst zur Pastenbereitung (Aepfel und Birnen ungeschält) nur in Stücke geschnitten, mit wenig Wasser angesetzt, vollständig weich gekocht und durch ein seines Sieb getrieben, worin Schale und Kerne, sowie etwaige Fasern zurückbleiben. Das gewonnene Mark kommt dann in einen kupfernen oder messingenen Kessel und wird unter fortwährendem Umrühren nochmals gekocht, wobei man ihm, je nach dem Säuregehalt der Obstsorte, pro Pfund 60 bis 125 Gramm Zucker zusetzt. Bei lebhaftem Feuer ist die Masse einzudicken, bis der Löffel im Marke aufrecht stehen
bleibt. Dann streicht man das Mark gleichmäßig aus kleine Horden, die aus einem Boden von feinstem, verzinkten Drahtgeflecht mit einem 1 Zentimeter hohen Blechrande bestehen, welch erstere vorher- mit weißem, genau in die Horde hineinpassenden Papier bedeckt werden. In einer Darre oder in einem Bratofen sind die Horden einer Hitze von 60 Grad Celsius auszusetzen, damit die Masse die nöthige Festigkeit erlangt, was in 12 bis 24 Stunden geschieht und an dem Abheben der Ränder von der Horde zu erkennen ist. Man entfernt nun das Papier durch Ueberstreichen mit einem seuchten Schwamm von der Paste und schneidet letztere in handliche, gleichmäßige Täfelchen.
Als im Jahre 1887 an der mir unterstellten Winterschule in Oberpleis eine Obstverwerthungsanstalt eingerichtet und der Ryder'sche Dörrofen Nr. 3 nebst Dämpsapparat von PH. Mayfarth u. Co. in Frankfurt a. M. aufgestellt wurde, versuchte ich die Pastenmasse durch Dämpfen des Obstes herzustellen und der Erfolg war ein glänzender. Es wurde dadurch die unbequeme und zeitraubende Zubereitung der Masse wesentlich vereinfacht. Das Obstmus behielt in Folge des schnellen Dämpfens, ohne Wasserzusatz, seine natürliche Helle Farbe, was beim Einkochen nicht immer der Fall und blieb in seinen Bestandtheilen unverändert.
Die Bereitung der Pasten auf meine Art ist folgende: Aepfel, Birnen, Quitten usw. werden geviertheilt auf Horden gelegt und in den Dämpskasten geschoben. Nach 5 Minuten sind die Aepfel (Birnen und Quitten brauchen etwas mehr Zeit) weich und werden durch eine Kartoffelpureepresse gedrückt. Dem so erhaltenen Obstmus wird sodann nach Geschmack und Verwendungszweck Streuzucker und nach Belieben Ingwer, Zitronenschale rc. zugesetzt. Die Masse wird auf eine in den Dörrofen passende Horde, die dann durch 12 Millimeter hohe Holzleisten in vier Theile getheilt und mit reinem Papier belegt ist, mit einer Holzleiste gleichmäßig aufgestrichen.
Der ganze Proceß währt etwa 15 Minuten, wonach die Masse sofort dem Dörrofen übergeben wird. Anfangs werden die Pasten vorn im Dörrschacht stärkerer Hitze, später aber im oberen Ende des Dörrschachtes einer Wärme von 50 bis 60 Grad Zelsius ausgesetzt. Nach 12 bis 15 Stunden werden die trockenen Pasten von den Horden genommen. In einigen Tagen haben dieselben wieder etwas Feuchtigkeit angezogen und das Papier läßt sich leicht abziehen- auch .kann dasselbe gleich entfernt werden, wenn man es eine Viertelstunde vorher angefeuchtet hat. Sind die Pasten bei flachem Auslegen nachgetrocknet, so schneidet man sie in kleine Täfelchen von 5 Ztm. Länge und 2,5 Ztm. Breite, um sie als Handelswaare verpacken zu können.
Von einem Zentner Aepfel erhält man 22 bis 25 Pfd. Pasten, die für 1 Mk. pro Pfund gerne Abnehmer finden. Kostet der Zentner Aepfel 5 Mk. und der Zuckerzusatz von 12 Pfund pro Zentner, ä Pfund 30 Pfg. — 3.60 Mk., so durfte bei Hinzurechnung des Arbeitsaufwandes und des
Heizmaterials ein Reinertrag von 8 bis 12 Mk. und darüber verbleiben, ein Ertrag, der gewiß manchen Obstzüchter und manche Haushaltung zu weiteren Versuchen anspornen wird.
* In Trier sind zahlreichen möblirt wohnenden Herren ihre Wohnungen gekündigt worden. Ihre Vermiether glauben, die Zimmer bei Gelegenheit der Ausstellung des hl. Rockes nutzbringender verwerthen zu können.
* Unerwartete Wirkung. Bekanntlich hat die englische Regierung die Unentgeltlichkeit des Volksschulunterrichts eingeführt. Bezug daraus nimmt ein Eircular einer Londoner Großdestillation an ihre Abnehmer: „Wegen des diesjährigen Staatsbudgets können sich unsere Interessenten beglückwünschen- endlich einmal werden wir in Ruhe gelaffen und es ist wohl anzunehmen, daß die Arbeiter, nachdem ihnen die Kosten für die Erziehung ihrer Kinder abgenommen fein werden, mehr für Getränke verwenden werden." (!)
* Wie man zu einem Preise kommt. Der kleine Gaston, so erzählt der „Figaro", kommt von der Schulprüfung nach Haufe und ruft seiner Mutter freudestrahlend zu: „Mama, ich habe den ersten Preis für Orthographie!" — „Aber wie ist das möglich, Du warst doch immer der Letzte in der Klaffe?" — „Ja, eigentlich hat ihn mein Freund Paul erhalten. Als wir aber nach Haufe gingen, da verlor er ihn aus der Büchertasche und ich hob ihn auf."
Uttiverfitäte - Nachrichten.
G. Erlangen, 7. August. Im Interesse derjenigen Candidatm, die sich im Wintersemester 1891/92 der ärztlichen Prüfung an der Universität Gießen zu unterziehen gedenken, machen wir auf Folgendes aufmerksam: Die Prüfungen beginnen in der Regel jährlich im November. Die Anträge auf Zulassung zur Prüfung können bei der zuständigen Behörde jetzt schon, längstens aber bis zum 1. November eingereicht werden. Verspätete Anmeldungen können nur aus besonderen Gründen berücksichtigt werden. Der Meldung sind folgende Zeugnisse im Original beizusügen: 1. das Zeugntß der Reife von einem humanistischen Gymnasium deS deutschen Reichs. Das Zeugniß der Reife von einem humanistischen Gymnasium außerhalb des deutschen Reichs darf nur ausnahmsweise als ausreichend erachtet werden; 2. der durch Universitäts- Abgangszeugnisse zu führende Nachweis eines medicinischen Studiums von mindestens 9 Halbjahren auf Universitäten des deutschen Reichs. Nur ausnahmsweise darf das medicinische Studium auf einer Universität außerhalb des deutschen Reiches oder die einem anderen Universitätsstudium gewidmete Zeit Iheilweise oder ganz in Anrechnung gebracht werden; 3. der Nachweis, daß der Eandidat bei einer Universität des deutschen Reichs die ärztliche Vorprüfung vollständig bestanden und demnächst noch mindestens vier Halbjahre den medicinischen Universitätsstudien gewidmet hat; 4. der Nachweis, daß der Eandidat mindestens je zwei Halbjahre hindurch an der chirurgischen, medicinischen und geburtshilflichen Klinik als Practikant theilgenomen, mindestens zwei Kreißende in Gegenwart des Lehrers oder Assistenzarztes selbstständig entbunden, ein Halbjahr als Practikant die Klinik für Augenkrankheiten besucht, am practischen Unterricht
Feuilleton.
Bei Kundry.
Ein Bild aus den Bayreuther Festspieltagen.
Erst Begeisterung, bann Durst, erst Parsifal, bann bayrisches Bier, erst höchste Erbenentrücktheit, bann Bratwürste: das sind die Gegensätze, die in der berühmten Kneipe bei Angermann in freundlichster Lösung sich versöhnen. Angermann ist der Mittelpunkt von Bayreuth- zwischen dieser „Bierwirthschaft" und dem Festspielhaus schlägt das Pendel der Begeisterung. Dort der Kelch des heiligen Grals, hier der Bierkrug das Symbol der Erlösung. Ja, es gibt Leute, welche „literlich" genug sind, die Angermann'sche Bierwirthschaft für angenehmer als das Festspielhaus zu erklären. Jedenfalls lohnt es der Mühe, einen Blick in die „Kundry- höhle" zu werfen.
Wer mit der Erwartung zu Angermann kommt, eine bürgerlichen Ansprüchen genügende, freundliche Gaststube zu finden, der wird sich gewaltig enttäuscht fühlen, wenn er sich in einem kleinen, niedrigen, engen und bierdampfenden Raume findet, der in seinem Mangel an jeglicher Bequemlichkeit die entschiedene Billigung des spartanischen Gesetzgebers Lykurg gefunden hätte. Jede Verschönerung würde hier als Ent- weihrng empfunden werden - die Wandgemälde sind allerdings Fresken von der größten Originalität- zur Verschönerung des Saumes tragen sie leider nichts bei. Vor dem Hause stehen einige zu Skeletten abgemagerte Fichten in Kübel ein- flebettet; traurige Bäume, deren Nadeln so dürr geworden
sind, daß man sich ihrer als Zahnstocher bedienen könnte. Ob sie wohl von Palmen träumen, diese klappernden Gerippe, von Palmen, die fern im Süden auf glühender ^Felseuwand trauern ? Im sengenden Schatten dieses Waldes sitzen einige fünfzig Menschen. Man betritt den Hausflur - er ist dicht besetzt mit fröhlichen Zechern, zwischen denen aalglatt Kundry, die flinke Kellnerin, sich hindurchwindet. Jeder Fremde muß sich hier mit einiger Scheidemünze — Münze, von der man scheidet — als guter Mensch einführen - denn Kundry huldigt dem Grundsatz, schlechten Menschen nur schlechtes Bier zu verabfolgen. Wir steigen, da wir hier unten weder Platz noch Bier bekommen und der Gefahr einer Rippenknickung entgehen wollen, hinauf in das obere Stockwerk. Auf einer Treppe von der Beschaffenheit jener Leitern, wie man sie den Laubfröschen zur Erhaltung ihrer gymnastischen Fertigkeiten in das gläserne Gefängniß zu stellen pflegt, klettern wir zu den oberen Göttern. Aber dasselbe Schauspiel wiederholt sich auch hier. Zahllose durstige Seelen schieben und drängen sich durcheinander- eine groteske und ergötzliche Parodie der Asphodeloswiese . . . Wie sich bei Homer die Schatten der Heroen um Odysseus drängen, so umschwirren zirpend die Wagnerianer das Buffet
„und die heilige Stelle, an der b.geisternder Quell fleußt . .
In einem Dunstkreis, wie ihn Klopfgeister zu lieben pflegen, wenn sie sich entschließen, als Alexander der Große oder Napoleon einem spiritistischen Zirkel sich zu offenbaren, sitzen Hunderte von Begeisterten, die ihre inneren Erlebnisse während der Parsifalaufführungen mit aufgeregt lauter Stimme sich in die Ohren rufen. Hier reiben sich die Mein
ungen wie Mühlsteine aneinander- hier trinkt man Brüderschaft - hier vergißt man die ganze Thatfache Mensch und wird freier Geist - hier faß ja auch Wagner, wenn er seinen Abendschoppen zu trinken pflegte - hier spülte er seinen Aerger über die Wagnerianer hinunter - hier sagt man sich Grobheiten und ist ehrlich, da man im Deutschen lügt, wenn man höflich ist. Hier erörtert man mit Vorliebe die Frage, ob Pflanzen- oder Fleischkost dem echten Wagnerianer gezieme. Wagner selbst verteidigte theoretisch die Pflanzenkost und nannte ein saftiges Lendenstück „Thierleiche". Die Gralritter sind oben im Festspielhaufe Vegetarianer, hier, bei Anger- manu, denken sie gar nicht daran, welchen Verrath an der Kunst sie begehen, wenn sie sich zum Gurkensalat auch Braten, zu den Schnittbohnen auch Hammelrippen bestellen! Um es nur zu gestehen, die Thierleiche schmeckte Allen vortrefflich.
(Schluß folgt.)
* Auch eine Anknüpfung. Studiosus: „Können Sie lateinisch?" — Privatier: „Nein!" — Studiosus: „Nun, das thut mchts — ich kanns Ihnen ja auch auf deutsch sagen: Pumpen Sie mir zehn Mark!"
* Der Engländer im Restaurant. „Kellner, ich kann nicht essen diese Suppe." — „Ich werde Ihnen eine andere bringen." — Der Kellner trägt die Suppe zurück und eine andere auf. Nach einigen Minuten: „Kellner, ich kann nicht essen diese Suppe." — Der Kellner, in Wuth gerathend, ruft den Wirth. Dieser stürzt zu dem Tisch des Gastes: „Wie, mein Herr?" — „Yes, ich kann nicht essen die Suppe, ueil ich habe keinen Löffel!"


